Ausstellungsorte in Chemnitz: Kunstsammlungen / Museum Gunzenhauser / Industriemuseum / Villa Esche
Chemnitz
Museum Gunzenhauser
• Otto Dix, Alexeij von Jawlensky, Erich Heckel, Conrad Felixmüller und Ernst-Ludwig-Kirchner aus der Sammlung Gunzenhauser
laufend
Text: ferdinand dupuis-panther
OTTO DIX IN CHEMNITZ
bis zum 15. April 2012

Einst Sitz der Sparkasse und nun ein "Schrein
für die klassische Moderne" , foto: fpd
Ein Galerist stiftet eine Sammlung
Die Wenigsten werden wissen, dass die Epoche der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Zeit für die auf Textil- und Maschinenbau spezialisierte Stadt Chemnitz war. Bedeutende Künstler wie Edvard Munch erhielten Aufträge und Angebote für Ausstellungen. Wichtige Vertreter des Expressionismus wie Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel wurden hier geboren oder wuchsen in der Stadt auf, ehe sie nach Dresden und Berlin gingen. An diese Tradition knüpft das im Dezember 2007 eröffnete Museum Gunzenhauser an. Ein Galerist und Sammler übereignete seine erstklassige Sammlung mit einem Konvolut an Werken von Otto Dix, Jawlensky, Felixmüller, Poliakoff, Nay, Kirchner, Heckel, aber auch Geiger, Warhol, Grützke und Antes der Stadt. 2459 Werke von 270 Künstlern, darunter mit 290 Werken das weltweit größte Otto Dix-Konvolut, sind nunmehr Teil der neuen Sammlungen der Stadt Chemnitz. Weitere Schwerpunkte des Museums Gunzenhauser sind 114 Werke von Conrad Felixmüller, 76 Arbeiten von Alexej von Jawlensky, 55 von Gabriele Münter, 26 von Lovis Corinth und 21 von Paula Modersohn-Becker. Allerdings sind nur etwa zehn Prozent der Schenkung Gunzenhauser gleichzeitig zu sehen. Und diese zehn Prozent, die zur Eröffnung gezeigt werden, haben es allemal in sich.
Das Neue Bauen nimmt sich der klassischen Moderne an
Aus städtischen Mitteln wiederum baute man in dem ehemaligen Sparkassengebäude am Falkeplatz, das 1930 im Stil des Neuen Bauen gebaut und mit Travertin verkleidet wurde, ein neues Museum.
Dabei wurde in die Hülle des ehemaligen Verwaltungsbaus mit seiner starken Durchfensterung, die einer musealen Nutzung als Kunsthalle absolut abträglich ist, ein zweites Haus in Trockenbau eingesetzt. Eine schmale, rot ausgeschlagene Kaskadentreppe führt wie auch ein Fahrstuhl in die drei Obergeschosse mit den „Künstlersälen". Dabei nimmt die Präsentation des Werks von Otto Dix den breitesten Raum ein und umfasst das Früh- wie auch das Spätwerk des teilweise in altmeisterlicher Manier malenden Künstlers, der sich zudem auf Dada und den Expressionismus mit seinen grellen, „gefühlten“ Farben verstand.
Antes, Warhol und andere
Der Sockelbereich des Hauses wird mit seinen Räumen zu Wechselausstellungen genutzt. Zur Zeit sind hier Arbeiten von Horst Antes – jeder kennt seine berühmten Kopffüßler – sowie von Johannes Grützke und Karl Horst Hödicke zu sehen. Auch Andy Warhol ist hier präsent, zum einen mit seinem Leninporträt und zum anderen mit dem des deutschen Dichterfürsten Goethe. In einem separaten schlauchähnlichen Raum präsentiert man Kleinplastiken, ob nun den „Jüngling“ von George Minne oder Constantin Meuniers „Ausruhenden Puddler“. Wer die Großplastiken dieser beiden belgischen Künstler kennt, muss angesichts dieser Miniaturen schmunzeln, die eher an Nippes erinnern als an aussagestarke Plastiken, die man im öffentlichen Raum sehen kann. Darüber hinaus entdeckt man Renée Sintenis’ „Der Boxer Erich Brandl“, der mit erhobenen Fäusten und nachlässiger Deckung Aufstellung genommen hat. Nur der vordere Oberkörper des Pferdes erhebt sich aus den Wellen in einer Plastik, die der eher als Maler bekannte Pierre Bonnard geschaffen hat.
