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Bremen
Gerhard-Marcks-Haus


Yuji Takeoka
bis 10. Juni 2012

Takeoka hat in den letzten Jahrzehnten ein bemerkenswert eigenständiges Werk geschaffen, in dem sich seine Skulpturen zwischen Zweckform und Bedeutungsträger, zwischen westlichem Minimalismus und asiatischen Traditionen bewegen. Seine Skulpturen, die musealen Gebrauchsgegenständen wie Sockel, Regal oder Absperrung ähneln, rücken die Autonomie des Gegenstands in den Mittelpunkt. In fünf Räumen des Gerhard-Marcks-Hauses werden fünf Werkgruppen gezeigt, die verschiedene Phasen seines Werkes zeigen und gleichzeitig auf frühere Ausstellungen verweisen.

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International Art Magazines Rack, 1997 Papier, Acryglas, Holz, lackiert, Metallplatte, beschichtet VG Bild-Kunst, 2012

Ist der Sockel ein Ding? Ist der Sockel nur ein Sockel? Ist der Sockel eine Skulptur? Ist der Sockel mehr als ein Ding und sind schließlichauch die Dinge mehr als nur Dinge, also weit mehr als die Minimalisten dem Betrachter abverlangen? Schließlich: Beginnt die Bildhauerei mit dem Sockel oder wo beginnt sie eigentlich? Die ist eine Fülle von Fragen, der in der aktuellen Schau nachgegangen wird. Zugleich stellt diese einem Gegenwartskünstler gewidmete Ausstellung auch gewisse Herausforderungen für den Besucher und dessen Sehgewohnheiten dar. Gut also, dass man sich im Haus entschieden hat, ein in einem handlichen Format gedrucktes Begleitheft zusammenzustellen, dass jeder Besucher erhält. Erläutert wird darin unter anderem, dass jeder der Räume des Hauses eine bestimmte Phase der künstlerischen Karriere des japanischen, in Düsseldorf beheimateten Bildhauers und Hochschullehrers repräsentiert. Begonnen wird dabei in der Mitte der 1980er Jahre und geschlossen wird der „Karrierezirkel“ mit aktuell für das Haus produzierten Arbeiten wie „Absperrung II“.

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Baselitzkopf 1985 VG Bild-Kunst, 2012

Arie Hartog, der Leiter des Hauses, betonte im Gespräch, dass mit einer solchen Handreichung auch das museumspädagogische Konzept des Hauses zum Vorschein kommt. Das Marcks-Haus verstehe sich als Bildungseinrichtung. Es gehe dabei nicht darum, so Hartog, den Besuchern das Sehen beizubringen, denn das können sie allemal, sondern Orientierung zu bieten, mehr als nur die Oberfläche der Dinge zu sehen. Zu einer stärkeren Öffnung des Hauses und zum Versuch, nicht nur 10% der gängigen Museumsbesucher anzusprechen, so Hartog, gehöre nicht nur ein derartiges Begleitheft, sondern auch, dass am Donnerstag das Haus bis 21 Uhr geöffnet habe und an jedem ersten Donnerstag im Monat der Eintritt frei sei. Die Intention dahinter sei es, vor allem neue Besucher zu gewinnen, die bisher eher museumsabstinent waren.

Fünf Raumkonzepte

Fünf Raumzusammenhänge haben die Bremer Ausstellungsmacher für die Retrospektive konzipiert. Dabei wird deutlich, dass Takeoka nicht nur den Umgang mit unterschiedlichen Materialien liebt, sondern auch den Widerstreit zwischen handwerklicher Schöpfung und der maschinellen Erstellung der Bildhauerei thematisiert. Im Gegensatz zu Donald Judd, den er, so könnte man sagen, in seinen Arbeiten zitiert wie auch kommentiert, strebt Takeoka in seinen Arbeiten nach Perfektion, ob bei einer hergestellten Stein- oder der Bronzeplatte, die er unter eine Vitrine gelegt hat, statt sie wie der Minimalist Carl Andre schlicht als begehbare Bodenplatten im Raum zu platzieren. Hinterfragt Takeoka nicht mit dieser Art des Skulpturalen den Begriff Skulptur schlechthin und auch deren museale Präsentation?

