Reisemagazin schwarzaufweiss

Fest umklammert vom Frost

Eine winterliche Reise zum Chiemsee

Text und Fotos: Dirk Schröder

Deutschland Chiemsee Kirche

Malerisch breitet sich der vereiste Chiemsee vor den weißen Bergen aus. Die Winterruhe dringt bei einem Spaziergang tief in die Seele ein. Ebenso beim Aufstieg mit Tourenski oder Schneeschuhen auf die Gipfel. Eine „Gaudi“, wie es auf bayerisch heißt, kann man auf den nahen Rodelbahnen erleben. Auch Erwachsene haben hier ihren Spaß.

Der Schnee fliegt vom Fahrtwind ins Gesicht, die Fersen graben sich vor der nächsten Kurve in den weißen Boden, lautes Kreischen von hinten. In wilder Fahrt geht es mit dem Rodel über die beleuchtete Bahn. Nein, nicht nur die Kinder haben in Oberaudorf beim Schlittenfahren ihren Spaß, auch die Erwachsenen genießen es sichtlich wieder Kind zu sein.

Deutschland Chiemsee Rodeln

Mit dem Lift zum Rodelhang hinauf

Bei guten Schneeverhältnissen gibt es in Bayern keine Altersbegrenzung beim Rodeln. Oft geht man sogar noch nach der Arbeit mit dem „Spezel“ auf den Berg, zieht den Holzschlitten hinter sich her, um dann nach der Einkehr wieder herunter zu sausen.

Gewöhnung nach der Sommerpause

In Oberaudorf genießen wir den Lift bis hinauf zum Gasthof Hocheck, wo nur wenige Meter vom Haus entfernt die beleuchtete Rodelbahn beginnt. Es ist die einzige Möglichkeit weit und breit mit dem Schlitten so bequem hinauf zu kommen und das noch zu später Stunde. Über die Flutlichtpiste sausen Skifahrer und Snowboarder den Hang hinunter, um entweder schnell wieder hinauf befördert zu werden oder sich im Restaurant Gug bei einem heißen Getränk aufzuwärmen.

Deutschland Chiemsee Feld

Winterruhe

Uns erwartet ein warmes Wohnmobil auf dem nahen Parkplatz. Dass wir hier nicht über Nacht bleiben dürfen, verraten deutlich die Schilder, doch wir kommen am nächsten Morgen wieder, um unsere Gelenke an Ski und Snowboard zu gewöhnen.

Die Hänge sind ideal, um sich nach langer Sommerpause an die Gleiter unter den Füßen zu gewöhnen. Dann aber geht es über die Passstraße hinauf zum Sudelfeld, wo uns 30 Kilometer präparierte Pisten erwarten. Bis auf 1.530 Meter bringen uns die Lifte, wo sich ein super Panorama über den markanten Wendelstein hinaus bietet. Von Übungshängen mit Schulung bis hin zu anspruchsvollen Hängen bietet das Skigebiet verschiedene Möglichkeiten. Die einen machen ihre Mittagspause auf dem Schlitten im Schnee, andere kehren in den zünftigen Almhütten ein, wir genießen die Nähe zu unserem Wohnmobil.

Deutschland Chiemsee Alpenblick

Alpenblick vom Feinsten

„Komm Christiane, lass uns auf das Wildalpjoch hinauf gehen!“ drängt sich dieser Wunsch nach langem Betrachten der gegenüberliegenden Berge auf. Schnell sind die Schneeschuhe aus der Heckgarage geholt und montiert. Wie erwartet sind die Kinder nicht von den „Jumps“ wegzulocken, mit einer Wanderung auf den Berg schon gar nicht. Schnell verschluckt der Schnee das Stimmengewirr, Gelächter und die Hits der Saison. Das Knirschen des Schnees wird unter den Sohlen hörbar. Zaghaft singt ein Vogel sein Lied in der Sonne.

Deutschland Chiemsee Schneespur

Frische Spuren in den Schnee gelegt

Der Bergbach plätschert zwischen Eisschollen und Kieselsteinen dahin, glasklar und eisigkalt. Um auch die geringste Gefahr von Lawinen zu vermeiden, stapfen wir zwei den bewaldeten Hang hinauf, steil, schweißtreibend, doch alleine. Doch nur scheinbar. Bei unserer wohlverdienten Gipfelprämie schauen plötzlich zwei Augen um die Ecke – eine Gams hatte das gleiche Ziel und ist sichtlich erschrocken. Ich werde augenblicklich starr wie eine Wachsfigur, doch vergebens. Sekunden später ist das Tier wieder im Schutze seiner Herde und trottet den Hang entlang, auf der Suche nach Essbarem.

Märchenlandschaft wie ein Gemälde

Von oben haben wir den riesigen Chiemsee schon gesehen, jetzt kurven wir dicht am Ufer entlang. Die Jachten sind winterlich verpackt, auch einige der Ausflugsboote, die nostalgische Eisenbahn in Prien hält Winterschlaf. Eine dünne Eisschicht bedeckt die seichten Buchten im Norden. Ein Wintermärchen mit Bergkulisse eröffnet sich uns, als wir in dem kleinen Weiler Eßbaum unser kuschelig warmes Wohnmobil verlassen. Der Bootssteg bedeckt von einer dicken Schneehaube. Das Schilfufer eingefroren, der See mit einer milchig weißen Schicht überzogen, in der die großen Fußabdrücke einer Ente eingefroren sind.

