Reisemagazin schwarzaufweiss

Alte Liebe und Dicke Berta

Auf der Suche nach der maritimen Vergangenheit von Cuxhaven

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Wenig ist von der glorreichen Zeit der Hochseefischerei geblieben, durchstreift man Cuxhaven. Auch die Auswandererhallen auf dem Steubenhöft sind längst verlassen. Die Fischhallen dienen heute nicht mehr allein der Lagerung und Verarbeitung von Fisch, sondern sind zu Restaurants und Räuchereien umgestaltet worden. Kommen Sie mit auf eine Entdeckungstour durch die maritime Vergangenheit von Cuxhaven.

Cuxhaven hat nicht nur eine maritime Vergangenheit, sondern bis heute auch sein Schloss

Wer auf dem Schienenweg nach Cuxhaven reist, der wird am Bahnhof keinen Hinweis auf den alten und neuen Fischereihafen finden, die hinter den Gleisanlagen der Regionalbahn liegen. Man muss also wissen, was man sucht. Hier, in den alten Klinkerhallen, findet man beim Fischgroßhandel G.F.Wendt, einem traditionsreichen Betrieb, der 1895 gegründet wurde, nicht nur Räucherfisch aller Art, sondern auch Dorsch-Filet, Blaulengfilet und Seeteufel. Auf das Einlegen von Fisch versteht sich die Firma Lysell, die ihre Ware im Fabrikverkauf anbietet. Fisch aller Art und Krabben kann man nicht nur in Dat Cuxhavener Fischhus, sondern auch in anderen Restaurants in der Fischhalle X genießen. In der bogenförmig erbauten Fischhalle VIII hat man die Wahl zwischen Casa Benfica und Kiek In, einem Imbiss, der mit Backfisch in Remoulade hungrige Radler anlockt.

Hier wurde einst Fisch verarbeitet und umgeschlagen

Im Hafenareal, wo auch ein ausgemusterter Fischereidampfer und ein Ölbekämpfungsschiff an der Mole liegen und zahlreiche Angler ihr Glück versuchen, befindet sich in einer ehemaligen Fischhalle auch das Fischereimuseum. »Das Museum«, so erläutert Thomas Sassen, der Vorsitzende des Museumfördervereins, »gliedert sich in zwei Abteilungen: die Hochseefischerei und die Fischverarbeitung. Zugleich widmet man sich im Haus auch der Geschichte des Lotsenwesens, das bereits vor 400 Jahren an der Unterelbe existierte.«

Räuchermakrelen und Gabelröllchen

Bewahrte Cuxhavener Vergangenheit: das Fischereimuseum

Historie sind die Hochseefischereidampfer, die vor Island Fisch fingen, der an Bord zerlegt wurde. Nachts wurde der Fisch in Cuxhaven gelöscht und morgens ab sieben Uhr in der Auktionshalle versteigert. Fischkisten und die letzte Auktionskanzel erinnern im Museum an dieses Kapitel der Cuxhavener Hafengeschichte. Nichts ist mehr von den achtzig Waggons zu sehen, die Tag für Tag im Fischversandbahnhof beladen wurden. »Man macht sich«, so Thomas Sassen, »heute gar keine Vorstellung davon, dass die Fischerei auch andere Gewerke bedingte. Es mussten Körbe geflochten und Räucherholz geschlagen werden, um die Altonaer Räucheröfen zu heizen. Gletschereis musste zunächst aus Norwegen herbeigeschafft werden, ehe in regionalen Eiswerken Kunsteis zur Kühlung erzeugt wurde.«

Beim Museumsrundgang entdeckt man Modelle von Seitenfängern wie der 1917 gebauten »Pommern« und vom Schleppnetzlogger »Wotan« aus dem Jahr 1955. Die inszenierte Kommandobrücke eines Fischdampfers vermittelt einen guten Eindruck von der Technik an Bord. Man schaut dem Netzmacher und Netzflicker gleichsam über die Schulter, erfährt von den Dutzenden von Saisonarbeiterinnen, die beim Netzmachen gebraucht wurden und vor allem aus dem Rheinland kamen. 900 bis 1100 Knoten pro Stunde mussten beim Fertigen der Netze geschafft werden.

Beim Museumsrundgang zu entdecken: Inszenierung einer Fischauktion aus vergangenen Tagen

Schließlich kann man auch einen Blick auf die Fischverarbeitung werfen. In Konserven wanderten Gabelröllchen, Gourmethappen mit Sherry und Tomate und Hanseatenröllchen mit Paprika. In Holzkisten verpackte Räuchermakrelen wurden in Cuxhaven als Weihnachtsgeschenk mit dem Aufdruck »Fröhliche Weihnachten« versandfertig gemacht.

