Reisemagazin schwarzaufweiss

Böllern fürs Christkind

Wo das Brauchtum seltsame Wege einschlägt: Im Berchtesgadener Land

Text und Fotos: Ulrich Traub

Der ganze Hang ist in milchig-weißen Nebel getaucht und ohrenbetäubender Krach erfüllt die Bergwelt. Rund ein Dutzend Männer in Krachledernen und Tracht ballern in die Luft, als gelte es, eine Invasion Außerirdischer zu verhindern. Dabei geht es den Herren nur darum, dem Christkind den Weg nach Berchtesgaden zu weisen.

Blick auf Berchtesgaden und seinen Hausberg, dem Watzmann

Blick auf Berchtesgaden und seinen Hausberg, dem Watzmann

Die Weihnachtsschützen folgen einer uralten Tradition, dem so genannten Lärmbrauchtum. In der vermeintlich besinnlichen Weihnachtszeit wird im Berchtesgadener Land geballert oder genauer gesagt geböllert. In der Woche vor Heiligabend treffen sich die Schützen täglich um 15 Uhr zum so genannten Christkindanschießen. Schon seit 1666 wird hier Krach gemacht. Der Brauch geht auf den vorchristlichen Glauben zurück, durch Lärm böse Geister vertreiben zu können. 17 Vereine mit über 3.000 Mitgliedern - immer noch eine reine Männergesellschaft - bieten heute Orientierungshilfen für das Christkind. Das gibt es nur rund um Berchtesgaden.

Wolfgang Pfnür ist nicht nur einer dieser Weihnachtsschützen, der junge Mann fertigt auch die Waffen, mit denen geschossen wird. „Das sind Böller“, verbessert der gelernte Metallbauer sofort, „und keine Waffen.“ Der Familienbetrieb liegt vis-à-vis der bekannten Wallfahrtskirche Maria Gern und umgeben von Bergen oberhalb von Berchtesgaden. Pfnür leitet den einzigen Betrieb, in dem der gesamte Böller, Holz- wie Metallteile, gefertigt wird. „Mindestens 20 Stunden sind nötig für einen Handböller“, erklärt er. Das meiste sei reine Handarbeit.

Berchtesgaden - Watzmannmassiv mit der Wallfahrtskirche Maria Gern

Watzmannmassiv mit der Wallfahrtskirche Maria Gern

Doch wer kauft so was? „Wir exportieren in die ganze Welt“, erfährt man erstaunt, „etwa an rheinische Schützenvereine.“ Auch bei Hochzeiten und Todesfällen kommen die Böller zum Einsatz. Schießen darf jedoch nur, wer im Verein ist und sich an die Auflagen hält, etwa einen Ohrschutz trägt. „Deshalb raten wir den Touristen, die uns auf die Alm folgen, lieber einen etwas größeren Abstand einzuhalten,“ erzählt Böllermacher Pfnür, der nun zur Eile drängt: Es geht auf 15 Uhr zu.

Auch wenn die furchteinflößend gewandeten Buttnmandln durch die Orte ziehen, werden sich Freunde der leiseren Töne die Ohren zuhalten. Aber wegschauen gilt nicht, denn wann sieht man schon mal Wesen komplett in Stroh gehüllt. Ach du heiliger Strohsack! Und dann auch noch diese gruselige Visage. Die Kostümmacher des rheinischen Karnevals könnten hier noch was lernen. Den Berchtesgadener Krawallbrüdern geht’s vor allem darum, die Kinder zu erschrecken. Doch der Nikolaus ist immer in der Nähe und weiß sie meist schnell zu besänftigen.

Berchtesgaden - Marktplatz in Berchtesgaden mit Brunnen und Lüftlmalereien

Marktplatz in Berchtesgaden mit Brunnen und Lüftlmalereien

Obwohl die Weihnachtshymne schlechthin, „Stille Nacht, heilige Nacht“, ganz in der Nähe, im Salzburger Land, getextet und komponiert worden ist, schätzt man in Berchtesgaden den Krach. Aber nicht nur. Wer vom Markt mit seinen schmucken Fassaden zum Schlossplatz spaziert, wird überrascht einen mit Holzwaren dekorierten Baum entdecken. Ein Marketing-Gag? Eher ein Symbol, denn die Idee, den Christbaum mit Holzspielzeug zu schmücken, sicherte vor rund hundert Jahren das Überleben der „Berchtesgadener War“, den aus Holz hergestellten Waren.

