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Museum am Ostwall
im Dortmunder U

Neues Spiel, neues Glück
Sammlung in Bewegung
bis 31. Juli 2017

Neues Spiel, neues Glück! - Die aktuelle Sammlungspräsentation des Museums Ostwall beglückt ihre Besucherinnen und Besucher mit neuen Kunstwerken und liebgewonnenen alten Bekannten.

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Dieter Roth, Stuhl © Künstler/Rechtenachfolger 2015

Der Titel der Präsentation der Sammlung in Bewegung ist m. E. nicht unbedingt stimmig. Zumindest hat man aber einen einprägsamen Titel gefunden. Gleich zu Beginn werden Besucher mit einer Art Porträtgalerie konfrontiert. Anlässlich der Schau Vision Ruhr auf der Zeche Zollern wurden fast 5000 Gäste fotografiert, denen man aber nicht den Fotoabzug des eigenen, sondern eines fremden Gesichts mit nach Hause gab. Die Zweitabzüge befinden sich im Museum am Ostwall und werden nun in einer sehr reduzierten Auswahl gezeigt. Wie man Alltagsgegenstände aus ihrem Kontext nehmend in Kunst verwandelt, zeigt nicht nur George Brecht mit seinem Projekt der drei Stühle, die an verschienen Orten des Hauses zu finden sind, sondern auch Dieter Roth mit seinem grünen Stuhl, eigentlich eher ein Sessel. Diesen hat der Künstler mit Textilband umwickelt, also eingepackt, allerdings nicht im Sinne von Christo, der ja Gegenstände wirklich verpackt und nicht nur einwickelt.

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Nam June Paik: Before the word there was light, after the word there will be light, 1992 © 2015 Nam June Paik Estate, Foto: Ellen Kozik

Textiles und Schallplattenspieße

Textiles gibt es auch von Alice Knowles zu sehen, die uns „Yellow Panel“ präsentiert. Eine Textilbahn mit aufgenähten Taschen hängt an der Wand und scheint auf den ersten Blick durchaus auch funktionales Möbel. Dieses Konzept war Teil von Fluxus, einer Kunstbewegung der 1960er Jahre, die Kunst und Alltagsleben zu verbinden suchte. Einer der wichtigen Vertreter dieses Genres ist Nam June Paik, von dem „Schallplattenschaschlik“ gezeigt wird. Die „Schaschlikspieße“ mit aufgespießten Singles und LPs wurden dabei auf einem senkrecht aufgestellten alten Radioapparat platziert. Nebenan zeigt uns Paik, wie einem ein Licht aufgehen kann, wenn man vor einem Fernseher hockt.

Von der Decke hängt eine Zither, die nur funktioniert, wenn kleine Elektromotoren auf Knopfdruck eines Besuchers hin „Klöppel“ in Bewegung setzen. Joe Jones verfremdete bei seiner Arbeit ein klassisches Zupfinstrument der Volksmusik und machte es zu einem Teil eines möglichen Happenings und zu einem kinetischen Objekt.

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Joe Jones: Auto-Music-Player, 1976, Foto: Ellen Kozik

Dass ein Teil der Fluxus-Künstler in ihrer Kunst politische Stellungnahmen abgaben, sieht man an dem Werk „Rote Berührung“ von Milan Knižak. Unerreichbar für die Besucher hängt ein mausgrauer Trenchcoat an der Wand. Irgendetwas ist mit dem Kleidungsstück geschehen. Ja, einer der Ärmel ist blutrot verfärbt. Was sagt uns das? Hat sich der Künstler hier mit der Frage von Folter, von Unterdrückung und von Unfreiheit befasst? Nimmt er gegenüber polizeilicher Willkür Stellung? Man muss es annehmen, da Knižak als Avantgarde-Künstler gewiss den Prager Frühling und dessen Niederschlagung erlebte. Übersät ist der Mantel mit Worten wie „Red Silcence“, „Red Dog“und „Red Touch“, aber das springt zuerst weniger ins Auge.

