Ausstellungsorte in
Berlin:Alte Nationalgalerie / Bauhausarchiv / Berlinische
Galerie / Broehanmuseum / Deutsches Historisches Museum / Martin Gropius Bau / Max
Liebermann Haus / Neue
Nationalgalerie / Helmut Newton Stiftung / Kupferstich-Kabinett / Deutsches Technikmuseum / Sammlung
DaimlerContemporary / Haus am Waldsee / DDR-Musuem / Akademie der Künste / Altes Museum / Käthe-Kollwitz-Museum / Naturkundemuseum / Medizinhistorisches Museum / Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz / Museum der Dinge / Jüdisches Museum / Hamburger Bahnhof
/ Spectrum Science Center / Sammlung Scharf-Gerstenberg
Pergamonmuseum / Tränenpalast
Berlin
Werkbundarchiv-Museum der Dinge
Die Schausammlung des Werkbundarchivs
Text: ferdinand dupuis-panther
Fotos: Sammlung WBA-MDD Berlin / Armin Herrmann

AEG-Wanduhr „Electrochronos“, Entwurf Peter Behrens, 1910
Konzentrieren wir uns nachstehend jedoch auf die Schausammlung „des guten Geschmacks“. Dass es auch Geschmacksverwirrungen und –irrungen in der Alltagskultur gibt und gab, verschweigt die Ausstellung ebenso wenig wie die Tatsache, dass auch in der NS-Zeit Werkbundtraditionen weiterlebten und nicht allein Deutschtümelei und Hakenkreuze den Alltag bestimmten. Wilhelm Wagenfelds Glasdesigns waren damals ebenso noch gefragt wie die Grafiken des Bauhäuslers Herbert Bayer oder das von Hermann Gretsch entworfene Porzellanservice Arzberg 1382 – schlicht weiß, schnörkellos und nicht mit NS-Symbolik verziert wie andere gleichfalls ausgestellte Gegenstände, darunter ein Sofakissen mit Hitlerporträt, ein Feuerzeug oder ein Humpen mit Hakenkreuz.
Blick in die Ausstellung
Der eine Besucher mag sich systematisch der 35 thematischen Kapitel der Präsentation annehmen, ein anderer nur nach Allbekanntem Ausschau halten – das spielt keine Rolle. In jedem Falle wird der Besucher Formen und Farben, Schlichtheit und Zierrat, Überbordendes und Kitschiges, Ausgezeichnetes und Banales in der Schau finden. Wer sich der sonntäglichen Führung anschließt, wird zudem auf die „Highlights“ gelenkt, denn das vorgestellte Konvolut, das zu sehen ist, ist schon sehr beeindruckend. Was allerdings zu sehen ist, ist wie bei jedem Museum nur ein Ausschnitt der Sammlung, die etwa 25000 Objekte umfasst. Das Archiv des Hauses enthält zudem 35000 Dokumenteneinheiten. Darunter Nachlässe wie von Hermann Muthesius und Herbert Hirche, aber auch Postkarten, Plakate, Werbematerialien sowie Dokumente zum Malik-Verlag und John Heartfield.

Vom Stahlhelm zum Pott
Der Zeit ein Gesicht geben
Vergegenwärtigen sollte sich der Besucher, dass das Credo des Werkbundes lautete, der eigenen Zeit ein Gesicht zu geben, das auf einer aus Technik abgeleiteten Funktionalität basiert. Gebrauchsgegenstände sollten als stumme Diener das moderne Leben erleichtern. Gleich der Aufmacher thematisiert mit „Schwarz-Weiß“ den Gegensatz von gutem und schlechtem Geschmack, guter und schlechter Form, von Gut und Böse. Zu sehen sind Vasen und andere Gefäße, aber auch kubische Salz- und Pfefferstreuer in Schwarz-Weiß. Vor der Schrankvitrine steht eine Holzbank mit schwülstigen Schnitzereien, darunter pausbäckige Engelchen. Dieses Exponat ist ein guter Übergang zum anschließenden Kapitel „Hausgräuel“, dem man sich 1909 in einer Ausstellung in Landesgewerbemuseum in Stuttgart widmete. Hier wurden Geschmacksverirrungen zusammengetragen, die Material-, Konstruktions- und Dekorfehler aufwiesen – und dennoch gehörten sie zur Alltagskultur wie der Kuchenheber mit Bambusgriff, der Bierseidel mit katzenförmigem Griff oder Teller mit bunten, orientalisierten Dekors sowie schrill blaue Trinkgläser. Angelnde Gartenzwerge, Kaffeeservice mit üppiger Goldmalerei, Jugendstilkacheln mit schwungvollen Linien, ein Anhängerbrettchen für Besen und Handfeger verziert mit lieblichen „Medusenhäuptern“ und eine Ofenkachel mit weißen Lilien sind gleichfalls zu sehen und visualisieren den Themenbereich „Prunksucht und Stilwirren“ oder, um mit Adolf Loos zu sprechen „Ornamentenhölle“.
