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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Föhr

Die Genuss-Insel

Text und Fotos: Hilke Maunder

Geschützt hinter natürlichen Wind- und Wellenbrechern, den Halligen und den Inseln Amrum und Sylt, liegt die Insel Föhr – ein grünes Eiland in der Nordsee, das sich als klassisches Familienziel einen Namen gemacht hat.  Seit einigen Jahren werden bewusst neue Zielgruppen angesprochen: junge Paare und Genießer. Die Friesische Karibik – heute auch eine Wohlfühloase für alle Sinne.

Strand auf Föhr

„Diese Landschaft hat gar nichts Äußerliches, Lautes, sie spricht selbst fast nicht, sie singt höchstens leise an stillen sonnigen Abenden, wenn das Meer wie ein Spiegel grünblau mit dem Himmel zusammenzurinnen scheint...“ schwärmte Christian Morgenstern 1905 von Föhr und fiel damit in den Lobgesang ein, den schon viele andere berühmte Gäste vor ihm angestimmt hatten.  Bereits 1819 waren am Sandwall von Wyk  Männer und Frauen – streng nach Geschlecht getrennt – von hölzernen Badekarren zum Bad in die Fluten gestiegen. Doch richtig in Schwung kam der Badebetrieb erst mit dem Besuch eines Blaublüters: Der dänische König Christian VIII. verbrachte mit seiner Gemahlin Caroline Amalie von 1842 – 1847 regelmäßig fünf Wochen auf der Insel. 1844 besuchte ihn der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen, der ins Tagebuch eintrug: „Ich habe jeden Tag gebadet, und ich muss sagen, es ist das unvergesslichste Wasser, in dem ich gewesen bin.“ Und ganz beschwingt schrieb Walzerkomponist Johann Strauss beim  Blick auf die Badenden an der Wyker Strandpromenade seine „Nordsee-Bilder". Als die Könige und Künstler fernblieben, kamen die Kinder: Bis heute gilt Wyk auf Föhr als ein Synonym für Kindererholung. Besonders während der „Föhrer Piratenwochen“ in den Sommerferien ist die Insel fest in der Hand der kleinen Freibeuter, die sich bei  260 Kinderveranstaltungen wie Fußball-Camp, Strandolympiade, Mitmach-Zirkus, Märchenmusical, Strandgut-Werkstatt und Filzen vergnügen.

Föhr - Werbetafeln an einem Fischgeschäft

Werbetafeln an einem Fischgeschäft

Doch im Herbst, Winter und Frühjahr ist es still, zu still auf der Insel, deren elf Dörfer sich seit dem Mittelalter auf der Nahtstelle zwischen Marsch und Geest erheben und seitdem Wind, Wetter und verwegenen Investoren getrotzt haben:  als Reetdach-Idyllen mit Bauerngärten. Bis heute ist die Landwirtschaft mit ihren Standbeinen Milchviehwirtschaft, Futterbau und Getreideanbau neben dem Fremdenverkehr der wichtigste Wirtschaftszweig der Insel. Dreiviertel der Inselfläche, d. h. 62 von insgesamt 82 qkm werden noch intensiv bewirtschaftet –  1.500 ha sind Ackerland, auf dem Weizen, Gerste, Raps, Roggen, Hafer, Triticale (Weizen-Roggen-Kreuzung), Mais und Kartoffeln angebaut werden. Auf dem 4.700 ha großen Grünland weiden 11.000 Rinder sowie 850 Pferde – nicht nur Holsteiner Warmblüter und Trakehnerstuten, sondern auch portugiesische Lusitanos, kleine Shetlandponys, amerikanische Quarterhorses und englische Shire-Horses, die größte Pferderasse der Welt.

Zentrum des Pferdesports ist das alte Dorf Alkersum. Hier hat auch John Hartmann seinen Hof. Als einziger Bauer der Insel stellt er aus der Milch seiner Kühe noch selbst Rohmilchkäse her – und verkauft seine sieben Schnittkäsesorten, pur oder Bockshornklee, Bärlauch oder Kümmel gewürzt – im angeschlossenen Hofladen, wo an der Milchtankstelle frische Milch in die Kanne gefüllt werden kann. Ebenfalls hausgemacht von Familie Hartmann: der Eierlikör. In Dunsum wandelte sich die Föhrer Hofmolkerei zum Erlebnisbauernhof „milk & more“ mit Streichelzoo und Swingolf, in Oldsum kreieren Maike Jürs und Heike Rüpeter aus Föhrer Wildfrüchten wie Weißdorn und Eberesche köstliche Konfitüren – zum Sortiment ihrer Daheim-Manufaktur „Marmelade & mehr“ gehören auch ungewöhnliche Kreationen wie Espressogelee mit Mokka und Karamell. Als beste Adresse für Lammsalami gilt unter Einheimischen das Schäferlädchen in Midlum. Fast alle Fleisch- und Wurstwaren von den Inseln und Halligen sind heute als „Uthlande-Produkte“ zertifiziert. Das Qualitätssiegel garantiert, dass nur das Fleisch von Tieren, die auf den  nordfriesischen Inseln und Halligen geboren und aufgewachsen sind, verarbeitetet wird – und damit ausschließlich von Tieren, die in gesunder Nordseeluft auf grünen Wiesen und Deichen mitten im Nationalpark gegrast haben.

