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Berlin
Deutsches Historisches Museum
Ausstellungshalle von I.M. Pei


Deutsche Geschichte vom frühen Mittelalter bis...
laufend
Fotos/Copyrights: DHM

Deutsche Geschichte vom ...

Mehr als 8 000 historische Exponate berichten von Menschen, Ereignissen, Ideen und Abläufen während rund 2 000 Jahren deutscher Vergangenheit, vom 1. Jahrhundert vor Christus bis in die Gegenwart. Angesichts dieses Konvoluts von Exponaten haben wir uns entschlossen, die Dauerausstellungen in einzelnen Zeitabschnitten nach und nach vorzustellen. Dabei soll auch untersucht werden, ob die hoch gesteckten Ziele des Museums erfüllt werden und aufgeworfenen Fragestellungen wie »Deutschland – Wo liegt es?«, »* Die Deutschen – Was hielt sie zusammen?« oder » Wer herrschte, wer gehorchte, wer leistete Widerstand?« schlüssig und ansprechend beantwortet werden. Schließlich soll, so das Konzept, auch den Fragen nachgegangen werden: » Was führt zum Krieg, wie macht man Frieden?« und « Wie verstehen die Deutschen sich selbst?«.


Adlerfibel, westgotisch, 500/600 n.Chr.

Der Gang durch die deutsche Geschichte vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis in die Gegenwart stellt eine Herausforderung dar, der man sich m. E. Schritt für Schritt stellen sollte. Daher soll in diesem Beitrag zunächst nur auf die Zeit bis 1500 eingegangen werden, also auf die Zeit der Kelten und Römer, von Karl dem Großen, der Kreuzzüge, der ständischen Gesellschaftsordnung, in der Kirche und Adel die Geschicke des Alltags bestimmten. Infosäulen nehmen Text- und Kartenmaterial auf und sind als Überblick über die jeweiligen Kapitel gedacht. Zusätzliche Vitrinentexte sind hilfreiche Ergänzungen. Allerdings sind Erläuterungstexte zu den Exponaten teilweise in Bodennähe platziert worden, so dass ein Lesen zumindest Bückhaltung verlangt. Audiovisuelle Medien stehen gleichfalls als Informationsquelle zur Verfügung. Ein eigener Raum ist der medialen Präsentation von historischen Schriften wie dem Sachsenspiegel oder der Bamberger Apokalypse vorbehalten. Saaltexte mit Zitaten aus der Germania von Tacitus beleben beispielsweise die wenig animierend ausgefallene Vitrinenschau. Sinnlich ansprechende Inszenierung wird man beim Besuch des nachstehend dargestellten Geschichtskapitels vermissen. Auffallend sind die zahlreichen Leihgaben wie beispielsweise aus Kalkriese, dem Ort der Varusschlacht. Das wirft die Frage auf, was dann am historischen Ort präsentiert wird, zumal wenn die Fundlage begrenzt ist. Und dies ist bei der Varusschlacht bezüglich spektakulärer Funde der Fall. In diesem Kontext ist die Gesichtsmaske eines römischen Helms zu nennen, die in Berlin als Leihgabe gezeigt wird.

Ausstellungen

Kamerun und Kongo Eine Spurensuche und Phantom Geographie von Andréas Lang
bis 26. Februar 2017

Auf dem Dachboden seiner Mutter entdeckte Andréas Lang ein Tagebuch und historische Aufnahmen seines Urgroßvaters, der von 1909 bis 1914 bei den sogenannten Schutztruppen der deutschen Kolonie Kamerun diente. Diese Fundstücke waren der Beginn einer Spurensuche, die den Fotografen an die Orte der kolonialen Vergangenheit seines Urgroßvaters nach Tschad, Kamerun, in die Zentralafrikanische Republik und ins Grenzgebiet des Kongo führte. Die dabei entstandenen Fotografien und Videoinstallationen setzen sich intensiv mit den Hinterlassenschaften der deutschen Kolonialgeschichte in Afrika auseinander. Andréas Lang forscht in seinen Arbeiten nach längst vergessenen Orten und spürt die Phantome einer kolonialen Geographie auf. Er zeichnet eine Landschaft, die zwischen Realität und Fiktion, zwischen Sehnsucht und Scheitern oszilliert. In seiner künstlerischen Archäologie des Imaginierten sind Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen lebendig. Seine subtilen Kompositionen stellen aktuelles und historisches Material gegeneinander, hinterfragen die verschiedenen Formen der Aneignung und des Verlierens und thematisieren dabei stets auch die Position des eigenen künstlerischen Blicks.

