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Berlin
Sammlung Scharf-Gerstenberg

Surreale Sachlichkeit.
Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Sammlung der Nationalgalerie
bis 23. April 2017

Die Ausstellung wirft einen neuen, durch den Surrealismus geschärften Blick auf das Phänomen der Neuen Sachlichkeit. Tatsächlich haben beide Anfang der 1920er-Jahre in Frankreich und Deutschland entstandenen Kunstrichtungen mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten möchte. Die Gegenüberstellung von ausgewählten Werken lenkt die Aufmerksamkeit auf den "psychischen Raum", der überraschend oft auch in der Kunst der Neuen Sachlichkeit mitschwingt, ohne dabei explizit zu werden.

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Georg Schrimpf: Bahnübergang, 1932, Foto: bpk/Nationalgalerie / SMB

Schon der Titel der sehr sehenswerten Schau irritiert. Hier wird ein Begriff geboren, den es so nicht gibt. Ja, als Reflexion, vielleicht auch nur als Reflex auf die Ereignisse des Ersten Weltkriegs mit seinem mörderischen Stellungskrieg und dem Einsatz von Giftgas, entstanden in den 1920er Jahren sowohl der Surrealismus – man erinnere sich an das Manifest der Pariser Surrealisten um André Breton – als auch die Neue Sachlichkeit – erstmals als Begriff für neue künstlerische Tendenzen geprägt, als 1925 in der Mannheimer Kunsthalle neuste Kunsttendenzen öffentlich präsentiert wurden. Das Trauma des Ersten Weltkrieges erzwang einen anderen anderen Stil der Kunst. Das Subjektive in der Kunst hatte augenscheinlich ausgedient. Eine „objektive Betrachtungsweise“ war an dessen Stelle gerückt.

Absage an den Expressionismus

Beide Kunstrichtungen waren und sind als Absage gegenüber der damaligen Avantgarde, vor allem der Secessionisten, aber auch der Expressionisten zu verstehen. Gefühlte Farben standen nicht mehr auf der Tagesordnung. Die Surrealisten verschoben die Wirklichkeit und die Neusachlichen präsentierten kühle Landschaften und den entfremdeten Menschen, einsam, verzweifelt, lebensmüde, gelangweilt, a-sozial und nur auf sich bezogen.

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Ewald Mataré: Männlicher Kopf, um 1926, Foto: Jen Ziehe

Gezeigt werden im ehemaligen Marstall gegenüber dem Schloss Charlottenburg Arbeiten der 1920er und 1930er Jahre aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie, die wegen umfänglicher Sanierungsmaßnahmen langfristig geschlossen ist. Der lang gestreckte Bau wurde durch ausstellungsarchitektonische Maßnahmen in einen Mittelgang mit zahlreichen „Kabinetten“ gegliedert, um der thematischen Feinstruktur der Ausstellung gerecht zu werden. Teilweise wurden die Ausstellungsflächen in barockes Rot getaucht, ohne dass die Wahl in sachlichem Bezug zu den gezeigten Exponaten zu stehen scheint. Themen der Ausstellung sind „Räume“, „Menschen“ und „Dinge“. Diese Ausstellungsgliederung erschließt sich nur, weil es ein kleines Ausstellungsheftchen für die Besucher gibt, in der anhand einzelner Exponate auf die entsprechenden Themen Bezug genommen wird.

Ein Großexponat aus dem Land am Nil

Allein die Tatsache, dass man durch das Kalabascha-Tor schreiten muss, um die Ausstellung zu sehen, also eine Tempelarchitektur aus Ägypten zu sehen bekommt, hat etwas Surreales. Dieses Großexponat ist ein Überbleibsel des Ägyptischen Museums, das einst in Charlottenburg sein Domizil hatte und nun auf der Museumsinsel beheimatet ist. Im Kontext der Flutung des Assuan-Staudamms wurden reliefierte Blöcke geborgen, die lediglich als Füllmaterial für den Tempel von Kalabascha gedient hatten. Die Reliefs zeigen u. a. den römischen Kaiser Augustus in ägyptischer Tracht. So ist dieses Tor eindeutig als Zeugnis der römischen Antike einzuordnen.

