Reisemagazin schwarzaufweiss

„WIR SCHLENDERN ZU BRECHT SEINEM GRAB“

Berlins historische Friedhöfe

Text und Fotos: Ulrich Traub

Ein junger Mann geht zielstrebig über das wilde Grün. An der letzten Ruhestätte des 1995 verstorbenen Dramatikers und Vollblutrauchers Heiner Müller verweilt er kurz und stellt dann einen Aschenbecher auf das schlichte Grab, dessen einziger Schmuck eine schmale Stahlstele ist. Ein paar Schritte weiter legen zwei alte Damen einen Strauß roter Nelken vor die Büste von Heinrich Mann, an der Stätte, an der seine Urne beigesetzt wurde.

Berlin - Grab von Heinrich Mann

Eher die Regel als die Ausnahme: Nelke an der Stätte, an der Heinrich Manns Urne auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt wurde

Der Dorotheenstädtische Friedhof in der Chauseestraße ist ein Pilgerziel für viele, die den zahlreichen Geistesgrößen und Künstlern, die noch bis in unsere Tage hier begraben werden, die Ehre erweisen möchten. Von den Baumeistern Schinkel und Stüler über die Philosophen Fichte und Hegel, die Komponisten Paul Dessau und Hanns Eisler bis zu Schriftstellern wie Anna Seghers und Arnold Zweig ist auf diesem 1762 angelegten Friedhof mehr Kulturgeschichte versammelt als auf irgendeiner anderen Begräbnisstätte in Deutschland. Kein Wunder, dass auch der große Schauspieler, auf dessen Grabstein sich die Buchstaben des Namens Minetti schnell zu einem Bild aus Erinnerungen zusammensetzen, hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Heitere Melancholie umfängt die Besucher dieser grünen Insel in einem Viertel, in dem noch immer Aufbruchstimmung durch die Straßen lärmt. Wolf Biermanns Aphorismus mag einem in den Sinn kommen: „Wir schlendern zu Brecht seinem Grab/ Dann freu’n wir uns und gehen weiter/Und denken noch beim Küssegeben/Wie nah sind uns manche Tote, doch/Wie tot sind manche, die leben.“ Was das Leben nicht vermochte, schaffte der Tod. Bert Brecht und Helene Weigel, die in zwei getrennten Wohnungen im Mietshaus am Eingang zum Dorotheenstädtischen Friedhof lebten, sind im Grab, auf dem zwei schroffe Findlinge an der Friedhofsmauer lehnen, vereint.

Der Invalidenfriedhof

Aber nicht auf allen Berliner Begräbnisstätten wurde den Toten ein ehrendes Andenken bewahrt. Einige sind zu Schauplätzen der deutschen Teilung degradiert worden: Sie waren beim Bau der Mauer im Weg. Für die Sicherung der Grenze der DDR war immer mehr Platz nötig. Grabstätten wurden ohne Rücksicht auf ihre kulturhistorische Bedeutung zerstört. So kann man sich der schmerzhaften Erkenntnis, dass der Todesstreifen hier seiner Namensgebung im doppelten Sinne gerecht geworden ist, nicht entziehen.

Berlin - Invalidenfriedhof

Sichtbare Vergangenheit: wieder hergerichtete Grabstätte vor Resten der Berliner Mauer auf dem Invalidenfriedhof

Auf dem Invalidenfriedhof in der Scharnhorststraße ist die Geschichte sichtbar. Das 1748 als Militärfriedhof angelegte Gräberfeld wirkt wie eine noch schwärende Wunde. Reste der Mauer sind als Mahnmal auf der Anlage verblieben. Das Maß an Zerstörung soll offensichtlich bleiben. Über 90 Prozent der Gräber wurden demontiert und eingeebnet. Heute wird nur an ausgewählten Stellen nach Fundstücken gegraben oder restauriert.

Weil preußische Militärs hier ihre letzte Ruhestätte fanden, wollten die Nazis die Anlage zum „Heldenfriedhof“ ausbauen. Monumentale Gräber wie das noch existente von General Scharnhorst, für das Schinkel einen Hochsarkophag entwarf, der von einem aus eroberten Kanonen gegossenen Löwen gekrönt wird, leisteten ihren Vorstellungen Vorschub. Der 2. Weltkrieg setzte den Planungen  ein Ende. Das Gras, das inzwischen auch über das Grab des Holocaust-Planers Heydrich gewachsen ist, wird die Vergangenheit jedoch nicht tilgen können.

Gedenktafeln halten die Erinnerung an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 wach, die wie die Opfer der Bombenangriffe in Massengräbern bestattet wurden. Wenige Meter entfernt wird mit einer Dokumentation an das Schicksal des ersten Maueropfers gedacht. Neun Tage nach dem Bau am 13. August 1961 wurde Peter Göring an dieser Stelle erschossen.

