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Berlin
Neue
Nationalgalerie
Der geteilte Himmel. 1945 - 1968.
Die Sammlung. Neue Nationalgalerie
bis Ende I. Quartal 2013

Renato Guttuso Die rote Wolke, 1966 Öl auf Leinwand, 130 x 161 cm © VG Bild-Kunst Bonn, 2011 / Foto: Jörg P. Anders
Nun präsentiert man in der Neuen Nationalgalerie den zweiten Teil einer umfassenden Sammlungsschau. Diesmal stehen die Nachkriegsjahre bis in die 1960er Jahre im Fokus der Ausstellung, ob die Lichtkunst von Dan Flavin, die Rasterbilder von Sigmar Polke, der Minimalismus von Donald Judd, der Hyperrealismus von Duane Hanson oder die künstlerische Auseinandersetzung mir der deutschen Vergangenheit, wie sie von Fritz Cremer, Fritz Winter, Heinrich Ehmsen, Karl Hofer und anderen versucht wurde. Nicht nur Malerei ist zu sehen, sondern auch Bildhauerei und wenige Schwarzweiß-Fotografien vom Ehepaar Becher. Auf Werke von deren Schülern Thomas Ruff, Andreas Gursky und weiteren Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie muss der Besucher jedoch verzichten, da diese Arbeiten erst in den letzten drei Jahrzehnten entstanden.
Bereits im Foyer ist eine Bandbreite der Kunst der letzten Jahrzehnte zu sehen. Mit changierenden Rottönen hat Rupprecht Geiger sein quadratisches Bildformat überzogen. Hingegen würdigt Josef Albers, einst Lehrmeister am Bauhaus, das Quadrat gleich in zwei Varianten, einmal in Grünabstufungen und einmal in Gelbtönen. Riesig erscheint das Gemälde von Willi Sitte mit dem Titel „Leuna“: Weltkriegsgeheul und bewaffnete Arbeiter an den Barrikaden der Arbeiter- und Soldatenräte, ein berittener Polizist, der einen Gefangenen mitführt und über Leichen reitet, ein kämpferischer Arbeiter, der vorwärtsstürmt, gleichsam eine menschliche Rote Fahne und schließlich auch eine schwangere Trauernde mit einer roten Nelke in der Hand, die ihren toten Mann beweint – das sind die Sujets, aus denen Sitte sein narratives Werk komponierte. „Riot“ taufte Hanson seine Arbeit, die einen weißen Cop zeigt, der den Gummiknüppel erhoben hat, um ihn auf den am Boden liegenden halbnackten Afroamerikaner niedersausen zu lassen.

Ernst Wilhelm Nay In der Nacht, 1965 Öl auf Leinwand, 200 x 130 cm © Elisabeth Nay-Scheibler, Köln / VG Bild- Kunst Bonn, 2011 / Foto: Jörg P. Anders
Wahnsinnige Harlekine vor den Trümmern des Krieges …
...ist der Titel für die Zusammenstellung von Werken, die am Beginn des Rundgangs stehen und die Nachkriegsjahre beleuchten. Entnommen ist der Titel für diesen Abschnitt der deutschen Kunst dem gleichnamigen Werk von Heinrich Ehmsen, der neben Karl Hofer ganz wesentlich die akademische Ausbildung von Künstlern nach 1945 betrieben hat. Ob Wolfgang Frankenstein mit dem ein wenig surrealistischen Gemälde „Invasion der braunen Tiefe“ auf die Zeit des sogenannten 1000-jährigen Reichs anspielt, kann vermutet werden. Ähnlich wie Yves Tanguy schuf Frankenstein eine unwirklich wirkende urbane Welt, in der sich „braune Krebstiere“ beim Landgang tummeln. In der ihm eigenen Bildsprache schuf Fritz Winter „Fliehend“, stilisierte „Kreuzfiguren“, die an Glyphen denken lassen. Bereits durch die Wahl der Farben und Farbzusammensetzung lässt Franz Radziwill in seinem Werk „Flandern“ das Unheil auf der Leinwand erscheinen. Kampfflugzeuge sind am Himmel zu sehen. Aus einem Bombenkrater steigt Rauch auf. Die Häuser sind nur noch Ruinen – ein Gegensatz zu den ordentlich bestellten rechteckigen Äckern, die keinen Schaden genommen haben. Am Rande der Felder wurden hastig Gräber errichtet und mit Kreuzen versehen, an denen Stahlhelme hängen. Weniger in einer narrativen Bildsprache verhaftet ist Karl Hofer, der zwei Mädchen halbnackt porträtierte.
„Streik“ ist eine Zementskulptur von Alfred Lörcher. Vor der gestaffelten Hochhauskulisse drängen Menschen auf die Straße. Sie sind nicht als Individuen zu erkennen, sondern gehen in einer Menschentraube auf. Massen sind es auch, denen wir in Heinrich Ehmsens hochformatigem Gemälde „Auschwitz 1945“ begegnen. Einige tragen gestreifte Häftlingskleidung, andere fliehen aus den brennenden Häusern. Im Vordergrund sieht man eine Gruppe von Menschen hinter Stacheldraht. Eine dieser Personen scheint vom Tode gezeichnet zu sein.