Vielfach sind Vitrinen auch leer geblieben, ohne dass dem Besucher dafür eine Erklärung gegeben wird. Völlig unsinnig erscheint mir die Präsentation von Exponaten in Bodennähe oder Überkopfhöhe, wie dies bei den beiden Regalwänden der Fall ist, die sich mit Kelten und Römern befassen. Bei derartiger Ausstellungsarchitektur fragt man sich, ob die Macher des Deutschen Historischen Museum mit Ignoranz geschlagen sind. Ein Besuch im Westfälischen Archäologiemuseum in Herne oder im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart zeigt, wie man in ansprechender Weise Geschichte vermitteln kann. Zum einen kann dies in Form einer archäologischen Inszenierung geschehen, die den Besucher in die Rolle des Ausgräbers schlüpfen lässt, der durch Grabungsstrecken läuft, zum anderen, indem mit Rauminszenierung auch ein sinnlicher Eindruck von Geschichte ermöglicht wird. Im Haus der Geschichte Baden-Württemberg bewegt man sich beispielsweise auf sprichwörtlich schwankendem Boden, wenn man die Zeit von 1848 durchschreitet. Die Chronik regionaler Industriebetriebe wird dank eines Hochregals mit vertikal verschiebbarem Monitor erlebbar, die die jeweiligen Produkte und die Firmengeschichte vor das Auge des Betrachters rücken.

Der Text der Infosäule zum Zeitraum 100 vor bis 500 nach Christus befasst sich u. a. mit dem Limes – das dieser UNESCO-Weltkulturerbe ist, bleibt unerwähnt – und dem Verhältnis von Germanen und Römern. Außer einer kartografischen Aufbereitung jener Epoche findet man nicht etwa ein Modell des Limes oder gar eine Teilrekonstruktion eines Limesabschnitt. Betrachtet man die Karte der geopolitischen Lage in der Zeit des Römischen Reiches bis zur Absetzung des letzten römischen Kaisers 476 – dessen Name bleibt im Säulentext ungenannt (!) – dann muss man schon Adleraugen haben, will man die am Kopf der Karte platzierte Legende lesen. Und dies geschieht, obgleich am unteren Kartenrand genug Platz für die Legende gewesen wäre. Eingelassen in die erste sich dem Betrachter aufdrängende Infosäule sind einige Münzen, deren Bildprägung man erahnen, aber nicht gut erkennen kann. Sind Lupen und Vergrößerungsgläser zu kostspielig gewesen, um hier wie auch an anderen Vitrinen die gezeigten Münzen für jedermann besser sichtbar zu machen?

Auf einer Zeitleiste erfährt der Besucher die Namen und die Regentschaftszeiten römischer Imperatoren von Octavian bis Romulus Augustus. Doch wozu dient diese Auflistung historischer Personen? Und: Was sagen uns die Daten?

Neben kleineren Exponaten, die man in Vitrinen verbannt hat, kann man im Haus auch größere Exponate wie ein römisches Fußbodenmosaik mit Tierdarstellungen, die in Zopfbänder eingefasst sind, bestaunen. Warum jedoch hat man nicht ein großes Modell einer römischen Villa beschafft, das auch Schnitte durch eine derartige Anlage erlaubt. Nur so wäre nachzuvollziehen, in welchen Räumen Mosaike zur Raumausstattung gehören. Verloren steht man einem Meilenstein aus der Zeit Caracallas gegenüber, der die Länge zur nächsten Provinzstadt markierte. Knochenfunde und die bereits oben genannte Gesichtsmaske aus Kalkreise stehen für die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Germanen und Römern.

Mit authentischen Steinblöcken wurde das Tor von Phoebiana rekonstruiert. Doch das Tor ist in der Ausstellung nicht als Zugang zu einem besonderen Kapitel der germanisch-römischen Geschichte eingesetzt worden. Wenigstens in einer Power-Point-Präsentation kann man sich Informationen über das Thema Kastelle und Römerstädte aneignen.

Links und rechts des aus Trier stammenden, oben genannten Bodenmosaiks wurden verglaste Hochregale aufgebaut. Man findet darin eine Schnellwaage aus Köln, eine Amphore aus Trier, einen Nuppenbecher als typische römische Glasware und eine Handmühle zum Mahlen von Getreide. Mit diesen und anderen Exponaten ist das Thema römische Stadtkultur abgehandelt.