Selbstbildnisse und ein Blick auf die Arbeiterklasse
Begeben wir uns in das oberste Geschoss, so stoßen wir auf ein frühes Porträt von Dix, das ihn als Bauernbuben vom Land zeigt. Diesem Porträt gegenübergestellt ist das Selbstbildnis von Conrad Felixmüller. Von diesem Maler sind unter anderem ein in Bleistift geschaffenes Porträt von Max Liebermann, aber auch das Aquarell „Blaue Zirkusreiterin“ zu sehen. Zudem sind einige Arbeiten ausgestellt, die das Leben der Industriearbeiter des Ruhrgebiets reflektieren. Felixmüller hatte sich intensiv mit deren sozialer Lage befasst, hat den rußverschmierten Bergmann ebenso gemalt wie einen Arbeitslosen vor der Kulisse von Schloten und Fördertürmen.
Dix und die Frauen
Der Maler und die Frauen ist ein Thema, das Dix Zeit seines Lebens begleitete. Er war kein Kostverächter und hatte zahlreiche Geliebte, die immer wieder in seinen Gemälden auftauchen. Es sind aber auch Themen wie käufliche Liebe und sexuelle Gewalt, die Dix malerisch bearbeitet hat.
Missmutig und mit starrem, durchdringendem Blick hat sich Dix in seinen zahlreichen Selbstbildnissen gesehen, so auch in „Selbstbildnis mit weiblichem Akt“ eine aquarellierte Bleistiftzeichnung. Stand für „Mädchenkopf mit Wuschelfrisur“ (1930) vielleicht Martha, die Gattin von Dix Modell, fragt man sich beim Anblick des Porträts. Verlebt, die Zigarette achtlos zwischen den knallroten Lippen und das Haar feuerrot so sah Dix eine „Kupplerin“. Szenen aus dem Rotlichtmilieu finden sich unter anderem mit „Antwerpen – Matrose und Mädchen“ (1921): Eine unbekleidete Nutte im Hafenviertel von Antwerpen taxiert abschätzend einen sich breitbeinig vor ihr aufbauenden Matrosen. Schonungslos demaskiert Dix seine Porträtierten, so auch die abgetakelte, vom Alter gezeichnete „Leonie“, die auch mit aufwändigem Hutschmuck nicht liebreizend wird. Die „Rothaarige Frau“ – dabei handelt es sich um eine der Geliebten des Malers – ist mit ihren herunterhängenden Schultern und dem magersüchtigen Körper, an dem das Kleid schlottert, nicht gerade vorteilhaft dargestellt worden. Dix schaut eben nicht allein auf, sondern auch hinter die menschliche Fassade.
Petrus und der Dornenkönig
Auffallend ist im Spätwerk Dix’ die Zuwendung zu religiösen, biblischen Themen, sei es der mit Dornenkrone gekrönte Jesus oder Petrus mit dem Hahn. Dix hat davon gleich eine Art Zyklus in unterschiedlichen Techniken geschaffen. Besonders beeindruckend ist eine in Öl gemalte Pietà: Dix malt keine sitzende Madonna mit Jesus auf ihrem Schoß, sondern einen knienden, gegeißelten, blutenden Heiland in den Straßen einer Großstadt, der von einer schwarzgekleideten Frau umarmt wird.
