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Berlin
Hamburger Bahnhof


Ernst Ludwig Kirchner. Hieroglyphen
bis 26.02.2017

Ernst Ludwig Kirchner. Hieroglyphen

Zu sehen sind sämtliche Werke von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Bestand der Nationalgalerie, ergänzt um zeitgenössische Arbeiten von Rosa Barba und Rudolf Stingel. Malerei ist für Ernst Ludwig Kirchner ein Akt der Übersetzung.

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Ernst Ludwig Kirchner: Frauenkirch im Winter, 1918/19 | Öl auf Leinwand, 120 x 121 cm | © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Der Ausstellungsbesuch, das sei gleich vorweggenommen, hinterlässt gemischte Urteile, die insbesondere den „modernen Interventionen“ geschuldet sind. Vor allem der Zugang zur Ausstellung durch einen Raum mit filmischen Aufnahmen aus dem Depot der Neuen Nationalgalerie – Rosa Barba ist dieses Filmwerk geschuldet – befremdet, bedenkt man den Titel der Schau „Ernst Ludwig Kirchner. Hieroglyphen“. Dieser bezieht sich auf das teilweise Skizzenhafte, auf die von Kirchner verwendeten Hieroglyphen, die man als Zeichen zu verstehen hat. Kirchner malte keine realistischen Figuren und Landschaften, sondern überzeichnete diese, wie man es anhand der 17 ausgestellten Arbeiten aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie ersehen kann. Neben diesen Gemälden runden Fotos, Bücher und Zeichnungen die Schau ab. Die zeitgenössischen Positionen, darunter nicht allein die Arbeit von Rosa Barba, sondern auch die Schwarz-Weiß-Gemälde von Rudolf Stingel, die man in die Schau eingebunden hat, erscheinen eher verstörend und störend.

Eine Brücke zwischen den filmischen Verfremdungen bei Barba zu Kirchners „gemalten Zeichen“ zu schlagen, scheint eine Kopfgeburt und nicht nachvollziehbar. Die Begrifflichkeit der Abstraktion des Gesehenen, die für Kirchners Werk zutrifft, auch auf Barba anzuwenden, scheint ebenso wenig eingängig. Dass die Ausstellung auf Kirchners theoretische Artikel unter dem Pseudonym Louis de Marsalle eingeht, ist ein Aspekt im Leben des Brücke-Künstlers, der bisher bei Werkschauen der Brückemaler weniger im Fokus stand, aber wesentlich für das Verständnis der künstlerischen Ausdrucksformen Kirchners ist.

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Ernst Ludwig Kirchner: Selbstporträt mit Mädchen, 1914/15 | Öl auf Leinwand, 60 x 49 cm | © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Das Skizzenhafte und die Zeichen

Was mit dem Skizzenhaften und den Zeichen gemeint ist, wird beim Anblick der Kreidezeichnung „Badende unter überhängenden Baumzweigen“ augenfällig. Mit schnellen Strichen und Schraffuren scheinen die Wolken und auch die Bäume auf das Papier hingeworfen worden zu sein.

In der Gesamtheit der Kirchnerschen Zeichnungen vom Quadratmeter großen Karton bis zur handgroßen Skizze findet sich nicht eine Detailstudie oder Werkzeichnung, wie man sie sonst allgemein unter den Zeichnungen alter und neuer Maler antrifft. Louis de Marsalle

Die Schraffuren der Zeichnungen in ein Ölgemälde übertragend, entstand „Haus unter Bäumen (Fehmarn)“. Das Laub der Bäume schimmert in verschiedenen Grünnuancen. Dabei scheint das Laub der Bäume wie ein großer Fächerwedel. Ein überlängter Schattenmensch hält sich im Vordergrund der Szene auf. Im Hintergrund sieht man das hell getünchte Haus unter Bäumen. Augenscheinlich steht es in direktem Sonnenlicht. Allerdings befremdet die Tatsache, dass die Bäume keine Schatten auf der Fassade hinterlassen.

Badeszenen

Wie ausgeschnittene Anziehpuppen erscheinen die Nacktbadenden in „Badende am Strand“. Sie stehen steif und unbeweglich in der Brandung. Das grünlich gefärbte Meer ist aufgewühlt, was man an der Gischt erkennen kann. Jedes Detail der Badenden fehlt. Sie scheinen eher Typen als Individuen mit Volumen. Schweinchenrosa ist der Teint der Badenden in einem weiteren Gemälde, das auf Fehmarn entstand. Im Hintergrund des Gemäldes dümpelt ein Segler bei Flaute. Die beiden Badenden sind nicht etwa in den Fluten des Meeres verschwunden, sondern stehen in knöcheltiefem Wasser. Die eine der beiden Figuren hat sich vorgebeugt und scheint Wasser zu schöpfen. Die Zweite steht im Wasser und hält den Arm empor, so als wolle sie ihre Morgengymnastik im Meer beginnen.

Faible für Exotik

Betrachtet man den Hintergrund, sprich die Möblierung, des „Sitzenden Akts“, so fühlt man sich angesichts der Dekors an Arbeiten der Fauvisten erinnert. Die Dame, durchaus mit vollen Formen, hat augenscheinlich auf einem roten Sofa Platz genommen, doch die Körperhaltung zum Möbel wirkt nicht passend. Sie scheint eher in einem Schwebesitz zu verharren, als auf einem bequemen Sitzmöbel. Was aber sind die Hieroglyphen, die es bei dieser Arbeit zu entdecken gilt? Das exotische Wanddekor? Doch das erinnert eher an Exponate aus einem ethnologischen Museum mit Kunsthandwerk aus Asien.

