Reisemagazin schwarzaufweiss

Costa Rica

Land des überbordenden Grün

Text und Fotos: Andreas Drouve

Costa Rica - Frosch bei Nacht im Dschungel

"Und jetzt alle still und das Licht aus", fordert uns Dschungelguide Iván bei der Nachtwanderung auf. Jeder drückt auf den "Off"-Knopf der Taschenlampe. Schlagartig umhüllt uns ein schier undurchdringliches Dunkel. Die tropischen Baumriesen halten jedwedes Schimmern des Mondes und Sternenzelts zurück. Inmitten der Finsternis wirken die Geräusche des Regenwalds plötzlich umso intensiver. Und unheimlicher. Rundherum zirpt und ziept es. "Das sind Insekten, aber auch winzige Frösche", klärt Iván die Urheberschaft auf. Die Symphonien komplettiert das Rauschen des nahen Río Sarapiquí. Den Fluss hatten wir eben von der Selva Verde Lodge (1) aus über eine Hängebrücke überquert und den vierbeinigen Gegenverkehr zurückgedrängt. Ein Waschbär war gerade dabei, das schmale, schwankende Konstrukt zu kreuzen, trat aber dann den Rückzug an.

Costa Rica - Früchte

"Seht ihr das?", reißt uns Iván aus der Versunkenheit. "Schaut zu mir herüber, ich halte etwas in Händen, das ganz leicht strahlt." Eigentlich sehen wir im Pechschwarz der Nacht, dass wir nichts sehen. Doch nun bemerken wir dort, wo die Kontur seines drahtigen Körpers allenfalls zu erahnen ist, tatsächlich eine Art Lichtquelle. "Das ist ein morsches Stück Holz, das von Pilzen befallen ist. Und das gibt eine chemische Reaktion, so dass das Holz regelrecht leuchtet", klärt Iván auf. Kein Zweifel: Die Natur ist überall für Überraschungen gut. Dann knipsen wir wieder die Lampen an, durchstreifen weiter das Wegenetz und machen dank Iváns Hilfe reiche Beobachtungsbeute. Rotaugenlaubfrösche. Glasfrösche. Ein giftgrüner Stirnlappenbasilisk. Ameisen in XL-Format. Und zum Abschluss ein Zweifingerfaultier hoch oben in den Kronen.

Costa Rica - Echse im Dschungel

Costa Rica, das ist ein Tier- und Pflanzenparadies par excellence im Herzen Mittelamerikas. Ein Land des überbordenden Grüns, das sich in immer neuen Facetten aufblättert. Kultur und Architektur spielen untergeordnete Rollen, obgleich es Ausnahmen gibt: das Goldmuseum, die Kathedrale, das historische Nationaltheater in der Hauptstadt San José. Die wahre Magie geht aber von der Natur aus. Und von den offenherzigen Costa-Ricanern, die sich selber "Ticos" nennen und deren Standardspruch der Take-it-easy-Devise entspricht: "Pura vida."

Costa Rica - Goldmuseum

"Seit Jahrzehnten ist Costa Rica führend auf dem Gebiet des Nachhaltigen Tourismus", unterstreicht Wilhelm von Breymann, ein erfahrener Businessman im Fremdenverkehr und Ex-Tourismusminister Costa Ricas. Über ein Viertel des 51.000-km²-Landes steht unter Naturschutz. Das Netz der Nationalparks und privaten Schutzgebiete ist weit verzweigt. Zeit, aufs Neue einzutauchen in die Natur: bei einer Kajaktour auf dem Río Cuarto im Cinco Ceibas Rainforest Reserve (2). Dass der Regenwald seinem Namen alle Ehre macht, ist nicht zu ändern. Zu Beginn peitscht ein Trommelfeuer aus Tropfen das Wasser, später ebbt der Niederschlag ab.

Costa Rica - Fluss

Wir folgen den Schleifen des einsamen Flussstrangs, passieren kleine Stromschnellen, fühlen uns tief im Einklang mit der Natur. Ideale Kulissen, um im "Offline"-Modus des Lebens dahinzutreiben. Verschlungene Luftwurzeln ziehen vorbei, Bäume voller Aufsitzerpflanzen, Lianen. Und als ich glaube, das Wildlife habe heute Regenpause, erzittert der Dschungel. Das Geschrei der Brüllaffen geht durch Mark und Bein.

Am Vulkan Arenal

Was für ein Anblick! In perfekter konischer Form steigt er aus dem Grün, ein Gigant wie aus dem Bilderbuch: der Vulkan Arenal (2), über 1600 Meter hoch. Früher hatte ich ihn bei Dunkelheit Lava spucken sehen. Seit einigen Jahren gibt er Ruhe. Doch dem Frieden ist nicht zu trauen. Zumal nach Regenfällen die Rauchfähnchen seiner Fumarolen aufsteigen. Ob und wann er aufs Neue ausbricht, wagt niemand zu sagen. Fest steht, dass er im Nordwesten des Landes um das Städtchen Fortuna und den Arenal-See eine wahre Tourismusindustrie hervorgebracht hat.