Dass Dix mit der Collage ebenso umzugehen verstand wie mit der expressiven Farbsetzung wird angesichts von „Abschied von Hamburg“ und „Bild des Malers Zienert“ deutlich. Als wollte er in der figurativen Abstraktion mit Kandinsky konkurrieren, so erscheint „Spaziergang in einer französischen Kleinstadt“.
Kriegszeiten
Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verarbeitet Dix malerisch mit zahlreichen kleinformatigen Zeichnungen und Gemälden, ob nun mit „Grab des Franzosen“ oder „Betonschützengraben mit Blumen“. Gespenstisch ist die menschenleere Szenerie in der Bleistiftzeichnung „Laufgraben“. Das blutige Gemetzel eines Stellungskrieges muss der Betrachter sich denken, gezeichnet hat Dix es nicht. Seine gezeichneten Krüppel allerdings zeigen das gesamte Elend des Krieges: Ein beidarmig und beidbeinig Amputierter verkauft an Vorbeieilende Streichhölzer. Da er zugleich blind ist, sieht er nicht, dass ihn ein Köter anpinkelt. Ebenso scharf in der Kritik an dem Krieg, in den Dix wie andere seiner Zeitgenossen als begeisterter Freiwilliger eingetreten war, ist auch das Werk „Kriegskrüppel“, eine Radierung von 1920.
Bordschwalben und altmeisterliche Landschaften
Eine Art Kabinett ist der „Halbwelt auf Papier“ vorbehalten. Hier finden sich die käuflichen Bordschwalben von der Hamburger Reeperbahn, die dem Betrachter schamlos ihren Körper anbieten. In „Parade“ warten drei abgetakelte Nutten auf Freier für die Nacht, während in „Vergewaltigung I“ Sexus und Gewalt thematisiert wird.
Im Spätwerk finden sich altmeisterliche Landschaftsgemälde, die in der Zeit des Malverbots im Hegau entstanden. Man glaubt bisweilen, Brueghel oder ein altdeutscher Maler seien von Dix kopiert worden.
Kirchner, Heckel, Beckmann …
Die klassische Moderne findet im zweiten Geschoss ihren Platz, sei es nun Max Beckmanns „Blick auf Zandvoort am Abend“ oder Kirchners „Erich Heckel und Dodo im Atelier“. Skizzenhaft und in der Farbpalette reduziert entstand Heckels Ansicht der „Dresdner Vorstadt“. Zu sehen ist auch der Nestor der klassischen Moderne, Christian Rohlfs, der erst in sehr späten Jahren seines Schaffens zum Expressionismus fand, so in seinen Ansichten von Soest, in denen er mit den Grundfarben Rot, Gelb, Blau eindrucksvolle Aufnahmen der westfälischen Kleinstadt malte (u. a. „Turm von St. Paul in Soest“).
Die klassische Moderne ist ohne den Blauen Reiter und Gabriele Münter nicht denkbar. Kein Wunder, dass die Sammlung auch diese Künstlerin präsentiert. Überaus beeindruckend sind Jawlenskys Köpfe, die in ihrer Farbgebung bisweilen an Harlekins denken lassen. Zugleich kann man an den gezeigten Köpfen die allmähliche Formenreduktion auf die wichtigen Konturen des Gesichts nachvollziehen. Zu sehen sind unter anderem „Heiligengesicht“ und „Abstrakter Kopf“.
Beim Gang durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts gelangt man im ersten Geschoss zu den Vertretern des Informel – unter anderem Emil Schumacher ist hier zu nennen – der Flächenmalerei – ob nun Nay oder Poliakoff – und der seriellen Abstraktion, wie sie bis heute der nunmehr 100-jährige Rupprecht Geiger malt und einen Mark Rothko vergessen lässt. Leider fehlt es gerade in diesem Teil des kunsthistorischen Exkurses an Handreichungen für die Besucher, an Bildinterpretationen zu einzelnen Werken, die es dem Publikum erlauben, auch diese nicht-figurative Malerei zu begreifen. Denn was sagen dem Betrachter die in Blautönen gehaltenen, scharf von einander abgegrenzten Farbflächen Poliakoff und Geigers monochromes Rosarot?
