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Berlin
Sammlung Scharf-Gerstenberg

Surreale Welten
bis auf Weiteres

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigt hochkarätige Werke der Surrealisten und ihrer Vorläufer. Das Spektrum der Künstler reicht von Piranesi, Goya und Redon bis zu René Magritte, Max Ernst und Jean Dubuffet.

Dort, wo einst Nofretete und Schätze aus dem Alten Ägypten ihre Heimstatt hatten, im östlichen Stülerbau und im Marstall gegenüber dem Schloss Charlottenburg, sind heute „surreale Welten“ zu bestaunen. Vor allem sind es grafische Arbeiten und wenige Ölgemälde, die sich Besucher mit Interesse für den Surrealismus anschauen können.

Zur Sammlung, die auf den Gründer und Generaldirektor der Victoria-Versicherung zurückgeht, gehören etwa 300 Werke, welche die Geschichte der phantastischen Kunst nachzeichnen. Der Surrealismus, im Zentrum der Sammlung stehend, basiert auf Grundideen, die André Breton 1924 in Paris entwickelte. Auch die Vorläufer von Magritte und Ernst sind in der Sammlung präsent, so Goya und Piranesi.

„Surreal“ wirken auch die Säulen des antiken Sahuré-Tempels, die ebenso im Haus verblieben sind wie das Kalabscha-Tempeltor. Doch diese sind nur „Gäste auf Zeit“ und werden ihren endgültigen Platz im vierten Ausstellungsflügel des Pergamonmuseums finden.

Nicht nur Goyas Radierungen

Goya entführt den Betrachter nicht nur in die Zirkuswelt, um auf menschliche Torheit hinzuweisen, sondern nutzt auch die „Torheit des Tieres“, um seine Zeitgenossen vorzuführen: Vor einer Gruppe orientalisch gekleideter Männer verharrt ein Elefant, der völlig unbeeindruckt von der Gesetzestafel ist, die ihm vor den Rüssel gehalten wird. „Andere Gesetze für das Volk“ lautet der Untertitel der Radierung, die um 1815 entstand. Die Torheit ist auch das Thema in „Bekannte Torheit“: Betrachten wir die Arbeit, so sehen wir eine Vogelscheuche, die einen besonderen Schatten wirft: Als Schattenbild taucht ein Mann auf, der mit einem Säbel bewaffnet ist. Neben Goya präsentiert das Haus im stark abgedunkelten Marstall auch einige Radierungen von Giovanni Piranesi. 16 Radierungen legte dieser italienische Künstler 1760/61 zum Thema „Kerker“ an. Piranesi überzeugt durch die präzise angelegte Architekturkulisse, in die er die Folterszenen mit der sogenannten eisernen Jungfrau und anderen Folterinstrumenten eingebettet hat. Auch die Löwengrube als Instrument der Schreckensherrschaft wurde von Piranesi in einer Radierung festgehalten: Zwei Löwen warten in der Grube auf das menschliche Opfer, das am Rande der Grube steht und im nächsten Moment den Raubkatzen zum Fraß vorgeworfen wird.

Im weiteren Verlauf des Rundgangs werden wir noch auf andere Goya-Werke aufmerksam, so auf die Landschaft mit großen Felsen, Gebäuden und Bäumen sowie „Bis zu seinem Großvater“ (1797-98): Adrett gekleidet blättert ein Esel in einem Eselstammbuch.

Zu den Radierungen von Goya und Piranesi gesellen sich Arbeiten von Odilon Redon, darunter dessen Hommage an Goya in Öl auf Karton: Im blauen Himmel ist ein schwebender Frauenkopf zu sehen, der an einer Küstenlandschaft vorbeigleitet. Doch auf welche Goya-Arbeit sich Redon bezieht, bleibt dem Besucher ein Buch mit sieben Siegeln, da die Textbegleitung in der Ausstellung sehr , sehr reduziert ist.

In einer Art Gegenüberstellung hängt „Krähen über den Häusern“ von Horst Janssen neben den Arbeiten von Charles Méryon, auf die sich Janssen bezieht. Ähnlich wie bei Piranesi spielt die Architektur eine wesentliche Rolle in der Anlage der Kompositionen. Bei Mèyon finden sich Straßenschluchten mit „tanzenden“ Häusern, Brücken und Kirchen, so auch in „Die kleine Brücke“, eine Radierung von 1850. Auf einigen der Werke sind kreisende Krähen zu sehen.

Der aus Ostende stammende James Ensor ist gleichfalls in der Sammlung vertreten. Dieser Künstler, der sich stets gegen seine Zuordnung zum Symbolismus sperrte und durch seine „Maskenbilder“ Berühmtheit erlangte, hat unter anderem auch den „Triumph des Todes“ geschaffen: Der Sensenmann schwebt bedrohlich über den Köpfen, einer in Panik davoneilenden Menschenmasse. Den Sensenmann finden wir auch in Alfred Kubins „Der Säufer“, eine Tuschfederarbeit. Gevatter Tod hat bei Kubin statt eines Armes einen Rüssel, den er liebkosend einer blässlichen Rothaarigen auf die Brust legt. Entführt er sie so in das Reich der Toten? Tod ist zudem das Thema bei Gustave Moreau in „Der Tod der Sappho“, eines der wenigen Ölgemälde der Sammlungspräsentation. Zu diesen Künstlern gesellt sich auch Henri Rousseau mit „Die Schöne und das Biest“, auch dies ein Ölgemälde, das ein kopulierendes Paar zeigt. Ein Wolf(?) treibt es mit einer vollschlanken Schönheit ganz ungeniert auf einer Lichtung.