Deutschland Chiemsee Jacht

Auch die Boote halten Winterschlaf

Alles liegt in Frieden, fest umklammert vom Frost. Angelehnt an den Bootsschuppen genießen wir die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und den weiten Blick bis hinüber zur Herreninsel mit ihrem Märchenschloss. Bayernkönig Ludwig wollte mit dem Prunkbau den Sonnenkönig nachahmen. Nur wenige Urlauber steuern mit dem Ausflugsboot in dieser Jahreszeit die bekannteste Sehenswürdigkeit der Region an. Keine Pferdekutsche, die einen zum Schloss bringt, keine Springbrunnen, die schon im Vorfeld das Gefühl von Überfluss und Leichtigkeit vermitteln.

Deutschland Chiemsee Anleger

Alles liegt in Frieden am See

Im nahen Ort Gstadt wird gerade ein Taxiboot beladen: Kinderwagen, Reisetaschen, Koffer. Wer sich im Winter für die gegenüberliegende Fraueninsel als Urlaubsziel entschieden hat, der wird garantiert seine Ruhe und Entspannung finden. Die schönste Perspektive über den Chiemsee mit seinen Inseln bietet sich dem Reisenden bei der Weiterfahrt nach Breitbrunn. Auf dem Höhenzug sollte man den Wagen abstellen und das Postkartenpanorama genießen. Die Dorfkirche glänzt in strahlender Wintersonne auf einem Hügel. Sie wurde auf einem alten Kraftplatz errichtet und gilt als das schönste Gotteshaus am Chiemsee.

Deutschland Chiemsee Seeblick

Zugefroren

Für den Abend steht das Prinavera auf unserem Programm. Das Erlebnisbad wurde in Form einer riesigen Muschel mit einem traumhaften Außenbecken direkt am See gebaut. Der Wildwasserkanal und die Rutsche gehören zu den Favoriten der Kinder. Sie wollen am liebsten am nächsten Abend wieder rein. Gerne wären sie über das „Bayerische Meer“ auch mit ihren Schlittschuhen gerauscht, doch dafür ist die Sonne doch schon zu warm.

Die kälteste Ecke Bayerns

Als kleiner Trost steuern wir unser Wohnmobil Richtung Sachrang, was uns als die kälteste Ecke Bayerns genannt wurde. Und richtig, kaum dass wir das Schloss über Aschau hinter uns gelassen haben, nimmt der Schnee auf den Bäumen zu. Das Tal wird immer enger, Eiszapfen hängen von den Hausdächern, der Wildbach hat sich seinen Weg zwischen schneebedeckten Steinen gebahnt. Erst als das Tal sich kurz vor Sachrang weitet, schielen erste Sonnenstrahlen über die Berge.

Deutschland Chiemsee Langlauf

Skating auf Skiern am See

Der Wanderparkplatz gleich neben der Loipe wird unser Stützpunkt für weitere Aktivitäten auf den Brettern. Keine Schilder die uns Gewissenkonflikte bereiten. Die Profis drehen in der gespurten Loipe schon ihre Runden. Wir schauen ihnen beim zweiten Frühstück aus unserem Wohnzimmerfenster zu. Die Kinder haben schon die erste Rolle für einen Schneemann platziert. Sie können wir für Langlauf nicht begeistern. Oder vielleicht doch? Das Scaten scheint sie zu interessieren.

Deutschland Chiemsee Rast auf der Hütte

Hat es vom Bewegungsablauf doch Ähnlichkeit mit dem vertrauten Rollerscate. Wir genießen unser Wohnmobil als Basis, von der aus jeder seinen Interessen nachgehen kann. Doch das ist längst nicht alles, was man hier unternehmen kann

Gleich in Aschau bringt uns eine nostalgische Gondel auf die Skipisten der Kampenwand. Wir haben uns für den Geigelstein entschieden, zum einen weil die Kinder dort rodeln können, aber auch weil die Beschreibung der Priener Hütte so urig klang. In der wärmenden Sonne dann die erste Verschnaufpause. Das Zwitschern der Vögel übertönt meinen Herzschlag. Grüne Fichten, in denen unsere Aufstiegsspur verschwindet, gleißend reflektierender Schnee lässt uns die Augen zu einem kleinen Sehschlitz zusammenkneifen. Nach einer Stunde Aufstieg sind wir in eine andere Welt eingetaucht. In der Ferne die faszinierende Schönheit der Alpenkette, die Wand des Kaisergebirges zum Greifen nahe, der Wendelstein in der Ferne und vor uns die Trittsiegel der Waldbewohner neben der breiten Spur des Scooters. Darüber die Aufstiegsspur unserer Vorgänger.

Gipfelstürmer

Christiane entdeckt in der Ferne einen Heißluftballon am blauen Himmel. Diese Jahreszeit ist ideal für eine Überquerung der Alpen. Diese Passagiere genießen jetzt gerade vermutlich das Panorama der Loferer und Kitzbühler. Einige Ballonfahrer haben am Chiemsee ihren Stützpunkt eingerichtet, um so schnell die richtigen Wetterbedingungen nutzen zu können.

Die letzten Höhenmeter zum Gipfelkreuz sind grandios: die Latschen mit einer dicken Eiskruste überzogen, mitten durch gleiten die Ski in der Aufstiegspur. Noch wenige Meter, dann stockt mir fast der Atem. Ein 360-Grad-Panorama der Superlative liegt vor uns. Wie will man das beschreiben? Wir genießen es ebenso wie die anderen Gipfelstürmer neben dem vereisten Kreuz.

Deutschland Chiemsee Gipfel

„Wo bleibt ihr denn?“ begrüßen uns die Kinder später auf der Sonnenterrasse der Priener Hütte, die Bäuche bereits mit Cola bis zum Rand gefüllt. „Kommt, wir wollen endlich runter rodeln und mal sehen, ob Ihr mit euren Brettern uns abhängen könnt!“ So entgeht uns ein guter Kaiserschmarrn und vielleicht auch die Hausmusik vom Hüttenwirt.

 

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