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„BEI UNS IST ES GANZ RUHIG“

Sommer auf der dänischen Insel Møn

Text und Fotos: Ulrich Traub

Lis, die freundliche Vermieterin, hatte uns gewarnt. Nun müssen wir sehen, wie wir klarkommen. Denn an Aufgeben denkt keiner von uns. Schließlich wollen wir eines der größten Naturwunder Dänemarks erkunden.

Wir sind mit den Rädern zur Steilküste im Osten der Ostsee-Insel Møn aufgebrochen. Doch wer die Kilometer auf den kaum befahrenen Sträßchen zurückgelegt hat, ist noch nicht wirklich angekommen. Dieses Naturwunder will man nämlich nicht nur von oben bestaunen. Also steigen wir die rund 500 Treppenstufen hinab – und versuchen, erst mal nicht an den späteren Aufstieg zu denken.

Dänemark - Mön - Steilküste
Dänemarks Naturwunder: die Kreidefelsen an der Ostküste der Insel

Vom schmalen Strand aus betrachtet präsentiert sich die gewaltige Kulisse von Møns Klint besonders eindrucksvoll. Wie winzige Statisten, immer den Kopf im Nacken, staksen wir davor herum. Auf zwölf Kilometern Länge finden sich bizarr zerklüftete Formationen, an denen Wind und Wasser schon seit fast 5.000 Jahren modellieren. Bis zu einer Höhe von 130 Metern ragen die Kreide-Skulpturen in den blauen Himmel über der Ostsee. Von manchen exponierten Stellen kann man bei guter Sicht bis nach Schweden und zum deutschen Gegenstück auf Rügen blicken.
Wer nach dem Aufstieg, der allerdings zumeist unter schattenspendenden Wipfeln verläuft, Interesse und noch Kraft hat, weiter in die besondere Welt dieser Küstenlandschaft vorzudringen, wird im neuen Geo-Center bestens informiert – auch darüber, dass es die Kreidefelsen in ferner Zukunft nicht mehr geben wird. Gut, dass wir uns das mal genau angeschaut haben.

Dänemark - Mön - Skulpturen, die Wasser und Wind schufen: Blick auf besonders bizarre Formen an Møns Klint
Skulpturen, die Wasser und Wind schufen: Blick
auf besonders bizarre Formen an Møns Klint

Über dem nördlichen Ende der Steilküste liegt Liselund. Der Park rund um das einzige Schloss der Welt mit einem Reetdach hat den Naturgewalten bereits Tribut zollen müssen. An der dem Meer zugewandten Seite hört die Gartenlandschaft, die ein Inselvogt im späten 18. Jahrhundert für seine Frau Lise anlegen ließ, abrupt auf. Man steht vor einer Abbruchkante.

Auf dem Rückweg nimmt der bäuerliche Charakter der Insel, dem alles Spektakuläre fremd ist, schnell wieder gefangen. Wir radeln an Feldern und Höfen vorbei, begleitet vom sanften Brummen der Mähdrescher, die sich durch die wogenden Weizenfelder arbeiten. Dass die Landschaftsstruktur leicht wellig ist, mag die ein oder andere sportliche Anstrengung mit sich bringen, eröffnet aber auch immer wieder neue Perspektiven. Oft reicht der Blick bis zu einer der Küsten, wo sich kilometerlange Strände ausdehnen, an denen man auch in der Hauptsaison keine Mühe hat, ein stilles Plätzchen zu finden.

Dänemark - Mön - Møns Straßen gehören fast ausschließlich den Radlern: Orientierungssuche vor Sonnenblumen
Møns Straßen gehören fast ausschließlich den Radlern:
Orientierungssuche vor Sonnenblumen

Møn ist ein ideales Reiseziel für ein paar Tage Stressabbau. „Bei uns ist es ganz ruhig“, hatte Lis zu unserer Begrüßung gesagt. Damit spielte sie aber nicht nur auf ihre Wohnung auf dem Bauernhof an. Der entspannte Rhythmus des Lebens auf der Insel lullt einen förmlich ein – auf angenehme Weise. Am nächsten Tag setzen wir uns denn auch wie selbstverständlich aufs Rad, um nach Stege zu fahren, dem Hauptort auf Møn.

Freundlich schaut sie drein, unsere Urlaubsinsel mit ihrem hellgelben Teint, den ihr das Korn auf den Feldern verleiht. Für Farbtupfer sorgen bunte Blumen in den Gärten der Bauernhäuser und Höfe und das Blau des Binnensees bei Stege. Die Bäume am Wegesrand werfen tiefe Schatten auf die goldgelben Teppiche, auf die die schwarzen Balken Muster zaubern. Nichts, was die Harmonie stören könnte.

Dänemark - Mön - In Luffes Gård in Stege, einem alten Handelshof: Heute finden sich hier Geschäfte, Cafès und eine kleine Brauerei
In Luffes Gård in Stege, einem alten Handelshof: Heute finden
sich hier Geschäfte, Cafès und eine kleine Brauerei

In Stege, einem alten Fischer- und Handelsstädtchen, geht es tagsüber geschäftig zu. Man sitzt am Markt und beobachtet das Treiben, das im Gegensatz zur Hektik in unseren Breiten wie in Zeitlupe vorbeizufließen scheint. Uns zieht es in den Luffes Gård, einen früheren Handelshof, wo vor ein paar Jahren eine Mikrobrauerei ihre Arbeit aufgenommen hat und Spezialbiere ausschenkt. Für die Gerichte auf der Speisenkarte werden ausschließlich Produkte von der Insel verwendet.

Dänemark - Mön - Landmarke im Meer der Felder: die Elmelunde Kirche im Zentrum der Insel
Landmarke im Meer der Felder:
die Elmelunde Kirche im Zentrum der Insel

Gestärkt machen wir uns auf den Weg. Die Kirche von Elmelunde, die mit ihrem weißen Treppengiebelturm wie eine Landmarke aus dem Meer der Felder aufragt, ist das Ziel. „Auf die Kalkmalereien in unseren Kirchen sind wir stolz“, hatte Lis verraten. Tatsächlich laden diese bäuerlich-naiven Darstellungen der biblischen Geschichte, die ein unbekannter Meister im 15. Jahrhunderts gemalt hat, zu einer visuellen Entdeckungsreise und bieten Anlass zur Kontemplation. Sie passen gut zu dieser stillen Insel.

Dänemark - Mön - Versorgungsstation am Wegesrand: Obst und Gemüse kauft man auf Møn direkt beim Bauern
Versorgungsstation am Wegesrand: Obst und Gemüse
kauft man auf Møn direkt beim Bauern

Auf unserer Tour überraschen uns kleine Tische vor den Bauerhöfen, auf denen Waren angeboten werden. Nach einer Zeit des Wartens decken wir uns mit Marmelade, Kartoffeln, Obst und Kräutern ein und stecken die Kronen in eine Blechbüchse. Man scheint den Passanten zu vertrauen.

Dänemark - Mön - Nichts, was die Harmonie stört: Blick von Nyord auf die Ostsee
Nichts, was die Harmonie stört: Blick von Nyord auf die Ostsee

Den Abend verbringen wir auf Nyord, einer Mini-Insel, die man über den historischen Tangdeich von Ulvshale und einen schmalen Damm erreicht. Das Dorf erzählt noch ein wenig vom Bauernleben längst vergangener Tage. In Lolles Garten sitzen wir unter alten Bäumen bei frischem Fisch. Vom Job redet spätestens jetzt keiner mehr von uns.



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