Reisemagazin schwarzaufweiss

Elberadweg Hamburg - Dresden

Erfahrungen an einem Strom

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Was haben die Hamburger Pfeffersäcke mit August dem Starken gemein? Was verbindet Martin Luther mit Karl May? Was hat die Köhlbrandbrücke mit dem Blauen Wunder zu tun? Die Antwort ist fließend: die Elbe.

Rund 600 Kilometer legt der Strom zwischen Hamburg und Dresden zurück und bringt dabei so unterschiedliche Landschaften wie Marschen und Moore, Auwälder und Weinberge auf einen Nenner. Der Elberadweg, der den Fluss begleiten soll, ist inzwischen auf weiten Strecken ausgebaut. Auf dem wollten wir uns treiben lassen.

Elberadweg in Brandenburg

Ein Stück des Elberadweges in Brandenburg

Zu den Spuren der Geschichte gelangt man ganz automatisch. Nach Wittenberg, wo 1517 der Reformator Martin Luther seine ketzerischen Thesen ans Portal der Schlosskirche schlug. Nach Torgau, wo sich auf einer Elbbrücke gegen Ende des 2. Weltkrieges Russen und Amerikaner die Hand reichten. Oder nach Meißen, wo auf Geheiß Augusts des Starken, Kurfürst von Sachsen, ein gewisser Johann Friedrich Böttger Gold machen sollte und  dabei im Jahr 1708 "nur" auf das Geheimnis der Porzellanherstellung stieß.

Niedersachsen

Im Südosten Hamburgs beginnt unsere Tour. Durch die Vierlande, den Obst- und Gemüsegarten Hamburgs, vorbei an Gewächshäusern und behäbigen Höfen, geht es nach Geesthacht. Bald darauf überqueren wir auf der Elbuferstraße die grüne Grenze zum Biosphärenreservat "Flusslandschaft Elbetal". 400 Kilometer weit bis zur Südgrenze Sachsen-Anhalts zieht sich das Gebiet hin. Seit einiger Zeit steht es unter dem Schutz der UNESCO.

Ab dem malerischen Elbstädtchen Lauenburg gerät man unweigerlich in den Sog deutsch-deutscher Geschichte. Von hier bis nach Schnackenburg trennte eine 97 Kilometer lange Grenze im Strom die beiden deutschen Staaten voneinander. Zwischen strukturschwachem Grenzgebiet diesseits, Sperrzonen und Selbstschussanlagen jenseits der Elbe konnte sich jedoch die Tier- und Pflanzenwelt über vier Jahrzehnte ungestört entwickeln.

Die regelmäßig überschwemmten Elbtalauen bieten unzähligen Vögeln einen reich gedeckten Tisch. Im Spätsommer ziehen Trupps von Kranichen am Himmel ihre Kreise. In den Wiesen staksen Störche. Kormorane tauchen nach Fischen. Von den Altwassern fliegen Reiher auf. Kolonien von Wildgänsen, Tausende von Schwänen weiden auf dem grünen Deichvorland.

Elbtalauen

Elbtalauen

Hinter dem rechten Elbdeich zwischen Boizenburg und Dömitz werden Fachwerkhöfe mit hölzernen Pferdeköpfen am Giebel aufgeputzt, Reetdächer neu gedeckt. Am 30. Juni 1993 fiel die Gemeinde Amt Neuhaus wieder in den Schoß des Landkreises Lüneburg zurück. Der Elberadweg verläuft auf dem Deich, auf dem ehemaligen Kontrollweg der Volksarmee. Die Fahrt auf den löchrigen Plattenwegen ist bis Bitter, gegenüber von Hitzacker, etwas mühsam. Doch die Lücken füllen sich allmählich. Es wächst Gras über die Betonsteine, neben denen zu DDR-Zeiten ein drei Meter hoher Grenzzaun die Sicht nach drüben versperrte.

In Stiepelse erzählt uns während einer Rast ein älterer Herr, dass er als "unzuverlässige Person" 1952 innerhalb von 24 Stunden umgesiedelt werden sollte. Nur Systemtreue hätten an der Elbe wohnen bleiben dürfen. Damals flüchtete er über den Fluss. Nach der Wende bekam er das Haus zurück. Er könne sich glücklich schätzen, dass seine Eltern ein Testament gemacht hätten.

Im mecklenburgischen Dömitz saß der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter in Festungshaft. Wegen Zugehörigkeit zu einer radikalen Studentenvereinigung wurde er 1833 verhaftet. In der Festung befindet sich heute ein Museum. Das jüngste Bauwerk ist die Brücke. Das Symbol für die ungehinderte Elbüberquerung wurde gleich nach der Wende in Angriff genommen.
Ansonsten sind Elbbrücken rar. Hauptsächlich stellen sogenannte Gierfähren die Verbindung her. Umweltfreundliche Gefährte sind das, die an einem Stahlseil laufen und vom Strömungsdruck ans andere Ufer geschoben werden.

