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Berlin
Medizinhistorisches Museum

300 Jahre Charité bis 27. Februar 2011

text: fdp

Die Ausstellung informiert über die großen medizinischen Herausforderungen, zentrale medizinische Persönlichkeiten und Forscherleistungen aus drei Jahrhunderten Medizin in Berlin. Bleibende Verdienste der ärztlichen Leiter unterschiedlicher Bereiche der Charité kommen dabei ebenso zur Sprache wie Irrwege und – etwa bezogen auf die Zeit des Nationalsozialismus – fatale Abwege.

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Bluttransfusionsapparat, um 1940, Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité © Thomas Bruns, Berlin

Am Anfang stand ein Pesthaus, aus dem sich dann über Jahrhunderte hinweg allmählich eine Krankenanstalt und ein Universitätsklinikum entwickelte. Neben den einzelnen geschichtlichen Etappen dieser Entwicklung werden die Besucher in „Ausstellungsboxen“ mit acht Krankheitsbildern konfrontiert, anhand derer die Geschichte der Medizin in Berlin aufgerollt wird. Sehr eindrücklich ist zu Beginn des Rundgangs die erste Installation, die auf das Jahr 1709 verweist. Damals glaubte man die Pest käme zurück. Flugs baute man vor dem Spandauer Tor ein Pesthaus, das im Verlauf der Geschichte – die Pest forderte in Berlin keine neuen Opfer – zum Armenhaus und Bleibe für ledige Schwangere wurde. Für die Pest stehen die gewöhnlichen Ratten als Krankheitsüberträger, sodass es nicht wundert, gleich zwei dieser Art zu Beginn der Ausstellung zu sehen. Wir erfahren als Besucher zudem, dass anfänglich die Pest mit spezifischen Rezepturen aus Myrrhe und Oleum camphorae, wenn auch vergeblich, bekämpft wurde.

Brustkrankheiten, Syphilis und Cholera

Zu den vorgestellten Krankheiten, mit denen sich die Medizin im 18. Jahrhundert zu befassen hatte, gehörten Brustkrankheiten. Da man damals von der Vorstellung Krankheiten auslösender Säfte ausging, wurden ableitende Verfahren wie der Aderlass praktiziert. Abhören und Abklopfen als diagnostische Verfahren wurden dank Johann Lucas Schönlein zur Krankenhausroutine. Klisterspritze und Schropfkopf waren aber stets noch im Einsatz. Wie eine käsige Pneumonie, eine im 18. und 19. Jahrhundert nicht seltene Erkrankung, ausschaut, wird mittels eines Feuchtpräparats veranschaulicht. Ein weiteres Krankheitsbild, dem sich die Schau widmet, ist die Syphilis. Wachsmoulagen eines weiblichen und männlichen Genitals zeigen die Symptome dieser Geschlechtskrankheit, die mit Blindheit und Wahnsinn endet, wenn sie nicht behandelt wird. Im Kontext der sogenannten Vier-Säfte-Theorie gab es vor der Entdeckung von Antibiotika nur die Schwitzkur und die Verabreichung von Quecksilber als medizinische Antwort. 1905 wurde der Erreger für die Syphilis entdeckt und vier Jahre später mit Salvarsan ein Medikament auf den Markt gebracht, mit dem die Krankheit bekämpft werden konnte. Daher sind auch Präparate wie der ausgestellte syphilitische Schädel heute eine Rarität.

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Dünndarmschlinge, um 1900, Trockenpräparat, Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité © Thomas Bruns, Berlin

Reiswasserähnliche Durchfälle und erhöhtes Kälteempfinden zeichnet die Cholera aus. Opium- und Quecksilberchloridgaben sowie strenge Quarantäne setzte man ursprünglich ein, um der Seuche Herr zu werden. Im Zuge der Industrialisierung nahmen auch Knochenbrüche und andere Verletzungen zu, die medizinisch versorgt werden mussten, wie die Ausstellung nachdrücklich unterstreicht. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gellten auch keine Schmerzensschreie mehr durch die Flure der Kliniken, da man wirksame Narkoseverfahren entwickelte. Hightech war das anfänglich nicht, betrachtet man die aus einem Drahtkorb und Gaze bestehende Narkosemaske. Zu den weiteren Krankheitsbildern, die an der Charité eine Rolle spielten, gehört die Psychose, für deren Behandlung man 1905 eine eigene Klinik einrichtete. Das Anlegen der Zwangsjacke war über Jahrzehnte eine der eingesetzten Behandlungsformen.

