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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Schaumschläger am Werk

Der Grabower Schaumkuss

Text: Dagmar Krappe
Fotos: Axel Baumann

Er ist schon 57. Klein und rundlich. Eigentlich ist er ein richtiges Weichei, denn er ist so zerbrechlich. Trotzdem wird er geliebt, weil er einfach süß ist. Wer ihn besuchen möchte, der trifft ihn in Grabow, der „bunten Stadt an der Elde“, im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns. Dort „lebt“ er in einem der zahlreichen Fachwerkhäuser, die größtenteils nach dem großen Brand von 1725 entstanden.

Grabow

„Innerhalb von drei Stunden fiel damals fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche“, berichtet Museumsleiterin Hannelore Huth: „Die Grafen von Dannenberg gründeten den Ort 1252. Beim Wiederaufbau der Stadt im 18. Jahrhundert achtete man auf Brandschutz. Die Gassen wurden deutlich verbreitert.“ Eine Seltenheit sind deshalb die vorspringenden Obergeschosse vieler Fachwerkhäuser. Die Verbreiterung der Straßen ging zu Lasten der Grundstücksgröße. „Mit den überstehenden oberen Stockwerken wollten die Bauherren Wohnraum zurückgewinnen“, so Huth. Bis 1945 war Grabow eine florierende Handwerker- und Gewerbestadt mit Getreidemühle, Goldleisten-, Fass- und Lederfabrikation. Verkehrsgünstig gelegen an der Bahnlinie Hamburg-Berlin. Heute lebt der Ort vom Tourismus und vom Grabower Schaumkuss.

Grabow - Heimatmuseum und ehemalige Backstube

Heimatmuseum und ehemalige Backstube

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es einen findigen Bäckermeister in Grabow. „1835 erkannte Johann Bollhagen eine Marktlücke und gründete die Bollhagensche Pfeffernuss- und Bisquitfabrik“, erzählt Hannelore Huth: „Heute ist die ehemalige Backstube das Heimatmuseum unseres 6.000-Einwohner Städtchens.“ 1954 wurde das Unternehmen ein volkseigener Betrieb. Aus einer französischen Baiser-Nascherei entwickelte sich der Schokokuss, damals noch Negerkuss genannt. Das Grabower Küsschen begann seinen Siegeszug durch die ehemalige DDR: rund, klein, zerbrechlich und süß.

Seit der Wende ist es in ganz Deutschland und fast 20 weiteren Ländern zu haben. Inzwischen gehört die Fabrik einer holländischen Lebensmittelfirma. Seit Frühjahr 2010 können Besucher Grabows ihr „Küsschen“ auch selbst herstellen. Als gemeinnütziges Projekt, um die über 175 Jahre alte Süßwarentradition stärker zu vermarkten und um Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben, gründete die Stadt mit Hilfe von EU-Fördermitteln eine „Schau(m)manufaktur“ mit Café.

Grabower Küsschen

Grabower Küsschen

„Ein Unterschied zu anderen Schaumküssen ist der Zipfel“, erklärt Laura Weist, Koordinatorin für Tourismus und Wirtschaft: „Er sollte ursprünglich durch einen Draht abgeschnitten werden, aber die Maschine war defekt.“ So wurde er zum Markenzeichen des „Grabower Küsschens“. Besucher erfahren auch, warum die Schaumküsse nicht in die USA oder in noch weiter entfernte Länder geliefert werden können. Auf dem Seeweg dauert es mehrere Wochen, dafür ist die Ware nicht lange genug haltbar. Sie müsste mit dem Flugzeug transportiert werden. Doch wegen des hohen Unterdrucks würden die Küsschen explodieren.

Herstellung von Grabower Küsschen

Herstellung von Grabower Küsschen

„Etwas anders schmecken sie schon, als ich sie aus meiner Jugend in Erinnerung habe“, murmelt einer der älteren Teilnehmer. „Das stimmt“, meint Laura Weist: „Der Fettgehalt der kakaohaltigen Glasur ist heute wesentlich geringer.“ Bevor die jungen und älteren Gäste selbst Hand anlegen dürfen, demonstriert die Koordinatorin wie es geht. Und es ist erstaunlicher Weise nicht so einfach wie gedacht. Die Masse aus Eiweiß, Zuckersirup und Verdickungsmittel wie Gelatine oder Agar-Agar hat sie bereits vorbereitet und in mehrere normale Haushalts-Spritzbeutel gefüllt.

Auf einem Tisch liegen runde Waffeln mit Wabenmuster bereit. Sie sind die „Lunge“ des Schaumkusses, durch die die Luft entweichen kann. Hierauf drückt Laura Weist langsam die weiße Masse aus dem Beutel. Dabei ist es wichtig, gleichzeitig den „Kuss“ nach oben zu ziehen. Genau da liegt das Problem. Entweder er wird zu dünn, kippt um oder bleibt zu flach. Nach kurzem Abkühlen wird die Schaummasse mit flüssiger dunkler Schokolade übergossen. Nicht ganz formvollendet. Wie ein erster Kuss eben.

Herstellung von Grabower Küsschen

 

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