Reisemagazin schwarzaufweiss

Ballonfahren in Deutschland

Vom Winde verweht

Text und Fotos: Robert B. Fishman

Minden / Kirchlengern. Nein, Angst hat keiner der drei sportlich - schicken Herren, alle um die 50 und sichtbar arriviert im Leben, das sie sich jetzt mal von oben ansehen werden. Nur mir zittern die Knie und die einzige Frau an Bord hat "auch ein etwas mulmiges Gefühl", als sie in das Passagierfach des 1,50 mal drei Meter kleinen Körbchen klettert.

Vorbereitungen

Vor jeder Ballonfahrt gibt es erst einmal einiges zu tun, wie auch danach

Der Pilot zieht gelassen an einem unscheinbaren Hebel über seinem Kopf und schon schießt eine zwei Meter hohe, 1600 Grad heiße Stichflamme gewaltig fauchend in die acht Stockwerke hohe grüne Hülle, die den Blick auf unser Ziel verstellt: den Himmel. Sanft hebt uns der Ballon vom Boden. Korb, Ballon, Ausrüstung und Passagiere wiegen zusammen fast 1.000 Kilo.

Pilot mit Brenner

Der Pilot Michael Gärtner am Brenner

Erst als wir über die Kronen der mehr als ein Jahrhundert alten Eichen am Rande des Startplatzes gleiten, weicht die Anspannung aus den Gesichtern der Mitfahrer. Sie stehen schweigend und staunend eng aneinander im 80 mal 120 Zentimeter kleinen Passagierfach, der wie ein Besteckkasten aufgeteilt ist.

"Völlig losgelöst von der Erde, wie in einer anderen Welt. Absolut ruhig, fern von den Sorgen, die die Leute da unten haben" bricht die Begeisterung aus einem der Mitreisenden heraus.

Bollon über Siedlung

"Die Richtung bestimmt der Wind", erklärt Pilot Michael Gärtner und zeigt nach Südwesten, wo 400 Meter unter unseren Füßen das Kaiser-Wilhelm-Denkmal den Durchbruch der Weser durch die "Porta Westfalica" markiert. Steuern lässt sich der Ballon nur nach oben und unten, indem man den Brenner öffnet und schließt. Je nach Höhe weht der Wind aus unterschiedlichen Richtungen. "Das muss man ausprobieren", erklärt der 27jährige Steuermann. Über Funk gibt er seinem Kollegen im von den Ballonfahrern so genannten Verfolgerfahrzeug die Flugdaten durch und macht ein paar lockere Sprüche.

Ballon über Porta Westfalica

Über der "Porta Westfalica"

Michael Gärtner fährt seit sechs Jahren Passagiere mit den Ballons seiner Eltern, die sich 1993 im westfälischen Kirchlengern mit einem Ballonunternehmen selbstständig gemacht haben.

"Eigentlich überlegten wir, ob wir uns ein Motorboot kaufen", erinnert sich Michaels Vater Karl-Ludwig Coors an die Geschäftsidee, die das Leben der Familie verändern sollte. "Wir saßen in einem Elton-John Konzert und über uns schwebte ein Heißluftballon. Das war am Freitag und am Montag war ich beim Fliegerarzt." Der bescheinigte dem damals 37jährigen Industrietischler die Flugtauglichkeit. So hatte Coors die erste Hürde zur Gründung eines "Unternehmens zur Beförderung von Passagieren mit Heißluftballonen" genommen.

Inzwischen betreiben Coors und seine Frau Anita Gärtner als "Ballonteam Kirchlengern" neun Passagier-Ballone und die Ballontec GmbH. Dieser zugelassene luftfahrttechnische Betrieb untersucht als eine von nur neun deutschen Fachwerkstätten jedes Jahr Heißluftballone auf ihre Flugtauglichkeit. "Das ist sozusagen der TÜV für Luftfahrtgeräte", erklärt Coors, der die beiden Unternehmen und die Handelsvertretung des spanischen Ballonherstellers Ultramagic zusammen mit Anita Gärtner "in der Freizeit aufgebaut hat".