Berlin - Versöhnungskapelle

Die Kapelle der Versöhnung wurde 2000 auf dem Mauerstreifen an der Bernauer Straße errichtet. Das Turmkreuz erinnert an den 1985 durch die DDR-Verantwortlichen gesprengten Vorgängerbau. Im Hintegrund liegt der Elisabethfriedhof

Alter Domfriedhof St. Hedwig und Friedhof der Französischen Gemeinde

Ein ähnliches Schicksal war auch der ältesten katholischen Begräbnisstätte Berlins, dem Alten Domfriedhof St. Hedwig, und dem angrenzenden Friedhof der Französischen Gemeinde beschieden. Dass das Gräberfeld noch gelegentlich belegt wird, kann kaum glauben, wer sich durch das verwunschene Idyll zu dem kleinen Fontane-Grab pirscht, das vor der Wende nur mit einer Sondergenehmigung besucht werden konnte. Würden nicht die S-Bahnen vorbeirattern, könnte man vergessen, mitten in Berlin zu sein. Der breite Rasenstreifen hinter dem Eingang an der Liesenstraße ist jedoch ein Indiz für die leidvolle Vergangenheit des Friedhofs: Hier verlief der Todesstreifen. Nur zwei drei Meter hohe Engel aus Marmor und das wieder hergestellte Grab ihres Schöpfers, des Bildhauers Josef Limburg, erinnern stellvertretend an die vielen Toten, über die die Geschichte hinweggegangen ist.

Zentralfriedhof Friedrichsfelde

Berlin hat mit 240 Friedhöfen die meisten aller europäischen Metropolen. Eine zentrale Begräbnisstätte gibt es nur dem Namen nach, den Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Hier, tief im Osten, wo auch Käthe Kollwitz, die ihr Grabrelief selber schuf, ihre letzte Ruhestätte gefunden hat, liegt die 1951 nach ihrer Zerstörung durch die Nazis neu errichtete Gedenkstätte der Sozialisten. Seit‘ an Seit‘ ruhen nun Politbürogrößen neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, deren Bestattung auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain untersagt worden war. In Friedrichsfelde wurde ihnen schließlich eine Parzelle auf dem Armenfriedhof gewährt. Nach herrschender Meinung gehörten die ermordeten Gründer der KPD nicht auf einen Sozialistenfriedhof - noch nicht.

Als die Begräbnisstätte 1881 im weitläufigen Parkstil angelegt wurde, war das ein Novum in der Hauptstadt. Viele der älteren Friedhöfe, deren kleine, intime Flächen hinter hohen Mauern sich in der ungezügelt gewachsenen Stadt nun zwischen Wohnhäusern, Straßen und S-Bahn-Trassen wiederfinden, werden nur noch selten oder gar nicht mehr belegt. Veränderte Bestattungsbedürfnisse sowie die Konkurrenz der Friedhöfe im Umland, die mit geringeren Kosten werben, sind die Gründe. Wo der Verwaltung die Mittel ausgehen, macht sich die Natur breit. Es ist kein Widerspruch, darin einen Garanten für die unvergleichliche Atmosphäre der Gräberfelder auszumachen.

In vielen der protzigen Mausoleen der Industriellen pfeift der Wind durchs Mauerwerk. Manches Gitter der Grabumfriedungen ist rostig. Dahinter gestürzte Grabsteine mit verwitterten Inschriften. Struppiges Grün, das sich unter ausladenden Wipfeln seinen Weg bahnt, kündet vom Vergessen. Wo es beschnitten wird, ist die Erinnerung noch wach.

Man wähnt sich an einem aus der Zeit gefallenen Ort, wenn man durch das Labyrinth der Friedhöfe am Halleschen Tor in Kreuzberg streift. Hier wurde die Romantik zu Grabe getragen: Mendelssohn-Bartholdy, Chamisso, Rahel Varnhagen von Ense nebst Gatten und E.T.A. Hoffmann, dessen Trinkkumpan, der Schauspieler Devrient, vor dem Grab nicht nur einmal „Komm raus, Du“ gefordert haben soll.

Jüdischer Friedhof in Weißensee

Berlin - Jüdischer Friedhof

Das wild wachsende Efeu kann die Erinnerung nicht tilgen: Impression auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee

Was hier noch larmoyante Gedanken an eitles Streben und Vergänglichkeit auslösen mag, wird beim Besuch der riesigen Gräberfelder des jüdischen Friedhof in Weißensee zur bedrückenden Erfahrung von Zeitgeschichte. Hinter der Gedenkstätte für die sechs Millionen jüdischer Opfer der NS-Gewaltherrschaft erstrecken sich auf 40 Hektar Gräber für mehr als 115.000 Tote. Kieselsteine, die als Zeichen der Anteilnahme auf Grabsteine gelegt werden, sind rar. Unbelegte Parzellen in den Familiengruften, herausgerissene Symbole und Buchstaben der Inschriften, die als Antiquität verhökert wurden, Mausoleen, die Verfolgten Unterschlupf boten, Sammelgräber, in denen die aus den Lagern geschickten Urnen bestattet wurden: Eine lautlose Klage klingt durch die unzähligen Gräberreihen, eine Klage, der die Unmöglichkeit des Vergessens eingemeißelt ist. Machtlos das allgegenwärtige Efeu, das die 1880 eingeweihte, einst streng gegliederte Anlage längst in den Zustand partieller Verwilderung versetzt hat.

 

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