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"Ich bin eine Kämpferin."
Frauenbilder der Niki de Saint Phalle
bis 23.04.2017

"Ich bin eine Kämpferin."
Frauenbilder der Niki de Saint Phalle

Die Ausstellung mit dem Titel „Ich bin eine Kämpferin.“ Frauenbilder der Niki de Saint Phalle widmet sich den verschiedenen Frauenbildern der international bekannten Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002). Einem breiten Publikum wurde die franko-amerikanische Künstlerin in den 1960er Jahren durch ihre bunten Nanafiguren bekannt. Die Präsentation in Dortmund wirft nun einen fokussierten Blick auf die Künstlerin: Über 100 Werke Niki de Saint Phalles zeigen ihren künstlerischen Weg von den frühen Familienbildern über die Assemblagen und Schießbilder (Tirs) bis hin zu den so genannten Nanas – in enger Beziehung zu ihrer Biografie. Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Sprengel Museum Hannover und der Niki Charitable Art Foundation sowie anderen nationalen und internationalen Leihgebern statt.

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Pink Nude in Landscape 1959 Ölfarbe, kleine Fundobjekte (Fragmente von Töpferwaren, Kiesel, Kaffeebohnen, Knöpfe, Perlen, Nägel, Muscheln …) auf Holz Niki Charitable Art Foundation, Santee Foto: Laurent Condominas © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Zunächst muss hervorgehoben werden, dass es für jeden Abschnitt der Ausstellung, angefangen von „Niki de Saint Phalle – eine Kämpferin“ über Assemblagen und Schießbilder bis hin zu dem Kapitel „Was bleibt?“ zweisprachige Informationsblätter für die Besucher gibt. Sie kann man mitnehmen und während des Rundgangs lesen, um Niki de Saint Phalle und deren Werke besser zu erschließen.

Selbstbildnis und Familienbilder

Geht man durch die sorgsam und großartig zusammengestellte Schau, dann beschleicht den Besucher auf Schritt und Tritt der Eindruck, die Künstlerin habe zeit ihres Lebens mit der Kunst die Geister beschworen, die sie verfolgten. Das beginnt schon bei der Grafik eines giftgrünen, die Zähne fletschenden Drachens, den wir erblicken. Angst, Furcht, Albträume – sie scheinen die Künstlerin durchweg begleitet zu haben. Gab es da nicht Missbrauchserfahrungen? Kommt es von ungefähr, dass Niki de Saint Phalle über ihre Arbeit unter anderem sagte: „Das einzige Selbstporträt, das ich jemals gemacht habe, besteht aus Geschirrscherben, die ich auf die Leinwand geklebt habe – eigentlich sehe ich darauf irgendwie furchterregend aus.“ Auch ihre Schießbilder scheinen eben einen sehr engen autobiografischen Bezug, eine Entladung der erlittenen Zurücksetzungen, der schlechten Erfahrungen als Frau mit der Männerwelt: „Ich schoss auf Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, dicke Männer … Männer …, meine Brüder, die Gesellschaft, die Kirche, die Schule … meine Mutter … Papa … mich selbst.“ Destruktion scheint für Niki de Saint Phalle ein Akt der Befreiung, unter Umständen auch ein therapeutischer Akt.

niki2Doch ehe wir uns den Schießbildern widmen, treten wir noch vor ein Selbstporträt. In starrer Körperhaltung sieht man die Künstlerin, deren Kleidung aus Bruchstücken und gesammelten Steinen besteht. Umgeben ist sie von weißen und grauen Farbdrippings und Schlieren. Das Gesicht erscheint narbig. Will Niki de Saint Phalle uns damit zeigen, welche Verletzungen sie erdulden musste?

Martyr Nécessaire/ Saint Sébastian/ Portrait de mon amour/ Portrait of myself 1961 Farbe, Zielscheibe, Pfeile, Hemd, Krawatte, Zigarettenschachtel, Gewehr auf Holz Privatsammlung, Paris/Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris Foto: André Morin © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved

Die Familie scheint in den ersten Jahren ihrer künstlerischen Karriere in Europa und nach einem Nervenzusammenbruch ein zentrales Thema gewesen zu sein. Zu sehen ist unter anderem die Arbeit „Das Fest“ (1953). Im Mittelpunkt scheint ein Mädchen mit blonden Haaren, einem bunten Kleid und roten Strümpfen zu stehen. Grinsende Erwachsene sieht man und einen Bassisten, der seinen Bass zupft. Die Szenerie scheint bizarr und einer Märchenwelt entnommen. „Pink Nude in Landscape“ wurde einige Jahre später geschaffen. Zu sehen ist eine Hügellandschaft unter schwarzem Himmel mit Mondscheibe. Skulptierte Figuren sind in der Landschaft auszumachen. Im Fokus steht die rosa Nackte. In der Hand hält sie wohl eine Lyra. Soll das ein Hinweis auf die Dichter und Denker der griechischen Antike sein? Warum gibt es diesen Fingerzeig? Auch eine Schlange, in der christlichen Religion Sinnbild der Verführung, ist auf der Arbeit zu entdecken.