Braune Zeiten an der Charité

Maximinian de Crinis war als der Leiter der Psychiatrie an der Selektion von psychisch erkrankten Patienten beteiligt, die im Rahmen der T4-Aktion in den Tod geschickt wurden. Auch das gehört zur Geschichte der Charité, der man allerdings unbedingt eine eigene Ausstellung und Aufarbeitung widmen müsste. Schließlich sind auch Krebserkrankungen aus dem Klinikalltag der Charité nicht wegzudenken. 1951 wurde ein eigenständiges Geschwulstklinikum gegründet. Ab 1970 setzte man bei der Krebsbehandlung auf die Strahlentherapie. Das Gastroskop zur Magenspiegelung und die Röhrchen für Stuhlproben veranschaulichen, welches Instrumentarium bei der Krebsdiagnostik zum Einsatz kommen.

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Emil du Bois-Reymond (1818-1896)
© Kabinette des Wissens, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik

Vom Pesthaus zur Charité

Neben den Krankheitsbildern wird auch auf die Geschichte der Charité eingegangen. Am Beginn stand 1727 die Gründung einer Krankenanstalt, in der jeder Kranke ein eigenes Bett bekam. Diese Gründung ging aus dem Pesthaus hervor. Doch bereits zuvor hat es in der Friedrichstraße 109 im Rahmen der städtischen Armen- und Invalidenversorgung eine medizinisch ausgerichtete Einrichtung gegeben. Zwischen 1896 und 1917 entstand das durch seine Backsteinarchitektur so markante Klinikgelände. Sehr bald waren hier die führenden Mediziner Deutschlands tätig. Einen Aderlass – dies wird leider nur angedeutet – bedeutete die Machtergreifung der Nazis in Deutschland. Am Ende des sogenannten Tausendjährigen Reiches stand die weitgehende Zerstörung der Bausubstanz der Charité. Historische Aufnahmen wie die von 1910 zeigen nicht nur die Küche der Charité, wo fleißig Gemüse zubereitet wurde, sondern auch den Operationssaal und das Verwaltungsgebäude.

Ehe die Backsteinarchitektur der Charité vollendet war, war das Krankenhaus bereits Lehrkrankenhaus. Seit 1832 fand hier auch die Ausbildung sogenannter Krankenwärter statt – und das war damals eine Besonderheit.

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Armprothese nach Sauerbruch, um 1940,
Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité © Thomas Bruns, Berlin

Führende Köpfe

Den Reigen kluger Köpfe der Berliner Medizin eröffnet Johann Theodor Eller, der 1725 eine Ausbildungsordnung für Ärzte verfasste. Von ihm stammt auch der „Sinnspruch“: „Siehe diesen (Leichnam) an und dann trincke und freue dich, denn nach deinem Tod wirst du ebenso seyn.“ Die Herausbildung der Pathologie ist Johann Friedrich Meckel zu verdanken und Ernst Ludwig Heim, genannt der alte Heim, hat sich als Stadtphysikus Verdienste um die Versorgung armer Kranker erworben: „Solange ich in Berlin bin, habe ich allen armen Kranken, die Hilfe bei mir nachsuchten des Morgens von 6-8 Arzneyen verschrieben und guten Rath erteilt. ...“, so in den Erinnerungen Heims nachzulesen. Die Lebenskraft-Theorie ist das geistige Kind von Christoph Wilhelm Hufeland. Er schrieb 1796: „Wer es mit den Freuden des Lebens hält, wird alt, wer hingegen die Feinde vorzieht, verkürzt sein Leben.“ Die experimentelle Elektrophysiologie begründete Emil du Bois-Reymond. Der embryonalen Zelle auf den Grund ging Robert Remak: „Überall finde ich die Kerne in Zellen umschlossen und überall begegnen mir Erscheinungen, welche eine Vermehrung der Zelle durch Theilung nach dem von mir für die normalen Gewebe ermittelten Modus andeuten.“

