Berlin
Bröhan-Museum
• Malerei der Beliner Secession
laufend außer
bei Sonderausstellungen
Bilder der Secession
Die vielen Nischen und die in einander übergehenden kabinettähnlichen Räume im Obergeschoss ermöglichen es, den Blick auf einzelne Gemälde und Künstler zu fokussieren. Aufgemacht wird mit den Arbeiten Hans Baluscheks (1870-1935), dem ähnlich wie Heinrich Zille, auch wenn nicht mit spitzer Feder, das Schicksal der Arbeiter und kleinen Leute ein Anliegen war. Berlin, das war zur Zeit der Berliner Secession eine Stadt, die nie zur Ruhe kam. Tempo, Tempo lautete das Lebensmotto – und viele wurden Opfer der Schnelllebigkeit. Für Tempo und die Dynamik der neuen Zeit steht der Vormarsch der Eisenbahn, wie ihn Baluschek in »Berliner Landschaft« (um 1900) gesehen hat: Ein dampfender Zug rattert über ein Viadukt. Auf den Gleisen unterhalb der Hochbrücke stößt eine schwarze Lok eine gewaltige Rauchwolke aus; glühende Funken sprühen neben grau-weißem Rauch aus dem Schornstein einer weiteren Lok, die sich langsam in Bewegung zu setzen scheint. Es ist nicht das brodelnde Nachtleben der Stadt, das Baluschek interessierte und malte, sondern der banale Alltag wie in »Vorstadt«: Nach einem Regenguss – die Straßen glänzen noch von dem Wolkennass – kehrt eine Frau bei sich aufklarendem Himmel in ihre Mietskasernenwohnung zurück. Das Licht der Gaslaterne ist noch nicht entzündet; kein Lichtschein ist hinter den Fenstern der Wohnungen zu sehen. Hell erleuchtet sind alle Fenster der Fabrik; der Schornstein raucht, während ein Paar am Rande eines Feldes zu Fuß unterwegs ist. »Heimkehr« nannte Baluschek diese Arbeit, ohne dem Betrachter das Heim des Paares zu zeigen. Oder sind es vielleicht die Hausmeister der Fabrik, die von einem Sonntagsausflug zu Verwandten heimkehren?
Es ist Feierabend: Müde, abgearbeitet, abgestumpft,
schweigend trotten die Eisenbahner vom Betriebsgelände. Aschfahl
sind die Gesichter der Bahnarbeiter. Kindern oder Ehefrauen holen sie
und die Lohntüte ab, damit das mühsam Erarbeitete nicht gleich
in der nächsten Kneipe versoffen wird. In der Kolonne der Eisenbahnarbeiter
ist keiner der mit einem Lachen im Gesicht seine Liebsten begrüßt.
Eher teilnahmslos nehmen die Väter in Kauf, von ihren Kindern untergehakt
und nach Hause begleitet zu werden. Ähnlich wie die sozialkritischen
Realisten Belgiens – man denke nur an Constantin Meunier und dessen
Arbeiten zur Lebenslage der Bergarbeiterfamilien in der Borinage bei Mons
– hat aus meiner Sicht auch Baluschek das Leben der Berliner Arbeiter
durch seine Malerei ins Blickfeld einer bürgerlichen Öffentlichkeit
gerückt. Die Welt der Arbeit, die bereits Adolph von Menzel, gemalt
hatte, erfasste Baluschek außerdem in »Eisenwalzwerk« (1910) und verdeutlichte darin die nahezu sklavische Verbindung von Mensch
und Maschine. Die Maschinenwelt beherrscht den Arbeitsalltag. Modern Times
von Charlie Chaplin war zu Baluscheks Lebzeiten nicht mehr in allzu großer
Ferne.
Während Kirchner in den Berliner Jahren sich ausgiebig mit dem Berliner
Nachtleben rund um den Potsdamer Platz beschäftigt hatte, scheint
dies für Baluschek weniger ein Thema gewesen zu sein. Nur »Tingel
Tangel« verweist auf den Tanz auf dem Vulkan, auf das Vergnügen
in Ballsälen und Bars. Darüber hinaus ist »Rummelplatz«
(1914) eine Arbeit, die sich der vergnüglichen Seite des Lebens widmet
und nicht der Tristesse der Mietskasernen.
Ein Mitglied der Secession der ersten Stunde ist neben Hagemeister auch Walter Leistikow (1865-1908). Als dessen Gemälde »Grunewaldsee« von der Ausstellung des Berliner Salons ausgeschlossen wurde, gründete Leistikow mit anderen Künstlern wie Max Liebermann daraufhin die Berliner Secession. Leistikow war ein heimatverbundener Mensch, der vor allem die märkische Kiefer- und Seenlandschaft in seinen Gemälden verewigte. Dabei sind diese Arbeiten nicht frei von romantischen Anmutungen. Es sind Arbeiten der Stille und Besinnlichkeit, die uns Leistikow hinterlassen, ob nun eine abendliche Hafenansicht mit vertauten Booten im letzten grellen Sonnenlicht, das das Wasser des Hafens gelb verfärbt, oder der von Schirmkiefern umgebene Märkische See. Ins rötliche Abendlicht ist der Grunewaldsee getaucht, ein Gemälde, das auch als »Schlachtensee« betitelt ist.
Zu den wenigen Künstlerinnen der Secession gehörte Maria Slavona, deren Entwicklung durch ihren Parisaufenthalt wesentlich bestimmt wurde. Von ihr werden das Porträt »Lilly mit Hund und blauem Kleid« und ein Stillleben gezeigt. Die Durchsetzung der modernen Berliner Stadtlandschaft in der Kunst ist Lesser Ury zu verdanken, den Lovis Corinth in die Secession holte. Statt einer Berliner Stadtlandschaft ist augenblicklich jedoch nur »Waldesinnere« als einzige Arbeit Urys zu sehen. Hingegen präsentiert man mit Arbeiten von Franz Heckendorf Berlinansichten wie »Blick auf den Belle-Allicance-Platz« (o. J.) Die Nackten und die Schönen sind das Thema von Willy Jaeckel, von dem aber auch Landschaften gezeigt werden. Zu Baluscheks »Tingel Tangel« passt Jaeckels Momentaufnahme aus dem »Romanischen Café«, eine Arbeit, die in Stil und Komposition an die Veristen der 1920er Jahre erinnert.
Die überschaubare Ausstellung gibt einen guten Überblick über die Berliner Secession. Kurze Texte zum Werdegang der einzelnen Secessionsmitglieder sind für den Ausstellungsbesucher hilfreich, auch wenn ausführliche Texte zur Motivwahl, zum Stil und zur Komposition leider fehlen. (c) fdp
BRÖHAN-MUSEUM - Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und
Funktionalismus (1889 – 1939)
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