Werner Tübke Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze (III), 1965 Tempera auf Leinwand und Holz, 188 x 121 cm © VG Bild-Kunst Bonn, 2011 / Foto: Jörg P. Anders
Das Figurative war nicht bei allen Nachkriegskünstlern angesagt, so auch nicht bei Wols, der sich in eine „gelbe Komposition“ flüchtete, ein Konglomerat aus flüchtigen Farbklecksen, Linien, Punkten und Flächen – informel war das Motto nicht nur für Wols, sondern auch für andere Nachkriegskünstlers. Ins Groteske verstieg sich Ernst Wilhelm Nay mit seinem farbenfreudigen Gemälde „Melisande“. Gleich daneben haben die Ausstellungsmacher die Skulptur von Zoltan Kemény platziert: „Oranger Kopf“. Dies ist eine in ihrer Ausformung sehr reduzierte Skulptur, eigentlich nur eine „Hohlscheibe“ mit zwei Augenpunkten“ - ein wenig an einen ausgehöhlten Kürbiskopf erinnernd. Horst Strempel hingegen lässt uns in ein gelb ausgeschlagenes Atelier schauen, dessen Dachfenster Licht auf einen weiblichen Torso scheinen lässt. Sein Leben hat der „Hai“ von Harald Metzkes ausgehaucht. Am Haken gefangen und mit offenem Maul liegt er da – Jagdbeute der Neuzeit wie das Wildbret im Barock! Vom gleichen Künstler stammt auch die Arbeit „Abtransport der neunarmigen Göttin“, ein Symbol für Krieg und Beutezüge der Sieger.
Beweinung und Bratsker Landschaft
Formal an Picassos Figuren anknüpfend verewigte Strawalde in „Beweinung“ eine Mutter mit zwei Kindern und den verstorbenen, auf dem Dielenboden liegenden, in Leinen gewickelten Ehemann. Grautonig ist die Arbeit, wohl auch dem Thema angemessen. Im „Dialog“ mit den beiden zuvor genannten Werken ist eine Arbeit Picassos, "Femme couchée au bouquet", zu sehen, eine Frau, nackt und in verdrehter Haltung sitzend, vor ihr ein Blumentopf mit einer unscheinbar wirkenden Topfpflanze. Nein, nicht die Pferdeskulpturen zeigt man von Marino Marini, sondern ein Gemälde mit einem rücklings auf einem Pferd Sitzenden, der seine Arme wie ein Gekreuzigter ausgebreitet hat. Nur Schritte später stehen wie vor Wolfgang Mattheuers „Bratsker Landschaft“, die von einer großen Industrieansiedlung und Straßenbändern geprägt ist.

Georg Baselitz Der Hirte, 1966 Öl auf Leinwand, 162,5 x 131 cm © Georg Baselitz, Foto: Ch. Schwager
Deutschland bleiche Mutter
Überlebensgroß sitzt sie da, mit geschlossenen Augen, die eine Hand in den Schoß gelegt – sie ist das Mahnmal im KZ Mauthausen nahe Linz. Geschaffen hat die bleiche Mutter Fritz Cremer, der beim Titel der Skulptur auf ein Gedicht Bert Brechts zurückgriff: „Oh Deutschland bleiche Mutter, wie sitzt du besudelt/ unter den Völkern ...“ Im Fallen begriffen ist der Mann, den Waldemar Grizmek schuf, während von Albert Giacometti die „Schmale Frau ohne Arme“ stammt. Zu diesen dreidimensionalen Arbeiten gesellt sich außerdem Henry Moores „Woman on a bench“. Der üppige Körper dieser Frau ruht auf einer Bank, dabei stützt sich die Dame mit der Rechten ab, um nicht von der Bank zu rutschen.
Wer sich für das grafische Werk von Gerhard Altenbourg interessiert, der kommt beim Besuch der aktuellen Sammlungspräsentation voll und ganz auf seine Kosten. In einem „Kabinett“ zeigt man die delikaten Arbeiten, darunter auch „Ecce Homo“. Der menschliche Körper und die eigene Person stehen unter dem Stichwort „Selbstbemalung“ im Mittelpunkt eines weiteren Sammlungsabschnitts. Hier sind zwanzig Fotos in Schwarz-Weiß zu sehen, auf denen die Bemalung des Kopfes von Günter Brus zu sehen ist. In einer Art Happening hat der Künstler seinen Schädel geweißt und dann mit einem schwarzen Strich versehen, den er auf der Wand weiterführte, vor der er stand. Schließlich ließ er seinen weiß geschlämmten Kopf nach und nach in schwarzer Farbe verschwinden. In Begleitung dieser „künstlerischen Aktion“ findet sich eine mit nervösem Farbauftrag gestaltete Arbeit von Cy Twombly. Auch er hinterließ wie Brus seine eigenen Spuren.
Arman, Spoerri, Alvermann
Abgegessen ist die Tafel, die Daniel Spoerri aus der Horizontalen in die Vertikale beförderte, mitsamt Besteck, Kippen, Gläsern, Zigarettenschachteln, Tischbürste, Tellern und Rotweinflaschen. Assemblagen finden sich auch im Werk von Hans Peter Alvermann, so auch „Hommage an Goldwater“. „Ein Löffelchen für Vati und ein Löffelchen für Mutti“ verarbeitet Arman ironisierend zu einer „Löffelcollage“ im Gießharzbett.