Ben Patterson verarbeitet in seiner Installation ein altes chinesisches Sprichwort, das in Plastikbuchstaben auf einem Schülerpult ausgelegt wurde: „I heard and I forget / I see and I remember / I do and I understand.“

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Robrt Filiou: La Joconde est dans les escaliers,
1969, © Künstler/Rechtenachfolger 2015

Schüler und Lehrer

Unterdrückung und Aggression entdecken wir im ausgestellten Werk des Beuys-Schülers Anatol, der ein fiktives Vernehmungszimmer erschuf, mit einem Tisch nebst Handschellen, drei Stühlen und roten und grünen Lämpchen, die bei der inszenierten Aktion „Die Vernehmung“ dann aufleuchteten, wenn geschwiegen (rotes Licht) oder gesprochen (grünes Licht) werden sollte. Gegenüber diesem verordneten Handeln erweist sich Joseph Beuys' „Handaktion“ als Ausleben des freien Geistes. Gestenreich ist Beuys in laufenden Bildern.

Kunst für alle oder doch nicht

Zu sehen sind im ersten Raum, der Fluxus und Co gewidmet ist, auch sogenannte Multiples, die der Verleger Wolfgang Feelisch von Künstlern hat herstellen lassen. Diese Multiples sollten bei günstigen Preisen Kunst für jedermann ermöglichen. Eine Arbeit von Robert Filliou namens optimistic box soll herausgegriffen werden: In einem der Kästlein befindet sich ein Pflasterstein. Die Kommentierungen lauten: „Thank God for modern weapons“ und „we don't throw stones at each other“. Angesichts der aktuellen Ereignisse bleibt dem einen oder anderen Betrachter wohl das Wort im Halse stecken.

Partituren und Spiele finden sich nachfolgend in der Schau. Dabei erweist sich das eine Gruppe von Fluxus-Anhängern von den Kompositionen von John Cage beeinflusst wurde. So finden wir eine Eventpartitur von George Brecht unter den Exponaten. Zu sehen ist aber auch das Kunstobjekt „Play incident“ von George Brecht, dem man allerdings keinen Ton entlocken kann. Dass bei Fluxus auch immer Humor, Sarkasmus und Ironie mit ihm Spiel war, unterstreicht Robert Filliou mit „blue“: eine weiße Leinwand mit einem Stempel, der Signatur des Künstlers und in Tinte aufgetragen das Wort „blue“.

Ähnlich wie Beuys' Arbeiten mit Fett und Filz auch immer Provokationen beinhalteten, so provoziert auch Filliou mit „La Joconde est dans les escaliers“: In einer Ecke hat die Reinigungsfrau ihren Zinkeimer, den Feudel und den Schrubber abgestellt. Alle sind nigelnagelneu. An den Schrubberstil hat sie ein Schild gehängt: „Bin in 10 Minuten zurück Mona Lisa“. Na ja, so viele Staunende wie die Mona Lisa im Louvre wird Fillious Alltagskunst wohl kaum anziehen.

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Ina Weber: Tribüne, 2014 und Straight Pool, 2014 © VG Bild-Kunst Bonn 2015, Foto: Ellen Kozik

Kunst und Ego

Ein Provokateur per se und auch ein vehementer Kritiker der eigenen Zunft ist Ben Vautier, der auf Leinwand nicht nur folgende Forderung öffentlich machte: „To change art destroy Ego“, In einem anderen Werk meinte Vautier: „Ich signiere alles.“ Damit entwertet er dann Kunst, die ja als Unikat Wert erhält. Doch wenn die Signatur als Garantie der Echtheit eben auf allen möglichen Dingen zu finden ist, dann garantiert die Unterzeichnung gar nichts und alles. Schließlich zerstörte er auch seine eigene Kunst wie in „Alles ist Kunst“ - so der Schriftzug in Schreibschrift. Vautier setzte dann „zerstört Ben“ hinzu und signierte das Werk.