Alles Bekannte ist auszuschneiden. Girorgio di Chirico

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Harry Heinrich Deierling: Selbstportraet im Spiegel, 1929,
Foto: Andreas Kilger

Mit einem Zitat von di Chirico – siehe oben im Text – und einem von Walter Benjamin, der sich über das Rätselhafte des Rätselhaften äußerte, werden die Besucher dann in der Ausstellung empfangen, während der Blick auf di Chiricos „Der große Metaphysiker“ fällt. Es ist ein „Kernwerk“ der in Ferrara entstandenen „metaphysischen Malerei“ und wegen zahlreicher Varianten sehr bekannt. Räume, Dinge und Menschen vereint die eigenartige „Skulptur“ in der Mitte des Gemäldes, gerahmt von lang gestreckten Bauten mit Rundbogenfenstern. Sind es nicht Erzeugnisse aus einer Möbel- und Tischlerwerkstatt, die wir sehen? Und oben auf ragt eine Büste aus den übereinandergestapelten Holzelementen heraus. Menschenleer ist der Platz, auf dem das turmartige Gebilde steht. Derartige menschenleere, kühle Gemälde finden wir beim weiteren Rundgang durch die Schau noch mehrere, aber dazu später.

In die Landschaft gestellt

Zunächst werden wir erst einmal mit Stillleben konfrontiert, die, auch wenn sie zum Beispiel Blumen in den Mittelpunkt rücken, überaus bizarr erscheinen. Natur erscheint als tote Natur, so auch bei Frank Lenk und dessen 1930 entstandenem Gemälde „Amaryllis“. Toskanisch mutet die Landschaft an, in die der Künstler zwei Blumentöpfe mit Pflanzen gesetzt hat. Dabei hat er die eine Topfpflanze auf einem Ziegel in den Vordergrund des Gemäldes platziert.

Aus genieteten Stahlplatten bestehen die beiden riesigen Ozeandampfschiffe, die im Hafen liegen. Zwischen den Rümpfen segeln drei Boote unter grünen Segeln, obgleich die Schiffe eine Windbarriere bilden. Auf dem Wasser ist zudem ein Ewer unterwegs, der wohl Fässer an Bord geladen hat. Rötliche Schlieren am Himmel deuten auf die Morgenröte hin. Geschaffen hat dieses Gemälde mit dem Titel „Hafen II“ Franz Radziwill, dessen Arbeiten auch unter dem Begriff des magischen oder poetischen Realismus subsumiert werden, obgleich die Absurdität der gemalten Szenerie eher doch auf den Surrealismus verweist. Was der aus Ostfriesland stammende Künstler uns deutlich vor Augen führt, ist das Monströse und das Gigantische, das von den beiden Schiffsleibern ausgeht. Der Mensch scheint lediglich Staffage.

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Ernest Neuschul: Die Plätterin, Foto: Jörg P. Anders