Bertesgaden - Stefan Grassl mit Weihnachtsdekoration aus Holz

Stefan Grassl mit Weihnachtsdekoration aus Holz

Der Ramsauer Stefan Grassl ist einer der wenigen verbliebenen Handwerker, die noch mit Holz arbeiten. Aus heimischem Bergahorn und Fichte schnitzt er Engel, Glöckchen und Sterne, aber auch Grillenhäusl (zum Grillen fangen) und Hühnerwagerl. Aber was ist denn das? „Ein Arschpfeifenrössl“, antwortet der Schnitzer, so als wär’s das Normalste der Welt. Dann nimmt er das bunte Holzpferd, das statt Schweif eine Flöte ziert, aus dem Regal und trötet ordentlich hinein. Also doch wieder Lärmbrauchtum. „Das ist sozusagen der Hauptdarsteller unseres Weihnachtsschmucks“, erklärt Grassl, der mit Unterstützung weiterer Familienmitglieder auch für die Bemalung seiner Spielsachen zuständig ist.

Berchtesgadener Land - Protagonist der Berchtesgadener Weihnacht: das Arschpfeifenrössl, hier als Fassadenschmuck

Protagonist der Berchtesgadener Weihnacht: das Arschpfeifenrössl, hier als Fassadenschmuck

Das Holzhandwerk war ursprünglich ein Nebenerwerb der Berchtesgadener Bauern. Die beliebten Artikel fanden in ganz Europa Verbreitung. „Mit der Industrialisierung und der Billigkonkurrenz versiegte jedoch diese Quelle“, blickt Friederike Reinbold, die Leiterin des Heimatmuseums, zurück. So wurde die Idee geboren, Holzspielwaren in den Christbaum zu hängen - und das Arschpfeifenrössl erblickte das Licht der Welt. Auf dem Christkindlmarkt ist es in klein und groß allgegenwärtig. Das Museum, das nur wenige Gehminuten vom Schlossplatz entfernt in einem Renaissance-Schlösschen beheimatet ist, bietet einen umfangreichen Überblick über die Berchtesgadener Holzkunst und vermittelt Einblicke in das Brauchtum der Region. „Wir besitzen sogar einen Pferdewagen aus Holz, mit dem Ludwig II. gespielt hat“, freut sich Friederike Reinbold.

Berchtesgaden - Schloss Adelsheim, Heimat der „Berchtesgadener War“

Schloss Adelsheim, Heimat der „Berchtesgadener War“

Wer sich im Museum oder im Laden, der die Produkte der Berchtesgadener Handwerkskunst vertreibt, umschaut, wird unweigerlich an eine längst vergangene Zeit denken: nichts aus Plastik, keine interaktiven Benutzeroberflächen. Gerne wird man hier ein Souvenir auswählen. Wahrscheinlich fällt die Wahl, ja richtig, auf ein Arschpfeifenrössl. Die Verkäuferin räumt aber freimütig ein: „Das alte Handwerk kämpft auch bei uns ums Überleben.“ Die meisten Handwerker seien im fortgeschrittenen Alter und Nachwuchs bliebe aus.

Wer in Sachen Tradition noch Bedarf hat, dem sei verraten, dass in Berchtesgaden auch Franz Stanggassinger sein Handwerk ausübt. Er ist einer der letzten Säcklermeister in Bayern. Die Qualität seiner Lederhosen aus Hirschleder soll sogar Kaiserin Sisi geschätzt haben. Und auch den ersten deutschen Alphornbauer kann man ganz in der Nähe besuchen. In Bischofswiesen stellt Schreiner Alois Biermaier seine Riesentröten her. Mit einem 21 Meter langen Instrument schaffte er es schon bis ins „Buch der Rekorde“. Außerdem findet man die älteste Enzianbrennerei Deutschlands in Berchtesgaden. Seit 1602 wird bei Grassl Hochprozentiges gebrannt. Im Rahmen von kurzweiligen Führungen erklärt der Brennmeister, wie der Geist in die Flasche kommt.

Garantiert ruhig: Blick auf den vereisten Königsee

Berchtesgaden - Garantiert ruhig: Blick auf den vereisten Königsee

Eigentlich werden die Weihnachtswochen in Bayern als die „staade“, die ruhige, Zeit bezeichnet. Von Lärm ist nicht die Rede. Aber die meiste Zeit ist es auch wirklich ruhig im Berchtesgadener Land - versprochen. Wie wär’s mit einer Fahrt über den Königsee hinüber nach St. Bartholomä, wo an den Wochenenden Ludwig Thomas „Heilige Nacht“ gelesen wird. Oder einer Wanderung über den sonnenbeschienenen Soleleitungsweg, auf dem früher die Sole zu Tal befördert wurde. Oder einem Besuch im Königlichen Schloss in Berchtesgaden, immer noch ein Wohnsitz der Wittelsbacher. Aber hört man da nicht dumpfes Böllern, während man in der Sammlung mittelalterlicher Plastiken und Gemälde über Werke von Tilman Riemenschneider und Veit Stoß staunt?

 

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