Übrigens, wer mal einen Wanderstuhl sehen will, der kommt am besten mal im Dortmunder U vorbei, wo Volker Wewerkas entsprechende Arbeit zu sehen ist. Ihm verdankt die Kunstwelt auch die Verwandlung eines funktionalen Möbels, eines Tisches, in einer Skulptur, nachdem der Tisch auseinandergesägtt und die beiden Hälften in einem spitzen Winkel miteinander verleimt wurden.

pieneOtto Piene: flower-power, © VG Bild-Kunst Bonn 2015

Gefundene Kunst

Der Bewegung „Nouveau Réalistes“ widmet sich die aktuelle Schau ebenfalls. Neben kinetischen Objekten von Tinguely wie „constante indéterminée“ stößt man auf verschweißte Autoteile, die ein Relief ergeben von César, aber auch Christos in Sacktuch verpackte Sektflaschen. Wiederum sind es Alltagsgegenstände, die wie bei Fluxus, eine Verfremdung erfahren.

Es werde Licht, es werde Bewegung

Heinz Mack, einer der Gründer der Gruppe ZERO, die sich mit Lichtobjekten im weitesten Sinne befasste, ist gerade 85 Jahre alt geworden. Otto Piene hingegen, auch einer der zu ZERO gehörte, ist leider vor zwei Jahren verstorben, noch ehe er eine Schau zu seinem Lebenswerk in Münster sehen konnte. Beide haben der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg maßgebliche Impulse gegeben. Zu sehen ist unter anderem einer der Lichtgeister, die Piene schuf, aber auch seine „power-flower“. Sie teilen sich die Ausstellungsfläche mit Adolf Luthers „Lichtschleuse“ aus Glasbruch und Aluminiumrahmen sowie Bernard Aubertins „Tableu Feu“. Nur, warum sind denn die Streichhölzer nicht abgebrannt, sondern neu? Auf Knopfdruck hin bewegt sich Pol Burys „Ponctuation“ bestehend aus einer feuerroten Grundfläche, in die einige bewegliche Halme gesteckt wurden. Optisch getäuscht wird man von Jesu Raphael Sotos „Spirale“, bei deren Anblick dem einen oder anderen auch schwindelig werden kann.

Auf die Geste kam es an

thiielerFred Thieler: Dynamischer Raum,
© VG Bild-Kunst Bonn 2015

Neben Zero war auch das Informel im Nachkriegsdeutschland eine ganz wesentliche Kunstströmung. Mit dieser sind Namen wie Fred Thieler, aber vor allem Emil Schumacher verbunden. K. O. Götz, der wohl gestenreichste Maler jener Bewegung, ließ in seinen Werken auch den Wellenschlag des Pinselzugs erkennen. Es ist wirklich die große Geste, die man in den überlappenden Wellenformen in der Arbeit entdeckt, die am 28.4.1954 entstand, aber ohne Titel geblieben ist. Daneben weiß Fred Thieler vor allem mit seinen Farbräumen zu überzeugen. Man mag gar von Feuerwerk sprechen, wenn man „Dynamischer Raum“ betrachtet. Schumacher hingegen ist mit einer eher an Grisaillemalerei erinnernden Arbeit namens „Hellichter Raum I“ in der Schau vertreten. Betrachtet man das Gemälde länger, so meint man durch einen Torbogen in einen Raum zu schauen.

Klassische Moderne

klassische-moderne
Raumansicht Klassische Moderne mit Werken von Christian Rohlfs: Clowngespräch, 1912, Karl Schmidt-Rottluff: Doppelbildnis S. und L., 1917 © VG Bild-Kunst Bonn 2015, Paula ModersohnBecker: Bildnis Lee Hoetger und Clara Haken, 1906/07, Alexej von Jawlensky: Schlafende, 1911, Jünglingskopf, genannt Herakles, 1912, Klassischer Kopf, 1918, Wilhelm Lehmbruck: Kopf eines Denkers (Selbstbildnis), 1918, Foto: Ellen Kozik

