Ausstellungsorte in Chemnitz: Kunstsammlungen / Museum Gunzenhauser / Industriemuseum / Villa Esche
Chemnitz
Villa Esche
• Die Idee von Henry Van de Velde - die Villa Esche
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Text/Fotos: ferdinand dupuis-panther

Ansicht von der Remise aus
Die 1903/04 errichtete Villa kann aufgrund der von Van de Velde konzipierten Inneneinrichtung als ein Gesamtkunstwerk angesehen werden. Schon 1906 wurden verschiedene Innenansichten in der namhaften Zeitschrift "Kunst und Künstler" veröffentlicht. Nach dem Abschluss der aufwändigen Restaurierungsarbeiten beherbergt die Villa Esche seit einigen Jahren das erste Henry Van de Velde Museum Deutschlands und dient außerdem als Kommunikations- und Begegnungsstätte für Wirtschaft, Kunst und Kultur.

Remise der Villa Esche, heute Restaurant Villa Esche
Wer glaubt, Van de Velde, der eigentlich kein Architekt, sondern Designer war, sei dem Peitschenschlagmotiv der Art nouveau gefolgt und habe dem Stararchitekten der belgischen Art nouveau Victor Horta nachgeeifert, der irrt. Beschwingter Jugendstil ist nicht der Stil Van de Veldes. Seine Bauten sind eher bodenständig, scheinen massiv gegründet und verzichten auf florale Zitate. So ist auch die Villa Esche mit ihrer auffallenden quer gestrichenen Verputzung der Fassade erst auf den zweiten Blick als ein Kind des Jugendstils auszumachen. Das tiefe Gelb des Fassadenanstrichs und die taubenblauen Fensterrahmen und die ebenso gestaltete Veranda sind weithin sichtbar. Auffallend sind die „Strebpfeiler“, die das Haus „gründen“. Umgeben ist die Villa, neben der eine Remise steht, von einer parkähnlichen, terrassierten Gartenanlage mit einer Auffahrt zum Haus. Die Balustraden und Gitter im Park und am Haus erinnern in ihren geometrisierten Formen eher an die Baukunst Josef Hoffmanns, des Schöpfers des Palais Stoclet und des Gründers der Wiener Werkstätte.
Die Remise, in der heute ein erstklassiges Restaurant untergebracht ist, besitzt ein flaches Satteldach und umlaufende „Fensterbänder“, die die Horizontale betonen.
Zu den Gästen des Hauses gehörte einst auch der norwegische Maler Edvard Munch, der während seines Aufenthaltes nicht nur dem Alkohol stark zusprach, sondern immerhin auch acht Gemälde, darunter Porträts der Kinder des Ehepaars Esche, fertig stellte.

Der Speisesaal
Im Erdgeschoss vermitteln das ehemalige Speisezimmer und der Musiksalon weitgehend original möbliert einen Eindruck der ursprünglichen gestalteten Wohnwelt der Strumpffabrikantenfamilie Esche. Der Musiksalon ist spärlich mit zwei Sofas mit weißem Korpus und altrosa Bezug möbliert. Vor einem dieser Sitzmöbel steht ein dreieckiger Tisch. Leicht geschwungen sind die jeweiligen Standflächen, ohne jedoch Wurzelwerk zu kopieren, das andere Jugendstildesigner bei ihren Entwürfen verwendeten. An eine stilisierte Lyra erinnern die in einen weißen Holzrahmen eingefügten Messingplatten, mit denen die Heizkörper verkleidet sind. Der Raum öffnet sich mit einer Art Erker zur Gartenseite hin. Die großen, fast raumhohen Fenster lassen viel Tageslicht einströmen. Eine aus tropfenförmigen Schalen komponierte Deckenlampe sorgt für zusätzliches Kunstlicht.
Durch eine Schiebetür ist der Musiksalon mit dem Speisesaal verbunden, dessen Vertäfelung von einer Ahnenbildergalerie durchbrochen ist. Nicht nur die Stühle, sondern auch Besteck und das aufgelegte Geschirr entstammen der Hand Van de Veldes. Die durchbrochenen Lehnen der Esszimmerstühle ahmen gotische Spitzbogenfenster nach. Tropfenähnlich ist die Stuckierung der weiß getünchten Decke dieses eher dunklen Raums. Über der hölzernen Wandvertäfelung befinden sich Doppelleuchten in dreiblättriger Blütenform, die Van de Velde entworfen hat.

Deckenleuchte im Musikzimmer
Die Halle mit dem Treppenaufgang zum Obergeschoss wird durch ein Oberlicht mit Tageslicht versorgt. Zart gefärbtes Buntglas dämpft allerdings das eindringende Licht. Wie im Musiksalon so finden sich auch im Treppenhaus verkleidete Heizkörper. Wegen der mangelhaften Bauausführung – Van de Velde war unerfahren, als er die Bauaufgabe für den Fabrikanten Esche übernahm – musste noch ein offener Kamin eingebaut werden. Allerdings werden alle drei Heizquellen nicht ausgereicht haben, das hohe Treppenhaus, gleichsam das Entree des Hauses, ausreichend zu erwärmen.
Im Obergeschoss befanden sich einst die Schlaf-, Kinder- und das ca. 60 qm große, stets zu kühle Badezimmer, die heute nicht komplett mit passendem Mobiliar ausgestattet sind, sondern mit Einzelstücken, die zwar Van de Velde entworfen hat, die aber nie zum Haus Esche gehörten. Sie sollen lediglich einen Eindruck vom Gestaltungspotenzial des belgischen Designers vermitteln, der in Dessau für den Vorläufer des Bauhauses verantwortlich zeichnete und in Hagen für Karl Osthaus einen Museumsbau konzipierte. Zu den ausgestellten Möbeln gehören eine Frisierkommode von 1897 mit schwenkbarem Spiegel, eine Waschkommode von 1905, ein Spieltisch von 1907/08 nebst Stühlen und einer großen Amphore sowie ein zweiteiliger Schrank. Zu sehen ist auch ein spangenförmiger Schreibtisch von 1902/03. Das Mobiliar wird auf niedrigen Podesten präsentiert, ohne ein Raumensemble nachstellen zu wollen.
Wer übrigens einen der zur Gartenseite gelegenen Räume im Obergeschoss betritt, wird sich über die quer gestrichene Verputzung des Zimmers wundern. Dieser Raum wurde erst 1911 ergänzt und schloss gleichsam den Baukörper zu einem kompakten „Würfel“ ab.

Exponat im Museum Henry van de Velde
Villa Esche
09120 Chemnitz
Parkstraße 58
Kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de
www.chemnitz.de/kunstsammlungen
Öffnungszeiten
Mi, Fr, Sa, So 10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Termine für Führungen Tel. 0371 533-1088
Postanschrift
09119 Chemnitz
R.-Wagner-Str. 55
Tel. 0371 533-1088