Besuch im östlichen Stülerbau

Im Übergang zum Stülerbau steht Max Ernsts Bronze mit dem Titel „Die Schönste“. Anschließend treten wir in die wahren surrealen Welten ein, die zur umfänglichen Sammlung Scharf-Gerstenberg gehören. Sie ist ebenso wie die Sammlung Berggruen im westlichen Stülerbau sicherlich ein Highlight in der Berliner Museumslandschaft, die sich bei der Kunstpräsentationweitgehend auf die Museumsinsel konzentriert. Darüber vergisst die Stiftung Preußischer Kulturbesitz leider die Standorte Charlottenburg und Dahlem.

Zu verdanken ist die exquisite Sammlung in Charlottenburg Otto Gerstenberg, dem Gründer und Generaldirektor der Victoria-Versicherung, dessen Sammelleidenschaft zunächst den Alten Meistern und den Impressionisten galt, ehe er sich anderen künstlerischen Strömungen zuwandte. Gerstenbergs Werk setzte der Enkel Gerstenbergs, der Physiker und Fabrikant Dr. Hans Scharf, konsequent fort. Welch ein Glückfall für die chronisch klamme Stadt Berlin, dass eine solche Sammlung nun Teil der Staatlichen Museen Berlin geworden ist.

Von einem gefundenen Handschuh und ...

Also, begeben wir uns zu Paul Klee, Hans Bellmer, WOLS, Jean Dubuffet, Max Klinger und anderen Künstlern im Umfeld des Surrealismus: Die Kabinetträume des Stülerbaus sind teilweise als Künstlerräume eingerichtet. So präsentiert man einen Max-Klinger-Zyklus über die „Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame die ihn verlor, gewidmet". Zehn Blätter in Tuschfeder sind zu sehen, darunter auch eine honorige Gesellschaft, die abschätzig auf ein am Boden sitzendes Mädchen schaut. Zudem erblicken wir Menschen, die sich auf der Rollschuhbahn vergnügen. Unter ihnen ist auch ein Herr, der sich nach einem Damenhandschuh bückt. Würden wir nicht gerne erfahren, wie Klinger zum Thema dieser Arbeit fand? Doch das erfahren wir beim Rundgang ebenso wenig wie Wissenswertes zu Victor Hugos Tuschearbeiten aus der Mitte des 19.Jahrhunderts, die man im weitesten Sinne als Seestücke einordnen könnte. Paul Klee ist unter anderem mit einer skizzenhaften Federzeichnung namens „Schwabing Landstraße“ in der Schau vertreten. Als Hinterglasmalerei legte Klee „Parkweg mit dem Langen und dem Hund“ an. Hat er dafür im Englischen Garten in München Studien vor Ort betrieben?

Guten Tag, Herr Lipchitz und Herr ...

Jacques Lipchitz, dem Kubus zuzurechnen, macht „Instrumente de musique“, dank der Zerlegung und Verschachtelung eines Saiteninstruments zu einem Hingucker. Von Lipchitz gibt es noch weitere Bronzen zu sehen, so „Akrobat auf einem Ball“. Ebenso in der Sammlung vertreten ist der Bildhauer Henri Laurens, dessen Erzengel ein wenig an einen gestürzten Engel erinnert. Drall ist die „Kleine Badende“ von Laurens gestaltet worden. Eine Collage auf Holz schuf Hans Bellmer mit „Bildnis Unica Zürn“. Zu sehen sind aber auch Arbeiten von WOLS („Imaginäre Formen“, um 1939). „Möbel-Figuration“ lautet der Titel eines ausgestellten Werks von Salvador Dalí. Auf dessen brennende Giraffen und zerfließenden Uhren werden Besucher allerdings nicht stoßen. Auch Magrittes berühmte Werke in Öl sind eben nicht in Charlottenburg, sondern in Brüssel oder in Düsseldorf zu finden. Es sind eher unbekanntere, nicht betitelte Arbeiten Magrittes, die zur Sammlung gehören.

Kunstkennern ist André Masson, der anfangs dem Kubismus nahestand, dann aber zu surrealistischen Kompositionen kam, kein Unbekannter. Seine Arbeit „Geburt des Automaten“ verdeutlich eine gewisse Entmenschlichung der modernen Gesellschaft. Schon einmal von Georges Hugnet gehört? Na, dem kann beim Besuch der Sammlung Scharf-Gerstenberg abgeholfen werden.

Das Kabinett Henri Laurens

Sie hockt zusammengekauert im Raum, eine Frau mit Flammenschopf. Henri Laurens schuf sie als Sinnbild für die Nacht ebenso wie eine weitere Kauernde mit spitzen Brüsten und seitlich gewendetem Kopf. Auch „Die Woge“ stammt von Laurens, einem französischen Bildhauer und Zeichner. Losgelöst scheint die Frau, die Laurens in Bronze gegossen hat, auf einer Welle tanzend, das Haar im Wind wehend und um akrobatische Haltung bemüht.

Gehen wir weiter durch das Haus, so treffen wir auf den Stundentraum von Magritte und auf „Schlafwandlerische Taucher“ - gedankt sei Max Ernst. Aus Pappmaschee hat Jean Dubuffet seinen Schreienden „zum Leben erweckt“, während sich Richard Oelze in einer Kreidearbeit mit „Kassandra“ beschäftigte. Dubuffet sind außerdem „Rote Kuh“ und „Olympia“ zu verdanken. Für einen Moment verharren wir zum Abschluss vor Massons „Massaker“, erst auf den zweiten Blick als solches zu erkennen. (c) fdp

Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schlossstraße 70 14059 Berlin
Öffnungszeiten http://www.smb.museum/smb/sammlungen/details.php

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