DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ausstellungsorte in Berlin: Alte Nationalgalerie / Bauhausarchiv / Berlinische Galerie / Broehanmuseum/ Deutsches Historisches Museum / Martin Gropius Bau / Max Liebermann Haus / Neue Nationalgalerie / Helmut Newton Stiftung /Kupferstich-Kabinett / Deutsches Technikmuseum / Sammlung DaimlerContemporary / Haus am Waldsee / DDR-Musuem / Akademie der Künste / Altes Museum / Käthe-Kollwitz-Museum / Naturkundemuseum / Medizinhistorisches Museum / Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz / Museum der Dinge / Jüdisches Museum / Hamburger Bahnhof
/ Spectrum Science Center / Sammlung Scharf-Gerstenberg / Pergamonmuseum
/ Topographie des Terrors / Tränenpalast

Berlin
Hamburger Bahnhof


Aspekte der Sammlung bis auf Weiteres
ferdinand dupuis-panther

Gäbe es keine Kunstsammler könnte der Hamburger Bahnhof, das ehemalige Verkehrs- und Baumuseum an der Invalidenstraße, überhaupt keine Kunst der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts präsentieren. Arbeiten von Beuys, Warhol, Rauschenberg, Kiefer oder Twombly gehören unter anderem zur sehenswerten Sammlung Marx, die nun noch einige Monate in neuer Hängung den ehemaligen Bahnhofskomplex bespielt.

hamburger Bahnhof
Bei Sonnenschein ist die Lichtinstallation von Dan Flavin
am Hamburger Bahnhof kaum zu erkennen

Eines der ersten erworbenen Gemälde der Sammlung Marx stammt von Cy Twombly, der 1960 Sunset Series Part II (Bay of Naples) malte. Fortan beschäftigte sich Erich Marx mit zeitgenössischer Kunst, besuchte Galerien und Museen in New York, erwarb dann Arbeiten der Ikonen des 20.Jahrhunderts wie Andy Warhol. Noch ein weitere Sammlung hat, wenn auch anfänglich nicht ganz unumstritten, für die Strahlkraft des Hamburger Bahnhofs gesorgt. Friedrich Christian Flick zeigt in den Rieckhallen Arbeiten von Lucio Fontana ebenso wie von Franz West, Richard Artschwager oder Dieter Roth. Teilweise handelt es sich um Hallen füllende Installationen, die an keinem anderen Ort als in einer Industriehalle ausreichend Platz fänden.

Bereits vor dem Bau stößt man auf eine gelbe unförmige Plastik von Franz West. Auch die historische Fassade des ehemaligen Bahnhofs dient als Projektionsfläche für Kunst. Deutlich sichtbar sind die blauen Leuchtstoffröhren, die am Mittelbau und an den beiden Seitenflügeln ihren Platz haben. Diese Lichtinstallation ist eine der letzten Arbeiten von Dan Flavin, der leider die Realisierung seiner Arbeit nicht mehr erleben konnte. Diese Kunstintervention ist heute ein Art Markenzeichen für den als Dreiflügelanlage konzipierten Bau, der ursprünglich einer der frühen Kopfbahnhöfe der europäischen Eisenbahngeschichte war. Neu errichtet wurde zum Zwecke der musealen Nutzung im Jahr 1996 die sogenannte Kleishues-Halle mit ihrem Tonnengewölbe.

Duchamp oder Nicht-Duchamp – das ist hier die Frage

Ist schon der schief hängende Spiegel an der Garderobe Kunst? Was hat es eigentlich mit den blauen Schildern auf sich, die auf Wasser und Gas hinweisen? Stammen diese Arbeiten von Marcel Duchamp oder sind sie nur eine Paraphrasierung? Letzteres ist zutreffend: Elaine Sturtevant ist das Ready Made „Duchamp Eau & Gaz“ zu verdanken. Diese Künstlerin bedient sich der Ikonen der Kunst und verfremdet sie beim geschickten Kopieren. Somit macht sie diese Kunst bekannt und sich selbst auch. Zugleich stellt sie die Frage nach Reproduktion und Original. Beginnen wir unseren Rundgang so begegnen wir Georg Baselitz, der uns den Torso einer Frau mit roten Brüsten und rotem Schambereich präsentiert, grob aus einem Holzblock herausgearbeitet. Doch schauen wir uns den Titel der Arbeit an, so trauen wir unseren Augen nicht: Männlicher Torso lesen wir. Das Rot deutet auf Verletzung, lässt an Blut denken, die Formen an Weiblichkeit – warum also der gewählte Titel. Baselitz dialogisch gegenübergestellt ist Daniel Richters Hommage an die organischen Formen von Hans Arp. „Schwarzer Arp“ heißt die skulpturale Arbeit, die auf eine schwarze Staffelei gestellt wurde. Sie wurde also vom Sockel gehoben – und wenn ja, ist die Frage nach dem Warum. Von Richter sind nebenan in einem kleinen Übergangsraum noch zwei großformatige farbenfrohe Gemälde zu sehen. Darunter ist „Jawohl und Gomorrha“. Wir erblicken einen schwarz gekleideten Mann, der abwehrend seine Hände gehoben hat. Umringt ist er von einer Gruppe von Toten, die ein Grinsen im Gesicht zeigen.