1997 hat er seine Stelle in der Möbelindustrie und sie ihren sicheren Job beim Finanzamt aufgegeben, um "mindestens 70 Stunden die Woche", in der eigenen Firma zu arbeiten. Jetzt kann es Anita Gärtner kaum erwarten, ihr neuestes Projekt vorzustellen: Eine bundesweite Supermarktkette hat bei Ballontec zwölf Werbeballone bestellt, die über ganz Deutschland verteilt Reklame fahren werden. Entscheidend für den Auftrag im Wert von rund 750.000 Euro war, dass "wir denen ein komplettes Konzept und alle Leistungen aus einer Hand angeboten haben".

Ballontec-Partner in ganz Deutschland werden die Werbeballons fahren und die Einsätze dokumentieren. In den Verträgen ist festgelegt, wie viele Stunden die Reklamekugeln in der Luft sein müssen. Dafür verdienen die Balloner an den Passagieren und dürfen kostenlos in den Filialen des Auftraggebers werben.

Nur durch die Vernetzung von Handel, Werkstatt, Passagierbetrieb und luftfahrttechnischen Untersuchungen können Anita Gärtner und Karl-Ludwig Coors gut von ihrer Arbeit leben. "Viele starten ihre Firma mit einem kleinen Passagierballon und verschwinden bald wieder vom Markt", weiß Coors. Die Kosten sind für kleine Unternehmer zu hoch und der Wettbewerb zu hart.

Ein einfacher Ballon für fünf Fahrgäste kostet mindestens 60.000 Euro. Dazu kommen die laufenden Ausgaben für Versicherungen, Reparaturen, Büro, Werbung, ein großes geländegängiges Begleitfahrzeug, Büro, Angestellte, Pilotenausbildung, diverse Lizenzen, jährliche technische Überprüfungen und das Gas. Die 3000 Kilowatt starken Brenner verbrauchen pro Stunde rund 200 Liter Propan a ca. 40 Cent. Durch die Hitze im Inneren sind die Ballonhüllen nach 500 Betriebsstunden, also etwa fünf bis sieben Jahren, nicht mehr zu gebrauchen.

größerer Ballon

Ballon mit größerer Gondel

Befeuerung

Befeuerung mit Brenner

So warnt auch Jean-Marc Culas, Geschäftsführer von Ballooning 2000 in Baden-Baden immer wieder junge Leute davor, ein Ballonunternehmen zu gründen. "Es gibt schon zu viele, die sich gegenseitig kaputtmachen", meint der Franzose, der seit 20 Jahren einen der größten Anbieter Deutschlands leitet. Wenn sie von 175 Euro, die ein Passagier für eine Ballonfahrt bezahlt, die Kosten abziehen, bleibt nichts übrig", rechnet Culas vor.

Deshalb verlange sein Unternehmen für eine Ballonfahrt 250 Euro, biete aber auch mehr Service als die Konkurrenz: höchstens vier Fahrgäste in einem Korb und ein Buffet mit Champagner nach der Landung.

Rentabel wird das Geschäft erst, wenn man über Jahre mit großen, festen Werbekunden zusammenarbeitet und viele Ballone im Einsatz hat. Die Zukunft liegt für Culas ebenfalls in der Luft: Der frisch in Deutschland zugelassenen, rund neun Millionen Mark teure Zeppelin NT werde als Werbeträger für Großkonzerne den Ballonen Konkurrenz machen. "Zeppeline sind größer, lenkbar und unabhängig vom Wind", nennt der Fachmann die Vorteile.

Die Ballone blieben dennoch wichtige Werbeträger. Mehr als eine Million Menschen hätten die Nummer angerufen, die Nestlé auf einen Werbeballon für Nescafé hatte drucken lassen. Der Konzern hatte die Fahrt der großen Kugel mit einer PR-Aktion am Boden gekoppelt und unter anderem alle Nescafégläser mit einem Bild des Ballons bedrucken lassen.

