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Bremen
Kunsthalle
Edvard Munch – Rätsel hinter der Leinwand
bis 26. Februar 2012
© The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group
/ VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Unter der Leinwand "Das Kind und der Tod" wurde in der Kunsthalle Bremen 2005 ein weiteres Ölgemälde des norwegischen Malers Edvard Munch entdeckt: "Mädchen und drei Männerköpfe"
© Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen /
Foto: Karen Blindow
Der Publikumszuspruch ist groß – das war er auch bei van Goghs „Feldern“. Die Kunsthalle Bremen tat gut daran, ihre Neueröffnung nach der Umbauphase mit einer Ausstellung eines umstrittenen, aber überaus bekannten Künstlers zu beginnen, der einige Zeit auch im Norden Deutschlands verbrachte, von der Zeit in Berlin ganz abgesehen. Dass unterdessen Ausstellungen als Kulturevent zelebriert werden, ist einfach gang und gäbe. Bremen macht dabei keine Ausnahme, betrachtet man insbesondere das Rahmenprogramm. Nicht nur die Kooperation mit dem PMBM, das im Rahmen der Oda-Krogh-Schau grafische Werke Munchs präsentiert, sondern auch die Zusammenarbeit mit der in Oldenburg gezeigten Schau „Aufbruch der Moderne" sind in diesem Kontext zu nennen. Ein Event ohne kulinarische Leckereien ist gewiss kein Event, dachten sich wohl die Ausstellungsmacher. Zur Bilderwelt von Munch in der Kunsthalle serviert man daher in acht Bremer Restaurants „Munch-Kost“, eine Mischung aus norwegischer und norddeutscher Küche vom Feinsten
Derartiges mag man mögen oder nicht, den Genuss von Munchs Ölgemälde und grafischen Arbeiten – diese waren teilweise vor Jahren bereits in einer Munch-Schau in der Hamburger Kunsthalle zu sehen – sollte man sich dadurch jedoch nicht nehmen lassen, im Gegenteil. Drangvolle Enge und durch allzu viele Besucher verstellte Blicke auf das eine oder andere Werk muss man hingegen in Kauf nehmen.

Edvard Munch Mädchen und drei Männerköpfe, 1895-1898 Öl auf Leinwand, 90 x 100 cm © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Karen Blindow
Das Rätsel hinter dem Bild
Dass die Entdeckung einer zweiten Leinwand hinter dem Gemälde „Das Kind und der Tod“ der Anlass für die Munch-Präsentation in Bremen ist und in der Schau einen breiten Raum einnimmt, gehört m.E. zur Inszenierung dazu, muss sich die Kunsthalle Bremen doch von vergangenen Munch-Ausstellungen abheben.
Im Kern verfolgt die sehenswerte Schau in acht Kapiteln das Schaffen des schwer alkoholabhängigen, psychisch labilen, wenn nicht gar kranken Edvard Munch. Er gehörte wie Christian und Oda Krogh zum Kreis der trinkfreudigen Künstler, die in Kristiania – heute Oslo – ein Kaffeehausleben zu zelebrieren wussten. Dieses Bohème-Leben floss in mehrere grafische Arbeiten ein, die sowohl in der Kunsthalle als auch im Paula-Modersohn-Becker-Museum zu sehen sind. Stets im Mittelpunkt dieser Künstlerkreise in Kristiania stand Oda Krogh, Femme fatale, Muse, Geliebte, Mutter und Ehegattin, aber auch eine Künstlerin von Format in einer von Männern dominierten Gesellschaft.
Liebe, Eifersucht, Melancholie und ...
Im Werk Munchs schlagen sich Themen wie Liebe, Tod, Verzweiflung, Melancholie sowie Eifersucht nieder. Die Begierde des Mannes, die Unschuld des Kindes, die Versuchung des Heranwachsenden – auch das sind Themen, die Munch bildnerisch umsetzte. Nicht zu übersehen ist dabei die biografische Note, die der Maler seinen Sujets zufügte. Zudem sind einige seiner Arbeiten unter Umständen auch als Munchs gemalte Albträume zu begreifen, so „Mädchen und drei Männerköpfe“.
Dank der vorhandenen Saaltexte und eines Begleitheftchens erhält der Besucher eine sehr gute Orientierung bei seinem Rundgang. Warum man die Ausstellungsräume mit einem durchlaufenden, breiten schwarzen Farbband versehen hat, vor das man die Werke gehängt hat, wird an keiner Stelle erläutert. Schwarz ist die Farbe von Trauer und Tod. Doch der Tod ist ja nur ein thematischer Ausschnitt aus Munchs Schaffen!
Folgen wir also „Munchs Tagebuch“, dabei immer vor Augen habend, dass der frühe Verlust seiner Mutter und seiner Schwester – beide starben infolge von Tuberkulose – einen wesentlichen Einfluss auf die Seelenverfassung des Malers hatte.

