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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Kleine Fluchten mit Kaffee und Käsekuchen

Vom „Einstein“ ins „Silberstein“: Kaffeepausen in Berliner Cafés

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Was ist uns der Kaffee, das beliebteste Heißgetränk der Welt? Die Frage sei erlaubt, schließlich trinken wir Deutschen angeblich hundertsechzig Liter jährlich oder 320 Millionen Tassen täglich. Faszination? Eine Pause vom Alltag vielleicht, Entspannung, Abschalten, ein Sich-Zurückziehen? Oder eher der Wunsch nach Gesellschaft und Kommunikation? Ein Mittel gegen die Müdigkeit, der Wachmacher schlechthin, das Lebenselixier? Ein „Think Drink“ als Konzentrationshilfe? Das innere „Aaaah!“ angesichts der braunen, dampfenden Flüssigkeit in der Tasse, ein Genuss? Ein Freiraum?

Kaffee

In Kairo, wo der Kaffee anno 1510 aufgetaucht sein soll, im altehrwürdigen Café Fishawy im Khan-al-Khalili-Bazar etwa oder auch einfach am Straßenrand würde einfach befehlend ausgerufen: „Ahmed! Qahwa!“. Und Ahmed würde den Kaffee bringen, beflissen, flink, auf einem Messing-Tablett und das lila-bräunlich glitzernde Getränk von ganz oben in eine Miniatur-Mokkatasse hinabgießen. Aaaah!

Der Wein des Islam?

Und in Berlin? Ich flüchte mich dort gern, weil jede ordentliche Stadtbesichtigung meiner Meinung nach ordentliche Pausen verlangt, in Cafés, in denen die Gäste nicht die Abgase, dafür um so mehr der Rauch von Zigaretten und Zigarren, bisweilen sogar Havannas, und der Glanz vergangener Tage einhüllt. Aber langsam, langsam, das ist eine lange Geschichte.

Der Ursprung des Kaffeebaumes befindet sich dort, wo die Wiege der Menschheit liegt, in Afrika, genauer gesagt im Hochland Äthiopiens. Von da gelangte die Kaffeebohne vermutlich mit arabischen Sklavenhändlern über den Jemen nach Kairo. Qahwa, arabisch für „anregendes Getränk“ aber auch für Wein, der den gläubigen Moslems ja verboten war/ist, verbreitete sich schnell weiter und wurde auch „Wein des Islam“ genannt.

Mit den Türken, so erzählen die Wiener die Geschichte, kam das „dunkle, Geist und Kräfte anregende“ Gebräu im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert zunächst einmal nach Wien und trat von dort aus seinen Siegeszug durchEuropa an. In Wien sei es das Verdienst Georg Koschitzkys gewesen, eines österreichischen Agenten, der sich immer wieder ins türkische Lager geschlichen, dort spioniert und den Kaffee für sich entdeckt habe. Nach dem Sieg über die Türken 1683 war der Kaffee Kriegsbeute. Da eröffnete Koschitzky das erste Kaffeehaus in Wien und schenkte den Türkentrank aus.

Krank durch den Türkentrank?

Der Türkentrank! Noch heute höre ich meine Oma singen, wenn einer von uns acht Enkeln mal wieder zu sehr in Richtung Kaffee schielte oder gar danach bettelte, doch auch einmal probieren zu dürfen: “C–a–f–f–e–e trink nicht so viel Kaffee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank! Schwächt die Nerven macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann!“. Wir sangen kräftig mit. Doch um so interessanter für uns wurde dieses geheimnisvolle Erwachsenengetränk.

Eine Tasse Kaffee ist ja nicht einfach eine Tasse Kaffee, oder? Es gibt deutschen Filterkaffee, Espresso, Capuccino oder Latte Macchiato in Italien, Einspänner, Fiaker oder Melange in Wien, so-viel-Kaffee-wie-man-will in den USA. Aber das ist alles nur noch schwer abzugrenzen, denn die „Kaffeegrenzen“ haben sich schon längst verwischt.

Nervosität in Geheiligten Hallen?

Und in Berlin? Zu einem meiner Lieblings-Etablissements wurde mit der Zeit das Café Einstein“ - „auf“ (wie der Berliner zu sagen pflegt) der Kurfürstenstraße im Bezirk Tiergarten. Man betritt die geheiligten Hallen, übrigens die ehemalige Villa der Filmdiva Henny Porten, durch eine schwingende, dunkle Holztür mit Glaseinsatz und hält sich dabei mehr oder weniger an einem Messinggriff fest – ob der Spannung, was denn da kommen wird.

Berlin / Einstein

So gerne ich im „Einstein“ auch verkehrte, bei jedem Besuch galt es, eine kleine Nervosität zu Anfang zu überwinden. Uff! Vorbei. Da hinten rechts neben dem Spiegel in einer Nische findet sich ein leeres Tischchen, und eine Zeitung ist auch noch zu haben, hinter der man sich verstecken kann. Die geheiligten Hallen sind hoch und groß, die Wände teilweise mit Spiegeln bedeckt, so dass man sich überall wieder zu erkennen glaubt. Trotz ihrer Größe und der Menge der Menschen aber herrscht ein schwammig gedämpfter Pegel von Geräuschen um einen herum. Mit anderen Worten: Es fällt schwer, fremde Gespräche zu belauschen, was ich doch so gerne tue.