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ohne Titel 1985 VG Bild-Kunst, 2012

Die Sockel im „Foyer“: Der Nullpunkt Takeokas

Auf einem roten Keramiksockel ruht ein hoher weißer Sockel, auf dem etwas zu fehlen scheint: die Skulptur. Doch ist nicht der hohe Sockel nicht auch als Stele zu begreifen, die den „Wert“ eines Sockels einnimmt? Ab wann also wir ein Sockel zur Kultur, muss im Angesicht einer solchen Arbeit die Frage lauten. Im Dialog dazu steht der auf dem Kopf hängende „Baselitzkopf“, in gewisser Weise ein Bildhauerwitz, denn ein Bildhauer kann im Gegensatz zu einem Maler nicht von oben nach unten arbeiten. Mit einem schelmischen Augenzwinkern hat Takeoka also in dieser Keramikarbeit seinem Kollegen Baselitz eine „Lektion“ erteilt, indem er dessen „Malweise mit Kopfstand“ in Zweifel zieht. Zugleich ist diese Arbeit auch eine Reverenz an den Namensgeber des Hauses, der sich ganz und gar der figürlichen Bildhauerei verschrieben hatte.

Arbeiten Takeokas, so Arie Hartog, sind auch immer Arbeiten im und mit dem Raum. Darin ähnelt er den Minimalisten, ob Judd, Morris oder Asher, auch wenn es bei Takeoka immer ein etwas Mehr als nur ein Ding zu betrachten gibt. Auch das im Raum gezeigte hängende Kapitel, man ist fast geneigt auch vom schwebenden Kapitel zu reden, ist eben nicht nur Ding, sondern deutet auch in die Kunstgeschichte, während der aus Ton gearbeitete Wandsockel für Staub eher ironisierend mit dem Thema der Skulptur umgeht und eine scheinbar funktionale Form darstellt.

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Trance, 2010 VG Bild-Kunst, 2012

Auf den Ort im Raum kommt es an

Betritt man Raum II, so bemerkt man sofort, in welcher Weise der Raum für die Skulptur von Bedeutung ist und dass die „Hängung“ eine wichtige Rolle für die Einordnung und Zuordnung des Gesehenen ist. Sieht man nicht dort über Kopfhöhe einen roten Architrav aus Kunststein, auch wenn der Titel „Trance“ in eine andere Richtung weist? Ist nicht dort ein aus Messing gefertigter Sockel auszumachen, auch wenn Takeoka diese Arbeit widersinnigerweise als „Disc II“ bezeichnet?

Begeben wir uns in Raum III, so führt unser Weg direkt vor ein rotes Podest, das im Stil japanischer Lackkunst bearbeitet wurde – des Künstlers Reverenz an seine Heimat in Fernost. Doch auch hier scheint etwas zu fehlen. Der Redner auf seinem Podest, die Plastik auf dem Sockel? Nein, Takeoka kopiert nicht Andres minimalistische Kunst der Bodenplatten., nein er schafft eine eigenständige Arbeit, indem er eine quadratische Kupferplatte unter eine Vitrine legt, die allerdings die falschen Ausmaße hat. Sie ist zu niedrig und sie greift das Quadrat der Platte nicht in ihrer Kubatur auf. Takeoka verschließt sich der klassischen Vitrinenform – und das bewusst.