Die Kelten bringt uns das Deutsche Historische Museum u. a. mit der Präsentation eines Tüpfelbechers für die Münzprägung, von Münzen in Kleinstformat und Grabbeigaben aus einem Männergrab aus Manching näher. Schildbuckel, Schwert und Scheide wurde dem Mann für seine Jenseitsreise beigegeben.

Die Vermischung römischer und germanischer Kultur verdeutlicht man im Museum u. a. mittels eines römischen Bronzeeimers, der den Germanen als Trinkgeschirr, aber auch als Graburne diente. Dieser Eimer stammt wie auch Fibeln, Lanzenspitzen und eine Bartschere aus einem Hermunderengrab aus Fichtenberg (Elbe). Der ausgestellte Kupferbuckelschild hingegen wurde in Andernach geborgen.

Nachfolgend befasst sich die Dauerausstellung mit dem Thema Frankenreich. Dabei widmet man sich auch der Christianisierung durch die Missionare Pirmin, Kilian oder Bonifatius. Zentralfigur des Abschnitts ist Karl der Große, dessen Kaiserpfalz in Aachen dank einer CAD-Präsentation in Berlin zu sehen ist.


Albrecht Dürer: Kaiser Karl der Große, Gemälde, 1514

Die Epoche 500 bis 900 ist die Zeit der Ausdehnung Frankens bis nach Italien – man denke an die Einverleibung der Lombardei ebenso wie der Romagna. Aug’ in Aug’ steht man Karl dem Großen gegenüber, nähert man sich dem Standbild dieses Frankenkaisers, das aus der Klosterkirche St. Johannes in Müstair (Schweiz) stammt. Albrecht Dürer schuf ein Idealbild nicht nur dieses Kaisers, sondern auch von Heinrich von Luxemburg, der als Kaiser die Kronjuwelen nach Nürnberg schaffen ließ. Dort erfuhren sie gleichsam wie Reliquien eine besondere Verehrung durch die Untertanen des Kaisers.

Wer in die Alltagskultur des Mittelalters eintauchen will, der sollte die Hörstation nutzen, die der Geschichte der deutschen Sprache gewidmet ist. Verse der Kölner Stadtchronik werden ebenso vorgelesen wie Passagen aus dem Arzneibuch von Ortolf von Baierland. Kein Funke springt über, wenn man vor der Vitrine zum Thema »Haus und Hof« steht und strohgemengten Lehm mit Rundholz, eine Schüsselscherbe und einen Hohlziegel erblickt. Auch der Kugeltopf mit Sieblöchern und eine Bügelschere erscheinen nur als stumme Zeugen der Vergangenheit. Repros eines Gemäldezyklus der vier Jahreszeiten müssen genügen, um anschaulich vom mittelalterlichen Landleben zu erfahren.

Thematisiert wird die Wahl des Königs als oberster weltlicher Herr und die Rolle der kirchlichen Würdenträger in der Gesellschaft. Überaus kurz geraten ist das Kapitel Kreuzzüge, dem man eine schmale Vitrine mit drei Objekten eingeräumt hat. Dass die Kreuzzüge oftmals auch Judenpogrome bedeuteten, wird nur mit einem (!) Satz erwähnt. Unter den ausgestellten Objekten steht das Reliquienkreuz mit der Darstellung des heiligen Stephanus für diesen Zeitabschnitt des Mittelalters. Bedenkt man, dass man sich erst in Oldenburg und dann in Mannheim in einer eigenständigen Ausstellung mit Saladin und den Kreuzfahrern befasst hat, dann ist die in Berlin präsentierte stenografische Erwähnung der Kreuzzüge eine Zumutung für den an Geschichte interessierten Besucher.


Pikenierharnisch, um 1600

Die Welt der Ritter wird nicht nur anhand der Entwicklung des Baus von Burgen, sondern auch medial durch die Präsentation von Burgen zwischen Auersberg und Wimpfen vermittelt. Wie in einem Zeughaus zeigt man Helme, Rüstungen und Waffen. Man staune, ein nachgefertigtes Kettenhemd darf der Besucher auch in die Hand nehmen, um zu begreifen, wie schwer ein solcher Körperschutz war: 10 bis 13 Kilo. Zur Ausrüstung des Ritters gehörte der Schaller, ein »spitzschnabliger« Helm, ebenso wie der Streithammer als Nahkampfwaffe. Zur höfischen Kultur zählten Prunksattel, Armbrust und Olifant aus Elfenbein. Ein Reiter mit Feld- und Rossharnisch ist d e r Blickfang zum Thema Ritter. Doch warum hört man keinen Minnegesang?

