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Ausstellungsorte in Chemnitz: Kunstsammlungen / Museum Gunzenhauser / Industriemuseum / Villa Esche

Chemnitz
Industriemuseum

• In einer ehemaligen Gießerei -
Fabrikarbeit und Hausfrauendasein nicht nur in Karl-Marx-Stadt
laufend


Text und Fotos: ferdinand dupuis-panther

Die Sozialgeschichte der Stadt Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt, beleuchtet das Industriemuseum. Dabei werden Themen wie Fabrikarbeiter, Familie, Kreative, Unternehmer, Karl-Marx-Stadt oder Erwerbslosigkeit behandelt. Wohl einmalig ist die Straße der Textilproduktion mit ihren unterschiedlichen Maschinen zum Stricken von Strümpfen oder zum Weben von Stoffbahnen. Die vorhandenen Maschinen sind alle betriebsbereit und können durch die jeweilige Aufsicht in Gang gesetzt werden. Dann saust das Schiffchen hin und her, nähen flinke Nadel an der Rundwirkmaschine die Ferse eines Strumpfes.

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Oldtimer aus DDR-Tagen

Nicht nur der Golf CitySTROMer
Werfen wir zunächst einen Blick in das Fahrzeugdepot und die Motorenwerkstatt: Neben sächsischen Gaslaternen aus vergangenen Tagen parkt das Tanklöschfahrzeug W50 von 1988 aus dem VEB IFA-Werk Ludwigsfelde. Dessen Zeiten für Löscheinsätze sind längst vorbei. Ebenso ausgedient hat der hellgrau-blau gespritzte Kleintransporter Framo 901  von 1953, der es auf 72 km/h brachte, als er 1953 produziert wurde. Zu sehen ist aber auch Dresdner Fahrzeug-Hightech: Der Golf CitySTROMer von 1996, der allerdings nur in einer Stückzahl von 130 Fahrzeugen vom Band lief. Es war ein Versuch, der keinen ausreichenden Absatz fand. Wer nicht nur mit Pedalkraft auf einem Drahtesel unterwegs sein wollte, konnte sich zwischen 1991 und 1996 ein Elektrofahrrad Cityblitz anschaffen, da bei den Diamant-Fahrradwerken in Hartmannsdorf zusammengeschraubt wurde. Dessen Produktion wurde eingestellt, da ein Absatz von 3000 Fahrrädern in fünf Jahren kein Erfolg war. Neben weiteren Feuerwehrfahrzeugen wie dem Tankwagen S4000-1 von 1962 darf auch ein P601 Trabant in einem sächsischen Industriemuseum nicht fehlen. In der an die Fahrzeughalle angeschlossenen Motorwerkstatt kann man unter dem Thema „Vom Muskelprotz zum Saubermann“ die Entwicklung vom Otto- zum Hybrid-Motor anhand von entsprechenden Motoren und Saaltexten nachvollziehen.Ein 4-Takt-Motor für ein Wanderer Kraftrad  ist ebenso zu sehen wie ein Versuchsmotor des VEB Motorenwerks Chemnitz aus der Zeit 1948 bis 1953. Ein Junkers-Gegenkolbenmotor ist ein weiteres Beispiel für die Motorenentwicklung vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Motto „Ich tanke vegetarisch“ werden Sun-Diesel und Bio-Diesel als Treibstoffalternative zum Benzin aus Rohöl vorgestellt.

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Hier wuschen sich Fabrikarbeiter am Schichtende