Edvard Munch Das Kind und der Tod, 1899 Öl auf Leinwand, 100 x 90 cm © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Lars Lohrisch
Vor- und Rückansichten
Im Nachgang zur Entdeckung der auf einen Keilrahmen gespannten, oben genannten Arbeiten präsentiert man in der Schau weitere Arbeiten, bei denen die Leinwand gleich von beiden Seiten genutzt wurde, und stellt Munchs diesbezügliche Werke ein „Doppelgemälde“ von Ernst Ludwig Kirchner gegenüber. Munch verdanken wir nicht nur die Kohlezeichnung einer Frau am Geländer – sie schaut eher so aus, als sei sie hinter Gittern eingesperrt – und eines Ölgemäldes mit gleichem Titel. In einer winterlich anmutenden Stadtansicht sieht man eine Frau, die an einer Balustrade lehnt. Fast blattlos sind die Straßenbäume. Auffällig ist ein einsam stehendes Haus mit grünem Putzanstrich und blauen Fenstern – gefühlte Farben auch bei Munch, fragt sich der Betrachter. Aus Materialknappheit hat auch Kirchner eine Leinwand mehrfach genutzt, für die auf einem roten Sofa liegende Milli und für einen liegenden Akt mit Fächer.
Lebensfries
Durch einen Gang mit übergroßen Fotografien links und rechts – historischer Aufnahmen von Munchs „Lebensfries“ - setzen wir unseren Rundgang fort. Dass es sich bei diesem Fries nicht um einen Fries im klassischen Sinne handelt, sondern um die Präsentation von Arbeiten Munchs, die in unterschiedlicher Zahl temporär gezeigt wurden, erfährt der Besucher nebenbei. So hat Munch anlässlich der 1902 arrangierten Ausstellung der Berliner Secession 22 Arbeiten zu einem „Fries“ arrangiert.

Edvard Munch Vampir, 1895 Öl auf Leinwand, 91 x 109 cm Munch Museum, Oslo © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG Bild-Kunst, Bonn 2011.
Die Beziehung der Geschlechter
Unter den gezeigten Arbeiten – sie machen einen Teil des „Lebensfrieses“ aus – fällt der Blick auf Munchs laszive Madonna. Eingerahmt ist die langhaarige Schönheit von einem rötlichen Rahmen, auf dem Spermatozoen zu sehen sind. Unten in der Rahmenecke entdeckt man einen vom Tode gezeichneten Embryo. Doch wie lautet die Botschaft: Ewig lockt das Weib? Das Verhältnis Mann-Frau – Munch selbst hatte in dieser Beziehung große persönliche Probleme – zeigt sich unter anderem in der Lithografie „Anziehung“. Eine ähnliche Kulisse wie in „Anziehung“ findet sich im Ölgemälde „Sternennacht“. „Die Einsamen“ hingegen – die Rückenansicht eines Paares – scheinen sich nur zufällig am Strand getroffen zu haben. Jeder von ihnen schaut hinaus aufs Meer und ist mit seinen Sehnsüchten alleine. Das Weib als Verführerin und Bedrohung des Mannes zugleich scheint Munch in dem Paarbild mit dem Titel „Vampir“ thematisiert zu haben. Der Mann liegt an der Brust der Rothaarigen, deren lange Haare den Mann, den Geliebten, umschlingen.