Einzige Inszenierung in diesem Abschnitt der Dauerausstellung ist die zum Thema Wohnkultur. Hier hat man einen Raum mit Lavabo, Trippen, Holzschale, Büfettschrank, eiserner Uhr und aufgeschlagener Schedelscher Weltchronik auf einer Rollentruhe ausgestattet. Mit den Themen Buchdruck sowie die Kirche als Lebensform beschließt man die Zeit bis 1500.

Ich vermisse eine deutliche Lenkung der Besucher durch den Parcours zum Beispiel mittels farblicher Absetzung der Einzelthemen oder ein durch Piktogramme nachvollziehbares Wegesystem. Bereits der Beginn der Dauerausstellung scheint mir fragmentarisch, mal abgesehen von der mangelnden sinnlichen Erlebbarkeit. Und die Frage bleibt: Wird sich das aus meiner Sicht mangelhafte Konzept durch alle Epochen hindurch wiederfinden lassen? Die Beantwortung dieser Frage ist der weiteren Berichterstattung überlassen. © fdp / Fotos/Copyrights: DHM

 

RAF – Terroristische Gewalt

Splitter fliegen, die Bombe reißt einen tiefen Krater in die Wand: Die Architektur der Sonderausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg symbolisiert die Gewalt, mit der die Rote Armee Fraktion mehr als zwanzig Jahre lang die Menschen in der Bundesrepublik terrorisierte. Die Anschläge der RAF hatten Tote und Verletzte zur Folge, sie verbreiteten Angst und Schrecken. Wie kam es zu dieser Gewalt? Welche Reaktionen gab es? Und wie fand sie letztlich ein Ende? Das sind die Fragen der ersten großen historischen Ausstellung zur RAF. Der Südwesten war nicht nur einer der Hauptschauplätze der Gewalt, aus Baden-Württemberg stammten auch viele Täter.

Es ist Jahrzehnte her, der deutsche Herbst 1977. Die RAF hat sich längst aufgelöst. Mitglieder der RAF leben unterdessen nicht mehr, so Holger Meins, oder sitzen langjährige Haftstrafen ab. Einige wurde wie Klaus Jünschke vorzeitig aus der Haft entlassen, nachdem dieser 15 Jahr Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Mittäterschaft an dem Mord an einem Polizisten im Kontext eines Banküberfalls abgesessen hatte, andere wie Knut Folkerts sitzen im Hochsicherheitsgefängnis in Celle ein. Immer noch bewegt die RAF diese Republik. Aufgearbeitet ist die Zeit der Anschläge und Attentate auf Industriemanager und Vertreter des Staats nicht. Ausgesöhnt ist der deutsche Staat mit der Vergangenheit auch nicht.

Die Täter, tatsächliche oder vermeintliche, schweigen über die Tatbeteiligungen, obgleich die Nachkommen der Opfer, so der Sohn des Generalbundesanwalts Buback, stets auf die Tatschilderungen dringen, immer wieder dringen, um endlich Frieden mit der Vergangenheit zu finden. Ja, die RAF hat mit ihren bewaffneten Aktionen Wunden aufgerissen, die längst nicht verheilt sind. Insbesondere der Südwesten dieser Republik war von den Aktionen der Roten Armee Fraktion betroffen. So lag es nahe, im Haus der Geschichte eine entsprechende Ausstellung zu inszenieren. Warum dazu der Raum ins Halbdunkel gehüllt und Knallrot ausgeschlagen sein musste, ist eine Frage der Dramaturgie, die nicht unbedingt nüchtern-sachlich erscheint, obgleich Nüchternheit bei der Behandlung des Themas dringend geboten erscheint.

Der verheerende Irrtum war, wir könnten Kritik üben mit Waffen. Klaus Jünschke 1988

Aufgeregtheit begleitete vor Jahren eine Ausstellung in Berlin, die mit künstlerischen Mitteln das Phänomen „RAF“ zu beleuchten versuchte. Eine solche Aufgeregtheit hat bei der jetzigen Ausstellung nicht stattgefunden, auch keine mediale Aufgeregtheit – und das scheint auch angebracht.