In einer großen Elbschleife kurz vor Dömitz liegt Rüterberg. Die junge Wirtin des Restaurants "Elbklause" erzählt, dass sie 1989 zum ersten Mal die Elbe gesehen habe. 22 Jahre waren die Bewohner zwischen zwei Metallgitterzäunen buchstäblich eingesperrt. Denn nicht nur auf dem Elbdamm verlief ein Grenzzaun, auch entlang der B 195. Wer nach Rüterberg hinein- oder hinauswollte, brauchte Ein- und Ausreisepapiere. Punkt 23 Uhr wurden Tor und Schlagbaum dichtgemacht. Am 8. November 1989, einen Tag vor dem Mauerfall, erklärten die Einwohner Rüterberg zur Dorfrepublik.
Einige Binnenschiffe tuckern auf dem Strom. Oft ist der Deich so weit vom Ufer entfernt, dass die Elbe nicht mehr zu sehen ist. Manchmal müssen wir die Räder durch Schafherden schieben. Immer ist die Luft erfüllt vom Gesang der Vögel. Lerchen tirilieren. Enten rasten am Elbufer, Watvögel trippeln über Sandbänke und Strände. Der Wind spielt in den Weiden.

Rund um die Havelmündung sieht man Meister Adebar im Landeanflug und durch die Wiesen schreiten. Dort drängen sich beiderseits der Elbe zahlreiche Storchendörfer, Rühstädt ist das bekannteste. Der Lauf der Elbe ist voller Dynamik.

Schon davon Gehörtes und Überraschendes, Denk- und Merkwürdiges entdecken wir links und rechts des Flusses. Über der Inselstadt Havelberg, einst Vorposten der Christianisierung, thront ein mächtiger Dom aus dem 12. Jahrhundert.

Havelberg

Havelberg

Vor Arneburg sind schon die Kühltürme des AKW Stendal zu sehen. Das Atomkraftwerk wurde nie in Betrieb genommen. Tangermünde in der Altmark war für kurze Zeit Kaiserstadt zu Zeiten Karls des Vierten. Stundenlang könnte man dort durch die verwinkelten Gassen streifen, die restaurierten Fachwerkfronten betrachten, das gotische Rathaus mit den filigranen Verzierungen, die Stadttore und Befestigungsmauern.

Tangermünde

Das gotische Rathaus in Tangermünde

Sehenswert auch das anhaltische Jerichow. Dass dort keine Posaunenklänge die Mauern einstürzen ließen, bezeugt das Kloster im romanischen Stil, das älteste Backsteingebäude Norddeutschlands. Das Renaissanceschloss in Barby an der Saalemündung sieht aus wie ein Hochsicherheitstrakt, seitdem vor einigen Jahren ein Brandanschlag auf das darin untergebrachte Grundbuchamt Sachsen-Anhalts verübt worden war. Freundlicher wirkt die Augustusgabe, ein ehemaliges Rittergut, das 1665 Herzog August von Sachsen-Weißenfels erwarb, um es seiner Gemahlin als Morgengabe zu schenken. Heutzutage ist ein Kunst- und Seminarzentrum darin untergebracht.

Hinter der Bauhausstadt Dessau, etwas abseits der Elbe, landen wir in Wörlitz. Bereits seit zweihundert Jahren ist Wörlitz ein Magnet für Reiselustige. Daher zog es unsere Räder wohl unweigerlich an. Der Kleinstaat Anhalt-Dessau verkörperte Ende des 18. Jahrhunderts den Fortschritt für ganz Deutschland. Der aufgeklärte Landesfürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau wollte einen Musterstaat nach englischem Vorbild einrichten. Der Landesvater verbesserte die ökonomischen Grundlagen, reformierte das Bildungswesen und förderte die Künste. Die Flächen zwischen den Altwassern der Elbe wurden zu einem Landschaftspark umgestaltet. Schon Goethe pries die Gärten und englischen Parks von Wörlitz.

Wörlitz

Parkanlage in Wörlitz

Wunderschöne Anlagen sind das, die durch kunstvolle Bauwerke und Statuen, durch Tempel und Nymphen aufgelockert werden und durch Brücken, Wege und Blickbeziehungen miteinander verknüpft sind. Tagelang könnte man durch die Gärten streifen und immer wieder Neues entdecken.

Auch die edlen Tropfen des kleinsten deutschen Weinbaugebiets haben es in sich. Die Sächsische Weinstraße führt ab Diesbar-Seußlitz durch das Elbtal geradewegs nach Dresden. Am Weg liegt das hübsche Meißen; die Albrechtsburg und der Dom sind schon von weither sichtbar.

Meißen

Markt in Meißen

Dann Radebeul: Dort ersann Karl May viele abenteuerliche Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand, ohne jemals in die weite Welt hinausgekommen zu sein. Endlich in Dresden angekommen, kann man sein "Blaues Wunder" erleben. Doch die Elbmetropole hat ja außer ihrer berühmtesten Brücke noch einiges mehr zu bieten ...

Dresden / Semperoper

... etwa die Semperoper

 

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