Verlassen wir das Depot und begeben uns nach einem Blick ins Maschinenhaus, wo noch eine mehr als 100 Jahre alte betriebsfähige Dampfmaschine steht, in die ehemalige Gießereihalle, in der die Dauerausstellung präsentiert wird. Themen wie „Sachsen“, „Unternehmer“, „Fabrikarbeiter“ oder „Kreative“ haben jeweils ihre farbig markierte Ausstellungsfläche. Dank audiovisueller Medien können die jeweiligen Themen vertieft werden. Spricht man die Aufsichten vor Ort an, so erhält man nicht nur hilfreiche Erklärungen, sondern kann die vorhandenen Maschinen in Aktion erleben und  auf der vorhandenen, 18 Meter langen Asphaltkegelbahn (1930/2002) alle Neue treffen. Dank des sozialgeschichtlichen Ansatzes bei der Realisierung des Museumskonzepts beschränkt man sich nicht auf die Darstellung der unmittelbaren Arbeitswelt, sondern blickt auch auf die Familie und Kinder der Arbeiter, auf die Entstehung von Arbeitersportvereinen und Arbeitermusikvereine, stellt die Unternehmer und die kreativen Forscher sowie deren Produkte vor, lässt die Schlosserei einer sächsischen Färberei wieder auferstehen und unternimmt einen Streifzug durch die Geschichte von Chemnitz, das zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt hieß.

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Küchenschrank mit allem Komfort für die Hausfrau

Fabrikarbeiter schaffen nicht nur an der Revolvermaschine
Kurze Drehteile konnten mit 16 verschiedenen eingespannten Werkzeugen an der 1921 entwickelten Revolvermaschine hergestellt werden. Dass man in den Fabriken auf ein Minimum an Hygiene achtete, unterstreichen die ausgestellten Waschbecken mitQuerschliff des Abflussrohres.

Das Museum bewahrte auch einen einständigen Dampfhammer der Sächsischen Maschinenfabrik Chemnitz, vormals Firma Richard Hartmann, vor der Verschrottung. Bis 1997 war dieser Dampfhammer, der im Museum nicht betrieben werden kann, im Einsatz und wurde anschließend unter Denkmalschutz gestellt.

In blauer Neonschrift prankt der Schriftzug Betriebspoliklinik über der Schlosserwerkstatt der sächsischen Färberei Haase in Neukirchen bei Chemnitz. Über Transmissionsriemen wurden in dieser Werkstatt Bohrmaschinen und Querbetthobelmaschine betrieben, die Ersatzteile fertigten und Reparaturen ausführten. Bis 1989 liefen diese Maschinen, ehe sie nicht mehr gebraucht wurden. Der Namenszug einer Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik ist auf einer der Maschinen zu lesen – dies unterstreicht die einstige Bedeutung von Chemnitz als Maschinenbaustandort.

Nicht nur den Fabrikarbeitsplatz hat das Museum im Blick, sondern auch die Welt der Angestellten, die an Continental-Buchungsmaschinen Soll und Haben verbuchten.

Willkommen in Karl-Marx-Stadt
Ein Ortsschild begrüßt den Besucher, der zugleich auf Autos aus dem Sachsenring-Werk stößt, darunter ist auch ein Trabant mit Zelt auf dem Dach für alle diejenigen, die keine Lust auf FDGB-Heim-Urlaub hatten oder erst gar keinen Platz erhielten, um an der Ostsee Urlaubstage zu verbringen. Zwei Modelle von einer Großbaustelle für Plattenbauten und der Fritz-Heckert-Siedlung für 70000 Einwohner markieren die Wohnungsbaupolitik der 1960er und 1970er Jahre. Der Dramaturg Heiner Müller nannte derartige Wohnsiedlungen schlicht „Arbeiterfickzellen“ – und aus einzelnen Zellen bestanden diese Wohnung auch. Vormontiert mit allen Leitungen wurde beispielsweise die Nasseinheit in die Bauten eingesetzt. Ein derartiges Nasszellenmodul ist in der Ausstellung auch zu sehen. Zur Einrichtung einer Neubauwohnung gehörte die Schrankwand der VEB Deutsche Werkstätten Hellerau, die mit unterschiedlichen Furnieren von 1967 bis 1991 in Dresden-Hellerau gefertigt wurde.

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Kreatives Spielzeug aus Sachsen

Kreative Köpfe
Dass in einem ostdeutschen Industriemuseum das Thema „Kombinate“ nicht ausgespart werden kann, erscheint selbstverständlich. Unter dem Stichwort „Kreative“ zeigt das Museum prämierte Designs wie den Schaukelwagen „Rocki“, das Turn- und Spielgerät für Kindergärten von Hans Brockhage – heute von manufactum vertrieben.