Die Eindrücke und Farbexplosionen sind während des Rundgangs kaum alle zu verarbeiten und sie zwingen zum Wiederkommen und zum ausgewählten Betrachten der Werke. Es wäre wünschenswert, wenn neben den einführenden Saaltexten wie in der Veröffentlichung „Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser“ (Prestel-Verlag München 2007) mit Faltblättern auf einzelne Werke besonders eingegangen werden würde. Gespannt darf man außerdem auf weitere Werke aus der Sammlung sein. Nachzudenken wäre auch über ein Schaulager, damit es nicht Jahre dauert, bis alle Werke der Sammlung einmal das Licht der Museumssäle gesehen haben.
Mit dem Jahr seines Weggangs aus Dresden 1933 setzte eine intensive Freundschaft zu zwei Chemnitzer Familien ein, die in den folgenden Jahren der politischen Unterdrückung seines Werks zu den wichtigsten Förderern und Auftraggebern wurden. Es handelt sich zum einen um den Chemnitzer Unternehmer Fritz Emil Niescher (1889-1974), der bis zu seinem Tod die wohl umfangreichste private Sammlung von Silberstiftzeichnungen des Künstlers aufbaute, und zum anderen um den Kinderarzt Dr. Max Otto Eberhard Köhler (1887-1963), der als enger Freund dem Künstler in seinem Haus im Chemnitzer Vorort Siegmar-Schönau wiederholt Aufenthalt und einen Raum für ein provisorisches Atelier bot. Zu den Höhepunkten der Köhler'schen Sammlung gehört das Gästebuch der Familie, in das sich Otto Dix mehrfach mit Zeichnungen eintrug, daneben aber auch andere Künstler wie Franz Radziwill, Carl Lange oder Karl Kröner. Fritz Niescher erwarb von Dix nicht nur immer wieder Zeichnungen und Druckgrafiken, sondern auch einzelne Gemälde und beauftragte den Künstler mit der Anfertigung einer Wandmalerei. Nachdem Niescher 1935 am Goetheplatz in Chemnitz eine Villa erworben und modernisiert hatte, ließ er auf seinem Grundstück 1936 einen Gartenpavillon errichten, dessen künstlerische Ausgestaltung er zunächst dem Chemnitzer Maler und Grafiker Gustav Schaffer (1881-1937) übertrug. Nachdem dieser 1937 während der Arbeiten verstarb, beauftragte Niescher seinen Freund Otto Dix mit der Ausmalung des Pavillons. So entstand 1938 die Wandmalerei Orpheus und die Tiere, die eine von nur drei Arbeiten des Künstlers in dieser Technik darstellte. Leider wurde sie bei den schweren Bombenangriffen auf Chemnitz im März 1945 vollständig zerstört.
Das Wandbild aus dem Pavillon
Fritz Nieschers wird soweit möglich rekonstruiert und in einer
Rauminstallation im Oberlichtsaal des Museums Gunzenhauser begehbar
gemacht. Zudem wird der Katalog zur Ausstellung Dix’ Beziehungen zu
seinen Chemnitzer Mäzenen, seine Aufenthalte und die Ausstellungen
seines Werks in der Stadt mit zahlreichen Dokumenten illustriert. Damit
versteht sich das Projekt als Fortsetzung der Ausstellungen zu den
Beziehungen von Edvard Munch, Max Klinger und Ernst Ludwig Kirchner zu
Chemnitz, die die Kunstsammlungen Chemnitz seit 1999 veranstalteten.
Kunstsammlungen Chemnitz
Museum Gunzenhauser
Stollberger Straße 2/Falkeplatz
09119 Chemnitz
kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de
Öffnungszeiten Dienstag – Freitag: 12 – 19 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag: 11 – 19 Uhr;
24. und 31. Dezember geschlossen