Berlin
Bröhan-Mmuseum
• Der Maler Hans Baluschek (1870-1935) bis 15. April 2012
• Malerei der Beliner Secession
laufend außer
bei Sonderausstellungen

Hans Baluschek Hier können Familien Kaffee kochen 1895 Mischtechnik auf Pappe 65,5 x 98 cm Bröhan-Museum, Berlin Foto: Martin Adam, Berlin
Wiesengrün ausgeschlagen sind die Räume, in denen der Maler der Berliner Secession mit seinen Arbeiten gezeigt wird. Leider wird der Augenschmaus durch eine mangelnde Lichtregie beim Ausleuchten der Ölgemälde geschmälert. Lichtreflexionen auf den Arbeiten lassen leider bei den großformatigen Werken keinen Gesamteindruck im Auge des Betrachters entstehen. Wohin er auch schreitet und einhält, irgendwo ist auf dem Gemälde eine Reflexion. Das ist sehr zu bedauern, denn das nimmt auch den Arbeiten die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdienen.
Vielleicht könnte man den einst in Berlin-Schöneberg ansässigen Hans Baluschek vielleicht einen Berlin-Chronisten nennen, so wie auch Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Wie kein anderer hat er sich mit den Berliner Arbeitern und mit dem technologischen Wandel in der Stadt beschäftigt. Doch auch das Vergnügen, das Tingeltangel, hat er mit künstlerischen Mitteln in ansehnlichen Gemälden berarbeitet.

Hans Baluschek Berliner Rummelplatz 1914 Öl auf Leinwand 150 x 100 cm Bröhan-Museum, Berlin Foto: Martin Adam, Berlin
Menschen in der Großstadt
Das rote Kleid gerafft, der Blick schmachtend-lasziv – so steht die Tänzerin inmitten einer Männergesellschaft. Doch einer ihrer besonderen Verehrer ist nicht ins Bild gerückt worden. Nur die Hand mit einer Rose, die er der Angebeteten geben möchte, ragt am unteren Rand des Gemäldes in die von Baluschek festgehaltene Szene aus einer Tanzbar. Bei dem Titel „Couleur“ mag der eine oder andere an Farben im klassischen Sinne denke, doch Baluschek hat in dem so bezeichneten Werk einen älteren Burschenschaftler mit Bändchen der Verbindung ins rechte Licht gerückt.
„Montagmorgen“, das ist kein gewöhnlicher Morgen. Es ist Winter und Baluschek entführt den Betrachter in eine eher bescheidene Dachkammer. In dieser sind mehrere Damen zugegen. Die eine scheint ihren Rausch auszuschlafen, auch wenn sie noch eine glühende Zigarette in der Hand hält. Die Zweite, eine Rothaarige, die ihre Bluse abgelegt hat, hat es sich auf einem Kanapee bequem gemacht. Die Flasche mit Rauschstoff steht neben ihr in Griffweite. Die Dritte ist schick gekleidet und scheint aus dem Fenster zu schauen. Sind es „Königinnen der Nacht“, Bardamen oder Tingeltangel-Tänzerinnen, die nach einem aufregenden Wochenende eine Ruhepause einlegen? Zum Vergnügen in der Stadt zählt auch der Besuch des Rummelplatzes mit Karussell und Riesenrad – und auch dies ist ein Sujet von Baluschek.

Hans Baluschek Winterwind 1907 Mischtechnik auf Pappe 66 x 99 cm Bröhan-Museum, Berlin Foto: Martin Adam, Berlin
Eisenbahn
Zum Thema „Großstadtvergnügen“, wenn auch nur das der „kleinen Leute“, passt die Arbeit „Sommerfest in der Laubenkolonie“. Ein Laternenumzug in der Dämmerung wird von einer Blaskapelle begleitet. Der eine oder andere Laubenbesitzer schaut dem Treiben interessiert zu.
Dass die Eisenbahn am Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Gesicht einer Stadt veränderte, hat Baluschek gleich in mehreren Gemälden festgehalten. „An der Schranke“ treffen sie sich, der Herr mit dem Zylinder, der Arbeiter mit dem „Henkelmann“ in der Hand und auch andere, die die Gleise queren möchten. Doch noch gibt die schnaufende Lok den Übergang nicht frei. Am Bahndamm haben sich in einem anderen Gemälde „Vagabunden“ eingefunden. Es ist ein abgerissenes deprimiert wirkendes Paar: Sie hält das Hab und Gut in einem grünen Beutel in der Hand er sitzt an einen Zaun gelehnt am Boden und raucht. Die Schuhe des Vagabunden sind durchgetreten und kaputt. Die Zehnen schauen bereits unter dem Oberleder hervor.
Dass die Technik der Natur nicht immer trotzen kann, zeigt sich auf einer Aquarell-Kohle-Kreide-Arbeit: Ein Zug ist in einer Schneeverwehung gefangen. Es gibt kein vor und kein zurück. Hoffentlich naht Hilfe recht rasch. Schließlich sei zum Thema „Eisenbahn“ noch auf das Gemälde „Die kleine Station“ hingewiesen. Ein Postbeamter wartet mit seiner Postkarre ebenso am Bahnhof wie der Droschkenkutscher. Unter ihrem Schirm sind die beiden Bäuerinnen vor dem Regen geschützt, während ein Mann im Regen auf einer Wartebank Platz genommen hat. Wann, ja wann mag bloß der erwartete Zug eintreffen?

