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Bremen
Paula-Modersohn-Becker-Museum
Oda Krogh. Malerin und Muse im Kreis um Edvard Munch
bis 26. Februar 2012

Oda Krohg, Chinesische Laterne (An der Wiese), 1889, City of Oslo, City Art Collection.
Schnell ist man versucht, das Biographische dieser norwegischen Künstlerin, sprich ihre Rolle innerhalb der Künstler- und Literatenzirkel Kristianias (heute Oslo), besonders herauszustellen. Gewiss, ihre diversen Affären und Liebschaften, ihre Vorstellung von freier Liebe, ihr „Experiment“ mit einer Dreiecksbeziehung ist es gewiss wert, genauer betrachtet zu werden. Ende des 19. Jahrhunderts entsprach Oda Krogh, die Munch als die Prinzessin der Kristiania-Bohème bezeichnete, nicht dem gängigen konservativen Frauenbild. Sie nahm sich ihre Männer, auch wenn die erste Ehe mit einem Unternehmer noch vollständig in das traditionelle Bild der bürgerlichen Familie passt. Aber allein die Tatsache, dass sie sich der Malerei verschrieb, entsprach nicht den Erwartungen des konservativen Elternhauses, von den diversen sexuellen Affären und deren Folgen ganz abgesehen.
Freie Liebe und ...
Doch wer denn glaubt, freie Liebe oder gar ihre Liebhaber finden sich als Sujets ihres beeindruckenden Werks, der ist auf dem Holzweg. Weder Hans Jæger noch Jappe Nilssen finden Eingang in irgendeine Arbeit, ganz im Gegensatz zu Munch, der in „Melancholie“ Jappe Nilssen als verlassenen, Trübsinn blasenden Geliebten am Strand zeichnete. Oda Krogh hielt neben den Liebschaften auch immer ihre Beziehung zum Maler Christian Krogh aufrecht. Bei ihm hatte sie die Malerei gelernt und mit ihm wurde sie auch alt; für ihn stellte sie im Alter sogar ihre eigene künstlerische Karriere hinten an.

Oda Krohg, Am Kristianiafjord (Japanische Laterne), 1886, Privatbesitz, Foto: Blomqvist Kunsthandel AS.
Krogh war die Femme fatale der Kristiania-Bohème des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zugleich war sie eine Muse für die Männer, die sie wie Motten das Licht umschwärmten, auch für den schwermütigen Edvard Munch. Munch war es der den Kreis der Kristiania-Bohème in einigen grafischen Arbeiten festgehalten hat, stets in selbstbewusster Haltung Oda Krogh. Auch in Berlin, wo das Ehepaar Krogh ebenso wie in Paris zeitweilig residierte, bildete sich recht rasch ein Kreis von gleichgesinnten, überaus trinkfreudigen Künstlern. Bei Munch, das wissen wir, führte das haltlose Trinken zur Abhängigkeit, gar zur psychischen Verelendung.
Neue Raumgestaltung für Oda Krogh
Für die Sonderausstellung wurde die Raumpräsentation des Hauses total geändert. Während man sonst das Haus betrat und Arbeiten von Modersohn-Becker gegenüberstand, sind diese nun in den beiden oberen Stockwerken zu finden. Kurz und knapp informiert eine biografische Zeittafel über das Leben Kroghs, dabei die oben erwähnten Liebschaften nicht vergessend.
Manet war nicht ihr Vorbild
Steht man von der in lichten Grastönen gehaltenen Arbeit „Waldsee mit Seerosen“, denkt man unwillkürlich an Manets „Seerosenteiche“. Doch diese Arbeiten entstanden alle Jahre nach Kroghs hochformatigem, schmalen Ölgemälde, das auf 1887 zu datieren ist. Dennoch scheint sich in diesem Gemälde das zu bündeln, was Plein-Air-Malerei und Impressionismus ausmachen: der Sinn für das Licht und die Umsetzung von Eindrücken mit gekonntem „Pinselschlag“. Auch bei dem Gemälde „Sonnenflecken (Hängematte)“ meint man die „Handschrift“ eines französischen Malers zu entdecken: Betrachtet man die Licht- und Schattenflecken auf der schmalen Bank und auf den Bäumen, schaut man zudem genau auf die Hängematte und die darin liegende Person, so entdeckt man in den „Schummerungen“ und geometrisierenden Strukturen genau das, was auch Cézannes Malstil ausmachte.