Ausstellungen 2012
ISTANBUL ALPHABET von çokçok bis zikzak
17. Februar – 9. April 2012
Im Mittelpunkt der Schau steht die çokçok-Sammlung, die die Kuratoren der Ausstellung - Max Borka und Anna Pannekoek - während eines 100tägigen Istanbul-Aufenthaltes angelegt haben. Diese Sammlung hat sich zum einen aus den Dingen und Eingriffen entwickelt, die die Designer und Künstler in der Wohnung der Kuratoren in Istanbul hinterlassen haben. Zum anderen besteht sie aus Objekten, Geräuschen und Bildern, die Anna Pannekoek während ihrer Streifzüge durch die Stadt zusammengetragen hat, auf eine situationistische, eine Istanbuler Art: umherschweifend, gelenkt von der Intuition und vom Zufall. "Es geht nicht um die Suche nach hochwertigen Designer- oder Markenprodukten, sondern um Objekte, die am anderen Ende der Hierarchie angesiedelt sind: Alltagsprodukte, die es seit einer Ewigkeit zu geben scheint, ohne dass sie jemals viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Selbstverständlich sind auch diese Objekte gestaltet worden, aber nicht von nur einer Person. Von Generation zu Generation haben Nutzer die Dinge an ihre Bedürfnisse angepasst und umgeformt. Selbst wenn viele dieser Objekte verglichen mit und gemessen am offiziellen Regelwerk des Designs als hässlich, ordinär und banal gelten, kann man doch ihre Schönheit nicht leugnen. Sie sind Ausdruck eines kollektiven Bewusstseins, ausgestattet mit einem unglaublichen Reichtum.
çokçok (vielviel) ist ein türkischer Ausdruck und steht für den unstillbaren Hunger nach mehr. Die Ausstellung ISTANBUL ALPHABET - von çokçok bis zikzak lässt sich ganz auf die Besonderheit des Museum der Dinge ein: die Erforschung der alltäglichen Sachkultur. ist alfabe 05a.jpg Erdem Akan, Istanbul Alphabet Ornaments, maybedesign Turkish Reforms Collections 2005 Im Mittelpunkt steht die çokçok-Sammlung, die die Kuratoren der Ausstellung - Max Borka und Anna Pannekoek - während eines 100tägigen Istanbul-Aufenthaltes angelegt haben. Diese Sammlung hat sich zum einen aus den Dingen und Eingriffen entwickelt, die die Designer und Künstler in der Wohnung der Kuratoren in Istanbul hinterlassen haben. Zum anderen besteht sie aus Objekten, Geräuschen und Bildern, die Anna Pannekoek während ihrer Streifzüge durch die Stadt zusammengetragen hat, auf eine situationistische, eine Istanbuler Art: umherschweifend, gelenkt von der Intuition und vom Zufall. "Es geht nicht um die Suche nach hochwertigen Designer- oder Markenprodukten, sondern um Objekte, die am anderen Ende der Hierarchie angesiedelt sind: Alltagsprodukte, die es seit einer Ewigkeit zu geben scheint, ohne dass sie jemals viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Selbstverständlich sind auch diese Objekte gestaltet worden, aber nicht von nur einer Person. Von Generation zu Generation haben Nutzer die Dinge an ihre Bedürfnisse angepasst und umgeformt. Selbst wenn viele dieser Objekte verglichen mit und gemessen am offiziellen Regelwerk des Designs als hässlich, ordinär und banal gelten, kann man doch ihre Schönheit nicht leugnen. Sie sind Ausdruck eines kollektiven Bewusstseins, ausgestattet mit einem unglaublichen Reichtum.
