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Touren durch Berlin

Tour 5: Rund um den Potsdamer Platz

Hans Scharouns „organisches Erbe“: das Kulturforum

Am Randes des Kulturforums ziehen die beschwingte Zeltdacharchitektur der Philharmonie und die benachbarte Staatsbibliothek mit ihrer sonnenblumengelben Außenhaut die Blicke der Besucher auf sich. Hans Scharoun, der beide Bauten entwarf, wollte mit ihnen das so genannte Kulturforum begrenzen. Es entstand in der Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit, als in West-Berlin nach einem Gegenstück zur Ostberliner Museumsinsel zwischen Lustgarten und Spree gesucht wurde. Wäre Scharoun ein Anhänger Schinkels gewesen, so hätte er eine moderne Adaption der an den antiken Tempelbau angelehnten Museumsbauten wie das Pergamonmuseum, das Alte Museum und die Nationalgalerie gewählt. Doch Scharoun entwarf einen in Gelb strahlenden »Monolith«, dessen beschwingte Dachlinien an sich auftürmende Schollen des Eismeeres erinnern. Eine Besonderheit im Inneren der Philharmonie ist der Bühnenraum. Scharoun schuf keine Guckkastenbühne traditioneller Art, sondern rückte die Bühne in den Mittelpunkt des Geschehens. Die Zuschauer platzierte er rund herum.

Berlin: St. Matthäus-Kirche am Kulturforum Berlin-Tiergarten

St. Matthäus-Kirche am Kulturforum

Das eigentliche Forum besteht aus dem Kunstgewerbemuseum und der Gemäldegalerie, dem Musikinstrumentenmuseum und der aus einem Sockel ragende „transparenten“ Neuen Nationalgalerie.

Von der Kunstkammer zum Museum

Europäisches Kunsthandwerk vom Mittelalter bis zur Gegenwart bekommt der Besucher des Kunstgewerbemuseums zu Gesicht. Wer sich für Design der letzten Jahrzehnte interessiert, wird von den Exponaten im Untergeschoss des Hauses begeistert sein. Zu den Museumsschätzen gehören das aus vergoldetem Kupfer und vergoldeter Bronze bestehende Kuppelreliquiar des Welfenschatzes (um 1175-1180) und der Tragaltar des Eilbertus (um 1150). Eine Ikone des modernen Designs der 1960er Jahre ist das aufblasbare Sitzmöbel „Blow Up“. Filigranes Holzgeflecht in fließenden Rundungen aus Ahornfurnier ließ der Architekt des Dekonstruktivismus Frank O. Gehry zu einem Armlehnstuhl verarbeiten, der so zerbrechlich wirkt, dass man sich kaum traut, Platz zu nehmen. Nebenan verformte Frank Schreiner einen Einkaufswagen zu seinem „Consumer’s rest“. Stapelbares steht neben dem Freischwinger mit Korbgeflecht. Klassisch und schlicht in der Form sind die skandinavischen Entwürfe der 1950er Jahre, darunter solche von Bruno Mathsson (1907-1988). Und wer Bauhausdesign schätzt, kommt mit Arbeiten von Wilhelm Wagenfeld auch auf seine Kosten. Achtung: Wegen umfangreicher Baumaßnahmen ist das Haus zurzeit geschlossen.

Plastik von Alexander Calder vor der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum

Von Tizian bis Vermeer

Die Gemäldegalerie nebenan umfasst Kunst des 13. bis 18. Jahrhunderts. Den Grundstock dieser einmaligen Sammlung legten der Große Kurfürst (1620-1688) und Friedrich der Große (1712-1786) mit ihrem Kunstbesitz. Flämische Meister wie van Eyck und Brueghel, aber auch Raffael, Tizian und Caravaggio sind mit Werken in der Gemäldegalerie vertreten. Rubens mit seinen barocken Figuren und Rembrandt mit seinem Gespür für Licht und Schatten finden ebenso Bewunderer wie Vermeers „Dame mit Perlenhalsband“. Und dies sind nur einige der namhaften Künstler einer Galerie, die über 1400 Arbeiten präsentiert. Die meisten Besucher kommen ins Schwelgen, wenn sie Tintorettos Gemälde des Dogen Alvise Mocengo oder Botticellis heiligen Sebastian sehen. Tizians „Venus mit dem Orgespieler“ gehört ebenso zur Sammlung wie Canalettos Vedutenmalerei des Campo di Rialto. „Kind mit Vogel“ von Peter Paul Rubens, „Der Jungbrunnen“ von Lukas Cranach d. Ä. und Pieter Brueghels d. Ä. „Die Niederländischen Sprichwörter“ sind Highlights der Sammlung.

Dem Museumsbau lag ein Entwurf von Rolf Gutbrod zugrunde, der allerdings die Brillanz von Scharouns Philharmonie und Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie nicht erreicht. Und auch die Überarbeitung von Heinz Hilmar und Christoph Sattler erscheint in ihrem Konzept des Blockrandes recht bieder.

Was klingt denn da?

Im Musikinstrumentenmuseum kann man dank vorhandener Hörstationen mit Musik-CDs eine Reihe von Instrumenten zum Klingen bringen. Zudem wird während einer samstäglichen Führung der Mighty-Wurlitzer-Drehorgel Donnergrollen und Vogelzwitschern, Sirenengeheul und Glockengeläut entlockt. Flöten aus dem Besitz Friedrichs II. sind neben einem Reisecembalo und Kielklavieren ausgestellt. Zu sehen sind außerdem Instrumente des italienischen Barock und der Wiener Klassik. Büchsenfagott, Nähtischklavier und Äolharfe sind einige der kuriosen Instrumente, die im Museum zu finden sind.

Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
'10785 Berlin-Tiergarten
Information Kulturforum Potsdamer Platz: 0 30 / 2 66 29 51
Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 10–18Uhr, Do 10–22 Uhr,Sa /So 11–18 Uhr

Gemäldegalerie
Matthäikirchplatz 4/6
10785 Berlin-Tiergarten
Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr–So 10–18 Uhr, Do bis 22 Uhr

Kunstgewerbemuseum
Herbert-von-Karajan-Str. 10
10785 Berlin-Tiergarten
Information Kulturforum Potsdamer Platz: 0 30 / 2 66 29 51
Öffnungszeiten
Di–Fr 10–18 Uhr, Sa / So 11–18 Uhr

Staatl. Inst. F. Musikforschung/Musikinstrumentenmuseum
Tiergartenstraße 1
10785 Berlin
am Kulturforum
Tel. 0 30 / 25 48 10
Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 9–17 Uhr , Do 9–22 Uhr, Sa / So 10–17 Uhr

Berliner Philharmonie
Herbert-von-Karajan-Str. 1
10785 Berlin
Tel. 0 30 / 25 48 80
Führungen durch die Philharmonie und den Kammermusiksaal: täglich 13 Uhr statt (außer am 24., 25., 26. und 31. Dezember sowie am 1. Januar); Treffpunkt: Künstlereingang der Philharmonie (Pförtner der Philharmonie)

 

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