Zu den herausragenden Designs gehört auch das Carbon-Mountainbike Fiper-V5 – ausgezeichnet mit dem Sächsischen Staatspreis 2003 – und Mode von mutare, einem Chemnitzer Label, das 1998 gegründet wurde.

Dass man auf die Erzeugnisse der Autoindustrie, wie den DKW F7 von 1937 und den Wanderer W27 von 1939 oder den Horch-Pullmann von 1935/36, stößt, wundert nicht, denn DKW, die Wanderer-Werke und Horch hatten ihre Produktionsstätten in Sachsen.

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Die Firma Wanderer baute bei Chemnitz diesen eleganten Wagen

Kinderwelten, Bandoneonmusik und Arbeitersport
Ein Barren aus der Produktion der Chemnitzer Turngeräte Fabrik Jul. Dietrich und Hannak ist eines der Exponate, die das Thema Arbeitersport veranschaulichen. Auch die Kegelbahn macht deutlich, dass es neben der Arbeit auch das Vergnügen gab. Schalmei, Mandoline und Bandoneon waren die Instrumente, die in Arbeiterkapellen hoch im Kurs waren. Dass man nicht nur Arbeiterlieder, sondern auch den Deutschen Fußballmarsch intonierte, wird aus der entsprechenden Ausstellungspräsentation deutlich.

Mit welchen Spielsachen Kinder einst aufwuchsen, sieht man an Walther’s Metallbaukasten Stabil Nr.50 und Fröbels Bauschule. Puppen und Puppenstuben als Teil der Mädchensozialisation werden gleichfalls gezeigt. Desgleichen sind Elastolin-Soldatenfiguren von 1935 zu sehen – stramme Knaben brauchte das damalige Deutsche Reich und so lernte man von klein auf soldatisches Handwerkszeug mit entsprechendem Spielzeug. Das Pochwerk mit Bergleuten aus Zschopau (um 1900) und ein Holländer (um 1938) sind weitere Kinderspielgeräte, die man zusammengetragen hat, um das Thema „Kindheit“ zu illustrieren.

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Elektrische beheizbare Sitzbadewanne, Staubsauger Pipette und Bodenstaubsauger

Hausfrauenglück
In den 1930er Jahren war das Küchenbüfett mit integrierter Kaffeemaschine der Traum einer Hausfrau. Dieser Küchenschrank hatte aber auch ein Eierfach, eine eingebaute Uhr und Vorratsgläser: „Eine Drehung ein Griff“ stand als Idee hinter diesem funktionalen Möbelstück. In einigen Haushalten gab es bereits um 1910 eine beheizbare Sitzbadewanne. Anfänglich war auch die um 1922 entwickelte Wäscheschleuder in den meisten Arbeiterhaushalten ein Luxus. Die Hausarbeit erleichterte in den 1920er Jahren der Staubsauger Pipette – und er sah auch so aus, wie er hieß. Das Hausfrauenglück in den 1930er Jahre war der Bodenstaubsauger aus dem Sachsenwerk. Nach dem Krieg war die Hausfrau glücklich über einen aus Torpedomaterial gefertigten Ofen.

Da die Einkommen aus Fabrikarbeit gering waren, wurde der Heimarbeit nachgegangen, so auch am ausgestellten, um 1900 hergestellten Tamburierrahmen, der dazu diente, feine Häkelstickerei auf Tüllgrund zu fertigen. 1775 wurde diese Art der Heimarbeit von Clara Angermann im Erzgebirge eingeführt.