Ein roter Turm und Bahnübergänge

An die kristallinen und prismatischen Strukturen eines Lyonel Feiningers und dessen Stadtansichten muss man denken, betrachten man die Arbeit „Roter Turm“ von Adolf Lattner. Dieser Künstler hat den Turm aus einer starken Untersicht ins Bild gesetzt. Geradezu unheimlich erscheint das von Georg Schrimpf geschaffene Gemälde „Bahnübergang“ im ersten Tageslicht. Menschenleer ist die Szene. Spröde, funktionale Architektur bestimmt den Bildinhalt. Kein Zug, auch nicht in der Ferne, ist zu sehen. Kein Mensch wartet am Übergang. Die menschliche Existenz muss gedacht werden. Denn wer hätte wohl einen Bahnübergang bauen können? Im Kontrast dazu steht die Ansicht der „Gartenstraße Berlin N“, geschaffen von Gustav Wunderwald. Wunderwald gilt als neusachlicher Maler, wenn auch das ausgestellte Werk im Duktus und Motiv doch eher zwischen Expressionismus und Realismus changiert. Vor der Kulisse gründerzeitlicher Mietshäuser wartet die Straßenbahn Nr. 3 auf Fahrgäste, derweil in der mit Schnee bedeckten Straße zahlreiche Fußgänger unterwegs sind, dick eingehüllt, so scheint es. Vergleicht man Schrimpfs Bildmotiv mit der Arbeit von Bernhard Klein, der gleichfalls einen Bahnübergang auf die Leinwand gebannt hat, so fällt auf, dass nicht nur ein Schrankenwärter die Schranken herablässt, sondern auch drei Fußgänger es nicht mehr geschafft haben, die Gleise zu passieren. Gleiches gilt für einen Autofahrer, der an den Übergang herangefahren ist. Klein hat also eine Szene komponiert, in der der Mensch im Fokus steht und nicht die funktionale Architektur.

Die schwebende Mauer

Wir lesen den Namen Edgar Ende und betrachten sein Motiv der schwebenden Mauer, vor der eine Gruppe von drei nackten Männern, die sich dicht aneinander drängen, steht. Im Bildvordergrund liegen mit ausgestreckten Flügeln Schwäne übereinander. Was will uns Ende – Vater des bekannten Bestseller-Autors Michael Ende („Momo“) – eigentlich sagen? „Die moderne Kunst", so schreibt Edgar Ende an einer Stelle seiner autobiografischen Schriften, „führt zu neuen, nie bewusst betretenen Gefilden. Ein Abenteuer ist die Kunst, ein Vorstoß ins Unbekannte, eine Begegnung mit Dämonen und Engeln." Also doch surreal? Vielleicht ist es auch magisch und poetisch, was Ende als Gesamtwerk schuf? Man würde gerne den Bildinhalt entschlüsseln,oder? Stehen die Schwäne für den gescheiterten Ikarus, der beim Fliegen der Sonne zu nahe kam und stürzte? Stehen die drei Nackten für die Letzten, die noch die Katastrophe überlebt haben? Das Gemälde wirft Frage über Frage auf, ohne das es auch einen Schlüssel zur Antwort liefert. Blättert man in der einschlägigen Literatur zu Edgar Ende, dann findet man den Begriff des Visionärs, der seine Motive aus dem Unbewussten gewonnen hat. Stellt das zufrieden, um den Bildinhalt zu begreifen? Man darf doch zweifeln!

Eine menschenleere Ansicht einer Straße nach Essen-Bergeborbeck – im Hintergrund sieht man Schlote und eine Kirche als Teil der Stadtansicht – schuf der Fotograf Albert Renger-Patzsch, dessen fotografische Abeit mit Otto Niemeyer-Holsteins banal wirkendem Gemälde „Der Frack“ „dialogisch“ gehängt wurde.

Ein Belgier mit surrealen Inhalten

René Magritte zählt gewiss zu den bedeutenden Surrealisten der ersten Stunde. Der Mann aus Brüssel-Jette malte „L‘idée fixe“. Die Bildfläche ist als Fensterrahmen strukturiert und enthält vier Bildfenster mit unterschiedlichen Motiven, eine rote Hausfront mit je vier Fenstern in zwei Etagen, einen Jäger in einem grauen Raum, einen dichten Wald und einen grauen Wolkenhimmel. Und was hat das mit einer fixen Idee zu tun, fragt man sich.

Beim weiteren Rundgang stoßen wir auf Max Ernsts „Muschellandschaft“, eine Frottage mit tintenblauem Himmel und feuerrotem Strand, auf dem sich Muscheln finden. Konfrontiert wird die Arbeit des Surrealisten Max Ernst mit einem „Stillleben mit Muscheln“ von Willy Kriegel, der in seinem eher expressiv anmutendem Gemälde auch Tritonschnecken verarbeitet hat.

