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Die Knollenkönigin

 Kartoffeln, die Knollen mit Stärken

 Text und Fotos: Judith Weibrecht u.a.

Die nahrhafte Powerknolle ist reich an Kohlehydraten, enthält Eiweiß, Mineralstoffe und Vitamine wie C oder B1 und ist eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel weltweit. Oma erzählte immer davon, wie die Kartoffeln sie zu Hungerszeiten gerettet hätte, und im Ausland begegnet einem als Deutschem oft das Image eines Kartoffelessers. Ihren Siegeszug um die Welt trat sie aber von Südamerika aus an.

Gemüsestand auf dem Wochenmarkt mit Kartoffeln

Kartoffeln gehören zum Standard-Angebot an Gemüseständen

Weltweit soll es die beeindruckende Zahl von rund 5.000 Sorten des Nachtschattengewächses geben. Um Katalogisierung und Forschung diesbezüglich kümmert sich das Internationale Kartoffelinstitut in der peruanischen Hauptstadt Lima. Lange dachte man, die Kartoffeln bzw. deren Wildsorten seien ursprünglich auch von dort, aus Peru, und dann via Kanarische Inseln, Spanien und Italien im 16. Jahrhundert auch nach Deutschland gekommen. Doch der Ursprung der Papas, wie sie in Peru genannt werden, liegt im ganzen Andengebiet und auch im Süden Chiles.

In hiesigen Gefilden wurde die Kartoffel zunächst wegen ihrer exotischen Blüten in Gärten zur Zierde angepflanzt. Sogar Vergiftungen gab es einst, da nicht bekannt war, dass die Früchte aus den Blüten und deren Samenkapseln nicht essbar sind und ein Gift namens Solanin enthalten.

Kartoffel im Anschnitt

Auf die inneren Werte der Knolle kommt es an: eine Kartoffel der Sorte Leyla im Anschnitt

Schon 1647 jedoch wurden angeblich in Franken in einem Ort namens Pilgramsreuth von Bauer Rogler die ersten Kartoffeln zum Verzehr angebaut. Er wusste wohl, dass die Kartoffel ein Nachtschattengewächs ist und man ihre unterirdischen Teile, die Knollen also, in gekochter Form verzehrt. Ihren endgültigen Siegeszug hierzulande trat sie ab 1744 auf Geheiß Friedrichs des Großen an. Die damalige Vielfalt des Grundnahrungsmittels muss erschlagend gewesen sein.

Sortenvielfalt und Bundessortenamt

Doch wo bleibt die Vielfalt heute? Manche meinen, die Gesetze des Marktes seien daran schuld, dass Händler sich auf nur wenige Sorten konzentrierten. Wenig Aufwand, industriell gut verwertbare Sorten, Konzentration auf den Ertrag und große Mengen zu günstigen Preisen laute die Devise. Kartoffelbauern als Abhängige von den Chemiekonzernen? Heutzutage bedeutet das geringere Sortenvielfalt.

Es gibt Speisekartoffeln, fest- oder mehlig kochende, frühreife, Süßkartoffeln, Futter-, Wirtschafts-, Saatkartoffeln, je nach Reifezeit unterteilt in Früh-, Mittel- und Spätkartoffeln. Die Farben der Schalen changieren von weißlich über ocker bis hin zu lila und violett.

Die rotschalige Sorte Laura mit gelbem Fruchtfleisch

Die rotschalige Sorte Laura mit gelbem Fruchtfleisch

In Deutschland legt das Bundessortenamt in Hannover die jeweilige Sortenzulassung für zehn Jahre fest und trägt die entsprechende Kartoffelsorte in die Sortenliste ein. Parallel dazu gibt es den Sortenschutz, der bei Kartoffeln 30 Jahre dauert. Alsdann dürfen sie gewerblich gehandelt und angebaut werden, wenn kein weiterer Schutz beantragt wird.

Bei Anbau bestimmter Sorten müssen eventuell Lizenzabgaben an den Inhaber des so genannten Schutzrechts gezahlt werden. Läuft das Schutzrecht aus, sind Kauf und Verkauf des Saatguts verboten, nur noch die Zucht aus eigenem Bestand. Womit wir zum Beispiel beim Kampf um Linda wären.

Der Kampf um Linda

Der Sortenschutz für Linda lag beim Saatgutkonzern Europlant Pflanzenzucht GmbH, der sie 2005 beim Bundessortenamt von der Liste nehmen wollte. Das Sortenschutzrecht nämlich war im Dezember 2004 ausgelaufen. Europlant hatte die Zulassung zurückgezogen, um Linda vom Markt zu nehmen und so mit neuen Sorten Gewinne machen zu können. Linda durfte also nicht mehr angebaut werden! Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit und die Kampagne „Rettet Linda“. Nach einer Odyssee kam Linda via Neuzulassung in Großbritannien und als folgende EU-Sorte schließlich zurück nach Deutschland, und 2010 bekam Karsten Ellenberg die Neuzulassung.