Hans Baluschek Mittag 1894 Tempera auf Karton 65 x 94 cm Stiftung Stadtmuseum Berlin Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin
Fabrik und Arbeit
Nein, Kantinen gab es vor Jahrzehnten nicht. Wer als Fabrikarbeiter schuftete, der musste auf seine Ehefrau oder Kinder vertrauen, die ihm zur Mittagszeit das Essen brachten. Genau so geschieht es in Baluscheks Gemälde „Mittag“ (1894). Töchter der Arbeiter schleppen den Essenkorb, auch die Frauen der Arbeiter mit und ohne Kleinkind im Arm sind mit Essenskörben gen Fabriktor unterwegs. Schaut man auf den Himmel des Gemäldes und die lichten Farben, so muss man vermuten, dass es gerade Frühling ist. Im Hinterhof ist ein Auflauf. Menschen hängen aus den Fenstern, stehen zusammen und tuscheln – und die vom Nachbarhof schauend neugierig über die Hofmauer. Was ist geschehen? Gerüchte gehen um, denn ein „Verbrechen ist geschehen“. Wer war es, wird gerätselt. Jeder ist auf den Beinen, macht sich seine Gedanken und tratscht mit dem Nachbarn. Ähnlich wie Adolph von Menzels Ansichten eines Eisenwalzwerks hat auch Baluschek sein Eisenwalzwerk bei Duisburg szenisch gestaltet. Man spürt förmlich das glühende Eisen, das gewalzt wird, so grell ist die Farbsetzung. Und das Glühen taucht auch die Fabrikhalle in rötlich-gelbes Licht, lässt einige Arbeiter zu Schattenmenschen werden.
Hinzuweisen ist zum Schluss auch auf das grafische Schaffen des Künstlers, das gleichfalls vorgestellt wird. Ob „Peterchens Mondfahrt“ oder Irma Stippekohl, Baluschek hat zwar nicht den Text geschrieben, aber für eine ansprechende Illustration gesorgt. © fdp

