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Bonn
Haus der Geschichte

Mit 17 ... bis 9. April 2012

Die Ausstellung „Mit 17... Jung sein in Deutschland" beschäftigt sich mit einem - für Eltern und Kinder - schwierigen Lebensabschnitt. Sie zeigt mit rund 800 Exponaten, interaktiven Medienstationen, Musik und szenischen Bildern Bandbreite und Entwicklung zentraler Jugendthemen in der Öffentlichkeit - von Sexualität über Rebellion und Religion bis hin zu Ausbildung, Beruf und Erwachsenenwelt.

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Ausstellungsplakat
Gestaltung: bildwechsel; Foto: Beta Film


Um es gleich vorwegzunehmen: Die ambitionierte Ausstellung ist m. E. überfrachtet. Selbst mediale Arbeitsplätze, Leseecken und Hörplätze sind keine Orte des Rückzugs, der intensiven Nachlese und der vertiefenden Wissensaneignung. Wo man in der Ausstellung auch ist, von irgendwoher dringen harte Beats, Elvis' Rock 'n Roll oder Kondomwerbung mit Hella von Sinnen an das Ohr des Besuchers, der sich mit einer Überfülle von Themen konfrontiert sieht. Weniger wäre, so der Berichterstatter, sicherlich mehr gewesen, insbesondere dort, wo Themen nur angerissen, aber nicht vertieft werden. Das gilt für das Kapitel „Studentenrevolte“ – diese personalisiert man in historischer Verkürzung auf Rudi Dutschke – oder das über die RAF in besonderem Maße. Hinzukommt, dass einige Themen überhaupt nicht angesprochen werden, so die Hausbesetzungen in Ost und West, mal ganz zu schweigen von der Attac-Bewegung oder der Generation iPad

 

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Peter Kraus, der deutsche Elvis als Cover
© Bravo/ Repro: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Thünker, Axel, Schwarz, Marc Patrick

Noch mit 30 ...

Bereits im Zugang zur Ausstellung wird deutlich, dass die Macher einen Jugendbegriff haben, der m. E. völlig absurd ist: Jugend wird für die Zeit zwischen dem 10. und dem 30. Lebensjahr unterstellt. Weder ist dies durch irgendwelche formalen Regelungen gerechtfertigt, noch durch gängige Forschung. Mit zehn Jahren ist man Kind mit eingeschränkter Geschäftsfähigkeit, mit 30 Jahren lange schon erwachsen. Selbst das KJHG, das das Kindes- und Jugendwohl regeln soll, definiert Kindheit und Jugend völlig anders: In § 7 Begriffsbestimmungen heißt es: „1. Kind, wer noch nicht 14 Jahre alt ist, soweit nicht die Absätze 2 bis 4 etwas anderes bestimmen,2. Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist, 3. junger Volljähriger, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist, 4. junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist, ...“ Und dieser Kategorisierung hätten sich auch die Macher der Ausstellung anschließen sollen, zumal der Titel eigentlich impliziert, dass sich die Schau auf die Übergangszeit zur Volljährigkeit bezieht.


Die Jugend ist schlecht

Die Konflikte zwischen Eltern und Kindern sowie die gängigen Worthülsen, die wechselseitig fallen, sind hinreichend bekannt und werden dem Besucher nochmals im Eingangsbereich der Ausstellung per „Hörspiel“ vermittelt. Dass der Generationenkonflikt keine Erscheinung der Neuzeit ist, sondern bereits der griechische Philosoph Aristoteles über die Jugend klagte, wissen wir auch. Nicht für alle Jugendlichen von heute gilt Goethes Satz: „Nun freut euch eurer Jugendzeit.“ Umso mehr ist es dem Haus der Geschichte positiv anzurechnen, die Jugendzeit in allen Facetten zu thematisieren, auch wenn dies Unterfangen seine Mängel hat.

