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Berlin
Werkbundarchiv-Museum der Dinge

Die Schausammlung des Werkbundarchivs

dauerhaft

Vor mehr als 100 Jahren entstand die Werkbundidee der guten Form, des schlichten Designs, der Funktionalität von Gebrauchsgegenständen – und das Museum der Dinge versucht nun nicht etwa der Geschichte des Werkbunds chronologisch auf den Grund zu gehen, sondern sammelt und präsentiert Gegenstände der durch industrielle Massenproduktion geprägten Sachkultur des 20. Jahrhunderts. Dabei wird die thematisch strukturierte Schausammlung – in ihr vereinen sich Gebrauchsgegenstände, die von renommierten und anonym gebliebenen Designern stammen – von einem Schaulager kommentiert, das in Rubriken wie „Körperformen“, „Material/Aluminium“ oder „Verpacken“ sowie „Verkaufen“ gegliedert ist. Je nach dem Alter der Museumsbesucher kommt es beim Anblick von Filmprojektoren, Werkzeugen, Spielzeug, Höhensonnen oder Melitta-Filtern zu „Oh, das kenne ich auch“.

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AEG-Wanduhr „Electrochronos“, Entwurf Peter Behrens, 1910

Konzentrieren wir uns nachstehend jedoch auf die Schausammlung „des guten Geschmacks“. Dass es auch Geschmacksverwirrungen und –irrungen in der Alltagskultur gibt und gab, verschweigt die Ausstellung ebenso wenig wie die Tatsache, dass auch in der NS-Zeit Werkbundtraditionen weiterlebten und nicht allein Deutschtümelei und Hakenkreuze den Alltag bestimmten. Wilhelm Wagenfelds Glasdesigns waren damals ebenso noch gefragt wie die Grafiken des Bauhäuslers Herbert Bayer oder das von Hermann Gretsch entworfene Porzellanservice Arzberg 1382 – schlicht weiß, schnörkellos und nicht mit NS-Symbolik verziert wie andere gleichfalls ausgestellte Gegenstände, darunter ein Sofakissen mit Hitlerporträt, ein Feuerzeug oder ein Humpen mit Hakenkreuz.

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Blick in die Ausstellung

Der eine Besucher mag sich systematisch der 35 thematischen Kapitel der Präsentation annehmen, ein anderer nur nach Allbekanntem Ausschau halten – das spielt keine Rolle. In jedem Falle wird der Besucher Formen und Farben, Schlichtheit und Zierrat, Überbordendes und Kitschiges, Ausgezeichnetes und Banales in der Schau finden. Wer sich der sonntäglichen Führung anschließt, wird zudem auf die „Highlights“ gelenkt, denn das vorgestellte Konvolut, das zu sehen ist, ist schon sehr beeindruckend. Was allerdings zu sehen ist, ist wie bei jedem Museum nur ein Ausschnitt der Sammlung, die etwa 25000 Objekte umfasst. Das Archiv des Hauses enthält zudem 35000 Dokumenteneinheiten. Darunter Nachlässe wie von Hermann Muthesius und Herbert Hirche, aber auch Postkarten, Plakate, Werbematerialien sowie Dokumente zum Malik-Verlag und John Heartfield.

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Vom Stahlhelm zum Pott

Der Zeit ein Gesicht geben
Vergegenwärtigen sollte sich der Besucher, dass das Credo des Werkbundes lautete, der eigenen Zeit ein Gesicht zu geben, das auf einer aus Technik abgeleiteten Funktionalität basiert. Gebrauchsgegenstände sollten als stumme Diener das moderne Leben erleichtern. Gleich der Aufmacher thematisiert mit „Schwarz-Weiß“ den Gegensatz von gutem und schlechtem Geschmack, guter und schlechter Form, von Gut und Böse. Zu sehen sind Vasen und andere Gefäße, aber auch kubische Salz- und Pfefferstreuer in Schwarz-Weiß. Vor der Schrankvitrine steht eine Holzbank mit schwülstigen Schnitzereien, darunter pausbäckige Engelchen. Dieses Exponat ist ein guter Übergang zum anschließenden Kapitel „Hausgräuel“, dem man sich 1909 in einer Ausstellung in Landesgewerbemuseum in Stuttgart widmete. Hier wurden Geschmacksverirrungen zusammengetragen, die Material-, Konstruktions- und Dekorfehler aufwiesen – und dennoch gehörten sie zur Alltagskultur wie der Kuchenheber mit Bambusgriff, der Bierseidel mit katzenförmigem Griff oder Teller mit bunten, orientalisierten Dekors sowie schrill blaue Trinkgläser. Angelnde Gartenzwerge, Kaffeeservice mit üppiger Goldmalerei, Jugendstilkacheln mit schwungvollen Linien, ein Anhängerbrettchen für Besen und Handfeger verziert mit lieblichen „Medusenhäuptern“ und eine Ofenkachel mit weißen Lilien sind gleichfalls zu sehen und visualisieren den Themenbereich „Prunksucht und Stilwirren“ oder, um mit Adolf Loos zu sprechen „Ornamentenhölle“.