Täter und Opfer bekommen in der Ausstellung ein Gesicht. Insbesondere die überlebenden Täter und Protagonisten des bewaffneten Kampfes in der Bundesrepublik werden befragt und äußern sich zu ihren Beweggründen, aber nicht zu den Details der Anschläge.

Hörstationen und „Leseboxen“ dominieren in einer Ausstellung, die im Wesentlichen auf Dokumente wie das Bekennerschreiben zum Anschlag in Heidelberg im Mai 1977 zurückgreifen muss, denn andere Exponate sind eher rar wie ein als Tatwerkzeug benutztes Motorrad, eine Suzuki GS 750, die seit Jahrzehnten private Besitzer hat und nun als stummes Zeugnis eines ungelösten Falls anzusehen ist, oder eine Pistole der RAF aus dem Depot Heusenstamm. Waffen der RAF wurden, so erfährt der Besucher, im Übrigen legal in der Schweiz und Italien erworben.

Die Ausstellung ist thematisch-chronologisch strukturiert. Gewalterfahrungen im Südwesten werden ebenso angesprochen wie das Konzept Stadtguerilla und der Aufruf zur Gewalt. Das Gewaltmonopol des Staates wird gleichfalls zum Thema. Nachdenkenswert ist in diesem Kontext ein Zitat vom ehemaligen Außenminister Klaus Kinkel vom 5. Januar 1992: „Der Staat muss auch dort, wo es angebracht ist, zur Versöhnung bereit sein.“ Bereits zuvor hatten die Angehörigen des ermordeten Diplomaten Gerold von Braunmühl zur Versöhnung aufgerufen.

Gleich zu Beginn richtet der Besucher seinen Blick zur Decke: Schwarze Splitter mit den Namen von Opfern und Daten von Anschlägen hängen von oben in den rot ausgeschlagenen Raum: Das Bombenattentat auf das Springer-Hochhaus in Hamburg ist ebenso vermerkt wie der Mord an einem Polizeiobermeister bei einem Banküberfall in Kaiserslautern. Im Oktober 1971 wurde bei einer Kontrolle der Hamburger Polizeimeister Norbert Schmid erschossen, an den sich wohl kaum jemand noch erinnern wird – und so geht es vielen der weniger bekannten Opfer der RAF. Der Anschlag auf den Bundesrichter Wolfgang Buddenberg im Mai 1972 ist ein weiterer Anschlag, der nicht vollständig aufgeklärt ist. Nur saß bei diesem Anschlag nicht er selbst im Wagen, sondern seine Ehefrau, die durch Bombensplitter verletzt wurde. Trotz der Vernehmung von 120 Personen und einer einer ausgelobten Belohnung gab es keine heiße Spur, wie man einer eingeblendeten Nachrichtensendung entnehmen kann. Die Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm 1975 und der Anschlag auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der auf offener Straße ebenso niedergestreckt wurde wie sein 24jähriger Fahrer, sind gleichfalls Teil der Geschichte der RAF und der „bleiernen Zeit“ in dieser Republik. Zu sehen sind bewegte Bilder vom Tatort des Anschlags auf Siegfried Buback und auch vom Tatmotorrad, das in der sehenswerten Schau nun zu sehen ist. Das „Abendjournal“ des SWR berichtete am 7. April 1977 darüber.

Die Entführung von Hanns Martin Schleyer im September 1977 und der Versuch der Freipressung von inhaftierten RAF-Mitglieder war gewiss ein Ereignis, dass im Gedächtnis dieser Republik haften geblieben ist. Der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann notierte dieses Ereignis in seinem Dienstkalender, den Besucher der Ausstellung wie andere historische Dokumente zu Gesicht bekommen.

Zu sehen ist die Panzerabwehrrakete RPG 7, eine Tatwaffe vom Anschlag auf den Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa Frederick J. Kroesen. Bekannt hat sich zu diesem Anschlag das „Kommando Gudrun Ensslin“. Sie wie auch andere Mitglieder kamen aus dem Südwesten der Republik, waren in streng protestantischen Familien erzogen worden und fanden später den Weg in den Untergrund.

Gewalt oder Gewaltlosigkeit wurde in den 1970er Jahren im Nachgang der Studentenunruhen zu einer entscheidenden Frage. Das Konzept Stadtguerilla – 1971 veröffentlicht – war eine der Antworten. „Von bewaffneter Propaganda werden wir nicht reden, sondern wir werden sie machen.“ Dies ist einer der Kernsätze, die die Gewaltfrage beantwortete. Weiter heißt es schlicht und zugleich platt: „Stadtguerilla ist bewaffneter Kampf ...“.