Hans Baluschek im Atelier Um 1920 Original Fotoabzug aus der Zeit 13,4 x 8,4 cm Unbezeichnet Bröhan-Museum, Berlin Foto: Bildarchiv Bröhan-Museum, Berlin
Bilder der Secession
Die vielen Nischen und die in einander übergehenden kabinettähnlichen Räume im Obergeschoss ermöglichen es, den Blick auf einzelne Gemälde und Künstler zu fokussieren. Aufgemacht wird mit den Arbeiten Hans Baluscheks (1870-1935), dem ähnlich wie Heinrich Zille, auch wenn nicht mit spitzer Feder, das Schicksal der Arbeiter und kleinen Leute ein Anliegen war. Berlin, das war zur Zeit der Berliner Secession eine Stadt, die nie zur Ruhe kam. Tempo, Tempo lautete das Lebensmotto – und viele wurden Opfer der Schnelllebigkeit. Für Tempo und die Dynamik der neuen Zeit steht der Vormarsch der Eisenbahn, wie ihn Baluschek in »Berliner Landschaft« (um 1900) gesehen hat: Ein dampfender Zug rattert über ein Viadukt. Auf den Gleisen unterhalb der Hochbrücke stößt eine schwarze Lok eine gewaltige Rauchwolke aus; glühende Funken sprühen neben grau-weißem Rauch aus dem Schornstein einer weiteren Lok, die sich langsam in Bewegung zu setzen scheint. Es ist nicht das brodelnde Nachtleben der Stadt, das Baluschek interessierte und malte, sondern der banale Alltag wie in »Vorstadt«: Nach einem Regenguss – die Straßen glänzen noch von dem Wolkennass – kehrt eine Frau bei sich aufklarendem Himmel in ihre Mietskasernenwohnung zurück. Das Licht der Gaslaterne ist noch nicht entzündet; kein Lichtschein ist hinter den Fenstern der Wohnungen zu sehen. Hell erleuchtet sind alle Fenster der Fabrik; der Schornstein raucht, während ein Paar am Rande eines Feldes zu Fuß unterwegs ist. »Heimkehr« nannte Baluschek diese Arbeit, ohne dem Betrachter das Heim des Paares zu zeigen. Oder sind es vielleicht die Hausmeister der Fabrik, die von einem Sonntagsausflug zu Verwandten heimkehren?
Es ist Feierabend: Müde, abgearbeitet, abgestumpft,
schweigend trotten die Eisenbahner vom Betriebsgelände. Aschfahl
sind die Gesichter der Bahnarbeiter. Kindern oder Ehefrauen holen sie
und die Lohntüte ab, damit das mühsam Erarbeitete nicht gleich
in der nächsten Kneipe versoffen wird. In der Kolonne der Eisenbahnarbeiter
ist keiner der mit einem Lachen im Gesicht seine Liebsten begrüßt.
Eher teilnahmslos nehmen die Väter in Kauf, von ihren Kindern untergehakt
und nach Hause begleitet zu werden. Ähnlich wie die sozialkritischen
Realisten Belgiens – man denke nur an Constantin Meunier und dessen
Arbeiten zur Lebenslage der Bergarbeiterfamilien in der Borinage bei Mons
– hat aus meiner Sicht auch Baluschek das Leben der Berliner Arbeiter
durch seine Malerei ins Blickfeld einer bürgerlichen Öffentlichkeit
gerückt. Die Welt der Arbeit, die bereits Adolph von Menzel, gemalt
hatte, erfasste Baluschek außerdem in »Eisenwalzwerk« (1910) und verdeutlichte darin die nahezu sklavische Verbindung von Mensch
und Maschine. Die Maschinenwelt beherrscht den Arbeitsalltag. Modern Times
von Charlie Chaplin war zu Baluscheks Lebzeiten nicht mehr in allzu großer
Ferne.
Während Kirchner in den Berliner Jahren sich ausgiebig mit dem Berliner
Nachtleben rund um den Potsdamer Platz beschäftigt hatte, scheint
dies für Baluschek weniger ein Thema gewesen zu sein. Nur »Tingel
Tangel« verweist auf den Tanz auf dem Vulkan, auf das Vergnügen
in Ballsälen und Bars. Darüber hinaus ist »Rummelplatz«
(1914) eine Arbeit, die sich der vergnüglichen Seite des Lebens widmet
und nicht der Tristesse der Mietskasernen.
Ein Mitglied der Secession der ersten Stunde ist neben Hagemeister auch Walter Leistikow (1865-1908). Als dessen Gemälde »Grunewaldsee« von der Ausstellung des Berliner Salons ausgeschlossen wurde, gründete Leistikow mit anderen Künstlern wie Max Liebermann daraufhin die Berliner Secession. Leistikow war ein heimatverbundener Mensch, der vor allem die märkische Kiefer- und Seenlandschaft in seinen Gemälden verewigte. Dabei sind diese Arbeiten nicht frei von romantischen Anmutungen. Es sind Arbeiten der Stille und Besinnlichkeit, die uns Leistikow hinterlassen, ob nun eine abendliche Hafenansicht mit vertauten Booten im letzten grellen Sonnenlicht, das das Wasser des Hafens gelb verfärbt, oder der von Schirmkiefern umgebene Märkische See. Ins rötliche Abendlicht ist der Grunewaldsee getaucht, ein Gemälde, das auch als »Schlachtensee« betitelt ist.
Zu den wenigen Künstlerinnen der Secession gehörte Maria Slavona, deren Entwicklung durch ihren Parisaufenthalt wesentlich bestimmt wurde. Von ihr werden das Porträt »Lilly mit Hund und blauem Kleid« und ein Stillleben gezeigt. Die Durchsetzung der modernen Berliner Stadtlandschaft in der Kunst ist Lesser Ury zu verdanken, den Lovis Corinth in die Secession holte. Statt einer Berliner Stadtlandschaft ist augenblicklich jedoch nur »Waldesinnere« als einzige Arbeit Urys zu sehen. Hingegen präsentiert man mit Arbeiten von Franz Heckendorf Berlinansichten wie »Blick auf den Belle-Allicance-Platz« (o. J.) Die Nackten und die Schönen sind das Thema von Willy Jaeckel, von dem aber auch Landschaften gezeigt werden. Zu Baluscheks »Tingel Tangel« passt Jaeckels Momentaufnahme aus dem »Romanischen Café«, eine Arbeit, die in Stil und Komposition an die Veristen der 1920er Jahre erinnert.
Die überschaubare Ausstellung gibt einen guten Überblick über die Berliner Secession. Kurze Texte zum Werdegang der einzelnen Secessionsmitglieder sind für den Ausstellungsbesucher hilfreich, auch wenn ausführliche Texte zur Motivwahl, zum Stil und zur Komposition leider fehlen. (c) fdp
BRÖHAN-MUSEUM - Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und
Funktionalismus (1889 – 1939)
Schlossstraße 1a
14059 Berlin (Charlottenburg)
Tel.: 0 30 / 32 69 06 00
info@broehan-museum.de
Öffnungszeiten
Di. - So. 10 - 18 Uhr