Reisemagazin schwarzaufweiss

Urlaub auf Amrum

Inselschönheit in der Nordsee

Text und Fotos: Hilke Maunder

Wie ein dickbäuchiger Halbmond liegt sie im Wattenmeer: Amrum, die waldreichste und für viele ursprünglichste Insel der deutschen Nordsee. Im Westen brandet die Nordsee an den mehr als zehn Quadratkilometer großen Kniepsand. Hinter ihm türmen sich großartige Dünenlandschaften auf, die in der Inselmitte auf dunkle Wald- und Heideflächen stoßen, in Wiesen und Weiden übergehen und an das Wattenmeer grenzen, das im Wechsel der Gezeiten ein immer neues Gesicht zeigt. Ursprünglich wie die Natur ringsum sind auch Amrums Dörfer, Reet gedeckte Kleinode, der Zeit entrückt.

Amrum - Strand

Gewiefte Strandräuber

22 km – oder 90 Fährminuten – trennen das 30 qkm große Eiland vom Festland. Unzählige Sandbänke machen die Seefahrt hier zu einem heiklen Unterfangen. 1875 wurde daher bei Süddorf der mit 64 m höchste Leuchtturm der deutschen Nordseeküste errichtet – sehr zum Leidwesen der Insulaner. Sie hatten von den Schiffsunglücken vor ihrer Küste Jahrhunderte lang sehr einträglich gelebt. Beim „Strandlaufen“ bargen sie die angeschwemmten Fundstücke und brachten es vor den Strandvögten „in Sicherheit“, die als staatliche Verwalter das Strandgut für den weit von Amrum entfernten Staat sichern sollten. Die hohe Zahl der Strandungsfälle vor Amrum – mehr als 400 Schiffsunglücke sind bekannt – liegt jedoch nicht nur an der Küste, sondern auch an der Tücke der Insulaner. Mit falschen Leuchtfeuern lenkten sie die Schiffe in den weiten, der Insel vorgelagerten Kniepsand. Um das Schicksal der Schiffbrüchigen kümmerten die Insulaner erst ab 1865, als die ersten Amrumer Seenotrettungsboote zum Einsatz kamen. Dennoch blieb das Meer ein gefährlicher Arbeitsplatz.

Sprechende Grabsteine

Amrum - die sprechenden Grabsteine in Nebel

Jeder vierte Amrumer war als Seefahrer auf holländischen oder englischen Schiffen vor Grönland beim Walfang oder Robbenschlag dabei – viele kehrten nie mehr zurück. Die Geschichte ihrer sagenhaften Beutezüge bis hinauf ins Polarmeer erzählen „sprechende Grabsteine“. Allein 90 von ihnen stehen auf dem Friedhof der St. Clemens-Kirche in Nebel. Ein Turban schmückt den Stein von Hark Olufs (1708 – 1754). Als 15jähriger Matrose war er von Piraten bei den Scilly Islands entführt und in Algier als Sklave verkauft worden. Bei seinem neuen Herrn, einem Bey (Herrscher) im algerischen Constantine, machte er eine ungewöhnliche Karriere und stieg bis zum Schatzmeister und Kommandeur der Leibgarde auf. Als er 1735 als reicher Mann in seine Heimat zurückkehrte, wollte der dänische König Olufs abwerben – doch jener lehnte das Angebot ab. Stattdessen nahm er das Amt des Strandvogts an, ließ sich in osmanischer Kleidung in der Kirche von Nebel konfirmieren, heiratete Antje Harken und hatte mit ihr fünf Kinder. Er starb an einem Blutsturz – bevor er den Kindern mitteilen konnte, wo er seine sagenhaften Schätze versteckt hatte. Eine alte Amrumer Sage erzählt, dass daher sein Geist jede Nacht auf der Anhöhe, die zwischen Nebel und seinem Heimatort Süddorf liegt, umher gewandert sei – bis ein Einheimscher seinen ganzen Mut zusammen genommen und mit dem Geist Olufs gesprochen habe. Olufs erzählte dem Mann, was ihn bedrückte und bat den Mutigen, seiner Familie das Versteck mitzuteilen – sein Erbe sei unter der Türschwelle seines Hauses in Süddorf vergraben. Olufs Nachfahren begannen dort zu graben – und fanden tatsächlich eine große Menge Geld dort. Von diesem Tag an wurde auch Olufs Geist nicht mehr gesehen. Er hatte seine Ruhe gefunden.

