Reisemagazin schwarzaufweiss

Land mit Wiederkehr

Die Nordfriesische Eider-Treene-Sorge-Niederung

Text und Fotos: Angelika Wilke

Kommt man hier jemals irgendwo an, frage ich mich und schaue einer lethargisch vor sich hin mampfenden Kuh ins Gesicht. Aber die Kuhherden sind zufrieden auf ihren scheinbar bis an den Horizont reichenden Weiden unter einem sich endlos wölbenden Himmel. Ebenso die Kiebitze, die in Heerscharen Wiesen nach fressbarem Kleingetier absuchen. Wildgräser wehen, Gräben glucksen. Die Flüsschen Eider, Treene und Sorge ziehen irgendwie ziellos ihre Kurven durch die weitläufige Niederung zwischen Heide, Husum und Rendsburg.

Deutschland - Schleswig-Holstein - Kühe auf einer Weide bei Meggerdorf

Kühe auf einer Weide bei Meggerdorf

Dank großzügig verteilter Wegweiser mit Kilometerangaben kann ich mich schließlich orientieren. Egal, ob man mit der Familie auf Entdeckungsreise in der Tier-und Pflanzenwelt geht oder einfach in herber Luft und mit ungebremstem Blick durchatmen möchte - am besten schwingt man sich aufs Rad, vielleicht auch aufs Pferd, um mit dieser nur auf den ersten Blick reizlosen Gegend vertraut zu werden. Verkehrsarme Routen führen durch Alleen, an Wallhecken (Knicks) entlang oder über alte Deiche. Seit Jahrhunderten von Menschen genützt, hat sich die Landschaft zwischen den Flüssen dennoch eine ganz eigene, erstaunlich vielfältige Natur bewahrt. Manche zieht sie sogar so in ihren Bann, dass sie sich entscheiden, für immer hier zu bleiben.

Deutschland - Schleswig-Holstein - Radler zwischen Norderstapel und Treene

Radler zwischen Norderstapel und Treene

Die Storchenkolonie von Bergenhusen

Weißstörche hingegen kommen immer wieder – besonders gern in das idyllische Dorf Bergenhusen zwischen Sorge und Treene. Hier machen die Zugvögel nicht nur Zwischenstation, sondern bleiben einen ganzen Sommer lang. Dass es den Störchen gerade in Bergenhusen so gut gefällt und jährlich 14 bis 17 Paare hier ihre Jungen aufziehen, ist kein Zufall. Die rund ein Meter großen Stelzvögel schätzen die feuchten Wiesen der Region, in denen Frösche und Engerlinge gedeihen. Zumindest bis sie vom detektivischen Blick eines gravitätisch einherschreitenden Storches erfasst werden, der ständig auf Futtersuche für sich und den Nachwuchs ist.

Auf zahlreichen der noch oft mit Reet gedeckten Dächer thronen Wagenräder oder Plattformen, die den Heimkehrern als Untersatz für ihre Horste dienen. Tafeln vor den roten Bauernhäusern informieren über Ankunft, Abflug und Anzahl der Jungen. Bergenhusen soll Westdeutschlands größte Storchkolonie bleiben - das liegt den rund 680 Dorfbewohnern eindeutig am Herzen. Ein „Hoier Boier“ (regionaler Kosename für den schleswig-holsteinischen Storch), der mit ausgebreiteten Schwingen über einen hinweg fliegt oder sich im Nest klappernd mit seinem Nachwuchs unterhält, ist eben einfach ein Glücksmoment.

Deutschland - Schleswig-Holstein - Storchennester und -tafeln bei einem Bauernhof

Storchentafeln und -nester bei einem Bauernhof

Mit Blick zu „ihren“ Störchen auf dem Stalldach sieht Landwirtin Regine Schriever Trockenheit mit Sorge: „Wenn die Eltern nicht genügend Futter für ihre Jungen finden, werfen sie eins raus. So grausam ist das.“ Regine Schriever hebt bedauernd die Schultern. „Manchmal prügeln sich Neuzugänge mit den jährlich wiederkehrenden Vögeln um die Nester.“ Dass so ein Kampf mit langen, spitzen Schnäbeln kein schöner Anblick ist, glaube ich ihr sofort. Touristen bekommen ihn allerdings kaum zu sehen, denn die Störche kehren bereits im April aus Afrika – oder in jüngster Zeit auch nur aus Spanien - zurück.

