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Schnellkurs beim Entschleuniger

Wasserschmecken, Kräuterwandern und andere sanfte Tourismus-Attraktionen im Allgäuer Seenland

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Allgäu - Landschaft

Was ist eigentlich sanfter Tourismus? - Die Gemeinde Waltenhofen (Landkreis Oberallgäu) gibt die Antwort in der Lagebeschreibung von einem ihrer Ortsteile: „Niedersonthofen liegt verträumt am Ende des Niedersonthofener Sees, eingebettet in die voralpine Hügellandschaft des Stoffelberges, fernab der Hauptverkehrsadern und Umwelt belastenden Abgasen.“ – Na und? Was klingt daran schon besonders? – Nichts. Aber was dann folgt, dürfen nur wenige Destinationen von sich behaupten: „Wer versucht, von Niedersonthofen aus mit dem Handy in die weite Welt zu telefonieren, wird enttäuscht sein. Dort gibt es fast im gesamten Ort kein Handynetz. Dies alles sind ideale Voraussetzungen für Erholung suchende Menschen, die fernab vom Alltagsrummel wieder zurück zu sich selbst und zur Natur finden möchten.“

Von Tor zu Tor

Der Weg zu diesem Paradies führt von Norden aus über die A 7 durch das „Allgäuer Tor“. Der Gebirgsdurchbruch öffnet den Blick auf die Allgäu-Metropole Kempten und das dahinter liegende satt grüne Alpenvorland. 20 Minuten später erreicht der Autofahrer den liebevoll angelegten Kräutergarten im Zentrum von Niedersonthofen, das im Oktober 2008 anerkannt wurde als „Allgäuer Kräuterdorf“. Der Besucher betritt diesen kleinen Park durch das „Kräutertor“. Es wurde nach Plänen von Leonardo da Vinci als eine sich selbst tragende Konstruktion ohne Schrauben und Nägel verwirklicht. Das Bauholz stammt aus den Wäldern rund um Niedersonthofen – also keine Umwelt belastenden weiten Wege.

Allgäu - Paar in Tracht

Sonntagstracht: Willkommen im Oberallgäu

Das ist ganz im Sinne von Ingrid Günther, die in ihrer Küche überwiegend Allgäu-Produkte verwendet. Als Eigentümerin des „Kräuterlandhaus Geratser Hof“ hat sie bei den Hotel- und Gastronomie-Kollegen in ihrer Nachbarschaft Jahre lang dafür geworben: „Sanfter Tourismus beginnt damit, dass wir uns als Gastgeber auf unsere Region besinnen und unseren Besuchern ein Vorbild sind.“ Und mit Gleichgesinnten gründete sie den „Allgäuer Kräuterland e.V.“.

Dieser Verein hat Richtlinien festgelegt für Übernachtungsbetriebe, die mit seinem Gütesiegel werben möchten: Sie müssen sich identifizieren mit dem Thema Heil- und Küchenkräuter, Verständnis und Grundwissen über Kräuter nachgewiesen haben und vom DTV (Deutscher Tourismusverband) oder DEHOGA (Hotel- und Gaststättenverband) klassifiziert worden sein. Und als wichtigste Voraussetzung muss jeder Kräuterland-Betrieb verfügen über einen „Heil- und Kräutergarten mit mindestens 30 Wild- und Gartenkräutern, die biologisch angebaut sind“. Ingrid Günther: „Auf diesem Nährboden blühen Ferien-Erlebnisse, die als nachhaltig wirksames Souvenir mit nach Hause genommen werden können.“.

Allgäu - Aufbruch zur Kräuterwanderung

Bärbel Bentele bricht auf zu ihrer Kräuter-Wanderung

Solch eine Souvenir-Produzentin ist Bärbel Bentele. Bevor sie gemeinsam mit den Teilnehmern ihrer Kräuter-Wanderung jene Stoffe sucht, aus denen die Urlaubsträume werden können, stellt sie sich den Mitwanderern vor: „Du kannst gerne ‚Bärbel’ zu mir sagen. Aber nenne mich bitte nicht ‚Kräuterhexe’!“. Bärbel versteht sich als eine Kräuterfee, die das Wissen der heutigen Medizin gleichberechtigt neben mystischen Überlieferungen aus verwunschenen Zeiten an die Allgäu-Touristen weitergibt. Und es wirkt.

Allgäu - Falltobel in Niedersonthofen

Der Falltobel in Niedersonthofen ist Zielpunkt der Wanderung mit der Kräuterfee

Die Kräuterfee pflückt ein violettes Pflänzchen. „Salbei hilft mir bei Verdauungsbeschwerden, Halsschmerzen und Husten. Er eignet sich auch gut für einen leichten Sommer-Tee.“ Oder Thymian. „Wird gerne bei Erkältungen eingesetzt.“ Wenn ein Teilnehmer ihrer Bergwanderung über Schmerzen im Knie klagt, sucht Bärbel am Wegesrand nach einem Kraut und empfiehlt: „Probier es mal aus und lege Dir ein Arnika-Blatt auf die schmerzende Stelle!“. Es wirkt. Sogar nachhaltig. Am Tag nach einer Kräuter-Wanderung mit Bärbel spürt der ungeübte Mitwanderer schmerzhaft jeden Muskel und jeden einzelnen Knochen – außer im Knie.