Edvard Munch, Kristiania Boheme II, 1895, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Foto: Volker-H. Schneider © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG Bild-Kunst, Bonn 2011.
Junge Mädchen, Begierden und greifende Hände
Jenseits der sonst bedrohlich wirkenden Sujets, die wir von Munch kennen, erscheint sein „Sitzender Akt auf der Bettkante“ in freundlich-lebendiger Farbsetzung und nicht in tristen Farben. Ähnlich angelegt ist auch Munchs Bildnis der Pubertät, ein junges Mädchen, das seine Hände in den Schoß legt und auf der Bettkante ruht. An der Wand hinter dem Mädchen entdecken wir einen lang gezogenen schwarzen Schatten. Sollen damit Angst und Bedrohung zum Ausdruck gebracht werden? Die männliche Lust auf ein junges Ding, die maskuline Begierde, spiegelt sich in der Arbeit „Die Hände“ wider: Nach einem Mädchen mit rotem Schopf, die ihre Hände hinter den Kopf gelegt hat, greifen zahlreiche Hände.
Oda Krogh, die Femme fatale der Kristiania-Bohème, verewigte Munch in einigen grafischen Arbeiten, die auch in der Kunsthalle und nicht nur im PMBM zu sehen sind. Ist es Munch selbst, den wir als Eifersüchtigen in „Eifersucht II“ sehen? Liebeskrank muss der Gehörnte das Paar im Hintergrund ertragen.

Edvard Munch Die Hände, 1893-94 Öl und Kreide auf Karton, 91 x 77 cm Munch Museum, Oslo © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG Bild-Kunst, Bonn 2011.
Der Tod
Liebe und Tod scheinen bei Munch auch ein denkbares Paar, betrachtet man die Kreidelithografie „Todeskuss“: Gevatter Tod ist im Begriff der schwarzhaarigen Angebeteten den (Todes)kuss zu geben. Diese scheint ihn willenlos hinnehmen zu wollen. Dass Munch den Tod in der eigenen Familie schon recht früh erlebte und die Verluste seiner Mutter und Schwester wohl nie verarbeitet hat, hat wohl auch dazu geführt, dass er überaus oft den Tod in seinen Arbeiten in den Mittelpunkt stellte, so auch in dem Werk „Am Totenbett, Fieber“, eine Bleistift-Kohlezeichnung von 1893. Zum selben Themenkreis gehört auch das Gemälde „Das Kind und der Tod“: Das Kind wendet sich, die Ohren zuhaltend, von der auf dem Sterbebett Liegenden ab. Es kann die Situation nicht verkraften, möchte weglaufen, möchte nichts hören. Aber was ist angesichts des Todes zu hören? Das Weinen und Schluchzen der Angehörigen? Noch stärker im emotionalen Ausdruck fällt die Radierung „Die tote Mutter und das Kind“ aus: Weit aufgerissen zu einem Entsetzensschrei ist der Mund des Kindes. Angst spiegelt sich in dessen Augen. Es ist nun allein. Kam sich Munch als Junge auch so vor, als er seine Mutter als 5-Jähriger verlor?
„Versöhnlich“ ist der Abschluss der Schau, die aufgrund der dichten Hängung und der Opulenz den Besucher fordert, wenn nicht gar in seiner Wahrnehmung erdrückt: Kinderporträts bilden das Finale, darunter auch „Straße in Åsgårdstrand“.(c) fdp
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