Wie es weitergeht mit dem Brüten im Mai, dem Schlüpfen der Storchenkinder im Juni und ihrem Fitwerden für die lange Reise nach Süden ab Mitte August, erfährt man im Bergenhusener Zentrum des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Hier kümmern sich die Mitarbeiter mit wissenschaftlicher Gründlichkeit längst nicht nur um den Storch, sondern um den Erhalt der Artenvielfalt in der Region ganz allgemein: Uferschnepfen, Brachvögel, Wiesenweihen und sogar Sumpfohreulen, seltenen Fröschen und Pflanzen soll es gut gehen in den Flachseen, Mooren und Wiesen, die in Folge des Schmelzwassers der letzten Eiszeit manchmal sogar unter dem Meeresspiegel liegen. Häufig sind NABU-Mitarbeiter mit Besuchergruppen draußen unterwegs, um über das sensible Gleichgewicht von Flora und Fauna zu informieren.

Deutschland - Schleswig-Holstein - NABU-Zentrum in Bergenhusen

NABU-Zentrum in Bergenhusen

Es könnte allerdings trotzdem nicht erhalten bleiben, wenn Naturschützer und Landwirte nicht miteinander kooperieren würden – zum Beispiel hinsichtlich eines mit der Natur verträglichen Zeitpunktes zu mähen. „Die Zusammenarbeit mit den Landwirten ist gut“, berichtet NABU-Biologe Kai-Michael Thomsen. Selbstverständlich ist das keineswegs, wie noch vor wenigen Jahren von Bauern aufgestellte Anti-NABU-Plakate auf der nahen Nordsee-Halbinsel Eiderstedt gezeigt haben. Jetzt hingegen ist sogar ein gemeinsames Projekt, um den Artenschwund zu stoppen, in Planung.

Vielleicht gerade weil die Dörfer recht verstreut liegen, lassen die Menschen mit sich reden – Sylvia Schütte, die mit ihrem Mann im Mai 2007 aus Nordrhein-Westfalen nach Tetenhusen gezogen ist, um dort eine Heuherberge zu eröffnen, kann das nur bestätigen. „Sogar die Kränze fürs Dorffest haben wir mit gebunden“, lacht sie, „obwohl wir doch gar keine Ahnung davon hatten. Wir konnten einfach mitmachen.“

Deutschland - Schleswig-Holstein - An der Treene nördlich von Treia

An der Treene nördlich von Treia

Die Schüttes stecken voller Ideen, die sie in ihrer neuen Heimat umsetzen möchten – wie bereits geschehen mit einer Einsetzstelle für Kanus auf dem Hof – eine der wenigen an der Sorge. Gepaddelt wird nämlich bislang vor allem auf der nördlich gelegenen Treene und auf der Eider, wo auch kleine Segelyachten unterwegs sind – oder vertäut am Anlege- und Campingplatz an der großen Eiderschleife bei Süderstapel liegen.

Deutschland - Schleswig-Holstein - an der großen Eiderschleife bei Süderstapel

An der großen Eiderschleife bei Süderstapel

Dass man Zugewanderte hier lieber integriert als sie außen vor zu lassen, hat auch Norbert Sukohl festgestellt. Eine Katze huscht mir voran aus der Sonne in seine kühle Töpferei-Werkstatt. Der Weltstadt Hamburg überdrüssig, entschied sich das Ehepaar Sukohl 1987 für Bergenhusen und baute dort eine ehemalige Schmiede um, so dass Geschäft, Werkstatt und Wohnraum für die fünfköpfige Familie entstanden.

Von seiner Arbeit her fühle er sich dem skandinavischen Design verwandt, meint der Töpfermeister; Dänemark ist ja auch nur einen Katzensprung entfernt. Aber mir kommt es darüber hinaus so vor, als habe auch seine Wahlheimat ihre Spuren bei Norbert Sukohl hinterlassen: „Abends“, erzählt er, „wenn man von Meggerdorf kommt und leichter Bodennebel aus den Wiesen aufsteigt, ist es, als sei man auf hoher See. Nur ein paar Lichter an der Straße sind zu sehen.“

Deutschland - Schleswig-Holstein - Schöne und zugleich nützliche Dinge formen - Töpferer Norbert Sukohl an der Drehscheibe

Schöne und zugleich nützliche Dinge formen - Töpferer Norbert Sukohl an der Drehscheibe

Und so sind auch die Formen, die er auf seiner Töpferscheibe in wenigen Minuten aus einem Klumpen Ton entstehen lässt, wie das Land ringsum: Schlicht, einprägsam und keinesfalls langweilig.

 

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