In den letzten Jahrzehnten erfreut sich die klassische Moderne mit ihren gefühlten Farben immer mehr Zuspruch, auch und gerade aufgrund zahleicher Sonderschauen. Neben Jawlenskys Köpfen stößt man auf ein Doppelporträt von Karl Schmidt-Rottluff, der durch die Farbsetzungen seine Porträtierten wie Clowns erscheinen lässt. Rosafarben flattert die Mondsichel bei Kirchners „Stafelalp bei Mondschein“ über die tannengrüne Landschaft. Nein, das ist nur ein Teil der Landschaft, die andere ist tatsächlich auch rosa, soweit es die Bergflanken betrifft. Nicht die allgemein bekannten Blumenbilder von Emil Nolde bekommt man zu Gesicht, sondern ein Seestück mit aufgewühlter See, die fast den Horizont vertreibt. Mit August Macke begeben wir uns zu exotischen Tieren, wenn wir mit ihm einen Zoo-Besuch unternehmen. Da begegnen dann Mitglieder des guten Bürgertums mit ihren Kindern Elefanten und Kakadus. Irgendwie wirken der Zoo und seine Besucher fremdartig und entrückt. Was wäre die klassische Moderne eigentlich ohne Otto Mueller und seine pubertären jungen Mädchen, meist nackt und badend. So zeigt man uns aktuell auch „Drei Badende im Teich“ und obendrein eine Sinti-Mutter mit ihrem Kind im Arm.

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Ewald Mataré: Liegende Kuh © VG Bild-Kunst Bonn 2015

Zur Moderne zählen auch Laurens, Richier und Beckmann, von denen wir ebenso „klassische Arbeiten“ zu Gesicht bekommen, wie Richiers „Gottesanbeterin“, ein Mischwesen aus Mensch und Insekt.

Ab ins KZ

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Wolf Vostell: TEK, © VG Bild-Kunst Bonn 2015

Für den Berichterstatter ist Wolf Vostells begehbare (!) Rauminstallation TEK, übersetzt „Thermoelektronischer Kaugummi, wohl am nachdrücklichsten im Gedächtnis geblieben: Drei Reihen von Stacheldrahtzaun wurden installiert. Zwischen den Zäunen liegen Löffel und Gabeln auf dem Boden. Am Raumeingang steht ein Koffer. Wer ihn in die Hand nimmt und zwischen den Abzäunungen den Raum betritt, hört ein Knirschen unter seinen Füßen, aber auch Zuggeräusche und denkt vielleicht gleich an Auschwitz und an die Todesrampe. Das ist beabsichtigt. Vostell ist obendrein mit De-Collagen in der Schau vertreten und mit dem Salatkopf-Happening, einer Kiste mit Salat,die zwischen Köln und Aachen ein Jahr lang unterwegs war. Was am Ende übrig blieb, wurde als Kunstobjekt ausgestellt.

environmentAgostino Bolanumi: Environment Structures, 1968,
© VG Bild-Kunst Bonn 2015

Ja, Beuys ist mit einem Werkkanon zu sehen, aber wer dazu keinen Zugang findet, muss sich nicht grämen, sondern kann sich mit der Frage „Was ist Skulptur?“ beschäftigen und sich angesichts der tropfenförmigen Gebilde von Thomas Rentmeister oder der wellenförmigen Wandinstallation von Agostino Bonalumi fragen, warum das eine Skulptur ist oder warum auch nicht. Gehört nicht ein Sockel zur Skulptur?

Vorstehend konnte nur eine Skizze dessen gezeichnet werden, was die Ausstellung beinhaltet. Da sie bis zum Frühjahr 2017 angelegt, gibt es Gelegenheit, sie erneut zu besuchen, um bisher Unentdecktes zu entdecken. Text und Fotos, soweit nicht anders bezeichnet: © ferdinand dupuis-panther


DORTMUNDER U Zentrum für Kunst und Kreativität
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund
Tel +49 (0) 231.50-24723*
info@dortmunder-u.de

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