Unerkannte Prominenz

Amrum - Reet gedeckte Häuser in Nebel

Reet gedeckte Friesenhäuser in Nebel

So wie Olufs errichteten auch die Kapitäne, die im Goldenen Zeitalter des Walfangs zu Wohlstand gekommen waren, ihre staatlichen Friesenhäuser im „neuen Dorf“ Nebel, so die Übersetzung des altdänischen Ortsnamen, ihre staatlichen Friesenhäuser. Weiß getüncht und Reet gedeckt, machen sie Nebel heute zum schönsten Ort der Insel. Stockrosen blühen in den Vorgärten, Sprossenfenster und bunt bemalte Haustüren strahlen Gemütlichkeit aus. Die ältesten Friesenhäuser haben sehr niedrige, nach Norden ausgerichtete Türen. Ihre ungewöhnliche Bauart erklärt eine echte Friesensage: Sie wurde „zu König Gottfrieds Zeiten gebaut". Der dänische Erobert hatte 795 n. Chr. die Friesen besiegt und seinen Bruder Siegfried als Herrscher über die Insel eingesetzt. Dieser zwang die halsstarrigen Amrumer buchstäblich unters Türjoch. Wann immer sie aus dem Haus kamen, sollten sie sich gezwungener Maßen verbeugen – in Richtung seines Herrschersitzes im Norden. Die Amrumer revanchierten sich auf ihre Weise: Sie verließen ihr fortan nur noch rückwärts – mit dem Hintern voran. An der Südseite brachten sie jedoch hohe „Ebbertüren“ an – sie wurden geöffnet, wenn Freudenfeste gefeiert wurden. Heute zählen die urigen, alten Friesenhäuser zu den begehrtesten Domizilen der Insel. Ende des 18. Jahrhunderts wurden sie das erste Mal gezählt und durchnummeriert. Mit Nr. 14 hat sich Peer Schmidt, die deutsche Stimme von Jean-Paul Belmondo, einen Traum erfüllt, wenig weiter hat die Sängerin Katja Ebstein 1978 ihr Domizil – in einem neuen Friesenhaus nach alten Vorlagen. Wenig weiter steht das Ferienhaus von Jörg Pilawa, mitten auf dem Strand die „Villa Kunterbunt“ des Berliner Künstler Otfried Schwarz (62), besser bekannt als „Panscho“. Als seine vorherige Treibholz-Installationen Opfer eines Orkans wurde, kaufte kurzerhand das Altonaer Museum aus Hamburg das Objekt – und zeigt das Ausstellungsstück seitdem in seinem Innenhof. Doch während die Prominenz auf Sylt eine solche Auszeichnung zum Anlass einer Party nähme, fehlt auf Amrum jeglicher Schicki-Micki. Wer hierher fährt, will nicht gesehen werden, sondern unerkannt entspannen. In aller Ruhe. Selbst zu Silvester geht es hier still zu: Amrum feiert den Jahreswechsel ohne Böller.

Pastoren gründen ein Nordseebad

Da Amrum bis 1864 zum Dänischen Reich gehörte, entwickelte sich hier auch später als auf den anderen Inseln der Tourismus. Und unter anderen Vorzeichen: Als in den 1880er Jahren auf Amrum die ersten Vorschläge für die Anlage von Seebädern kursierten, sich die Spekulanten auf der Insel tummelten, und die Gemeindevertretung Hektar um Hektar Dünengelände an gute Herrschaften wie den Werftbesitzer Howaldt verkaufte, wandte sich der damalige Inselpastor Wilhelm Tamsen an den Landesverein für Innere Mission und bat um Unterstützung, den drohenden Verfall der Sitten durch die Einrichtung eines christlichen Seehospizes für wirklich Erholungsbedürftige aufzuhalten. Sein Brief erreichte Friedrich von Bodelschwingh, der 1888 nach Amrum reist und noch sah, wie in Norddorf die Nordseebrandung ungehindert an die Küste schlug – erst 50 Jahre später legte sich der Kniepsand auf seiner Nordwanderung auch vor den Norddorfer Strand. 1890 eröffnete Bodelschwingh sein Seehospiz I, drei Jahre später am Dünenrand sein Seehospiz II, 1896 sein Seehospiz III; 1905 das vierte und letzte Seehospiz. Doch auch in Norddorf blieb vom sündhaften Treiben nicht verschont: Bereits 1892 erbaute Hüttmann dort ein Hotel mit Theke und Tanzsaal – welch ein Affront für die Erholungssuchenden, die bis heute hier Badegäste – und nicht Touristen – heißen.

Amrum - Strand bei Norddorf

Strand bei Norddorf

Ganz anders verlief die Entwicklung in Wittdün. Der jüngste Inselort ist seit 1889 buchstäblich aus dem weißen Sand entwachsen. „Weiße Düne“ hieß daher auch das erste Hotel, dass der Amrumer Kapitän Volkert Martin Quedens an der bis dahin noch unbebauten Südostspitze der Insel errichtete. Auf der Strandpromenade „lustwandelten“ Damen in rüschigen Kleidern und Hüten mit riesigen Rändern - damit kein Sonnenstrahl das zarte Antlitz bräunte -, während die Herren unablässig die „Prinz-Heinrich-Mütze“ zückten, um höherrangige Militärs vorschriftsmäßig zu grüßen. Villen und Logierhäuser entstanden, eine Strandhalle thronte sturmflutsicher auf hohen Pfählen, und am Strand unterhielt eine Blaskapelle die Gäste. Zu den Badeanlagen am Kniep ratterte ab 1900 eine Insel. Doch der Aufschwung als Badeort währte nur kurz: Die Saison war mit zehn Wochen zu kurz, die Sommer zwei Mal verregnet. 1906 musste die Aktiengesellschaft Wittdün-Amrum Konkurs anmelden. Die Wittdüner verarmten, denn es gab keine Alternative zum Badebetrieb – Landwirtschaft ist nur im Osten der Insel auf 120 Hektar möglich.