Oda Krohg, Crescendo, 1889, Privatbesitz, Foto: Thomas Widerberg
Symbolismus oder nicht?
Eher in den Dunstkreis des skandinavischen Symbolismus fällt die Pastellarbeit von 1886 mit dem Titel „Am Kristiansfjord (Japanische Laterne)“, ein Meilenstein in der Karriere der „Muse von Kristiania“: Im Eingangsbereich eines Pavillons sitzt eine Frau – Oda Krogh oder eine ihrer Schwestern –, die dem Betrachter den Rücken zuwendet. Sie schaut hinaus auf das ruhige Wasser des Fjords, richtet den Blick in die Ferne, sehnsüchtig, muss man vermuten. Diese Blicke von innen nach außen spielen auch eine Rolle in „Abendstimmung“: Ist das der lesende Christian Krogh, den wir sehen? Zumindest sehen wir einen Lesenden mit langem Bart, wie ihn auch Krogh trug. Ein Blick in den erläuternden Bildtext des Begleitkatalogs bestätigt die Identität des Lesenden, der nur eine Randfigur am unteren Bildrand zu sein scheint. Viel entscheidender ist der Blick aus dem Fenster, in dem sich der Lesende, aber auch eine Öllampe spiegelt. Der Vorhang des Fensters ist beiseitegeschoben, sodass man die in Dämmerung liegenden Häusersilhouetten erblickt. Hier und da ist ein Fenster erleuchtet, jemand ist also zuhause. Nicht etwa die Tochter – man könnte dies angesichts der langen wallenden Haare des porträtierten Kindes dieser Auffassung sein –, sondern der Sohn Ba aus der ersten Ehe Kroghs stand der Künstlerin für zwei Ölgemälde Modell. In den beiden Versionen von „Ein Abonnent der Aftenposten“ zerschneidet der Bengel mit einer Schere die bekannte norwegische Tageszeitung. Auch in diesen beiden Porträts fällt der gekonnte Pinselstrich auf, mit dem sorgfältig abgestufte Farbnuancen strichweise auf den Malgrund aufgetragen wurden.

Oda Krohg, Ein Abonnent der Aftenposten I, 1887, Sørlandets Kunstmuseum, Kristiansand, Foto: Marit S. Kvaale
Typisch für Oda Krogh war es, dass sie in ihren Porträts stets auf ihr familiäres Umfeld zurückgriff. So malte sie eine fröhliche, lächelnde Schwester, die als Varietékünstlerin auftrat, sich selbst am Flügel sitzend und ein "Crescendo" spielend – eine Hommage an ihren an Kehlkopfkrebs früh verstorbenen Bruder – und in „Arme Kleine“, die Rückkehr von Nana, der in Brüssel geborenen und dort bei Pflegeeltern belassenen Tochter von Christian und Oda Krogh bei der Heimkehr nach Norwegen, in den Kreis der Familie: Der Vater beugt sich zu seiner Tochter hinunter und schließt sie fest in seine Arme. Diese innig wirkende und sehr intime Szene hat Oda Krogh sowohl gezeichnet als auch in einer Variation in Öl gemalt.