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Auf Sendung: Vom besetzten Bauplatz in Gorleben informiert ein Piratensender Besetzer und Bevölkerung über die Lage vor Ort. Bei der polizeilichen Räumung wird er demoliert.
© St.-Pauli-Museum e. V., Hamburg

Aus Interviews mit Schülern erfahren die Besucher mehr über Träume und Wünsche, aber auch über Vorbilder. Dabei überrascht, dass sehr häufig als Vorbild die eigene Mutter genannt wird, wenn auch der Name Roger Federer oder Oliver Kahn fällt. Die Wünsche der befragten Schüler reichen von der Eröffnung eines Cafés bis hin zur Abschaffung der Kapitalismus. Das unterstreicht, wie divergent die Lebensgestaltung und -planung der heutigen Jugend ist. Auch mit Anfang 20 die Frau des Lebens zu finden, taucht als Wunsch auf und zugleich fällt dem einen oder anderen Besucher die Songzeile „Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen alle Bäume in den Himmel der Liebe.“ ein. Diese Zeile trällerte einst das Schlagersternchen Peggy March – lang ist es her. Vorbilder in Ost und West waren die Beatles und zuvor Elvis. Lebenslange Leidenschaft ist der King of Rock 'n Roll für die Familie Ilge, die ebenso zu Wort kommt, wie der Elvis-Fan Torsten Otte aus dem Osten.

Es darf geträumt werden

Träume waren nicht auf den Westen beschränkt, sondern blühten auch im geschlossenen System der DDR. Im April 1970 rief die „Junge Welt“ zu einem Preisausschreiben auf. Das Thema lautet „Träume im Jahr 2000“. Den Gewinnern wurde ein Festessen im Jahr 2000 versprochen. Trotz der politischen Wende fand dieses auch tatsächlich für die 500 Gewinner statt.

Während im Hintergrund Elvis seine Hits schmettert und der eine oder andere Beatles-Song erklingt, sind wir unterdessen in einem Jugendzimmer angelangt, das über und über mit Postern versehen ist: Che, Madonna, Abba, Silly, Horst Buchholz, Tina Turner und andere – sie alle waren zeitweilige Idole oder sind es noch heute.

Dass man in der DDR auch ein Faible für Depeche Mode entwickeln konnte und sich glücklich schätzte, im März 1988 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle einem Konzert dieser Band beizuwohnen, erzählt die Ausstellung ebenso wie Wissenswertes zum „ersten Mal“. Dass die Pubertät ein gravierender Einschnitt ist, wird mittels des Fotoprojekts von Margit Emmrich sichtbar gemacht. Schüler fotografierten sich in den 1970er Jahren in der 7. und 8. Klasse, wodurch der Entwicklungssprung vom Kind zum Jugendlichen dokumentiert werden sollte.

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Halbstark: Der Münchner Hans Wutz kauft diese Zündapp Combinette 1958 von seinem Lehrgeld. Er gehört zur "Parkplatz-Blasn"-Bande, die in den Hinterhöfen ihre Mopeds frisiert.
© Hans Wutz/ Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Thünker, Axel, Schwarz, Marc Patrick

Die erste Liebe, der erste Sex

Dass die erste Liebe auch mit gutem Aussehen und Kleidung zu tun hat, ironisiert die Schau durch die Präsentation von Hüfthalter und Tanga, Calvin-Klein-Unterhose versus „Liebestöter in Feinripp“. Deo, Lippenstift, Make-up – ja das gehört auch zur ersten Liebe, wie auch das Kondom und eine eigene Sprache. Wer weiß schon als Erwachsener, was „Dubimeile“ bedeutet?


Angesichts von AIDS ist Liebe mit oder ohne Gummi ein ganz besonders wichtiges Thema. Der Aufklärungskoffer mit Diaphragma, Kondomen und anderen mechanischen und chemischen Verhütungsmitteln hat in diesem Ausstellungssegment daher seinen berechtigten Platz.


Behandelt werden außerdem die weltanschaulichen Weiherituale, die den Übergang Kind-Jugendlicher-Erwachsener markieren, ob nun Konfirmation, Jugendweihe oder Bar Mizwa. Dabei scheinen die Geschenke anlässlich der jeweiligen Feier das Wichtigste überhaupt zu sein: „Viel hat sich für mich jetzt nicht verändert, außer dass ich einen iPod habe und in New York war.“ so eine Äußerung der in der Schau vorgestellten Jugendlichen.