Sachlich-funktional
Erinnert wird in der Präsentation an das von Karl-Ernst Osthaus in Hagen initiierte Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe, das die wichtigsten Werkbundkünstler wie Peter Behrens, Richard Riemerschmid und Josef Olbrich mit ihren Arbeiten vorstellte. Dabei handelt es sich um sachlich-funktionale Entwürfe fern kunstgewerblicher Verspieltheit. Teller mit goldenen und blauen Randdekors in stilisierter Wellenform sind neben Gläsern mit wuchtigen tiefroten Stielen und Sockeln zu sehen. Eine halbkugelförmige Kanne steht neben einem sich emporzüngelnden Kerzenhalter aus Messing.

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Tee- und Wasserkessel, AEG, Entwurf Peter Behrens, 1909

Entwürfe von Richard Riemerschmid von 1902 und 1903, darunter ein Bowlegefäß mit Fadenreliefdekor, machen einen Teil des so genannten Musterkatalogs aus, den das von Osthaus konzipierte Museums Anfang des 20. Jahrhunderts publizierte. Zu Riemerschmids Entwürfen gesellen sich Arbeiten von Albin Müller, der unter anderem Zinnbecher zu einem Weinservice schuf, und von Josef Maria Olbrich, dem eine Butterdose mit Untersatz aus Silberzinnguss zu verdanken ist. Auffallend ist hier das stilisierte Rosendekor am Rand des Objekts. Daneben werden grafische Arbeiten wie die Verpackung für Sarotti-Schokolade mit dem Sarotti-Mohren und für geg-Kernseife gezeigt.

Die Frankfurter Küche in der Dauerausstellung

Die so genannte "Frankfurter Küche" ist kulturgeschichtlich ein wichtiges Zeugnis für die Übertragung von industriellen, d.h. rationalisierten Arbeitsvorgängen in den Bereich des privaten Haushalts – ein zentraler Aspekt für die moderne Architektur und Alltagskultur der 1920er Jahre. Die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky hat die Küche 1926 als einen Typus entworfen, der zehntausendfach in zahlreichen Varianten in den Frankfurter Siedlungen realisiert wurde. Die Typisierung, das heißt die Entwicklung eines standardisierten Modulsystems, ermöglichte zum einen die Reduzierung der benötigten Grundfläche und zum anderen eine serielle Fertigung und damit die Senkung der Herstellungskosten. Die "Frankfurter Küche" fand eine große Verbreitung und wurde zum Vorbild für die moderne Einbauküche. Das in die Schausammlung des Werkbundarchiv – Museum der Dinge integrierte Exemplar stammt aus einem Zweifamilien-Reihenhaus im Heidenfeld 24 in der Römerstadt-Siedlung, die 1927/28 entstanden ist. Das Ensemble ist eine ideale Ergänzung der Schausammlung des Museums, da sich am Beispiel der "Frankfurter Küche" die Leitbegriffe der 1920er Jahre veranschaulichen lassen: Sachlichkeit, Funktionalität und vor allem Standardisierung. Die "Frankfurter Küche" gehört zu den von Werkbund und Bauhaus geprägten Modellen für ein "Neues Leben" des "Neuen Menschen", die in den 1920er Jahren eine starke Konjunktur erlebten.

Warenbuch als Geschmacksrichtlinie
Beim Rundgang kann sich der Besucher des Eindrucks nicht entziehen, dass die Geschmackserziehung des Werkbundes und seiner Vertreter auf einen einheitlichen Massengeschmack abgestellt war. Gediegenes Hausgerät propagierte man 1912 mit einem Warenkatalog und 1915 entstand das Deutsche Warenbuch mit mehr als 3000 Gegenständen. Zu diesen gehörte unter anderem das Teegedeck aus Service 811 mit Dekor 752 Goldener Würfelbund und das Kaffeegeschirr gerippt mit Poliergoldelementen, ein Entwurf von Erich Kuithen von 1908 sowie der Chrom-Schüttelbecher von WMF Geislingen. Man wüsste nur zu gerne, ob, und wenn ja, wie verbreitet derartige Muster in deutschen Haushalten damals präsent waren. War es Massenkultur? Hatte nur die wohlhabende Oberschicht die konische Heißwasserkanne aus Nickel in ihrer Küche stehen? Besaß der AEG-Arbeiter einen Melitta-Schnellfilter No 103?

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Blechdose für Pelikan-Schreibbänder,
Redesign O.H.W. Hadank, 1922, Pelikan

Beim Weitergehen durch die Ausstellung fällt der Blick auf Henry van de Veldes Entwurf für das Bahnabteil der Belgischen Staatsbahnen – Peitschenschlag und schwungvolle Linie der Art noveau sieht man hier nicht. Stromlinienform entdeckt man in der Gestaltung der Abteilleuchte, die über den schlichten Holzbänken und den Gepäckablagen zu sehen ist.