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Ernst Ludwig Kirchner: Zwei weibliche Akte in Landschaft, 1921 | Öl auf Leinwand, 120,5 x 90 cm | © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Für derartige Kunst hatte nicht nur Kirchner, sondern auch Pechstein und Schmidt-Rottluff ein Faible. Carl Einsteins Buch „Negerplastik“ galt gar unter den Brückemalern als Offenbarung. Dass sich Kirchner auch selbst mit exotischem Kunsthandwerk und Kunst umgab, zeigen einige Fotos aus dem Atelier des Künstlers, so auch aus dem in der Durlacher Straße in Berlin-Wilmersdorf, wo er nicht nur arbeitete, sondern auch zeitweilig lebte. Auf einer Aufnahme aus dem Atelier in der Berliner Straße in Dresden sieht man Sam, der als Aktmodell posiert, und die tanzende Milly, beide unschwer als Afrikaner auszumachen. Leider verschweigt die Schau, um wen es sich genau handelt und in welchem Verhältnis die beiden zu Kirchner standen. Hintergrundinformationen wären nicht nur hier, sondern auch bei anderen Schwarz-Weiß-Aufnahmen Kirchners wünschenswert gewesen. Ohne diese fehlt die Einbindung in den Kontext der Ausstellung mit der Thematik „Hieroglyphen“!

Auch über die Entstehung der einzigen plastischen Arbeit in der Schau, einer Frauenfigur mit verdrehter Beinhaltung, hätte man gerne mehr in Erfahrung gebracht. In einem Brief Kirchners an Heckel taucht im Übrigen eine gezeichnete, afrikanisch anmutende Skulptur auf. Entstand diese angeregt von der Publikation „Negerplastik“?

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Ernst Ludwig Kirchner: Hieroglyphen | Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin | © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns

Das Großstädtische

Gefangen von der eisernen Brückenkonstruktion, so erscheinen die Passanten, die Kirchner bei seiner Ansicht der Rheinbrücke mit Blick auf den Kölner Dom eingefangen hat. Diese Passanten sind eher Figuren, und Typen als denn individuell ausgeformte Passanten. Die Brücke erscheint beinahe als ein skulpturales Monument, dass die Menschen zu Randfiguren werden lässt. Der wahre „Wahnsinn der Großstadt“, von dem Kirchner ergriffen wurde, fand aber in der Berliner Zeit Kirchners statt. Hier entstand auch dessen Werk vom Belle-Alliance-Platz. Aus jener Zeit datiert zudem eines seiner Kernwerke der Berliner Jahre, das die Kokotten vom Potsdamer Platz zeigt. Auf einer Verkehrsinsel haben zwei Damen des horizontalen Gewerbes Aufstellung genommen. Herausgeputzt sind sie, von Kopf bis Fuß. Ein Blickfang sind die Federhüte der beiden in lange Kleider gehüllten Damen. Sie heben sich in ihrem Chic von den Damen in lachsfarbenen Kleidern ab, die als gewöhnliche „Bordsteinschwalben“ auf ihre Freier warten. Die Freier, schwarzgekleidete Männchen, umkreisen diese Damen und nähern sich zaghaft auch den Edelhuren, die im Fokus des Betrachters stehen. Eine Kokotte mit deren Hündchen, also eine Edelhure, hat Kirchner auch in einer Tuschefederzeichnung festgehalten.

Schweizer Ansichten

Neben einigen Fotografien, die unter anderem den Blick aus Kirchners Haus auf die Melcherne und Stafelstraße zeigt, sieht man das große Gemälde von Rudolf Stingel, das eine typische, ländliche Schweizer Ansicht präsentiert. Leider hat man es in der Schau versäumt, Kirchners Gemälde „Frauenkirch im Winter“ unmittelbar korrespondierend zu hängen. Nur so hätte man den stringenten Vergleich zwischen dem düsteren Werk Stingels mit dem farbenfrohen Winterbild Kirchners, der die Bergwelt in bläulichen und rosafarbenen Schnee getaucht hat, derweil die Häuserdächer in grellem Gelb im winterlichen Sonnenlicht scheinen. Auch hier muss die Frage nach den Hieroglyphen gestellt werden, die man jedoch nicht in einer detaillierten Werkanalyse darlegt. Warum eigentlich nicht?

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Ernst Ludwig Kirchner: Hieroglyphen | Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin | © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns

An bäuerliche, naive Kunst knüpfte Kirchner in seiner Davoser Zeit an, als eine Chaise-Longe-Decke entstand, die mit Hirtenmotiven überzogen ist. Zu den von Kirchner stammenden Katzenmotiven – Kirchner hatte einige Stubentiger als Hausbewohner bei sich – zählt „Wiesenblumen und Katze“, eine überaus dekorreiche und ornamental angelegte Arbeit. Stehen diese Ornamente für das, was Kirchner als Hieroglyphen bezeichnet?

Zum Abschluss präsentiert uns die Schau, die m. E. inhaltlich nicht zu überzeugen weiß, ein kubistisch anmutendes Werk: „Sängerin am Piano“. Ein erklärendes Wort zum Stilwechsel und Motiv sucht man dazu leider vergeblich.

Es ist gerade der Mangel an textlicher Unterfütterung, der dem Besuch der Ausstellung einen schalen Beigeschmack gibt, mal abgesehen von der „filmischen Einstiegssituation“ in die Kirchner-Ausstellung.

© ferdinand dupuis-panther

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin
Öffnungszeiten
http://www.smb.museum/smb/service/index.php?lang=de&n=3&p=5

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