In den Wartesälen zur Neuen Welt
Museen zum Thema Auswanderung in Bremerhaven und Hamburg
Text und Fotos: Volker Mehnert

Amerika. Das war der Kontinent der Sehnsucht, zu dem sich Zehntausende, Hunderttausende, ja Millionen von Menschen auf den Weg machten - zunächst zu Fuß oder mit der Kutsche über Land und dann weiter mit dem Schiff auf dem Atlantik in ein vollkommen fremdes Land auf einem fernen Erdteil. Vor allem im neunzehnten Jahrhundert war die Reise ein ungeheuerliches Abenteuer, ein riskantes Unternehmen mit unbekanntem Ausgang, denn das Ziel ihrer Träume kannten die Emigranten höchstens aus geschönten Berichten von Werbeagenten oder aus Briefen von weit entfernten Verwandten. Fotografien oder Prospekte gab es keine, schon gar nicht Film oder Fernsehen. Bremerhaven und Hamburg waren hundertfünfzig Jahre lang die wichtigsten Zwischenstationen und Verladehäfen in Deutschland. Die beiden Städte haben dem Phänomen Auswanderung spannend inszenierte Museumslandschaften gewidmet.
Amerika, das war auch der Ausweg für Richard Morgner. Er repräsentiert eines der fünfzehn authentischen Auswandererschicksale, die Besucher während ihres Rundgangs durch das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven begleiten können. Beim Eintritt bekommen sie eine Chipkarte ausgehändigt, mit deren Hilfe sie an unterschiedlichen Stationen den Lebensweg „ihres“ Emigranten abrufen können. Richard Morgners wahre Geschichte klingt nach dem Klischee „vom Tellerwäscher zum Millionär“: Nachdem während des Zweiten Weltkrieges sein Elternhaus zerbombt worden war, sein Vater sich das Leben genommen hatte und seine Berufsperspektive als Bäcker in einer Sackgasse endete, machte er sich nach Amerika auf - zusammen mit seiner Frau und einem Porzellantopf mit Erde aus seiner Heimatstadt Bremerhaven. Er wurde Schweißer in einem Stahlwerk, zehn Jahre später war er bereits Teilhaber, am Ende hatte er dreizehn Firmen gegründet und galt als einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Branche.

Koffer waren das wichtigste Utensil der Auswanderer
Tragisch hingegen verlief die Reise einer anderen Protagonistin, die im Bremerhavener Auswandererhaus vorgestellt wird: Helene Mäckel musste 1852 im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie von Sachsen nach Texas aufbrechen, weil ihr Vater als Hufschmied in der Heimat kein Auskommen mehr fand. Während der Überfahrt auf dem Bremer Segelschiff Juno starben zwei Brüder, ein Jahr nach der Ankunft starb ihre Mutter an Gelbfieber und kurz darauf auch der Vater. Weil sich in der Fremde ein Onkel des kleinen Mädchens annahm, konnte Helene schließlich doch noch Fuß fassen, heiraten und acht Kinder zur Welt bringen.
Auswandererwellen
Hautnah erlebt man im Auswandererhaus nicht nur ausgewählte Einzelschicksale, vielmehr wird das Thema Emigration von allen Seiten anschaulich beleuchtet. Dabei sind bereits die Fakten faszinierend und erschreckend: Allein zwischen 1880 und 1890 verließen mehr als eine Million Menschen Deutschland in Richtung auf die Neue Welt: zumeist Kleinbauern, Tagelöhner und Dienstmägde aus wirtschaftlicher Not. Ab 1830 war Bremerhaven die wichtigste deutsche Durchgangstation; bis 1974 nahmen sieben Millionen Menschen diesen Weg nach Übersee.

Kulisse fürs Thema Auswanderung
Ursprünglich als Handelshafen geplant, entwickelte sich Bremerhaven rasch zum wichtigsten Auswandererhafen Deutschlands. Bremer Reeder importierten auf ihren Schiffen Baumwolle, Tabak und Petroleum aus der Neuen Welt und beluden sie auf dem Hinweg mit der menschlichen Fracht - zunächst auf Segelschiffen, später auf Passagierdampfern. Wegen des Auswanderungsbooms stieg der Norddeutsche Lloyd Ende des neunzehnten Jahrhunderts zur größten Passagier-Schifffahrtsgesellschaft der Welt auf.
Nach der Welle der Deutschen kamen zwischen 1890 und 1914 vor allem Osteuropäer
- auf der Flucht vor Armut und Unterdrückung. Nach den Weltkriegen
machten sich dann wieder Hunderttausende von Deutschen auf den Weg Richtung
Amerika. Für europäische Juden war Auswanderung ein Jahrhundert
lang oft genug die letzte Rettung: vor den Pogromen im zaristischen Russland,
später vor der Nazi-Verfolgung in Deutschland und nach dem Zweiten
Weltkrieg für die Überlebenden des Holocaust, die in Europa als „displaced
persons“ keine Zukunft mehr hatten. Emigration ist in der deutschen
Geschichte der vergangenen zweihundert Jahre ein ständig präsentes
Thema.
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