Reisemagazin schwarzaufweiss

Zwischen Heimweh und Fernweh

Bremerhaven: noch immer ein Tor zur Welt

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Deutschalnd Bremerhaven Frachtschiffe

Umschlagplatz Bremerhaven

Eine gute halbe Autostunde nördlich von Bremen, eingebettet in das Land Niedersachsen und doch Teil der ehemals mächtigen Hansestadt, liegt Bremerhaven. Gegründet als Hafen der Handelsmetropole, versprach die Stadt den Zugang zur Nordsee ebenso wie die Verschiffung der Güter durch die Weser ins Inland: ein lukrativer Außenposten der reichen Bremer Kaufmannschaft. So verwundert es nicht, dass noch heute das Terrain des Hafens – und somit auch seine gewerblichen Steuereinnahmen – dem Staat Bremen, nicht aber der Kommune Bremerhaven zustehen.

Hier wächst man auf mit dem Geschrei der Möwen im Ohr und dem steten Takt der Löschkräne als Herzschlag. Hier, in einem der größten Umschlagplätze für Schiffsgüter in Europa und Sitz dreier Werften, liegt es schon in der Natur der Sache, einigen Seebären zu begegnen. In Matrosenkleidung und mit Pudelmütze vielleicht, in Friesennerz und mit regendichten Südwesterkappen. Doch auf einem Abstecher zum hiesigen Zoo am Meer erfahren wir, dass der augenzwinkernde Ausdruck für Seeleute ursprünglich eine ganz andere Bedeutung hatte, denn hier flitzt eine elegante Robbenart aus Südamerika unter diesem Namen an uns vorbei.

Deutschalnd Bremerhaven Fernweh am Strand

Juchzend wollen die Kinder zu den zotteligen Eisbären, die wuchtig und keineswegs Vertrauen erweckend posieren. Beim Anblick der hoch erhobenen drei Meter Höhe ist man bei aller Bewunderung doch froh, ihre Kraft und pfeilschnelle Schwimmfertigkeit aus sicherer Distanz zu beobachten. Deshalb lieber ein Abstecher zu den Schneehasen oder den Zwergsängern gefällig? Oder zur Dampfschiffente – welch ein fantastischer Name für einen Küstenvogel! So sehnsüchtig und voller Fernweh ihre Bezeichnung für uns klingt, so ängstlich und erwartungsvoll werden die über sieben Millionen Auswanderer beim Anblick der Dampfschiffe gewesen sein, die sie von Bremerhaven aus zwischen 1830 und 1974 in eine neue Heimat trugen.

Sieben Millionen Auswanderer-Schicksale

Ihre Geschichte erzählt das 2005 eröffnete Deutsche Auswandererhaus, in dem uns am Eingang ein Boarding-Pass ausgehändigt wird. Ich heiße nun Hertha Nathorff, bin 1895 geboren und 1939 aus Bremerhaven ausgewandert. Herthas Geschichte, ihre Motive, Ängste und Hoffnungen, höre ich an verschiedenen Stationen des Museums mit Hilfe eines Kopfhörers, der auf meine Chipkarte hin aktiviert wird.

Deutschalnd Bremerhaven Auswanderer

Auswandererschicksale hautnah erleben ...

Schon an der nachgebauten Kaje erblickt man unzählige lebensechte Puppen, die dem schwappenden Wasser zuhören, ängstlich eingemummelt in dicke Mäntel, ihr weniges Hab und Gut neben sich, greinende Kinder auf dem Arm. Sieben Millionen Schicksale, die sich in der Galerie präsentieren. Schublade um Schublade: Namen, Leben. Otto Schulz, dessen Boarding-Pass mein Mann trägt, verließ Deutschland schon 1910. Kriegsahnung? Abenteuerlust? Vom Tellerwäscher zum Millionär?

Deutschalnd Bremerhaven Auswandererhaus

... im Deutschen Auswandererhaus

Selbst die jüngeren Besucher sind völlig fasziniert, hören gebannt den Stimmen zu und laufen die wankenden Schiffsplanken entlang. Für die Kleinsten gibt es einen Kinderbetreuungsraum, so dass sich Eltern und größere Geschwister richtig Zeit lassen können. Und so findet der Zeitreisende schließlich seinen Weg bis nach Ellis Island, der Auffangstation vor den Toren New Yorks. Ein letzter Test. Tatsächlich aufgenommen? Oder schon in Sichtweite der Neuen Welt zurückgeschickt in die alte Heimat, die doch schon keine mehr ist? Wer möchte, der kann hier am Computer auch eigene Familienforschung nach dem Uronkel in Kansas betreiben.