Berlin / Einstein innen

Aber da kommt der Ober, Berliner Schnauze, mit anderen Worten: Etwas motzig, aber korrekt in Schwarzweiß gekleidet wie immer, und bringt mir meinen herrlich dampfenden und schaumig geschlagenen Milchkaffee auf einem kleinen Silbertablettchen. Das Ganze samt Keks und in weißem Papier verpacktem Tütchenzucker mit schwarzem „Einstein“-Aufdruck. Das brauchen Sie nicht verschämt in der Tasche verschwinden zu lassen, um es als Andenken mit nach Hause zu nehmen. Sie können hier auch ganz offiziell Souvenirs auswählen und erstehen: Eine Tasse mit Einstein-Aufdruck vielleicht? Oder lieber eine echte Arabica-Mischung aus der hauseigenen Kaffeerösterei für den befreundeten, zu Hause gebliebenen Kaffee-Gourmet? Auch das Café Einstein kam übrigens schon zu literarischem Ruhm, so was geht nicht nur in Wiener Kaffeehäusern: Die beiden Protagonisten eines Romans des Brasilianers Ignácio de Loyola Brandao halten ihr Schlüsseltreffen hier ab.

Geglückter Lauschangriff vor der Kuchentheke?

Weiter geht´s ins „Aedes“, das verkehrsgünstig unter den S-Bahn-Brücken des Savignyplatzes liegt. Angeblich verkehrt hier, laut Reiseführer zumindest, die Schwulen- und die Architektenszene. Das „Aedes“ beherbergt außer einem Café die erste Architekturgalerie Europas mit renommierten Ausstellungen im Bereich Architektur und Städtebau, die auch im 1995 in den Hackeschen Höfen eröffneten „Aedes East“ laufen. Hier im „Aedes West“ läuft es betont cool ab, die teilweise weiß gestrichenen Backsteinwände der S-Bahn-Bögen sind ins Ambiente integriert. Schlichte Eleganz.

Berlin / Aedes

Die Tische sind klein und viel, viel enger zusammen als im „Einstein“. Dazu herrscht hier eine eher informelle Atmosphäre, also etwas für den echten Lauschangriff! Tatsächlich geht es auf den benachbarten Bistro-Stühlen um Details einer neuen Baumaßnahme. Da ich aber davon nichts verstehe, wende ich mich der äußerst schick gestylten und verlockend bestückten Kuchentheke zu und bestelle meine Leibspeise: Apfelkuchen mit Schlagsahne. Köstlich! Dazu (wieder einmal) herrlich schaumig geschlagener Milchkaffee, aus einer großen weißen Schale zu trinken.

Draußen vor der Glasfront, durch die man alle so herrlich beobachten kann, hasten Berliner zur S-Bahn-Station, Touristen bleiben am Postkartenständer des gegenüberliegenden Geschäfts stehen. Das letzte Stück Apfel mit einem Klacks Sahne verschwindet in meinem Mund, und ich bezahle bei dem Kellner mit der Stoppelfrisur und der engen Lederhose.

Berlin / Aedes

Frischer Käsekuchen verhindert den Heimweg

Solchermaßen gestärkt begebe ich mich auf den Heimweg. Und wäre da nicht noch ein Stammcafé von mir, eines wo man sich so richtig gut einigeln kann, in dem kein besonderer Film abläuft, eines mit standfesten Holztischen, wo man auch mal auf den Tisch hauen kann, so wäre ich sicher früher zu Hause angekommen. Die robusten Holztische erinnern mich nämlich immer an meine fränkische Heimat: Endlich mal ein „Teil“ (wie der Berliner zu sagen pflegt), auf dem man herumlümmeln, die Zeitung anständig ausbreiten und nebenbei noch seinen Kaffee trinken kann. Heute gibt es frischen Käsekuchen, mit oder ohne Schlagsahne, dazu einen Espresso für mich. Die anderen Gäste lesen oder blättern ebenfalls in den ausliegenden Presseerzeugnissen (ich zähle über 25).

Nun könnte ich ja noch, fällt mir gerade eben ein, „in ´n Osten“ rüberfahren und mir das „Café Silberstein“ in der Oranienburger Straße, Berlin Mitte, mit den kantigen Metall-Skulpturen und den schmiedeeisernen Designerstühlen im Industrielook von Lutz Penndorf reinziehen!

Berlin / Silberstein außen

Das „Silberstein“ war schon in alten Zeiten eine Künstlerkneipe (1922-1930). An der linken Wand kann noch die originale, künstlerisch verzierte Tapetenwand bewundert werden. Jedoch - der Kaffeerausch steht kurz bevor und morgen ist ja auch noch ein Tag.

Berlin Silberstein innen

Und was stand nun die ganze Zeit, während des Schreibens dieses Artikels, neben meinem Computer? Eine Tasse dampfenden Kaffees. Natürlich.

 

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