Die Ausstellung wird ergänzt durch Arbeiten von Künstlern, wie Nezaket Ekici und Objekte der aufstrebenden zeitgenössischen Istanbuler Design-Szene. Dabei gehen die Methoden und Formen dieses Designs in die gleiche Richtung wie die anonymen Alltagsdinge der çokçok-Sammlung. Darin wird erkennbar, was in der westlichen Design-Szene verloren gegangen ist: zum Beispiel Etwas aus Nichts zu erfinden, ad-hoc Lösungen zu entwickeln, zu improvisieren.
Sachlich-funktional
Erinnert wird in der Präsentation an das von Karl-Ernst Osthaus in Hagen initiierte Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe, das die wichtigsten Werkbundkünstler wie Peter Behrens, Richard Riemerschmid und Josef Olbrich mit ihren Arbeiten vorstellte. Dabei handelt es sich um sachlich-funktionale Entwürfe fern kunstgewerblicher Verspieltheit. Teller mit goldenen und blauen Randdekors in stilisierter Wellenform sind neben Gläsern mit wuchtigen tiefroten Stielen und Sockeln zu sehen. Eine halbkugelförmige Kanne steht neben einem sich emporzüngelnden Kerzenhalter aus Messing.
Tee- und Wasserkessel, AEG, Entwurf Peter Behrens, 1909
Entwürfe von Richard Riemerschmid von 1902 und 1903, darunter ein Bowlegefäß mit Fadenreliefdekor, machen einen Teil des so genannten Musterkatalogs aus, den das von Osthaus konzipierte Museums Anfang des 20. Jahrhunderts publizierte. Zu Riemerschmids Entwürfen gesellen sich Arbeiten von Albin Müller, der unter anderem Zinnbecher zu einem Weinservice schuf, und von Josef Maria Olbrich, dem eine Butterdose mit Untersatz aus Silberzinnguss zu verdanken ist. Auffallend ist hier das stilisierte Rosendekor am Rand des Objekts. Daneben werden grafische Arbeiten wie die Verpackung für Sarotti-Schokolade mit dem Sarotti-Mohren und für geg-Kernseife gezeigt.
Warenbuch als Geschmacksrichtlinie
Beim Rundgang kann sich der Besucher des Eindrucks nicht entziehen, dass die Geschmackserziehung des Werkbundes und seiner Vertreter auf einen einheitlichen Massengeschmack abgestellt war. Gediegenes Hausgerät propagierte man 1912 mit einem Warenkatalog und 1915 entstand das Deutsche Warenbuch mit mehr als 3000 Gegenständen. Zu diesen gehörte unter anderem das Teegedeck aus Service 811 mit Dekor 752 Goldener Würfelbund und das Kaffeegeschirr gerippt mit Poliergoldelementen, ein Entwurf von Erich Kuithen von 1908 sowie der Chrom-Schüttelbecher von WMF Geislingen. Man wüsste nur zu gerne, ob, und wenn ja, wie verbreitet derartige Muster in deutschen Haushalten damals präsent waren. War es Massenkultur? Hatte nur die wohlhabende Oberschicht die konische Heißwasserkanne aus Nickel in ihrer Küche stehen? Besaß der AEG-Arbeiter einen Melitta-Schnellfilter No 103?

Blechdose für Pelikan-Schreibbänder, Redesign O.H.W. Hadank, 1922, Pelikan
Beim Weitergehen durch die Ausstellung fällt der Blick auf Henry van de Veldes Entwurf für das Bahnabteil der Belgischen Staatsbahnen – Peitschenschlag und schwungvolle Linie der Art noveau sieht man hier nicht. Stromlinienform entdeckt man in der Gestaltung der Abteilleuchte, die über den schlichten Holzbänken und den Gepäckablagen zu sehen ist.
Technologische Veränderungen
Dass sich im Zuge der technologischen Veränderungen auch die Alltagsgegenstände veränderten, beschreibt die Ausstellung in einem weiteren Abschnitt und präsentiert Radioapparate VE 301 neben Bakelit- und Porzellanschaltern sowie einem Box-Tender-Fotoapparat und einem Toaster mit aufzuklappenden Deckeln. Die Werkbundfirma AEG und deren Designer Peter Behrens darf in einem Museum der Dinge nicht fehlen: Sauber konstruiert, materialgerecht und anmutig schön hieß das Motto für die Industrieproduktion von Wasserkesseln, Ventilatoren oder der Elektrouhr, die um 1929 von AEG vermarktet wurde.