Vor allem große Markenartikler aus der Bekleidungs- und Autoindustrie sowie Lebensmittelkonzerne nutzten die Ballone als Blickfang für ihre Werbung. Hinzu kommen große Unternehmen, die Ballonfahrten zum Beispiel in der Sahara als Motivationsgeschenke für ihre Manager oder für große Produktpräsentationen einsetzten.

Ballone als Werbeträger

Ballone als großflächige Werbeträger

Deutschlands größter Sponsor des Warmluftsports, die Brauerei Warsteiner, verspricht sich von der Präsenz im Himmel vor allem "Imagegewinn". Hauptgrund für das Warsteiner-Engagement ist die Begeisterung des Firmeninhabers Albert Cremer für die Ballonfahrerei.

Obwohl das Unternehmen die Ballons als "besonders effektives PR-Instrument" sieht, sponsort auch Warsteiner aus seinem Etat von jährlich 20 Millionen Euro vor allem andere Sportereignisse wie die Formel 1 und große Schirennen. Darüber schwebt dann meist einer der 70 Warsteiner-Ballone.

Unter dem Logo der Mindener Barre Bräu, bereiten wir uns derweil auf die Landung vor. Immer wieder zerreißt das Fauchen der Brenner-Flamme über unseren Köpfen die Stille im Himmel. Weit unter uns rauscht ganz leise die Autobahn, ab und zu hört man ein Kind rufen oder das Bellen eines Hundes.

Im Korb ist es heiß. 29 Grad misst Pilot Michael Gärtner am Gestänge, das den Korb über Stahlseile mit der Ballonhülle verbindet. Mit zwölf Stundenkilometern, die mir wie 50 vorkommen, schweben wir knapp über die Baumkronen auf eine Wiese zu.

Ballon

Ein stabiles Metall-Gestänge und zahlreiche Stahlseile verbinden den Korb mit der Hülle

Der Ballonführer gibt Anweisungen für die Landung: Kameras wegpacken, mit beiden Händen an den Schlaufen im Korb festhalten und in die Knie gehen". Wenn es am Boden windig ist, kann der Korb bei der Landung umkippen. "Im Normalfall werden wir so ein bißchen hoppeln. Und dann steigt mir vor allen Dingen keiner aus, bevor ich es sage, denn sonst hebe ich ohne euch wieder ab und das ist kein so schönes Erlebnis", mahnt der Pilot.

Die Wiese am Rande eines kleinen Waldstücks kommt näher. Der Korb berührt die Spitzen der Grashalme, setzt auf, wird wieder vom Boden gerissen, setzt wieder auf. Es ruckelt wie beim Autoscooterfahren auf der Kirmes. Eine weiche Landung. Es ist fast windstill. Der Korb bleibt stehen und neigt sich nur wenig zur Seite. Der leichte Wind hat in die Ballonhülle über unseren Köpfen schon eine große Delle gedrückt. Damit die Hülle nicht über unseren Köpfen zusammenfällt, heizt Michael Gärtner nach. Nicht zu viel. Der Ballon soll ja nicht wieder abheben.

Wir steigen aus, einer nach dem anderen und wer draußen ist, muss den Korb festhalten. Nach einer langen Stunde, die doch schnell vergangen ist, spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Schade.

Kob

Alles andere als leicht so ein Korb, hier allerdings ein größeres Exemplar ohne Ballonhülle bei Vorbereitungen

"Verfolger" Detlef hat den gelandeten Ballon schnell gefunden. Vorsichtig fährt er den Nissan Patrol Diesel, einen schweren Geländewagen mit Anhänger, auf den Acker und legt fünf Fußmatten in einer Reihe aus.

"So, da ihr nun dieses wundervolle Spektakel so überaus tapfer und auch noch lebend überstanden habt, was nicht immer so sein muss, wollen wir das Ganze natürlich auch gebührend feiern, und zwar machen wir das getreu der alten Tradition von 1783", kündigt Michael Gärtner mit einer Flasche Sekt in der Hand die Abschlusszeremonie einer jeden Ballonfahrt an.