Faszinierende Erdgeschichte

Deutschalnd Bremerhaven Schiffsentladung

Ob die Dampfschiffente aus dem Zoo jemals etwas von Heimweh gehört hat? Vielleicht aber von Fernweh, denn das löst schon das Tuten der großen Containerschiffe aus, die im Überseehafen anlegen und ihre wuchtigen Ladungen löschen. Der HafenBus kutschiert uns vorbei an den überdimensionalen Sehenswürdigkeiten des Seehandels: An der berühmten Lloyd-Werft, dem Container-Terminal und dem Auto-Terminal. Vom Container-Aussichtsturm an der Steubenstraße werden wir fast hinunter geblasen, doch der Anblick der massigen Stahlkolosse ist faszinierend. Endlos schieben sich die Autokarawanen aus den Bäuchen der Schiffe, Container nach Container hieven die Arbeiter Bananen aus Südafrika, Mangos aus Chile und T-Shirts aus Indien von den Ladeflächen. Das ganze Ausmaß globalisierten Handels präsentiert zwischen Kai und Kränen.

Nach soviel steifer Brise steht uns der Sinn nach „Fisch auf’m Tisch“, und so begeben wir uns in das Schaufenster der Stadt: Wenn man die Bremerhavener fragt, so halten sie das Schaufenster Fischereihafen eigentlich nur für eine echte Schlemmermeile, die Musik und Aufführungen, sonnige Biergartenplätze und herrliche Sonntagsbüffets bietet. Doch bevor wir uns an den Schätzen des Meeres laben, möchten wir ein wenig mehr über ihren Lebensraum erfahren. Und dies ist im Atlanticum auf faszinierende Art und Weise erlebbar.

Deutschalnd Bremerhaven Seute Deern

"Seute Deern" - ein Stück Seefahrtgeschichte

Das Kombinationsticket umfasst einen Besuch der Ausstellung und den anschließenden Abstecher auf das im Hafen dümpelnde Museumsschiff Gera. Also, auf durch den Eingangsbereich in eine fremde Welt: Der Anfang. Dunkelheit. Erde und Wasser. Aber wie ist all die bunte Vielfalt überhaupt entstanden? Mit dem Spiegelkaleidoskop machen wir uns auf eine Entdeckungsreise in die Erdgeschichte und erfahren, wie die Erde und das Leben auf ihr ihren Lauf nahmen. Eiswüsten als Lebensquelle der Welt zeigt der Beitrag über die Pole. Dann tauchen wir ein in die Ozeane, denn nur getrennt von Glasscheiben über, unter und neben uns führen die Wege in die Heimat der Fische.

Fisch auf’m Tisch

Die Großen bleiben beim Video über den modernen technisierten Fischfang stehen, die Jüngeren zieht es magisch an die Schleuse. Ein Schiff muss „eingeparkt“ werden. Wer von den kleinen Kapitänen traut sich zu, die „Walter Herwig“ sicher in den Hafen zu bugsieren? Allein hier könnte man Stunden verbringen.

Deutschland Bremerhaven Fischreihafen

Im Fischereihafen

Doch der knurrende Magen bringt geräuschvoll in Erinnerung, dass draußen all die Köstlichkeiten auf den Besucher warten, die die Männer auf den Trawlern aus der See ziehen und frisch verarbeiten. Frosta und Nordsee – große Namen der Fischindustrie prangen auf den schier endlosen Fabrik- und Kühlhallen des Hafens. Krabben oder Sprotte? Makrele oder Fischstäbchen? Mit großem Appetit genießen wir die leckeren Hauptgerichte beim traditionsreichen Fischfeinkoster Abelmann, danach gibt’s seemännische Einsichten auf der Hafenrundfahrt mit der MS Dorsch.

Deutschalnd Bremerhaven Museumshafen

Museumsstück im Museumshafen

Noch ein bisschen die Beine vertreten? Ideal dafür ist der Bürgerpark ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Und auch noch auf historischen Spuren wandeln? Das 100-jährige Historische Museum Bremerhaven/Morgenstern-Museum auf dem Weg von hier zur Weser ist keineswegs angestaubt, längst preisgekrönt und wirkt schon beim ersten Anblick von der Kennedybrücke äußerlich ungewöhnlich. Besonders bei Sonnenschein macht der geschichtsträchtige Spaziergang vorbei am Theater und der Kunsthalle zum Museumshafen so richtig Spaß, denn die Seute Deern, der letzte hölzerne Handelssegler und Weltkulturerbe, ist nicht das einzige Schmuckstück der seemännischen Keimzelle der Stadt.

 

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