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Specific Rooms VG Bild-Kunst, 2012

Im Blick auf Judd entstand das Werk „Specific Rooms“. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein massives, graufarbenes Regal, in dessen Fächer der Künstler Kataloge, Monografien und ähnliches von noch lebenden Künstlern gelegt hat. Es ist auch ein Verweis darauf, dass diese Künstler zwar in der aktuellen Schau keine eigenen Arbeiten präsentieren dürfen, aber dennoch gegenwärtig sind. Somit „teilt“ Takeoka das Privileg einer Ausstellung mit abwesenden Künstlerkollegen. Schließlich stehen wir vor „Standing Sculpture“, eine verspiegelte Messingsäule. In ihrer Dimension nimmt sie die Körperlänge Takeokas auf, ist also mehr als nur ein Ding aus Messing.

Nur farbige Deckblätter

Einst für den Kunstverein Stuttgart konzipiert war der Raum IV, dessen Blickfang die Arbeit „International Art Magazine Rack“ (1997) ist. Goethes Farblehre und Richters Farbfelder fallen dem Kunstkenner beim Anblick dieser Arbeit gleich ein, auch wenn es nur ein gewöhnliches Regal mit Systemen zum Ablegen von Magazinen und Zeitschriften ist. Doch diese finden wir dort nicht. Stattdessen sind nur „farbige Deckblätter“ zu sehen. Unter einer Vitrine „verschwindet“ nebenan ein Steinsockel, der aus Kunstmarmor gearbeitet wurde.

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Ausstellungsansicht RaumIV

Schließlich die Bremer Arbeiten

Aus Messingpfosten, die mit roter Schnur verbunden sind, schuf der Künstler eine Absperrung. Eine solche Absperrung ist Museumsbesuchern durchaus bekannt, soll sie doch das Betrachten von sehr fragilen und kostbaren Kunstwerken nur aus einer Distanz erlauben. Nahsichten sind selten erwünscht. Gerade in diesem letzten Raum arbeitet der Künstler auch mit dem Raum, ließ er weiß geschlemmten Feinputz abtragen, um ins „Innere des Marcks-Hauses“ zu schauen, und versenkte bei einer weiteren Arbeit einen Messingspiegel in der Wand. Man muss also nicht allein auf das Ding, sondern auch auf den Kontext achten, betrachtet man z. B. „Museo V-Site“. © fdp / fotos: ingo wagner

Ausstellungen 2012

Emil Cimiotti
24. Juni bis 16. September 2012

"Den Raum ganz anders besetzen" Am 19. August 2012 wird Emil Cimiotti 85 Jahre alt, ein willkommener Anlass, diesen Altmeister der Plastik mit einer Ausstellung zu würdigen. Er gilt als Schlüsselfigur des Informell und auch in seinen jüngsten, vermehrt konstruktiv geprägten Arbeiten bildet die prozesshafte Suche nach einer Struktur im Raum den Kern seines Schaffens.

Elmar Trenkwalder: Ornament und Obsession Elmar
28. Oktober 2012 bis 17. Februar 2013
Trenkwalders (geb. 1959) überlebensgroße Keramiken erinnern in ihrer Struktur an Gotik, Barock, Rokoko oder indische Tempelkonstruktionen, aber die Gestalten, die sich auf den Oberflächen befinden, verweisen auf eine Traumwelt, die gleichzeitig nah und fremd ist. Das Werk ist voll von symbolischen Referenzen, oft sexueller Natur, die sich in den einzelnen Arbeiten endlos zu wiederholen scheinen. Es ist ein internationales Projekt in Kooperation mit dem Landesmuseum Thurgau (Schweiz) und der Kunsthalle Krems (Österreich).

Gerhard-Marcks-Haus
Am Wall 208
28195 Bremen
Tel.: 04 21 32 72 00
info@marcks.de
Öffnungszeiten: Di.-So. 10-18 Uhr
Führungen j eden Do. um 17 Uhr und jeden So. um 12 Uhr

Landesgalerie Linz
Museumstraße 14
4010 Linz
Telefon: +43 (0)732/774482-0
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 9.00 - 18.00 Uhr Do 9.00 - 21.00 Uhr Sa, So, Feiertag 10.00 - 17.00 Uhr Mo geschlossen!

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