Technologische Veränderungen
Dass sich im Zuge der technologischen Veränderungen auch die Alltagsgegenstände veränderten, beschreibt die Ausstellung in einem weiteren Abschnitt und präsentiert Radioapparate VE 301 neben Bakelit- und Porzellanschaltern sowie einem Box-Tender-Fotoapparat und einem Toaster mit aufzuklappenden Deckeln. Die Werkbundfirma AEG und deren Designer Peter Behrens darf in einem Museum der Dinge nicht fehlen: Sauber konstruiert, materialgerecht und anmutig schön hieß das Motto für die Industrieproduktion von Wasserkesseln, Ventilatoren oder der Elektrouhr, die um 1929 von AEG vermarktet wurde.

Auf die Marke kommt es an
Gleich in zwei Vitrinenschränken wird das Thema Logo, Marke und Verpackung abgehandelt, ob es sich nun um die luftdichtverpackten Kekse von Bahlsen oder den koffeinfreien Kaffee von Kaffee Hag handelt. Stets brauchte man ein auffälliges Logo, hier die Leibniz-Kekse, dort ein roter Rettungsring und ein rotes Herz. Die Zigarettenfabrik Manoli hingegen setzte auf ein abgerundetes M als Markenzeichen. Kaffee Hag wusste um die Marke und ließ auch Geschirr mit dem Firmenlogo bedrucken. Dieses Geschirr war in Krankenhäusern, Kantinen oder anderen Institutionen allgegenwärtig und half dabei, die Marke zu vermassen.

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Ventilator Entwurf: Peter Behrens für AEG, um 1914 © Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge / Foto: Armin Herrmann

Stühle: Künstlerentwurf oder Typisierung
Neben dem Armlehnstuhl van de Veldes von 1907/08, dem Thonet-Stuhl Nr. 14 von 1859 ist der Worpsweder Stuhl von Heinrich Vogeler ausgestellt, der mit seinem Blumendekor und Lyramotiv in der Lehne eher an Bauernmöbel erinnert und altbacken-volkstümelnd wirkt. Doch auch Vogeler war Werkbundmitglied, auch wenn ihn das Credo der Schlichtheit und Funktionalität wenig zu scheren schien, als er seinen Stuhl konzipierte. In einer weiteren Stuhlpräsentation werden der Hellerauer Stuhl Riemerschmids ebenso gezeigt wie der Freischwinger B64 von Marcel Breuer, mit denen „Handwerk vs. Industrieästhetik“ als Thema angesprochen wird.

Neben den Notproduktionen der frühen Nachkriegsjahre tritt die Eleganz der 1950er Jahre mit der gläsernen Eleganz von Wagenfelds Kreationen und den schrill schwarz-gelben Verpackungen von Uhu-Kleber oder Vasen und Schalen im „Tigerkostüm“. Nur was sollte mit dieser Signalfarbe zum Ausdruck gebracht werden? Wer liebte eigentlich Moccatassen mit schwarz-gelbem Streifenmuster und wer die schwarz-gelb gefärbten Eierbecher?

Meilensteine in der Nachkriegszeit
Zu diesen zählt die Gründung des Rats für Formgebung im Jahr 1953 und die Herausgabe von Musterkoffern, die der ästhetischen Erziehung in der Schule dienten.

Der Rat für Formgebung sorgte dafür, dass Designs wie das Arzberg 2000 Service und das Braun Radio sich durchsetzen konnten. „Schneewittchensarg“ und Weltempfänger der Firma Braun wurden Mitte der 1950er Jahre zum Verkaufschlager und sind eng mit dem Namen des Designers Dieter Rams verbunden. Dem gegenüber hatten aber auch aus Draht hergestellte Halterungen in Gestalt eines Karrenschiebers in deutsche Wohnstuben Einzug gehalten, ebenso die Tütenlampe und der Nierentisch. Hirches tiefer Sessel mit Stahlrohrgestell stand neben der bizarren Fernsehstereokombination, die an ein futuristisches Giraffencembalo erinnert.

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Kaffeekanne, aus dem Service "2025", Heinrich Löffelhardt, 1957

In den anschließenden Themenblöcken stehen Fragen auf der Tagesordnung wie „Wer bestimmt über gutes Design? IKEA, red dot Award, Stiftung Warentest, Manufactum oder ...? Zugleich befasst man sich mit der Frage danach, ob Design Haupt- oder Nebensache ist und zeigt dazu Arbeiten von Mario Botta (Tischleuchte Shogun Tavola), Mendini (Korkenzieher Anna) oder die Zitruspresse von Philipp Starck – alle Kinder der 1990er Jahre.

Angesichts des Konvoluts an Exponaten sollte man sich beim Besuch Zeit lassen oder wiederkommen, lohnenswert ist das Museum der Dinge allemal, da es jenseits einer kunsthistorischen Schubladenpräsentation einen übergreifenden Blick auf Alltagskultur ermöglicht, auch wenn die eine oder andere Frage noch vertieft werden könnte. Text: ferdinand dupuis-panther Fotos: Sammlung WBA-MDD Berlin / Armin Herrmann

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin
Tel. 030-92106311
Öffnungszeiten
Fr-Mo 12-19 Uhr
www.museumderdinge.de

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