Linda-Kartoffeln abgepackt

Der pflanzt die Linda, eine alte, aromatische Sorte und Kartoffel des Jahres 2007, auf seinem Biobauernhof in Barum in der Lüneburger Heide an. Auch andere, alte Sorten baut Ellenberg biologisch und gentechnikfrei an, kreuzt, testet, vermehrt und erhält sie. „Zusätzlich züchten wir aber auch unter Biobedingungen neue Kartoffelsorten und kreuzen neue und alte Sorten mit Wildkartoffeln“, erzählt Ellenberg. „Die Kartoffelzucht bei uns bringt neue Vielfalt.“ Dies schlage auch auf den Geschmack durch. Denn probiert man die verschiedenen Sorten, stellen sich einige Überraschungen auf der Zunge ein: „Die Kartoffeln schmecken alle anders. Die neuen weniger unterschiedlich, die alten und unsere neuen Sorten wie Rote Emmalie und Violetta verschiedener. Von erdig über butterig, kräftig, fruchtig, cremig über nussig und scharf bis hin zu süßlich!“ Jedes Jahr macht Ellenberg auch bei der Aktion "Kartoffel des Jahres" mit, die immer im Frühjahr ausgelobt wird, um auf alte Sorten aufmerksam zu machen.

Kartoffeln

Bamberger Hörnla

Der nicht züchterisch veränderte Archepassagier Bamberger Hörnla gehört zur Gruppe der ältesten Kartoffelsorten, wird seit ca. 150 Jahren angebaut und hat eine leicht gebogene Form. Empfehlenswert ist das Hörnla mit rötlich angehauchter Schale und tiefgelbem Fleisch vor allem für Kartoffelsalat. 2008 war es Kartoffel des Jahres, 2009 als internationales Slow Food Presidio und erstes Kartoffel-Presidio in Europa anerkannt. 2013 dann folgte die Aufnahme in die g.g.A.-Liste, das Register der „geschützten geografischen Angabe“. Seit diesem Zeitpunkt dürfen unter dem Namen Bamberger Hörnla nur noch jene Knollen verkauft werden, die in der Ursprungsregion Franken gepflanzt und geerntet wurden. In anderen Regionen dürfen sie zwar auch angebaut und verkauft werden, aber eben unter anderem Namen. Beispielsweise ist auch Karsten Ellenberg Erhaltungszüchter dieser Sorte.

Das nussig und speckig schmeckende, fest kochende Bamberger Hörnla wird auch mitten in Bamberg angebaut, in der Gärtnerstadt, die Bestandteil des Weltkulturerbes der Altstadt von Bamberg ist. Gärtnermeister Sebastian Niedermaier tut das in seiner Bio-Gärtnerei. Bei den Geschmacksunterschieden komme es auf den Boden an. „Mein Opa hat nur die Kartoffeln vom hinteren Teil des Gartens gegessen, die aus dem vorderen Teil schmeckten ihm nicht“, erzählt er. Das Hörnla mag leichte Böden und keine Staunässe. Hier in der Gegend kommt ihm die fränkische Sandachse zugute.

„Die Landesanstalt für Landwirtschaft machte in einem teuren Verfahren die Hörnla virusfrei, dann wurde die Erhaltungszüchtung beantragt und drei Jahre lang geprüft“, weiß er. Alles in allem ein langer Vorgang, der vier bis fünf Jahre gedauert habe. Doch es hat sich gelohnt: Das Bamberger Hörnla ist in die Liste der Erhaltungssorten eingetragen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass es nicht durch einen nationalen oder gemeinschaftlichen Sortenschutz geschützt ist.

Bamberger Hörnchen

Bamberger Hörnla bei einem Händler

Auch Gärtnerin Gertrud Leumer von Mussaröl ist stolz auf die Hörnla und zeigt mir einige, die in einer Kiste liegen und darauf warten, dass sie am Wochenende gesteckt werden. „Ja, das war ein langer Kampf“, bestätigt sie, „denn das Hörnla konnte nicht als eigene Sorte anerkannt werden, da es sozusagen einfach da war. Es 'gehörte' ja niemandem.“ Daraufhin habe man 2008 einen Verein gegründet mit Erzeugern und Förderern etc., der ums Hörnla und seine Anerkennung kämpfte. „Das Hörnla ist ja eine Landsorte“, erklärt sie. „Niemand weiß so genau, wo es eigentlich herkommt.“ Es habe sich den Bodenverhältnissen immer wieder angepasst, denn früher sei das Saatgut ja selbst erzeugt worden. Die Kartoffel hat sich so mit den Gegebenheiten entwickelt, ein klarer Fall von Evolution. Im Gegensatz dazu hilft heutzutage der Mensch züchterisch nach. Im Prinzip ist das Bamberger Hörnla der Urkartoffel sehr ähnlich: Fingerförmig, länglich und schmal.

 

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