Auf die Marke kommt es an
Gleich in zwei Vitrinenschränken wird das Thema Logo, Marke und Verpackung abgehandelt, ob es sich nun um die luftdichtverpackten Kekse von Bahlsen oder den koffeinfreien Kaffee von Kaffee Hag handelt. Stets brauchte man ein auffälliges Logo, hier die Leibniz-Kekse, dort ein roter Rettungsring und ein rotes Herz. Die Zigarettenfabrik Manoli hingegen setzte auf ein abgerundetes M als Markenzeichen. Kaffee Hag wusste um die Marke und ließ auch Geschirr mit dem Firmenlogo bedrucken. Dieses Geschirr war in Krankenhäusern, Kantinen oder anderen Institutionen allgegenwärtig und half dabei, die Marke zu vermassen.
Stühle: Künstlerentwurf oder Typisierung
Neben dem Armlehnstuhl van de Veldes von 1907/08, dem Thonet-Stuhl Nr. 14 von 1859 ist der Worpsweder Stuhl von Heinrich Vogeler ausgestellt, der mit seinem Blumendekor und Lyramotiv in der Lehne eher an Bauernmöbel erinnert und altbacken-volkstümelnd wirkt. Doch auch Vogeler war Werkbundmitglied, auch wenn ihn das Credo der Schlichtheit und Funktionalität wenig zu scheren schien, als er seinen Stuhl konzipierte. In einer weiteren Stuhlpräsentation werden der Hellerauer Stuhl Riemerschmids ebenso gezeigt wie der Freischwinger B64 von Marcel Breuer, mit denen „Handwerk vs. Industrieästhetik“ als Thema angesprochen wird.
Neben den Notproduktionen der frühen Nachkriegsjahre tritt die Eleganz der 1950er Jahre mit der gläsernen Eleganz von Wagenfelds Kreationen und den schrill schwarz-gelben Verpackungen von Uhu-Kleber oder Vasen und Schalen im „Tigerkostüm“. Nur was sollte mit dieser Signalfarbe zum Ausdruck gebracht werden? Wer liebte eigentlich Moccatassen mit schwarz-gelbem Streifenmuster und wer die schwarz-gelb gefärbten Eierbecher?
Sammlungsbereich Farbcode „schwarz-gelb“
Meilensteine in der Nachkriegszeit
Zu diesen zählt die Gründung des Rats für Formgebung im Jahr 1953 und die Herausgabe von Musterkoffern, die der ästhetischen Erziehung in der Schule dienten.
Der Rat für Formgebung sorgte dafür, dass Designs wie das Arzberg 2000 Service und das Braun Radio sich durchsetzen konnten. „Schneewittchensarg“ und Weltempfänger der Firma Braun wurden Mitte der 1950er Jahre zum Verkaufschlager und sind eng mit dem Namen des Designers Dieter Rams verbunden. Dem gegenüber hatten aber auch aus Draht hergestellte Halterungen in Gestalt eines Karrenschiebers in deutsche Wohnstuben Einzug gehalten, ebenso die Tütenlampe und der Nierentisch. Hirches tiefer Sessel mit Stahlrohrgestell stand neben der bizarren Fernsehstereokombination, die an ein futuristisches Giraffencembalo erinnert.
Kaffeekanne, aus dem Service "2025", Heinrich Löffelhardt, 1957
In den anschließenden Themenblöcken stehen Fragen auf der Tagesordnung wie „Wer bestimmt über gutes Design? IKEA, red dot Award, Stiftung Warentest, Manufactum oder ...? Zugleich befasst man sich mit der Frage danach, ob Design Haupt- oder Nebensache ist und zeigt dazu Arbeiten von Mario Botta (Tischleuchte Shogun Tavola), Mendini (Korkenzieher Anna) oder die Zitruspresse von Philipp Starck – alle Kinder der 1990er Jahre.
Angesichts des Konvoluts an Exponaten sollte man sich beim Besuch Zeit lassen oder wiederkommen, lohnenswert ist das Museum der Dinge allemal, da es jenseits einer kunsthistorischen Schubladenpräsentation einen übergreifenden Blick auf Alltagskultur ermöglicht, auch wenn die eine oder andere Frage noch vertieft werden könnte.
Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin
Tel. 030-92106311
Öffnungszeiten
Fr-Mo 12-19 Uhr
www.museumderdinge.de