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Berlin
Neue
Nationalgalerie
Die Sammlung - Moderne Zeiten - bis Herbst 2011
text ferdinand dupuis-panther

Edvard Munch: Sommernacht, 1907
Lebensfries für das Max-Reinhardt-Theater in Berlin
Tempera auf Leinwand, 91 x 252 cm
© SMB, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders, Berlin
Der Titel lässt die Erwartung aufkommen, dass Charly Chaplins Film Modern Times im Mittelpunkt der Schau steht. Doch das ist nicht der Fall, wenn auch in der thematisch gegliederten Ausstellung eine Filmsequenz aus diesem Klassiker der Filmgeschichte neben entsprechenden Gemälden zum Thema Industriekultur und Industriearbeit zu sehen ist. Während bei der letzten Präsentation der Sammlung mit Arbeiten von Edvard Munch aufgemacht wurde – auch diesmal ist Munchs „Lebensfries“, wenn auch in einem gesonderten Raum zu sehen – befasst sich die jetzige Ausstellungen mit „Zentralwerken“, um dann entsprechende Bildwerke um dieses herumzugruppieren. Wer nach Farbexplosion von Gerhard Richter oder C-Prints von Andreas Gursky sucht, wird solche nicht finden. Erst im nächsten Jahr hebt sich der Vorhang für die Kunst der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts..

Edvard Munch Paar am Strand, 1907 Lebensfries
für das Max-Reinhardt-Theater in Berlin
Tempera auf Leinwand, 90 x 155 cm
© SMB, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders, Berlin
Noch ehe der Besucher das Foyer im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie verlässt, wird er bereits mit drei Positionen der Moderne konfrontiert. Dabei ist eine der Positionen eine Schwarz-Weiß-Reproduktion. Derartige Reproduktionen verweisen auf die weißen Flecken in der Sammlung, auf die Beschlagnahme von Werken aus der Sammlung, auf die Ausstellung „Entartete Kunst“ und die Irrwege die einzelne Kunstwerke genommen haben, wenn sie denn nicht als verschollen gelten. Zu den einstigen Werken im Bestand gehört auch Willi Baumeisters Drei Monteure, deren figurative Darstellung als typisierte Maschinenmenschen an Arbeiten von Fernand Léger erinnert. Dieser ist mit dem Gemälde der zwei Schwestern in der Sammlung präsent. Schließlich zieht die Sinnende, die Skulptur einer überlängten schlanken Frauenfigur, den Blick der Besucher auf sich. Dabei handelt es sich um eine der plastischen Arbeiten von Wilhelm Lehmbruck, die in Berlin zu sehen sind.

Fernand Léger
Zwei Schwestern, 1935
Öl auf Leinwand, 162 x 114 cm
Erworben 1979 für die Nationalgalerie, Berlin
(West).
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Jörg P. Anders,
Berlin, 1997
Treffpunkt Potsdamer Platz
Zu den Highlights der Sammlung gehört ohne Zweifel aus Ernst Ludwig Kirchners Berliner Jahren das Gemälde „Potsdamer Platz“ (1914): Zwei als Kriegerwitwen gekleidete Nutten – auf einer runden Verkehrsinsel stehend – werden von in unauffälligem Schwarz gekleideten Freiern umkreist. Angesichts der heutigen Neugestaltung des Potsdamer Platzes wüsste man allzu gerne, welche historischen Bauwerke Kirchner in seinen „Potsdamer Platz“ des frühen 20. Jahrhunderts als die „Kulisse der Szene“ ausgewählt hat. Die Großstadt war es, die Kirchner faszinierte. Das galt für Berlin, aber auch für Köln. Rot gekleidet ist die Dame mit Schirm, die in Kirchners „Rheinbrücke in Köln“ über die Brücke spaziert. Zudem sieht man eine weitere Stadtansicht, wenn man vor „Aufsicht auf den Belle-Alliance-Platz“ steht, über den zahlreiche „Schattenmenschen“ laufen. Zu sehen ist auch das Porträt von Kirchners Gespielin Erna Schilling, die sich als Nacktklubtänzerin verdingte.