Oda Krohg, Ingrid mit Katze, um 1897, Privatbesitz,
Foto: Thomas Widerberg
Porträts, Porträts, Porträts
Im Vergleich zu Paula Modersohn-Becker muss man hervorheben, dass Oda Krogh die technisch und kompositorisch bessere Malerin ist, wenn auch mit Einschränkungen. Modersohn-Beckers „Mädchen mit Familie“ und auch „Frau mit Mohnblume“ sind zwei Arbeiten Modersohns, die aus ihrer eher naiv anmutenden Porträtmalerei herausstechen. Auch die Landschaften wie „Nächtliche Landschaft“ oder „Mond über den Feldern“ können sich neben Kroghs Landschaften durchaus sehen lassen. Davon mögen sich die Ausstellungsbesucher beim Besuch der Dauerausstellung zum Gesamtwerk Modersohn-Beckers selbst überzeugen – oder auch nicht.

Oda Krohg, Nachtschwärmer (Bokken Lasson und Sten Drewsen), 1902, Privatbesitz, Foto: Thomas
Widerberg
Doch zurück zu Oda Krogh, die ja wie oben erwähnt vor allem in ihrem Umfeld die Modelle für ihre Porträts fand. So sehen wir eine lebensfrohe Bokken Lasson, die Schwester der Künstlerin beim Musizieren mit Sten Drewsen in dem Gemälde „Nachtschwärmer“. Im Gegensatz zu Munch, der eher melancholisch gestimmte Kinder porträtierte – so die Söhne des Lübecker Arztes und Munch-Förderers Dr. Max Linde – zeigen Kroghs Kinderporträts stets Kinder, die eine unbeschwerte Kindheit erleben durften, so auch Odas Nichte: ein lachendes blondes Mädchen, das eine Katze auf dem Schoß hat. Ähnliches gilt für das Werk „Mädchen (Ingrid Thaulow)“ mit braunem Huhn.“ Außerhalb des Familienkreises porträtierte sie die Schauspielerin Johanne Dybwad ebenso wie die gealterte Frauenrechtlerin und Künstlerkollegin Aasta Hansteen. In beiden Werken verzichtet die Künstlerin weitgehend auf einen monochromen Hintergrund, sondern deutet mit schnellem Strich skizzenhaft das bürgerliche Wohnambiente an, in dem sich die Porträtierten bewegen.

Oda Krohg, Haaretrocknen am Kamin II, ca. 1908, Privatbesitz, Oslo, Foto: Thomas Widerberg
Munch, von der Muse Oda geküsst?
Ein Raum des Hauses ist ganz und gar Edvard Munchs zumeist grafischen Arbeiten vorbehalten. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden Radierungen „Kristiania-Boheme I“ und Kristiania-Boheme II“, die nicht Munchs Rolle des "Außenseiters" im Kreis der trinkfreudigen Literaten und Künstler verdeutlichen. In diesen Radierungen spiegelt sich außerdem Munchs Auffassung über die Mann-Frau-Beziehung wider: Eine Femme fatale - Oda Krogh - ist umgeben von der Schar ihrer temporären Liebhaber, von denen einige aufgrund der verschmähten Liebe verzweifelten. Die Frau das Verderben der Männer – so sah Munch wohl die Rolle Oda Kroghs. Neben dem „Gruppenbild“ sieht man zudem Porträts von Gunnar Heiberg, auch dieser ein Geliebter Oda Kroghs auf Zeit, aber auch von August Strindberg, der den Berliner Kreis um die Kroghs bereicherte. Und wo sah Munch sich in diesem „Kampf der Geschlechter“?
Zur Ausstellung ist ein Katalog im Wienand-Verlag erschienen. Er umfasst 128 Seiten, inklusive ganzseitiger Farbtafeln aller ausgestellten Werke und zahlreicher Vergleichsabbildungen. Der Katalog ist für 19,80 € im Museumsshop erhältlich. © fdp

Oda Krohg, Selbstporträt, vor 1892, Privatbesitz,
Foto: Thomas Widerberg.
Paula
Modersohn-Becker Museum
Böttcherstraße
6-10
28195 Bremen
info@pmbm.de
Öffnungszeiten
Di. - So. 11 –
18 Uhr