Ein Hingucker ist in der Schau das hochformatige Werk von Oskar Schlemmer, das uns einen Akt, eine sich aus dem Bildmittelpunkt entfernende, schattenhaft wirkende und schwarz gekleidete Frau und eine Kommende zeigt. Von Letzterer sehen wir nur eine Hand und ein Bein, das sich am linken Bildrand ins Blickfeld drängt. Der Akt erscheint als naive Schnitzerei einer Figur, steif, überlängt und auch an eine Gliederpuppe erinnernd, geschlechtslos obendrein. Auf wen warten eigentlich die vier Alten Frauen, die bei Mondschein auf einer Hafenbrücke zu sehen sind, derweil ein Mann seinen Kahn durch den Hafen stakt? Warten sie auf den Tod und um im Bild zu bleiben auf den Fährmann aus der griechischen Mythologie, der sie ins Reich des Herrschers der Unterwelt geleitet? Zu verdanken ist das Werk Albert Birkle, der während des III. Reiches zeitweilig in Ungnade fiel und dessen Arbeiten als Malerei des Fantastischen anzusehen sind, obgleich im Duktus deutlich expressionistische Tendenzen zu erkennen sind.

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Otto Dix: Familie des Malers Adalbert Trillhaase, Foto: Jörg P. Anders

Dali, Dix und Nagel – der Zeitgeist

Zu den Höhepunkten der Präsentation gehört gewiss „Bildnis Frau Isabel Styler-Tas“ von Salvadore Dali. Von Otto Dix zeigt man neben den Kinderbildnissen anderer Künstler sein „Kinderbildnis“. Proper ist das Kind, das in seiner orangefarbenen Jacke in der Wiege liegt, augenscheinlich zufrieden und putzmunter. Das kann man von anderen Kindern, denen wir gegenüberstehen nicht sagen, vor allem nicht von den blassen, ausgezehrten Jungen aus dem Wedding. Sie scheinen vollständig desillusioniert und am Leben verzweifelt. Gesichtsalt und irgendwie schwindsüchtig erscheinen sie. Otto Nagel, der 1936 und 1937 u. a. im KZ Sachsenhausen festgehalten wurde, präsentiert uns diesen Einblick in die Klassengesellschaft der Weimarer Republik. Er stammte selbst aus dem Wedding und war Sohn eines Zimmermanns, kannte also die da unten!

Zum Schluss sei der Blick noch auf das monumentale bildhauerische Werk von Max Ernst gerichtet: „Capricorn“, die „Familie Steinbock“ aus getöntem Gips. Ohne die Begegnung des Künstlers mit den Hopi wäre diese Großplastik wahrscheinlich nie entstanden. In die gestaltete Gruppe flossen Elemente von deren Volkskunst ein. 1948 entstand die auch als Sitzplatz zu benutzende Zementplastik – man betrachte mal den blockförmigen Unterleib der Figur mit dem Stierkopf und dem Zeremonialstab in der Hand. Diese Figur hatte der Künstler bereits in seinem Werk „The King playing with the Queen“ verwendet. Ähnliches gilt für die Gestalt der Meerjungfrau, die wir bei Ernsts „Belle Allemande“ (1935) finden. Neben dem „Stiermenschen“ sehen wir die Gestalt einer Meerjungfrau als Gemahlin des Stiermenschen und deren gemeinsame Tochter, ein Mischwesen und gleichfalls mit den Merkmalen einer Meerjungfrau versehen Fazit: Eine sehr gelungene Schau, die dank des Begleitheftchens auch so manches Rätsel aus der Welt der Neusachlichkeit und des Surrealismus löst. Text © ferdinand dupuis-panther Foto © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schlossstraße 70 14059 Berlin
Öffnungszeiten http://www.smb.museum/smb/sammlungen/details.php

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