Bärbel Bentele verdankt einen Teil ihres Wissens einer Ausbildung beim Allgäuer Kräuterland-Verein. Ein Jahr lang lernte sie dort praktische Inhalte wie Heilpflanzen-Kunde, kulinarische Spezialitäten und Lebensmittel-Hygiene. Ebenfalls auf dem Stundenplan: Allgäuer Brauchtum, Mystik und Sagenwelt. Damit die Kräuter ihre Wirkung auf Einheimische wie auch auf die Feriengäste noch besser entfalten können, erzählt Bärbel im Anschluss an ihre Dreistunden-Wanderungen gerne – nicht nur wegen der Kinder - eine ihrer Geschichten, die sich vor langer, langer Zeit im Allgäu zugetragen haben. Und noch eine Geschichte. Und – bitte, bitte – noch eine. Und es wirkt.

Allgäu - Kräutergarten

Gabi Prinz präsentiert ihren reich gedeckten Kräutertisch

Gabi Prinz ist weder Fee noch Hexe, sondern eine "Kräuterlandhofbäuerin“. Dazu hat sie sich ebenfalls qualifiziert durch einen Lehrgang, „aber das meiste Kräuter-Wissen habe ich von meiner Großmutter geerbt“. Als ehemalige Floristin reanimiert sie mit ihrem Wissen vor allem das Auge, die Nase und die verkümmerten Geschmacksnerven ihrer Besucher. Ihr Kräutergarten ist eine Openair-Lehrstube: „Dort drüben den Spitzwegerich hat meine Oma uns immer bei Insektenstichen verabreicht.“ – Und was hilft gegen Atembeschwerden? – „Majoran. Und mit Johanniskrautöl hat meine Großmutter Wunden geheilt. Die Generation unserer Eltern schluckt lieber Aspirin.“

Die Pharma-Industrie vollendet jenes Werk, das die katholische Kirche vor allem in bäuerlich ländlichen Regionen wie dem Allgäu begonnen hatte. Viele Frauen – und auch Männer - endeten auf den Scheiterhaufen der Inquisition, weil sie in den Hecken („Hexe“ ist möglicherweise davon abgeleitet) nach Kräutern gesucht hatten. 300 Jahre später schaut auch schon mal der Pfarrer bei Gabi Prinz vorbei und lässt sich ein heilsames Kraut aus Gottes reichem Angebot empfehlen.

Kräuterweiber und Wasserschmecker

Das Kräutersammeln war und ist eine Frauen-Domäne. Männer hatten sich spezialisiert auf das Wasserschmecken. „Schmecken“ ist das allgäuische Wort für „entdecken, aufspüren“. Auf einer 8.000 Jahre alten Höhlenzeichnung ist diese Tätigkeit bereits überliefert. Der Wünschelruten-Gänger Fritz Eiba ist also kein neumodischer Esoterik-Guru, sondern er pflegt ein uraltes Handwerk. Seine Berufskollegen suchten schon vor Jahrhunderten nach Felswasser-Quellen oder bestimmten die idealen Standorte für die Neuansiedlung von Bauernhöfen oder ganzen Ortschaften.

Wünschelruten-Gänger

Der Wasserschmecker verrät seine Geheimnisse

Die meisten Teilnehmer seiner Wasserschmecker-Wanderung sind skeptisch, wenn Fritz Eiba behauptet: „60 Prozent aller Menschen können mit einer Wünschelrute unterirdische Wasseradern aufspüren.“. Trotzdem nimmt jedes Kind und jeder Erwachsene neugierig eine Plastik-Wünschelrute in Empfang und will es sofort ausprobieren. „Nein, nein – erst einmal gaaaaaaanz ruuuuuuuhig werden und mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen.“ Dann die beiden Stränge der Wünschelrute übereinander kreuzen, locker zwischen den Fingern halten – und schon beginnt bei einem der Kinder die Wünschelrute zu zappeln. Dann auch bei einem Erwachsenen. Schließlich klappt es bei elf von 14 Teilnehmern, das macht sogar mehr als 70 Prozent.

Ausgerechnet jener Mitwanderer, dessen Wünschelrute sich nicht bewegen wollte, erkennt als erster den Wert von Fritz Eibas Arbeit. Dort, wo die übrigen Wünschelruten-Amateure eine Wasserader aufgespürt hatten, bekommt er Herzschmerzen – die auch sofort wieder verschwinden, wenn er sich zwei, drei Meter von dieser Stelle entfernt. Und er wird als Souvenir von diesem Urlaubstag die Erkenntnis mit nach Hause nehmen, dass er endlich mal jene störenden Wasseradern aufspüren sollte, die unter seinem heimischen Bett fließen.

Allgäu - Wassergarten

Ein Wassser- und Stein-Garten markiert das Ziel der Wasserschmecker-Wanderung

Damit ist ein idealer Urlaubstag im Allgäuer Seenland beschrieben: Nach dem Frühstück kommt die Kräuterwanderung mit Bärbel Bentele, danach eben mal reinschauen zum Kräuterblumenbinder-Workshop bei Gabi Prinz, bleibt anschließend immer noch Zeit genug für einen Spazier-Lehrgang mit dem Wasserschmecker Fritz Eiba. – Bei diesen drei Schnellkursen können gestresste Großstädter theoretisch an einem einzigen Tag ihr gesamtes Leben entschleunigen. Theoretisch.

 

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