Wir sprechen Satz für Satz das Gebet der Ballonfahrer nach ...

"Ehre dem, der alles geschaffen hat,
er schuf als schönste Teil der Welt,
den Ballöner und das weite Himmelszelt.
Er hat das Feuer uns gegeben,
mit dessen Kraft wir uns erheben
und über Berg und Täler schweben"

... und knien nieder. "Wir erheben euch in den Adelsstand mit der Ballöner Taufe, und zwar taufen wir nach alter und überlieferter Sitte mit Erde, weil wir von der Erde aufsteigen und wieder gerne auf ihr landen wollen, mit Feuer, weil uns das Feuer in die Höhe bringt und mit Sekt, weil man mit Sekt wunderbar löschen kann", verkündet unser Pilot und versucht dabei, seiner Stimme einen möglichst feierlichen Klang zu geben.

Weisungsgemäß senke ich als letzter in der Reihe meinen Kopf, auf den Michael ein Grasbüschel legt, mir die Haare ansengt und schließlich den klebrigen Sekt darüber gießt. Dazu höre ich: "Ich taufe dich mit Erde, mit Feuer und mit Sekt auf den Namen Wolkenreiter Robert, von Minden in den Frühlingsabend fahrend, in der Erwartung interessante Bilder zu machen", einst als schlichtes Erdferkel (so heißen alle Nicht-Ballonfahrer).

Kleine Geschichte und Sittenkunde der Ballonfahrer:

1783 stiegen die Gebrüder Montgolfier erstmals mit einem aus Papier gebastelten Heißluftballon unter dem Gegröle von Tausenden von Zuschauern in den Himmel auf. Die Adeligen in Paris wollten es der Legende zufolge nicht auf sich sitzen lassen, dass zwei bürgerliche Papierfabrikanten die Luftfahrt erfunden hatten und das Geheimnis dahinter für sich behielten. So kamen sie auf die Idee, die Ballonfahrer adlig zu sprechen, um mit Ihnen unter Gleichen zu verhandeln. Deshalb werden die Passagiere nach Landung noch heute adelig gesprochen.

Dann "schenkt" der Pilot seinen Gästen die gefahrene Strecke: "So, das waren immerhin 17 Kilometer", rechnet Michael Gärtner vor. "Es war natürlich nur ein schmaler Streifen, der Korb ist nur 1.80 Meter breit und hier unten ist das auch alles schon vergeben. Darum gilt das Geschenk erst ab einer Höhe von 100 Metern über dem Boden, dafür aber bis in die Unendlichkeit des Himmels."

Ein derartig wertvolles Geschenk ist natürlich mit einigen Auflagen verbunden: "Als erstes dürft ihr nie wieder vom Ballonfliegen reden. Ihr habt gesehen, so ein Ding hat überhaupt keine Flügel. Es ist leichter als Luft, ein sogenannter Aerostat, ein Ballon fährt.

Ballon über Weser

Sollte irgend jemand von euch das mal nicht auf die Reihe kriegen, ist das nicht weiter schlimm, kostet nur sofort 2 Runden. Als zweites müsst ihr natürlich euren Adelstitel auswendig lernen. Wenn ich euch irgendwo wiedertreffe oder vor lauter Langeweile nachts um Drei anrufe, muss er wie aus der Pistole geschossen kommen. Klappt das nicht, könnt ihr euch denken, sind 2 Runden fällig. Drittens: Wenn ihr irgendwo einen Ballon landen seht, müsst ihr sofort zu Hilfe eilen.

Ihr müsst als erstes den Piloten mit Getränken versorgen, als zweites könnt ihr dann mal sehen, dass das Gerät verpackt wird und dann könnt ihr zu guter Letzt vielleicht noch gucken, ob irgendwo verletzte Gäste rumliegen, um die man sich kümmern muss.

"Herzlichen Glückwunsch. So, zum Wohle, auf die frischgebackenen Ballöner."

 

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