Wilhelm Lachnit Gliederpuppe, 1948 Öl und Tempera auf Sperrholz, 75 x 110 cm © Erbengemeinschaft von Max und Wilhem Lachnit
Pop-art oder …
Aus der Welt der Comics und der Zombies bedient sich der in Paris beheimatete isländische Künstler Erró auch in seinem Gemälde „Geburt Hitlers“. Nicht nur der „Führer“ erblickt in diesem „epischen Werk“ Errós das Licht der Welt, sondern auch der Deutsche Schäferhund, der spanische Caudillo Franco und eine Sau mit Hakenkreuzbinde. Eine steril wirkende mechanische Riesenschreibmaschine ist zudem zu sehen. Sie stammt von Konrad Klapheck, der sein Gemälde „Der Herrscher“ nannte, was insoweit gut zu Errós Hitler Episode passt. Gerastert ist die Dublin-Ansicht, die Sigmar Polke uns präsentiert, während Andy Warhol uns „Double Elvis“ hinterließ. In einem Doppelporträt tritt uns der „King of Rock `n Roll in Cowboy-Outfit entgegen.
Minimalismus gefällig
Nicht nur im Hamburger Bahnhof, sondern nun auch in der Neuen Nationalgalerie ist Donald Judd mit einer minimalistischen Arbeit zugegen: Unbetitelt ließ er das Werk, doch fügte er „4 Units“ hinzu. Zu sehen sind vier Eisenquader, die mit einer Aluschiene verbunden sind. Unser Blick fällt beim Betreten dieses Ausstellungsabschnitts zudem auf drei schräg gestellte schmale Rechteckformen, deren Flächen weiß und deren Kanten schwarz sind. Sie gleichen Hindernissen im Kunstparcours und sind ein Werk von Ronald Bladen. Einem Rauchabzug gleichen die miteinander vereinten, verzinkten vier Elemente, die Charlotte Posenenske, eine wichtige deutsche Vertreterin des Minimalismus, der Nachwelt hinterließ.
Lux ex Oriente …
… so ist ein weiterer Ausstellungsbereich benannt, in dem „Farbmalereien“ unterschiedlichster Art vereint sind, ob ein Gemälde von Mark Rothko oder ein anderes von Lee Lozano mit dem Titel „Split (For D.L. who likes yellow)“. Geteilt ist die Leinwandfläche in der Tat und auch die Farbe Gelb in unterschiedlichen Nuancen ist nicht zu übersehen. Die Leuchtkraft der Farbe ist auch für Otto Piene und sein „Sonnenauge“ kennzeichnend. Riesige „Kugeln“, die implodiert zu sein scheinen oder aber gespalten sind - eine Arbeit von Lucio Fontana -, sind im Raum verteilt, in dem zudem die Arbeiten von Piene, Vasarely, Klein und Mack gezeigt werden.
Wer als Besucher Sinn und Gespür für Farben mitbringt, wird von den Werken der Gruppen CoBrA und SPUR begeistert sein, die momentan zu sehen sind, ob Werke von Karel Apel oder aber H.P. Zimmer. Beiden Künstler ist der wilde Gestus eigen, mit denen die leuchtenden Farben auf die Leinwand übertragen wurden.
Zum Schluss sei noch auf die Fotoarbeiten des Ehepaar Bechers hingewiesen, deren „Wassertürme“ auf die Neonlichtinstallation „A Four Color Sentence“ von Joseph Kosuth und Stephen Antonakos' „Blue Box“ - gleichfalls aus Leuchtstoffröhren geschaffen – treffen. Wer die oben genannten Arbeiten gesehen hat, hat nur einen Bruchteil dessen gesehen, was zu sehen ist. Es lohnt, nochmals in die Neue Nationalgalerie zu kommen und das Auge schweifen zu lassen. © fdp
Neue Nationalgalerie
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