Krabben an Bord

Ob im alten Fischereihafen beim nächsten Besuch der Stadt an der Unterelbe noch die »Seerose« angelegt hat, um jeweils donnerstags leckere Krabben von Bord des Schiffes zu verkaufen, dürfte Zufall sein. Traditionell findet am alten Fischereihafen – die Gleisanlagen erinnern noch daran, dass hier einst Loren mit Kohlen, Netzen und Maschinenteilen unterwegs waren – sonntags der Fischmarkt statt. Mehr Flohmarkt als Fischmarkt, wenn auch bisher noch Krabben verkauft werden. Ansonsten ist Ruhe eingekehrt. Nichts erinnert an die bis zu 60.000 Tonnen Fisch, die bis 1960 jeden Tag in Cuxhaven angelandet wurden. Von den einst 15.000 Beschäftigten der Fischereiindustrie in den 1930er Jahren sind gerade mal achthundert übrig geblieben. Noch drei Fischereidampfer und zehn Kutter gehören heute zum maritimen Cuxhaven.

Noch immer legen kleine Kutter mit ihrer Krabbenfracht im alten Fischereihafen an. Hier entdeckt man auch die niederländischen Kühllastwagen, die diese kleinen Schalentierchen zum Pulen nach Marokko und dann zum Verkauf bestimmt wieder nach Europa zurückzubringen – neun Tage dauert dies. Ökologisch ein Irrsinn, doch wirtschaftlich scheint sich dies zu lohnen, da wir alle auf billige, in der Nordsee gefischte und in Marokko verarbeitete Krabben zurückgreifen.

Hier wird an den Dichter Joachim Ringelnatz erinnert

Doch Cuxhaven ist nicht nur der Hafen oder die Aussichtsplattform »Alte Liebe«, von der aus man den auf der Unterelbe vorbeigleitenden Kreuzfahrtschiffen und den hoch beladenen Containerriesen aus Fernost nachschauen kann. Das Bild der Stadt bestimmen schmucke Fischerkaten, ein wenig architektonischer Glanz der Jahrhundertwende und das Schloss Ritzebüttel aus dem 14. Jahrhundert, das von einem doppelten Wassergraben umschlossen ist. Über die Stadtgeschichte kann man sich im Stadtmuseum informieren, während nebenan in einem Fachwerkhäuschen der Dichter Joachim Ringelnatz geehrt wird. Ringelnatz, eigentlich Hans Bötticher und aus Cuxhaven stammend, schrieb über sich:

»Ich komme und gehe wieder;
Ich, der Matrose Ringelnatz,
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz ...«

Ein Methusalem der Seefahrt: Auf zur Dicken Berta

Rast an der Dicken Berta

Nach dem Verlassen des neuen Fischereihafens muss man für kurze Zeit am Cuxhavener Gewerbegebiet entlangradeln, ehe man das Deichhinterland und –vorland erreicht. Bisweilen muss man auf Schafe achten, die hier grasen und jedwede Scheu vor Menschen verloren zu haben scheinen. Selbst energisches Klingeln vertreibt sie nur gelegentlich. Die Schafe sind auch die Ursache dafür, dass man nicht im flotten Tempo radeln kann. Nach kurzer Zeit stoppt ein Tor die Fahrt. Dann heißt es absteigen, Tor öffnen, das Rad schieben, wieder aufsitzen und weiterfahren. Doch wir nehmen diese Mühe auf uns, wollen wir doch zur »Dicken Berta«.

Auf einem hohlen Betonsockel ruht der weithin sichtbare, 13 Meter hohe Leuchtturm, der aber schon lange keine Dienste mehr als so genanntes Querfeuer in der Unterelbe versieht. 1817 hatte die »Dicke Berta« ihre Arbeit aufgenommen. In Zeiten von GPS ist dieses wie auch andere Leuchtfeuer jedoch nur noch ein von Liebhabern gepflegter Methusalem der Seefahrt, der 15 Meter über dem mittleren Hochwasser emporragt. Dank freiwilliger Hände, die elf Jahre lang den Leuchtturm vom Rost befreit und das Leuchtfeuer instand gesetzt haben, ist die »Dicke Berta« heute noch erhalten.

Die Besonderheit des Leuchtturms ist die ursprüngliche Steuerung des Leuchtfeuers durch Luftdruck. Bei einem Besuch betritt man zunächst den Maschinenraum, ehe man im nächsten Geschoss in die gute Stube des Leuchtturmwärters schauen kann. Viel Platz hatte er nicht: Ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Radio, später auch ein Fernseher, ein Waschbecken, ein Doppelstockbett mit Trittleiter sind die eher kärglichen Einrichtungsgegenstände. Beheizbar war der Raum und dank der Isolierung mit Torfmatten in der Außenhaut wird sich die Wärme auch gut gehalten haben. Über einen Spiegel im Treppenhaus konnte der Leuchtturmwärter von seiner Stube aus jederzeit überprüfen, ob das Leuchtfeuer störungsfrei lief. Das ersparte ihm den Gang über die enge Wendeltreppe in das oberste Geschoss. Dort oben befindet sich das eigentliche Leuchtfeuer mit der Gürtellinse für die Bündelung des Lichtes, den grünen und roten Farblichtsektoren und den beweglichen Otterblenden, die der Erzeugung von Blitzgruppen, der Kennung des Leuchtfeuers, dienen.

 

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