Die Inhaftierungen von Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in Stammheim und die Debatte über Isolationshaft erhitzte damals in den 1970er Jahren die Gemüter. Der liberale Rechtsstaat zeigte sein hartes Gesicht. Sicherheitsmaßnahmen wurden fast schon exzessiv betrieben. Unwürdig seinen die Zellenunterbringungen lautete der Vorwurf. Der Ausschluss von Anwälten kurz vor Prozessbeginn war Feuer auf die Glut der Kritik an dem Verfahren gegen die RAF-Mitglieder jener Tage. Von Isolationshaft sprach Ulrike Meinhof bei der Verhandlung. Hungerstreiks waren die Antwort der Gefangenen auf ihre Haftbedingungen. Holger Meins überlebte diese Aktion nicht und verstarb in der JVA Wittlich.

Doch der Staat und dessen Rechtsorgane ließen sich nicht erweichen. Nachdem die erste Generation der RAF-Mitglieder hinter Schloss und Riegel saß, suchte man mit Fahndungsplakaten nach weiteren Mitgliedern wie Juliane Plambeck und Christian Klar. Festnahmen erfolgten. Die Wirkung dieser Fahndungen war aber noch eine weitere: Es entstand ein politisch angespanntes Klima. Bärtige und Langhaarige wurden verdächtigt, RAF-Sympathisanten zu sein. Eine Lesung mit Luise Rinser wurde auf Betreiben einer Freien Wählergemeinschaft abgesagt, weil man ihr unterstellte, sie habe RAF-Mitglieder bei sich aufgenommen. Schauspieldirektor Claus Peymann erhielt eine Postkarte mit der Zeile: „Sie sind ein Feind des deutschen Volkes.“

Höhepunkt des deutschen Herbst war die Ermordung von Hanns Martin Schleyer. Doch damit war die Geschichte der Gewalt und der RAF nicht zu Ende. Auch nachfolgend wurde heftig über Gewalt debattiert, auch öffentlich. In der Ausstellung zeigt man zu diesem Themenkomplex ein Streitgespräch zwischen Karola Bloch, die die russische Oktoberrevolution erlebt hatte, und Helmut Gollwitzer, der die politische Gewalt als egoistische Gefühlsbefriedigung geißelte, während Karla Bloch sie unter bestimmten Umständen verteidigte.

Ein besonderes Kapitel ist noch aufzuschlagen: das Abtauchen von RAF-Mitgliedern in der DDR. Hier fanden die, die den Staat und dessen Vertreter bekämpften Unterschlupf, auch dank des MfS, der für neue Identitäten sorgte. Aus Silke Meier wurde Angelika Gerlach, die willig als IM dem System diente, ehe sie 1990 enttarnt wurde. Bereits Jahre zuvor gab es Kontakte zwischen BKA und MfS betreffs der gesuchten Silke Meier, doch ausgeliefert wurde sie nicht. In einem geschlossenen System fand nicht nur Silke Meier Unterschlupf, sondern auch Susanne Albrecht. Man fragt sich im Nachgang, wie dieser „Systemwechsel“ eigentlich vollziehbar war. Interviews zu diesem Komplex, der Deckung der RAF durch das MfS und das Leben in der DDR, fehlen leider in der Ausstellung. Dafür äußern sich die inhaftierten RAF-Mitglieder Karl-Heinz Dellwo, Lutz Taufer und Knut Folkerts 1992 in einem Interview sehr ausführlich zum bewaffneten Kampf, den sie als politisches Konzept längst aufgegeben haben. Taufer bekennt im Interview, dass der bewaffnete Kampf gescheitert ist und eine menschliche Gesellschaft so nicht zu erreichen sei. Man wolle sich jedoch nicht an einem medialen Spektakel beteiligen und schweige daher zu anderen Aspekten der Geschichte der RAF. So bleiben Fragen offen, und es entstehen angesichts des NSU-Terrors neue, insbesondere nach dem Umgang des Staates mit dem braunen Terror. © fdp

Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Telefon: 0049 (0) 30 20 30 4 - 0,
Wechselausstellungen in der Ausstellungshalle von I.M.Pei
Hinter dem Gießhaus 3
10117 Berlin
Öffnungszeiten: täglich 10 -18 Uhr

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