Ernst Ludwig Kirchner
Potsdamer Platz, 1914
Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm
Erworben 1999 aus Mitteln der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz mit Unterstützung der
Kulturstiftung der Länder, der Bundesregierung,
der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kultur-
stiftung der Deutschen Bank und anderer.
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Jörg P. Anders, Berlin
Am Strand von Nidden
Nidden war die Sommerfrische zahlreicher Künstler, ob Max Pechstein oder Karl Schmidt-Rottluff. „Leitbild“ dieses Teils der beeindruckenden Schau ist ein Werk Pechsteins, der seine Frau Lotte mit blauschwarzen langen Haaren und einer roten Perlenkette am Hals vor einer Düne malte. Die Maler der Vereinigung Die Brücke nutzten ihre Zeit in Nidden, um neue Formen der Aktmalerei zu finden. Nacktbaden war eh unter den deutschen Expressionisten en vogue. Kirchner malte Nacktbadende in der Brandung des grünlichen Meeres vor Fehmarn. In Rosaschattierungen tauchte er zwei Badende, die er 1912 malte. Krebsrot als hätten sie einen kräftigen Sonnenbrand, so erscheinen drei Badende in einem Gemälde von Schmidt-Rottluff, der diese Arbeit in Nidden vollendete. Mit dem Sinn für Farbigkeit entstand durch Schmidt-Rottluff außerdem „Gutshof in Dangast“ (1910). Im Vergleich zur Farbigkeit von Schmidt-Rottluffs Arbeiten nahm sich Otto Mueller bei der Darstellung seiner Badenden sehr stark zurück. Nicht mehr im Bestand der Nationalgalerie ist Müllers Arbeit „Zwei weibliche Akte“, die nunmehr als Teil der Stiftung Haubrich im Museum Ludwig zu sehen sind.

Max Beckmann
Familienbild George, 1935
Öl auf Leinwand, 215 x 100 cm
Erworben 1954 aus Mitteln
der Stiftung Deut
sche Klassenlotterie Berlin
für die Galerie des
20. Jahrhunderts, Berlin (West).
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Jörg P. Anders,
Berlin 2007
Die Stützen der Gesellschaft
Die Zeit des unbeschwerten Lebens scheint in der Weimarer Republik passé. Die Kunst nahm sich dezidierter politischer Positionen an. Kriegsgräuel und soziales Elend wurden thematisiert: Otto Dix’ „Flandern“ und Georg Grosz „Die Stützen der Gesellschaft“ laden zum nachdenklichen Schauen ein. Dix hielt mit „Flandern“ den Stellungskrieg in der Polderlandschaft Westflanderns, respektive an der sogenannten Ijzer-Linie, fest und zeigt uns die unter Wasser gesetzte Landschaft und die zerstörte Natur. Im Vordergrund kauern Soldaten, die eins mit dem Morast zu werden scheinen. In „Stützen der Gesellschaft“, einem Gemälde von Georg Grosz, begegnen wir einem feisten Herrn, dessen Gehirn durch einen stinkenden Scheißhaufen ersetzt wurde. Im Hintergrund marschieren Grauröcke mit blutverschmierten Degen. Ein Richter mit Stiernacken und Säufernase predigt das Recht. Ganz im Vordergrund hat sich ein Nazi als Stütze der Gesellschaft eingefunden. Gewinner und Verlierer des Krieges sind in „Grauer Tag“ zu sehen: der schielende Herr mit Aktentasche und Winkeleisen sowie ein verkrüppelter Kriegsheimkehrer vor rauchenden Fabrikschloten. In den Kontext einer sich politisierenden Kunst gehören auch Lovis Corinths „Der geblendete Simson“ und das aus dem Berliner Bestand verschwundene Gemälde Ecce Homo, das seinen Weg 1939 nach Basel fand. Die Folgen des Krieges zwischen 1914 und 1918 verarbeite Lehmbruck in seiner Bronzefigur des Gestürzten. Kampfflieger kreisen in Franz Radziwills „Der Unterstand am Naroszsee“ über der Landschaft. Die Apokalypse scheint Wirklichkeit geworden zu sein.
Geburt und Tod
„Geburt“ und „Tod“ von Max Beckmann zeigen Anfang und Ende, eine halbnackte Frau, deren Nachgeburt entsorgt wird, während eine Weißhaarige das Neugeborene im Arm hält. An der Aufgebahrten stehen Menschen mit Kerzen in der Hand und kopfüber stürzt aus dem Himmel ein Posaune spielender Engel herab. Zu diesen beiden Gemälden wurden Landschaften mit starken schwarzen Konturen gehängt, die gleichfalls von Beckmann stammen, darunter „Meerlandschaft mit Agaven und altem Schloss“ (1939). Zudem sehen wir ein Familienporträt der George-Familie. Nach München musste man reisen, wollte man „Pariser Fastnacht“ zu Gesicht bekommen. Das 1937 beschlagnahmte Werk befindet sich nach dem Kauf durch den Galeristen Karl Buchholz im Jahr 1941 seit 1974 in der Pinakothek der Moderne.

