Mittelalter zum Mitmachen
Sundkøbing: ein Dorf auf der dänischen Insel Lolland lebt die Vergangenheit
Text und Fotos: Hilke Maunder
Das Jahr: 1383. In Europa wütet die Pest, in Dänemark
regiert Königin Margarethe I. Herr einer kleinen Siedlung am Guldborgsund
ist der Ritter Henrik Svane. Sein Dorf „Sundkøbing“ ist
ein „Versuchszentrum für historische Technologien“ und
wurde 1991 auf streng wissenschaftlicher Basis samt Hafen und Turnierplatz
nachgebildet. Leiter des Zentrums sind zwei hauptamtliche Archäologen,
die Bewohner rund sechzig Männer, Frauen und Kinder von heute, die
hier ohne Handy, Strom und Armbanduhr den Alltag des Mittelalters leben.
So ist die Open-air-Anlage kein steriles Museum, sondern lebt: Gänse
watscheln über die Kopfsteinwege, Ziegen ziehen Grashalme zwischen
den Steinen heraus, Handwerker lassen sich bei der Arbeit beobachten. Poul,
ursprünglich gelernter Beschlagschmied, stellt sämtliche Werkzeuge
und Gerätschaften her, die das Dorf benötigt: Siebe, Suppenkellen,
Nägel und allerlei Zangen – selbst solche zum Zähne ziehen.
Heiße Flammen schlagen aus dem Ofen. Rot glühend zieht Poul
das Werkzeug heraus, bearbeitet auf dem Amboss. Schweiß perlt von
der Stirn.
Jetzt kommt eine Frau in hellbraunem Oberkleid und weißer Haube daher, spricht den Schmied leise an. Poul nimmt das Messer entgegen und setzt mit einem Fußpedal den großen Wetzstein aus Granit in Bewegung. Minuten später ist die Klinge wieder scharf. Wenige Schritte weiter steckt der Schuster seine Lederschuhe auf Zaunspitzen – sie ersetzen den Schuhspanner. Im Innern eines niedrigen Fachwerkhauses fertigt der Töpfer Krüge, Schalen und Teller auf der Drehscheibe; dort lässt die Weberin ihr Schiffchen schnell hin und her schießen.

Der Schmied bei der Arbeit
Auf dem Hügel am Hafen schneidet die Färberin Zwiebeln, wirft die Ringe in mit siedend heißem Wasser gefüllte Kupferkessel und taucht die gesponnene Schafwolle ein. Die Trachten der Bewohner von Sundkøbing gibt es gegenüber: Kutten und Kleider, Hosen und Hauben. Sie wurden nach gut erhaltenen Funden aus Herjolfsnaes auf Grönland sowie überlieferten Gemälden und Zeichnungen aus dem Mittelalter nachgebildet. Im benachbarten Speicher hängen Pelze und gepökelte Fische unter den wuchtigen Balken des Reetdachs. Säcke mit Getreide stapeln sich auf dem Holzboden.
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