Costa Rica - Vulkan Arenal

Hotels wie das Tabacón Resort profitieren von natürlichen Thermen, locken als Wellness-Oasen unter freiem Himmel. Derweil etikettieren Veranstalter in dieser Gegend gänzlich alles als "Abenteuer": ob Canyoning, Wasserfalltrips, Trekking oder Canopy, was andernorts als Zipline oder Seilrutsche bekannt ist.

Costa Rica - Wellnessoase

Bei "Sky Adventures" teste ich den Adrelaninausstoß auf dem System der Seilrutschen. Fazit: Nachhaltiger Tourismus, wie ihn Costa Rica gern propagiert, sieht sicher anders aus. Spektakulär ist es trotzdem. Bis zu 200 Meter hoch rausche ich über Regenwälder und Täler hinweg, nehme bei sieben Schwebeflügen die Kulissen aus Arenal-Vulkan und -See wie beiläufig wahr. Dass meine Höhenangst wie weggeblasen ist, bleibt mir ein Rätsel. Zwischen Himmel und Erde ergebe ich mich dem Schicksal. Vorübergehend hängt mein Leben an einem Statikseil samt Metallaufhängung, zwei Schlaufen und zwei Karabinerhaken. "Big Mama" und "Big Daddy" heißen nicht meine Eltern, sondern die längsten, bis zu 750 Meter langen Abschnitte. Das Maximaltempo erreicht 70 km/h und beschert eine natürliche Fönfrisur …

Costa Rica - Hängebrücke

Schwindelerregend geht es im umliegenden Naturpark auf dem "Sky Walk" weiter. Zumindest dort, wo Hängebrücken den Weg durch den Dschungel ebnen. Der Naturmarsch dauert drei Stunden, wobei der richtige Ausdruck dafür wäre: Abenteuer light bis sehr light. Guide Sidalia hält uns auf dem rechten Pfad, lotst uns über die Hängebrücken, zu Aussichtspunkten, Wasserfällen, an zwei Schlangen vorbei - und mitten im Dschungel an ein Toilettenhaus. Dank der Glasfensterfronten nach hinten lassen sich große und kleine Geschäfte mit Blick ins Urwaldgrün verrichten ...

Kein Touristenprofit, sondern Hilfe für Tiere steht im Fokus des engagierten "Asis"-Projekts, gut 25 Kilometer südöstlich von Fortuna (3). "Asis" versteht sich als Auffangzentrum für Tiere, ob Affenwaisen, angefahrene oder vormals illegal bei Menschen gehaltene Primaten und Vögel. Jedes Tier hat seine eigene Leidensgeschichte. In Großgehegen kommen sie wieder zu Kräften, werden irgendwann in die Freiheit entlassen. Der Eintrittspreis von 29 Dollar ist als Spende zu verstehen, denn aus Staatskassen gibt es keinen Cent. "Uns ist jede Unterstützung recht, wir haben auch Volunteering-Programme", unterstreicht Führer Carlos.

Costa Rica - Asis-Projekt

Szenen- und Standortwechsel. In der Pazifikregion Guanacaste geht das Hoch- in Flachland über, durchsetzt von tropischen Trockenwäldern. Die Weiten sind von Rinderzucht geprägt, Strandorte wie Tamarindo vom Zulauf sonnenhungriger, finanzpotenter US-Amerikaner. Einen tiefen Einschnitt setzt der Golf von Nicoya, in den der Río Tempisque mündet. Nahe des Ufers liegt eine feudale Traumlodge, Rancho Humo (4). Gäste starten zu Bootstouren und Erkundungsfahrten durch die Wetlands. Im Wasser wimmelt es vor Krokodilen, an Land vor Reihern, Ibissen, Waldstörchen, Löfflern. Am Abend hängt dramatisches Licht über dem Fluss. Vogelschwärme steigen auf. Die Luft ist warm und seidig. Ich atme durch und bin mir sicher: Ja, das hier ist das wahre Costa Rica!

Costa Rica - auf dem Fluss

 

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Kurzportrait Costa Rica

Faszination Natur - Vulkane und Seen, Strände und Sümpfe, Mangroven und tropischer Regenwald. Der kleine mittelamerikanische Staat schöpft aus dem Vollen, zieht Besucher in seinen grünen Bann und hat tierisch was zu bieten: alleine 230 Säugetier-, 900 Vogel- sowie 400 Amphibien- und Reptilienarten. Und das in einem Land von der Größe Niedersachsens!

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Ein Abenteuer-Trip in den Dschungel von Costa Rica

Der Regenwald von Costa Rica ist nicht gerade ein bevorzugter Lebensraum für Mitteleuropäer. Und doch zieht es viele von uns hinein in diese exotische Welt. Abenteuer hat sie allemal zu bieten, allerdings auch ein ganze Menge Unannehmlichkeiten und Beschwernisse. Doch gehen wir einfach los - mit Carlos auf Urwald-Tour.

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