Ferdinand Hodler
Der Redner, 1912
Öl auf Leinwand, 251 x 143 cm
Erworben 1981 durch den Verein der Freunde
der Nationalgalerie, Berlin (West).
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Jörg P. Anders, Berlin
Turm der Blauen Pferde
Auch das Gemälde von Franz Marc mit dem genannten Titel befindet sich nicht mehr in Berlin. Göring hatte es seiner Privatsammlung einverleibt. Doch der weitere Verbleib nach 1945 bleibt bis heute ungeklärt. Auf den Anblick der blauen, schwarzen, gelben und roten Pferde von Marc muss der Besucher nicht verzichten, da sich mit „Drei Pferde II“ eines der berühmten Pferdebilder in Berlin befindet. Der früh im Ersten Weltkrieg ums Leben gekommene Marc wurde von seinem Malerfreund August Macke porträtiert. Dies ist nur eines der hier ausgestellten Porträts, ein anderes ist das der Frau von Macke, die sich in ein Buch vertieft hat. Schließlich erblicken wir auch einen schematisch-typisierend gestalteten Frauenkopf, den Alexej von Jawlensky 1912 gemalt hat.
Brüder zur Sonne zur Freiheit ...
... so lautet die Kapitelüberschrift für einen Abschnitt der Ausstellung, in der der Zusammenhang von Kunst und Parteilichkeit thematisiert wird. Nicht nur Oskar Fischer, dessen Gemälde von 1919 die Überschrift des Ausstellungskapitels entlehnt wurde, visualisierte den Aufbruch nach dem Ende des verheerenden Krieges, sondern auch Richard Horn in seiner Bronzeskulptur Aufbruch. Gemälde, die einem szenischen Kaleidoskop gleichen, malte Heinrich Vogeler. Zu seinen Arbeiten zählt „Kulturarbeit der Studenten im Sommer“.

Curt Querner
Agitator, 1931
Öl auf Leinwand, 160 x 100 cm
Erworben 1966 vom Künstler für die National-
galerie, Berlin (Ost).
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Bernd Kuhnert,
1995
Nicht nur Gemälde
Hervorzuheben ist, dass die Ausstellung immer wieder durch die Präsentation von Skulpturen aufgelockert wird. So zeigt man eine Reihe von Arbeiten Bernhard Hoetgers wie Arbeiter, Junges Mädchen und Mutter mit Kind. Zu diesen plastischen Arbeiten wurden Gemälde wie Der Zeitungsleser von Josef Scharl platziert. Entsetzen zeichnet sich im Gesicht des Lesenden ab und der Betrachter fragt sich, welche Nachricht dazu geführt hat.
Der Hafen
Nüchtern-sachlich, bisweilen konstruiert und eher Modellwelt – das sind Beschreibungen für die Kunst der Neuen Sachlichkeit, zu der auch das Gemälde „Der HafenII“ von zwei riesigen Ozeandampfern gehört, das Franz Radziwill schuf. Zwischen den hohen Bordwänden der Kolosse der Meere schaukeln drei Jollen auf dem Wasser und ein Beiboot bahnt sich seinen Weg. Einer Ansicht aus einer Eisenbahnmodelllandschaft gleicht das ausgestellte Gemälde von Reinhold Nägele, in dessen Mittelpunkt ein Schienenstrang steht. Kulissenhaft wirkt Georg Schrimpfs „Rundfunksender Fürstenfeldbruck“ (1932).