Amrum - Strand bei Wittdün

Strand bei Wittdün

Eine Brennholzbeschaffungsmaßnahme bescherte Amrum nach dem Zweiten Weltkrieg eine umfangreiche Aufforstung. Amrum wurde mit 200 Hektar zur waldreichsten deutschen Nordseeinsel – und einem Eiland, das auf engstem Raum die unterschiedlichsten Naturlandschaften präsentiert: unberührten Salzwiesen und Watt im Osten, Pferdekoppeln und Feldmark im Norden, Europas breitesten Sandstrand und Wanderdünen im Westen. Als breites Band, das sich zwischen der Vogelkoje und Nebel-Westerheide bis zu 32 m hoch aufschwingt, säumen sie den gesamten Strand. Entstanden sind sie jedoch erst im 12. Jahrhundert, als mehr und mehr Sand aus der Nordsee sich auf der Insel anzuhäufen begann.

Urlandschaft der Insel ist jedoch die Heide, die im August in leuchtendem Rosa und Lila die Braundünen bedeckt. Noch vor etwa tausend Jahren wanderte der Seesand über die halbe Insel und begrub alles, was im Weg lag - die Grabkammern aus mächtigen Findlingen, die Hügelgräber der Bronzezeit und die Wohnplätze der Wikinger. Erst die gezielte Bepflanzung mit Strandhafer und anderen Pionierpflanzen konnte den Sandflug eindämmen.

Amrum - Strand bei Wittdün

Die einzigartige Schönheit der Insel lockte auch immer wieder Filmemacher an. Im Jahr 2000 wurde "Das Glück ist eine Insel" mit Maria Furtwängler und Christian Kohlund auf der Insel gedreht; 2005 wirkten zahlreiche Insulaner als Statisten im Fernsehfilm „Die Pferdeinsel“ mit Muriel Baumeister und Hannes Jaenicke in den Hauptrollen mit. Als jüngster Streifen kam im April 2008 die Teenager-Romanze „Sommer“ mit Jimi Blue Ochsenknecht in die Kinos – die Insulaner hätten die in Norddorf aufgebaute Strandbar des Sets am liebsten behalten...

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Deutschland bei schwarzaufweiss

 

 

Reiseführer Berlin

Wer heute ein wenig Berliner Luft schnuppern möchte, den laden wir zu einer Reise an Spree und Havel ein. Eine prima Gelegenheit, sich wesentliche Teile der Stadt an einem Tag anzuschauen, ist die Fahrt mit den Bussen 100 und/oder 200. Ausgehend vom Alexanderplatz kommt man unterwegs am Berliner Dom und der Museumsinsel vorbei, am Deutschen Historischen Museum, der Neuen Wache, dem Brandenburger Tor und dem Reichstag, an der „Schwangeren Auster“ und am Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten.

Reiseführer Berlin

Mehr lesen ...

Bayerwald: Ein Baumwipfelpfad als Besuchermagnet

Nein, keine Angst, der Pfad schwankt nicht. Dennoch greifen viele Besucher des längsten Baumwipfelpfads der Welt unwillkürlich ans Geländer. Sie haben den Eindruck, der Holzweg, der an dieser Stelle auf 18 Metern Höhe unterhalb der Baumwipfel entlang führt, bewegt sich hin und her. Dabei ist es nur der wenige Zentimeter vom Geländer des Pfads entfernte Schubsbaum, den ein Baumwipfelpfad-Führer mit einer Hand zum Schwingen gebracht hat.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Mehr lesen ...

 

Auf zwei Rädern rund um Rügen

52 km lang und 41 km breit, darauf verteilt 926 Quadratkilometer Landschaft, das ist sie, Rügen, die größte Insel Deutschlands. Nicht wenige Touristen bezeichnen sie gleichzeitig auch als die schönste Insel des Landes. Ihre Vielfalt ist einmalig.

Rügen per Rad

Mehr lesen ...

Hotspot HafenCity. Hamburgs neuer Stadtteil

Direkt an der Elbe, mitten in Hamburg, nimmt seit 2003 das größte innerstädtische Bauprojekt Europas Gestalt an – die HafenCity. Mit 155 Hektar ist Hamburgs jüngster Stadtteil mit seinen zehn Quartieren fast 14 Mal so groß wie der Potsdamer Platz in Berlin. Voller Leben und Flair sind bereits Sandtorkai und Dahlmannkai im Westen der HafenCity – die östlichen Bereiche der HafenCity mit dem Überseequartier sollen sukzessive bis 2025 fertig gestellt werden.

Hamburg Hafencity

Mehr lesen ...