Ein Gang durch die Jahrzehnte

Beim weiteren Rundgang tauchen die Besucher in die 1960er, 1970er und 1980er Jahre ein. Das ist die Welt von Coca-Cola, Zündapp-Moped und „Tutti-Frutti“, aber auch von selbst vertriebenen Kassetten mit Punkmusik, eine Welt mit Parolen wie „Folter für Travolta“, mit Krawallen rund um Rockkonzerte, mit legendären Treffpunkten wie das „Cafe Punckt“ in Berlin-Wedding und Konzerten der Betoncombo im Kreuzberger SO36.

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Markenzeichen: Lederjacke von Rudi Dutschke, dem prominentesten Kopf des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Er trägt sie bei vielen Demonstrationen © Heimatmuseum Luckenwalde/ Repro:Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Thünker, Axel, Schwarz, Marc Patrick

Die späten 1960er Jahren stehen auch unter dem Vorzeichen der studentischen Revolte. Besonders bezeichnend für die Einstellung des damaligen Establishments ist ein Interview mit einem Oberstleutnant a. D., der unter der Überschrift „Schweine gehören nicht auf die Straße“ gegen die Kommune I hetzte und diese Hetze auch in einem TV-Interview in den eigenen vier Wänden wiederholte. In der Wohnstube des Herren stehen Bücher in den Regalen, die die Geisteshaltung des Interviewten verdeutlichen. Unter anderem sieht man Buchtitel wie „Traum vom Reich“ und „Volk ohne Raum“ !

In den 1960er Jahre erblickte auch der Beat-Club, die erste eigene Jugendsendung im Fernsehen, das Licht der Welt. Uschi Nerke wurde in schrillen Outfits zur Ankerfrau dieser Sendung. Nicht nur die Kommune I erregte die Gemüter der braven Spießer, sondern auch die sogenannten Gammler, Langhaarige, die sich auf den Treppen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Westberlin trafen, sehr zum Ärgernis von Pfarrer Pohl, der sich vehement beim damaligen Regierenden Bürgermeister über das „Gesindel“ beschwerte.

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"Schwerter zu Pflugscharen": das Symbol der Friedensbewegung in der DDR © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Thünker, Axel, Schwarz, Marc Patrick

Der Prager Frühling, der Kampf gegen die Notstandsgesetze, die Studentenbewegung, zu deren Kopf Rudi Dutschke gemacht wurde, und die RAF verdeutlichen die Politisierung der Jugend. Neben dieser politisierten Jugend standen auch jene der Hippiebewegung, deren bunte Blumenmuster-Outfits in der Schau gezeigt werden.

Recht ausführlich behandelt wird das Thema Ausbildung. Dazu kommen an Hörstationen Jugendliche aus Ost und West zu Wort , ob André, der Hüttenwerker aus der DDR oder Theo, der KFZ-Mechaniker aus dem Westen.

Im Bestreben ein nahezu „lexikalisches Bild von Jugend im Westen und Osten“ zu entwerfen, wird neben der Friedensbewegung auch der neue Trend der Straßensportart Parkour und der WLAN-Parties vorgestellt. „Frieden schaffen ohne Waffen“ hier und Austoben im Straßen- und im virtuellen Raum dort – ja das scheint der jugendliche Spagat der letzten Jahre zu sein. Doch gibt es da nicht auch das jugendliche Präkariat, das Koma-Saufen, die Gewaltexesse auf S-und U-Bahnhöfen, die Opfer hervorbringt, das Abdriften von Jugendlichen in die Nazi-Szene? © fdp

Haus der Geschichte
Willy-Brandt-Allee 14
53113 Bonn
Telefon: 0228 - 91 65-0
post@hdg.de
http://www.hdg.de
Öffnungszeiten:
dienstags bis sonntags 9 bis 19 Uhr.
Informationszentrum: dienstags bis freitags 9 bis 17 Uhr, Besuchergruppen-Anmeldungen: Telefon 91 65-400, montags bis freitags 9 bis 16 Uhr.

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