Banales in knalligen Farben

In der Kleihues-Halle hat die Pop-Art von Andy Warhol ihren Platz. Serielles und in gewisser Weise Banales zeichnen das Werk Warhols aus. Wenn auch nicht die serielle Monroe zu sehen ist, so doch das Popporträt von Mao. Zudem entdecken wir auch Joseph Beuys, den Warhol in tonigen Farben „gemalt“ hat. Auch wenn sie nicht aus Diamanten sind, so scheinen sie doch zu glänzen, Warhols „Diamond Dust Shoes“ (1980). In „Cagney“ nimmt sich Warhol ironisierend das Genre des Mafiafilms vor, während er in „Elektrischer Stuhl“ – seit 2006 im Besitz der Nationalgalerie – die Tötungsmaschinerie zu ästhetisieren scheint. Selbst vor Malen nach Zahlen schreckte Warhol nicht zurück, schaut man sich „Do it yourself (Seascape)“ an.

Mohn und Gedächtnis

Cy Twombly mit seiner eigenwilligen Zeichensprache und Materialbilder von Robert Rauschenberg sind ebenso zu sehen wie großformatige Arbeiten von Anselm Kiefer. Allerdings ist die skulpturale „Volkszählung“ aktuell nicht ausgestellt. Hingegen stehen die Besucher dem aus Blei geschaffenen Kampfflieger gegenüber, auf dessen Flügeln Bücher gestapelt liegen. Aus diesen schauen getrocknete Mohnblumen hervor. „Mohn und Gedächtnis“ – so der Titel des Werks – entstand 1989. Der Werktitel nimmt Bezug auf einen Celan-Gedichtband. Der Rausch des Mohns scheint in Kiefers Arbeit auf den Rausch von Macht und Zerstörung zu treffen. Blei, Stahl, Holz, Kunstharz und Schellack benutzte Kiefer, um sein monumentales Werk „Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland “ zu konzipieren. Dieser Dichter, dem der Text des Deutschlandliedes zu verdanken ist, wurde 1841 auf die damals britisch verwaltete Insel verbannt. Betrachtet man Kiefers Arbeit, so sieht man eine unwirtliche, in dunklen Erdfarben und Schwarz gehaltene Landschaft. Deutsche Geschichte und ihre Rezeption greift Kiefer in „Wege der Weltweisheit: die Hermanns-Schlacht“ auf. Es ist die im Jahre 9 nach unserer Zeitrechnung bei Kalkriese nahe Osnabrück stattgefundene Schlacht, die bei deutschen Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts als Inbegriff deutscher Stärke galt. Die Konterfeis von Klopstock, Kleist und anderen findet man als Holzschnitte in die Waldlandschaft eingebunden.

Happening und Fluxus

Daniel Spoerri klappte einfach einen Tisch mit Geschirr und Essensresten an die Wand. Das große Fressen bekam seinen Platz in der Kunstgeschichte! Vergänglichkeit spielt eine wesentliche Rolle in Dieter Roths Arbeiten, der organisches Material bewusst benutzt und verrotten lässt, so auch in „Schimmelhaufen“. So wandelte sich ein Alltagsgegenstand in ein Kunstobjekt. Nam June Paik hingegen entwickelte zunächst den Robot K456, der Musik machen und Bohnen fallen lassen konnte. Dies war der erste nicht menschliche Aktionskünstler. Einem Happening gleicht auch das Video TV-Bra for Living Sculpture, in dessen Verlauf ein Männerkörper von einer Frau zu einem Saiteninstrument umfunktioniert wird. Das besondere Merkmal der Frau sind ihre beiden Kleinstmonitore, die als Büstenhalter fungieren. Doch bleibt das, was Fluxus meint, dem Besucher ein Rätsel, das sich auch in der Begegnung mit Arbeiten von Joseph Beuys nicht lüften lässt.