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Autel Noir et Blanc/Black and White Altar 1962 Farbe, Assemblage aus verschiedenen Objekten auf Holz Niki Charitable Art Foundation, Santee/Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris Foto: André Morin © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Assemblagen und Schießbilder

Irgendwann verabschiedete sich Niki de Saint Phalle im Laufe der 1950er Jahre vom Figürlichen und entdeckte die Assemblagen aus Alltagsmaterialien. Ready-mades standen auf ihrem Programm, aber gänzlich anderes als bei Duchamp. Schnur; verbogener Nagel, bemalte Schachtel, kleines Tischfußballspiel, Vikingauto, Blätter und Zweige – das sind die Materialien, aus denen „Zwei Schachteln“ und „Blätter und Zweige“ von der Künstlerin komponiert wurden. Auch Landschaften erschaffte sie mittels gekauften Spielzeugs und Fundstücken, so auch eine „Winterlandschaft“ mit Wollfäden und einem Einsatzsieb bestückt.

„Ich begann, Reliefs imaginärer Landschaften mit Objekten herzustellen. (…) Ich kaufte in Geschäften Spielzeug und gebrauchte Gegenstände auf dem Flohmarkt – hauptsächlich Dinge, die mit Gewalt zu tun haben, wie Beile, Messer und Pistolen.“ Das dürfte nicht von ungefähr gekommen sein, entweder um eigene Gewaltfantasien zu kanalisieren oder aber erlittene Gewalt nach außen zu transportieren. Zu den Assemblagen gehört auch die, in der sie Förmchen, Unterlegscheiben, Drahtstücke, perforierte Metallplatten, Federn und ähnliche Gegenstände verarbeitet hat, eingebunden in eine dicke Gipsschicht als „Malgrund“.

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Marilyn 1964 Objekte, Farbe, Wolle auf Maschendraht Niki Charitable Art Foundation, Santee © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved

Die Schießbilder schienen eben auch aus diesen Gewalterfahrungen und -fantasien geboren zu sein. Das Destruktive bahnte sich also einen Weg. Leinwände wurden befeuert und die Einschusslöcher farbig gefasst, so als würde aus ihnen Blut rinnen. Unter der zu beschießenden Leinwand waren Farbbeutel verborgen, die ihren Inhalt entlernten, waren sie getroffen. Ihr Lebenspartner Jean Tinguely entwickelte kleine Farbkanonen, mit denen die Schießaktionen durchgeführt wurden. „Tir avon“ wurde Wegbereiter zu anderen Aktionen, die sich mit den Symbolen männlicher Macht befassten.

Eine Zielscheibe aus dem Darts-Spiel bestückt mit Pfeilen als Kopf, ein vergilbtes Oberhemd und eine schwarze Krawatte – daraus besteht der heilige Sebastian der Künstlerin, der zugleich auch den Geliebten darstellt.

Und welche Gedanken hatte Niki de Saint Phalle? „Auf einem Tisch lagen Pfeile, die die Besucher auf den Männerkopf werfen sollten … Nicht sehr weit von meiner Arbeit entfernt hing ein vollkommen weißes Gipsrelief … Ich sah es an – FLASH – was wäre, wenn das Bild bluten würde – verwundet wäre, so wie Menschen verletzt sein können.“

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Paysage de la mort ou Collage de la mort 1960 Farbe, Gips, Objekte auf Holz Sprengel Museum, Hannover Foto: Laurent Condominas © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved

"Instead of becoming a terrorist, I became a terrorist of art"

Unter diesem „Stichwort“ präsentiert der Kurator der Schau, der ehemalige Leiter des Sprengel Museums (Hannover) Ulrich Krempel, Nikis Werk „Geburt, Studie zu King Kong“, ein Materialbild, in dem man einen Totenkopf, eine Spinne, ein Pferd, Pistolen, Saxofon und anderes Plastikspielzeug verarbeitet findet. Reliefartig ist die Arbeit angelegt. Maskenhaft erscheint das Gesicht unter einem dichten Haarwuchs, aus der Vulva tritt das Kind kopfüber aus. Zu sehen ist aber auch ein künstlich von Niki geschaffener Altar mit zahlreichen Kruzifixen und betenden Figuren, die sich als Nonnen erweisen. Überdies sehen wir weitere skulpturale Schöpfungen wie „Guten Appetit“ (1980). Immer wieder findet man beim Rundgang O-Töne der Künstlerin, gleichsam biografische Zäsuren darstellend.

Warum ich das Schießen nach zwei Jahren aufgegeben habe, ich fühlte mich wie eine Drogenabhängige (…). Von der Provokation zog ich mich in eine innere … Welt zurück.“ Niki de Saint Phalle

Wir stoßen beim Rundgang auf „Dolores“, überlebensgroß mit feuerroter Handtasche ausgestattet, blondes Haar, Rosa Stiefeletten an den Füßen, gestreifter farbiger Rock als Bekleidung. Mit Jean Tinguely schuf Niki „Die Beleuchtung“, ein kinetisches Kunstwerk, bestehend aus einem Kopf mit einem Kranz aus Glühbirnen geschmückt, der sich dank eines Motors hin- und herneigt. Wer allerdings die klassischen Nanas sehen möchte, der ist gut beraten, mal in die Leine-Stadt zu fahren und sie am Leine-Ufer aufzusuchen. © ferdinand dupuis-panther

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Dolorès 1966−1995 Polyester, bemalt, auf Maschendraht, 7-teilig Sprengel Museum, Hannover Foto: Michael Herling © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog (dt. / engl.), Texte von Ulrich Krempel, Regina Selter, Karoline Sieg, Naja Rasmussen, Gestaltung von Frank Georgy, Museumsausgabe: 19,95 Euro,| Hatje Cantz Verlag, Berlin | ISBN: 978-3-7757-4243-6

DORTMUNDER U Zentrum für Kunst und Kreativität
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund
Tel +49 (0) 231.50-24723*
info@dortmunder-u.de

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