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Rudolf Virchow (1821-1902)
© Kabinette des Wissens, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik

Erinnert wird in der Schau an Rudolf Virchow („Der moderne Körper ist ein Zellenstaat“) und an den Chirurgen Ernst von Bergmann, der sich für die hygienischen Standards in Kliniken einsetzte. Zu solchen Standards gehört wie selbstverständlich das Sterilisieren der chirurgischen Instrumente. Der Nachweis des Choleraerregers ist Robert Koch zu verdanken und Paul Ehrlich die antibiotische Chemotherapie. Ihm gelang die Entwicklung von Salvarsan und Neo Salvarsan und damit ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung von Syphilis. Ohne Max Rubner wüssten wir wohl kaum über den Energiegehalt von Nahrungsmitteln Bescheid: „Der Magen regiert in gewissem Sinne die ganze Welt. Man muss essen, um zu leben ...“ schrieb Rubner 1908. In keinem Schulkochbuch fehlte seither Rubners Nährwerttabelle.

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Kästchen mit Tumorschnittpräparaten von Johannes Müller, um 1838, Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité © Thomas Bruns, Berlin

Karies plagt jeden von uns, doch wie Karies entsteht und dass Säure bildende Bakterien dafür verantwortlich sind, das wissen wir dank Willoughby Dayton Miller, der 1889 Zahnkaries erforschte. Im erlauchten Kreis männlicher Koryphäen der Medizin sind Rahel Hirsch und Franziska Tiburtius Exotinnen. Nicht angemessen scheint dem Berichterstatter die Würdigung von Ferdinand Sauberbruchs Wirken während der NS-Zeit. Der Begriff zwiespältige Rolle beschreibt wohl kaum das wahre Handeln eines Mediziners, der die Menschenversuche in Auschwitz gut geheißen hat. Einen Meilenstein in der Medizin bedeutet die Herzkathetisierung. Werner Forssmann war dessen Wegbereiter, als er mit einem Harnleiterkatheter über die linke Ellenbogenvene ins eigene Venensystem eindrang. Forssmann, der 1956 den Nobelpreis für Medizin mit zwei Mitpreisträgern erhielt, war in das System des Dritten Reiches eingebunden: Er war nicht nur in der NSDAP, sondern auch in der SA und im NS-Ärztebund. Nach dem Krieg wurde er mit einem mehrjährigen Berufsverbot belegt. Zu denjenigen, die an der Umsetzung eugenischer Maßnahmen indirekt beteiligt waren, gehörte Walter Stoeckel, der nicht nur als Nestor der deutschen Gynäkologie gilt, sondern auch als Leibarzt von Frau Goebbels tätig war: „Gerade die schwer und unheilbar Erkrankten, die nicht interniert werden brauchen, bedrohen die Volksgesundheit aufs Äußerste ..., so äußerte sich Stoeckel 1937.

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Fieberthermometer, um 1870, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt © Thomas Bruns, Berlin

Der Überblick über die Geschichte der Charité ist ansprechend gelungen. Vertiefungen hier und da wären wünschenswert, vor allem aber eine Ausstellung, die sich ausschließlich mit den „dunklen Kapiteln“ der Geschichte der Charité beschäftigt.

Berliner Medizinhistorisches Museum
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Telefon: 030 45 05 36 15 6
Öffnungszeiten: Di-So 10-17 Uhr, Mi 10-19 Uhr
www.bmm.charite.de
Eintritt: 4,- Euro, ermäßigt 2,- EuroNahverkehr Bus: Invalidenpark: 120, 123, 147, 240, 245, Robert-Koch-Platz: 123, 240

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