Jahrhunderte lang wurden auf Föhr auch Wildenten gefangen. Dazu legten die findigen Inselfriesen Vogelkojen an, wie noch heute bei Boldixum besichtigt werden kann. Sie bestehen aus einem zentralen Teich, von dem mehrere Gräben abgehen. Das Ende dieser „Pfeifen“, die mit Netzen überspannt und Strohmatten abgeschirmt sind, bildeten die Fangkästen. Das Fangprinzip war so einfach wie erfolgreich: Die zahmen Enten, die auf dem Teich gehalten und regelmäßig in den Pfeifen gefüttert wurden, lockten die Wildenten zur Rast auf dem Teich, die zur Fütterungszeit den zahmen Artgenossen in die sich verengenden Pfeifen folgten, wo sie der Kojenwärter, der sich hinter den Strohmatten versteckte, bereits erwartete, in den Fangkasten trieb und tötete. Ab 1885 landeten die gerupften Enten nicht mehr auf den Tischen der Einheimischen, sondern in der Wildentenkonservenfabrik von Heinrich Boysen in Wyk, wo sie in Dosen konserviert und alle Welt exportiert wurden – jährlich fast 40.000 Enten. Serviert wurde die Föhrer Krickente auch auf den New York-Fahrten der Hamburg-Amerika-Linie – als Spezialität beim Kapitäns-Dinner.

Föhr - Im Alt Wyk

Alt Wyk

Die Vielfalt der regionalen Produkte und kulinarischen Traditionen von Föhr gefielen auch Daniela und René Dietrich – für beide war der Besuch auf der Insel Liebe auf den ersten Blick. Und zugleich der Start in ein neues Leben: Gemeinsam eröffneten sie 2009 das erste Gourmetrestaurant der Insel: Alt Wyk – stilvoll gemütlich und typisch friesisch: mit blau-weiß gekachelten Wandtableaus, blank geputzten Messingleuchten, Kaminofen und Holzboden. In der winzigen Küche jedoch regiert Frankreich: keine „neue nordische Küche“, sondern Haute Cuisine mit regionalem Einschlag komponiert der Enddreißer dort, inzwischen unterstützt von einem Jungkoch und einem Lehrling.

Föhr - im Alt Wyk

Menü im Alt Wyk

Im Winter verwöhnen Gänseleber mit Quitte, Skreiroulade mit Zucchini und Föhrer Lammrücken auf Rotwein-Senf-Zwiebeln mit Polenta den Gast, der von einem strammen Spaziergang am stürmischen Deich einkehrt. Sommergäste erfreuen sich an Föhr-Amrumer Wildaustern, Spargel mit hausgemachtem Wildschweinschinken, kross gebratenem Loup de Mer auf Spargel-Basilikum-Risotto oder Seeteufel-Medaillons mit gefüllter Zucchiniblüte und Trüffeljus. Dittrich weiß, was seiner Klientel schmeckt. Zehn Jahre lang war er im Talvo die rechte Hand von Roland Jöhri in St. Moritz gewesen, mit dem er 2008 ein Kochbuch verfasste, dessen Titel seine Maxime ist: „Kochkunst, einfach edel“.  Selbst ein wenig wortkarg, lässt er lieber seine Küche sprechen. Und macht mit ihr so erfolgreich Lust auf Genuss, dass ihn Gäste und Kritiker mit Lob überhäufen. Im Mai 2012 wurde das "Alt Wyk" von der Zeitschrift "Der Feinschmecker" als eines der 450 besten Landgasthäuser Deutschlands ausgezeichnet, im Herbst  2012 folgte der erste Michelin-Stern. Inzwischen hat das Paar, bei dem sich inzwischen auch ein original Föhrer Nachwuchs eingestellt hat, auch die beiden Ferienwohnungen im zweiten Stock des alten Backsteinbaus zur kuschelig-edlen Friesenoase ausgebaut.

Föhr - süße Nachspeise im Alt Wyk

Süße Nachspeise im Alt Wyk

Einige Tipps, damit die Gäste die Genussinsel Föhr noch ein wenig länger entdecken können: der hausgemachte, noch warme Apfelkuchen von Familie Gloy unter den Apfelbäumen ihres Apfelgartens in Oldsum, der winterliche Bratapfel mit Eierlikör von Anneta in Stelly’s Hüs, ein kunterbuntes Kuriositätenkabinett mit merkwürdigen, seltsamen und seltenen Exponaten aus aller Welt, oder die Wyker Hafenkneipe Glaube Liebe Hoffnung, die seit fünf Generationen Kult ist: Inmitten von maritimen Trophäen und ausgestopften Tieren kippen hier Föhrer und Feriengäste gerne manche „lütte Lage“ – ein Bier mit einem Korn – in die Kehle. Das Anti-Kater-Mittel am nächsten Morgen? Die frische Nordseebrise – und heißer Sanddorn, die Vitaminbombe vom Dünenland und Wegesrand.

 

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