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Feinste Stoffe wurden mit Handwebstühlen gefertigt

Von Handkulierwebstühlen und anderen Maschinen der Textilproduktion
Im Unterschoss kann man Jahrhunderte der Textilproduktion erleben. Zu Beginn wird danach gefragt, was beim Bleichen geschieht und zugleich eine Bleichwiese inszeniert, auf der ursprünglich Leinen ausgebreitet, mit Wasser benetzt und dem Sonnenlicht ausgesetzt wurden, um unerwünschte Farbstoffe aus dem Material zu entfernen. Auf welche chemische Prozesse das zurückgeht, wird in wenigen Worten erläutert. Dass ohne Johann Esches Handkulierwebstuhl die sächsische Strumpfproduktion nicht erfolgreich gewesen wäre, ist ebenso zu erfahren wie die Tatsache, dass im 20. Jahrhundert zwei Drittel des Weltbedarfs an Strickstrümpfen aus sächsischer Produktion gedeckt wurde. Bis heute ist die Textilindustrie in Sachsen ein wichtiges Standbein der Wirtschaft. Neue Vliesstoffe werden aktuell im Sächsischen Forschungsinstitut in Chemnitz entwickelt.

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Hier wurden Untertrikotagen gestrickt

Doch alles begann mit einfachen Hilfsmitteln, mit dem Baumwollklopftisch und dem Kardierbock zur Vorbereitung des Fasermaterials für die weitere Verarbeitung. Zur Entwicklung der im Textilgewerbe eingesetzten Maschinen gehört die Spinning Jenny von 1770, deren Nachbau zum Museumsbestand gehört. Um aus Spinnereiabfällen noch Fäden gewinnen können, wurde die Dosenspinnmaschine eingesetzt, die minderwertige Baumwolle, Reißfasern und Abfälle verarbeiten konnte, indem durch Verdrehung des Vorgarnbehälters (Dose) das Material auf die Spindel gezogen wurde. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so erfährt der Besucher, wurde in der erzgebirgischen Posamentenindustrie die Chenille-Maschine eingesetzt. Zwischen zwei Drähten konnten  in dieser Maschine aber auch aufgesplittete Fadenschlingen so eingezwirnt werden, dass deren Enden nach außen abstehen und so ein voluminöses Fadengebilde entstehen konnte. Dies diente dann als Dekorationsmaterial.

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Kulierhandschuhe für die elegante Dame

Noch heute wird der um 1900 hergestellte Handwebstuhl mit Jacquardeinrichtung – sprich mit Lochkartenpappen – zur Stoffherstellung benutzt. Schlaufenförmige Stoffe für Untertrikotage konnte am Rundwirkstuhl (1904) aus Cannstadt gewirkt werden. 800 Spitzennadeln auf einem Nadelteller dienten dazu, den feinmaschigen Stoff zu fertigen. Daneben gibt es Maschinen für die Strumpfherstellung zu sehen, ob nun Ein- oder Doppelzylinder-Rundstrickmaschinen, die in den 1920er Jahren für das komplette Stricken von Bündchen, Socke und Ferse dienten, ohne einen Maschinenwechsel vornehmen zu müssen. Für einen Strumpf benötigt diese Maschine etwa fünf Minuten. Heutige Rundstrickmaschinen laufen dank größerer Zylinder schneller.

Dass man einst Disteln zum Aufrauen für Trikotagenstoffbahnen brauchte, um deren Tragbarkeit und Wärmeschutz zu gewährleisten, wird den meisten Besuchern neu sein, wenn sie vor der Raumaschine (um 1920) stehen. Nasse Stoffbahnen wurden über die rotierenden Naturdisteln gezogen, die im Laufe der Zeit durch künstliche Disteln ersetzt wurden.  Druckstöcke zum Handstoffdruck sind ebenso zu sehen wie eine Flachkulierwirkmaschine (1907), mit der elegante Damenhandschuhe mit Lochmusterung gefertigt wurde. Diese kann man in der ehemaligen Gießereihalle in den Vitrinen bestaunen, die das Thema „Konsumenten“ beleuchten.

Industriemuseum
Zwickauer Straße 119
09112 Chemnitz
Tel. 0371 3676-140
Öffnungszeiten
Montag - Donnerstag 9 - 17 Uhr Freitag geschlossen Samstag/Sonntag/Feiertag 10 - 17 Uhr
Maschinenvorführzeiten in der Dauerausstellung
täglich [außer Freitag] zwischen 10.30 Uhr und 16.30 Uhr

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