Otto Dix
Die Familie des Malers Adalbert Trillhaase,
1923
Öl auf Leinwand, 119 x 95 cm
Erworben 1953 für die Galerie des 20. Jahrhun
derts, Berlin (West).
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Jörg P. Anders,
Berlin, 1991
Petersburger Hängung für Porträts
Ein gesonderter Raum wurde den Porträts vorbehalten. Gramattés Porträt der Kunsthistorikerin Rosa Schapire ist hier ebenso zu bestaunen wie die Trillhaase-Familie, die Otto Dix gemalt hat. Der bekannte Galerist und Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“ Herwarth Walden ist gleich zweimal in der Porträtgalerie präsent, zum einen in einer Arbeit von Robert Delaunay und dann noch als Bronze von William Wauer. Zudem sind Arbeiten von Conrad Felixmüller und Charlotte Berend-Corinth zu sehen.
Moderne Zeiten
Feiningers kristalline Stadtlandschaften sind beim Rundgang ebenso zu sehen wie Pablo Picasso „Der Geiger“. Moderne Zeiten meint nicht nur den gleichnamigen Streifen mit Charly Chaplin, sondern auch die Malerei, in der die Beziehung von Mensch und Maschinenwelt thematisiert wird. Dazu zählt auch das Gemälde von Natascha Gontscharowa „Die Zeit“ und Kurt Günthers „Der Radionist“. Bei dem Zigarre rauchenden Mann auf dem Gemälde handelt es sich um einen Nachbarn des Künstlers. Dieser Nachbar war querschnittgelähmt und Opernliebhaber. Er folgte mit Kopfhörern Opernaufführungen, da er nicht in der Lage war, das Haus zu verlassen. Der technologische Fortschritt und die mobile Gesellschaft spiegelt sich in Delaunays „Eiffelturm“ und Oskar Nerlingers „Stadtbahn von Berlin“ wider. Erstmals, und darauf soll an dieser Stelle, besonders hingewiesen werden, ist ein Werkkomplex von Rudolf Belling zu sehen. Dieser hat Max Schmeling ebenso modelliert wie den „Dreiklang“ und „Kopf in Mahagoni“.

Rudolf Belling
Kopf in Messing
(Toni Freeden), 1925
Messing, 38 x 22 x 19 cm
Erworben 1928; bis 1933 im Kronprinzen-Palais
ausgestellt; 1937 als „entartet“ beschlagnahmt
und nach München verbracht;
1939 in Kommission bei Bernhard A. Boehmer, Güstrow, dort
1947 sichergestellt und 1949 der Nationalgalerie,
Berlin (Ost), zurückgegeben.
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Nationalgalerie
Es ist Nacht über Deutschland
Mit diesem Kapitel endet die Ausstellung. Im Halbdunkel des grau ausgeschlagenen Ausstellungsraums begegnet der Besucher der von Käthe Kollwitz geschaffenen Skulptur „Mutter mit Kindern“ und Hans Grundigs Gemälde „Gefangene Tiere“. Zu sehen ist aber auch das Kriegsinferno von Flandern, wie es Franz Radziwill sah. Wie Krieg und Profit Hand in Hand gehen, zeigt Alice Lex-Nerlinger in „Feldgrau schafft Dividende“. Während die Rüstungsindustrie boomt und Panzer für Panzer vom Band rollen, verreckt ein Soldat im Stacheldrahtverhau der Frontlinie.

Max Ernst (1891-1976)
Capricorne, 1948/1964
Gips, getönt, 246 x 210 x 155 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Neue Nationalgalerie
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