Ist das 20.Jahrhundert mit Beuys beendet?

Auf Europaletten oder Holzbalken ruhen Basaltstelen, aus denen ein Kegel gefräst wurde. Diese Basaltbrocken stehen für die Evolution der Erde und sollen sogleich ein Symbol für Fortschritt sein. „Das Ende des 20.Jahrhunderts“ nannte Joseph Beuys diese raumfüllende „Installation“. Dass diese Basaltstelen rund um einen Hubwagen liegen, ist menschlichem Eingriff zu verdanken. Doch ist damit das Ende des 20.Jahrhunderts bezeichnet? Nicht auf den ersten Blick zu begreifen ist „Straßenbahnhaltestelle“, eine Installation, die aus einer Tramweiche, Munitionstrommeln und einem Kanonenrohr besteht, aus demein Kopf herausragt. Bei der in Berlin präsentierten Arbeit handelt es sich um die 2.Fassung. Die erste, die für die Biennale in Venedig 1976 bestimmt war, ist im Rijksmuseum Kröller-Müller zu sehen. Beuys nimmt mit seinem Werk Bezug auf seine Kindheit, in der er an der Haltestelle Zum Eisernen Mann warten musste. Der Name der Haltestelle leitet sich von einem Kriegerdenkmal ab – daher auch die Einbeziehung von Munitionstonnen und Kanonenrohr in das Werk.

Talg und Fett sind neben Filz und Eisen diejenigen Werkstoffe, mit denen Beuys Zeit seines Lebens umging. Was als zerschnittene Blöcke mit unregelmäßigen Formen, quasi als eine Art gigantisches Mobiliar, einen Raum des Hamburger Bahnhofs füllt, entstand für das weit über die Grenzen Münsters hinaus bekannte Skulpturenprojekt. Im kompletten Zustand wog die Gesamtskulptur, die einer absurden Betonkonstruktion glich, mehr als 20 Tonnen. „Unschlitt/Tallow“ (1977) wurde nach Abschluss der Ausstellung in Münster in mehrere Segmente zerschnitten, die nunmehr in Berlin zu sehen sind. Die „Capri-Batterie“ ist ein weiteres Werk, das zu sehen ist, ganz abgesehen von einigen Arbeiten in Filz.

Sammlungen im Fluss

Die Rieckhallen sind der Ort, an dem im Wechsel Exponate der Bestände, ob aus der Sammlung Marx, Marzona oder Flick, gezeigt werden. Daher sind nachstehende Beschreibungen auch nur Momentaufnahmen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wurden noch vor einiger Zeit Werke von Marcel Broodthaers oder Duane Hanson präsentiert, so treffen Besucher nun auf Dan Flavin, Bill Bollinger, Richard Serra, Ger van Elk, Dan Graham oder Bruce Nauman.

In einer Ecke eines der zahlreichen Hallenräume sieht man die offene weiße Würfelform des Konzeptkünstlers Sol LeWitt. Gigantisch ist die Gartenskulptur, die Dieter Roths Idee war. Aus Leitern, Gartenwerkzeug, Eimer, Gläsern, Planken, Grünpflanzen, Patexdose, Stühlen, Teilen von Schränken, Kaninchenställen und anderen Gartenutensilien sind gigantische, an Prunkwagen erinnernde „Skulpturen“ entstanden.

Zu Flavin, Bollinger und Konsorten

„Transition“ ist ein Kunstprojekt von Robert Kusmirowski. Dieser hat den Übergangsbereich zwischen der historischen Bahnhofshalle und den Rieckhallen so gestaltet, als handele es sich dabei um eine Unterführung zwischen zwei U-Bahnhöfen: In Zartblaugrün wurden die Wände gekachelt. Auch ein Bahnhofschild in Schnörkelschrift fehlt nicht und macht jedem klar, dass er im Hamburger Bahnhof ist. Die Reklameflächen sind mit Kritzeleien übersät. Einige Plakate hängen im Gang, der zu den Kunstwerken aus der Flick-Sammlung führt.

Lichtkunst und leere Kuben

Vorhang auf für Don Flavin, dessen Lichtkunst der Besucher auch an der Fassade des Hamburger Bahnhofs und in zwei Räumen im Erdgeschoss finden kann. Lichtkunst minimalistischer Art ist das Markenzeichen dieses Künstlers: Blaues Licht aus vertikal an der Fassade montierten Leuchtstoffröhren geben der Hülle des Hamburger Bahnhofs ein besonderes Aussehen. Im Inneren sind zwei Räume mit giftig grünen Leuchtstoffröhren ausgestattet worden. In einem sieht man ein Deckengemälde von Daniel Richter, in dem anderen Raum Beuys' „Das Ende des 20.Jahrhunderts“. In den Rieckhallen sieht man ergänzend Flavins Hommage an Tatlin. Sieben Leuchtröhren mit grellem Weißlicht hat Flavin so zusammengefügt, dass diese zusammen den lichternen Tatlin-Turm bilden. Bruce Nauman hingegen hat einen Grabstein geschaffen, der die Inschrift „Partial Truth“ trägt und auf dem Betonboden platziert wurde. Fürwahr der Tod und ein Grabstein sind nur Teile der Wahrheit oder Wirklichkeit. Oder wollte Nauman uns dezent darauf hinweisen, dass in unserer Gesellschaft auch die Teilwahrheiten unterdessen zu Grabe getragen wurden – von der Wahrheit mal ganz abgesehen? Zwei aus fünf Filzlagen bestehende „Wellen“ - vom amerikanischen Konzeptkünstler Robert Moriss stammend – sind auf je zwei Raumwände verteilt worden.

Aus der Sammlung Marzona stammt Bill Bollingers „Droplights“, eine einfache Montagelampe mit schwarzem Kabel, die wie achtlos hingeworfen auf dem Boden liegt. Eine Raumecke bespielen zwei auf einander gesetzte rostige Stahlplatten, während im anschließenden Raum die Arbeiten von Donald Judd die Blicke der Besucher auf sich ziehen, darunter „Bullnose Progression“. Zumeist sind es Kuben und rechteckige Kisten, die Judd zu einem „Ensemble“ zusammenfügt, ganz im Gegensatz zu John McCracken, der zwei Säulen mit spiegelnder Oberfläche schuf: Mahnmalen gleichen „Saturn“ und „Galileo“.

Wo sind die Meerschweinchen?

Der in Hildesheim geborene Manfred Pernice stellt dem Besucher seine „Wall-. Wohn- und Wachanlage“ in den Weg, geschaffen aus Wegwerfmaterialien. Es handelt sich um eine Archiskulptur mit halbkreisförmiger Konstruktion. Auf dem Walmdach der Anlage thronen siloähnliche Aufbauten. Eigentlich müssten jetzt nur noch Meerschweinchen durch die Anlage flitzen, dann wäre die Überraschung ob dieser Art von Kunst vollständig. Leiterähnlich ist das Gebilde, das Bruce Nauman entwarf: „Modell für ein Stadium“ lautet der Titel. Außer Tribünen sieht man jedoch nichts. Vom gleichen Künstler stammen auch vier von der Decke schwebende Kopfpaare, die Teil der Flick-Sammlung sind.

Trotz Nähertreten ist nicht genau auszumachen, aus welchen Materialien Lee Bontecou ihr Trichtergebilde zusammengenäht hat, das an einer Wand hängt und unbetitelt geblieben ist. Sind es Leinwände, Pergament oder Leder, die den Stoff für das Reliefwerk bilden? Sind es gar Teile von Autoreifen? Aufgrund der fehlenden Werksbeschreibung bleibt dies für den Betrachter leider eine ungeklärte Frage.

Martin Kippenberger ist aktuell nicht mit seinem gekreuzigten Laubfrosch, sondern mit seinem „Negative Bathtub“ in der Schau präsent, die auch Videokunst vorstellt. Doch wer schaut sich schon Minuten lang andauernde, kreisende Köpfe oder andere Animationen an. Erfreulicherweise ist die Filmarbeit des niederländischen Konzeptkünstlers Ger van Elk wegen der Kürze des Films eine Ausnahme, zudem zeigt der Künstler Sinn für Humor: Zu sehen ist in laufenden Bildern, wie ein Stachelkaktus seine Stacheln verliert – dank einer Friseurhaarschneidemaschine.

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin
Öffnungszeiten
http://www.smb.museum/smb/service/index.php?lang=de&n=3&p=5
Verkehrsverbindungen U-Bahn U6 (Museum für Naturkunde) S-Bahn S3, S5, S7, S75 (Hauptbahnhof) Tram M6, M8, 12 (Museum für Naturkunde) Bus M41, M85, TXL (Hauptbahnhof); 120, 123, 147, 240, 245 (Invalidenpark)

zur Gesamtübersicht Ausstellungen

Twitter
RSS