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Reiseführer Celle

Architektour II


Auf den Spuren von Otto Haesler

 

Das von Otto Haesler erbaute Direktorenwohnhaus in Celle

Das von Otto Haesler erbaute Direktorenwohnhaus (1930)


Nur wenige werden vom Architekten Otto Haesler je gehört haben. Der DADA-Künstler Kurt Schwitters nennt Haesler in einem Beitrag im Hannoverschen Tageblatt vom 22.Mai 1928 in einem Atemzug mit van der Rohe, Härig, Mai und Gropius: „Um nun den Versuch zu machen, Haeslers Eigentümlichkeiten gegenüber den vorgenannten Architekten abzugrenzen, möchte ich sagen, daß das absolute Verwachsensein mit bestimmten Gegebenheiten in Celle, seine geschichtliche Entwicklung, die ihn, wie Dudoc in Hilbersum, zum Architekten einer Stadt werden läßt, so daß er einer Gegend das Gesicht gab, ihn sich im Sinne internationaler rationeller Architektur frei und eigen entfalten ließ ...“


Am Westrand des Französischen Garten und in der Nachbarschaft zum 1985 erbauten Parkhaus in der Magnusstraße 5 stoßen wir auf einen L-förmigen Bau mit zwei weißen Riegeln und gelben Fensterrahmen. Auffallend sind neben den quadratischen auch die schmalen rechteckigen Fenster, die die Horizontale der beiden Riegel des Gebäudes unterstreichen. Hier wohnte zeitweilig der Direktor des nahe gelegenen Gymnasiums. Haesler hatte diesen 1930 realisierten Wohnbau mit den in einer Reihe angelegten Raumfluchten von Ess-, Wohn- und Arbeitszimmer sowie Wintergarten entworfen. Im Haus, das momentan als Galerie genutzt wird, gab es neben einer Waschküche auch einen Trockenraum. Zudem besitzt das Anwesen einen lang gestreckten Balkon, über dem man deutlich fünf schmale „Fensterschlitze“ erkennt, die den Baukörper auflockern. Gleich über drei Schlaf- und ein Gästezimmer verfügte der Hausherr im ersten Obergeschoss. Durch die „Staffelung des Baukörpers“ wirkt das Haus nicht wuchtig und dominant, sondern fügt sich gut in die grüne Umgebung ein.

Bunt oder monochrom weiß?

Laufen wir die Magnusstraße in südliche Richtung – immer den Französischen Garten zu unserer Linken lassend –, dann erreichen wir die Sägemühlstraße 9. Wir stehen nun vor der am 18. Mai 1928 eingeweihten Altstädter Schule, deren symmetrische Fassade mit zwei „Torbauten“ teilweise durch ausuferndes Baumgrün verdeckt wird. Nein, ein Walmdach hat man dieser Architektur der Moderne nicht verpasst, als die „braunen Herren“ an der Macht waren. Doch den freien Blick wollte man auch nicht zulassen. So wurden Mitte der 1930er Jahre schlicht Bäume vor den Haesler-Bau gesetzt, sodass dieser nicht gleich jedem ins Auge springen konnte.

Altstädter Schule in Celle

Die von Otto Haesler entworfene und 1928 eingeweihte Altstädter Schule

Besonders hinzuweisen ist bei diesem in Weiß gehaltenen Bau auf die kleinteilige Durchfensterung der Fassadenhaut. Hören wir, was Haesler zu seinem Schulbau ausführte: „Von der Straße zurückgerückt, liegt das Schulgebäude zwischen den beiden Schulhöfen und dem Schullehrgarten in freundlicher, heller Gestalt, lediglich durch das leuchtende Rot der Platten über den Eingängen farbig unterbrochen.“ In einer Broschüre aus dem Jahr 1928 finden sich in Ausführungen des damaligen Schulrats Behrens weitere Hinweise auf die Farbigkeit der Schule: „... Und auch sonst ist der Klassenraum mit der hellen Seiten- und Rückwand, der roten Tür, den schwarzen Sitz- und Tischflächen, den blauen Röhren der Bankgestelle, den aluminiumgrauen Tintenfässern und Heizrohren farbig sehr wirkungsvoll abgetönt.“

Dass im Laufe der Zeit Überformungen stattgefunden haben, bedeutet, dass heute wesentliche Elemente wie die ursprüngliche Farbgebung verschwunden sind.

Das von Otte Haesler entworfene Rektorenwohnhaus in Celle

Das von Otto Haesler konzipierte Rektorenwohnhaus

Direkt neben dem Schulgebäude steht die zweigeschossige Rektorenwohnung, die nach einer Brandstiftung jüngst aufwändig renoviert wurde. Zu sehen sind ineinandergeschobene Kuben mit Übereckfenster und einem sehr stark die Vertikale betonenden Treppenhausfenster fast über die gesamte Höhe des Baus.

Italienischer Garten“ und ...

Wollen wir zu den Wohnanlagen „Italienischer Garten“ und „Sankt-Georg-Garten“, dann durchqueren wir am Besten den Französischen Garten. Dabei kommen wir auch an der Garnisonskirche und der ehemaligen Offizier-Speiseanstalt vorbei, die sich an der 77er-Straße bzw. Maulbeerallee befinden.

Die Garnisonskirche wurde 1902 im Auftrag des preußischen Staates als ökumenische Militärkirche errichtet. Dieser Sakralbau, in rotem Backstein ausgeführt, ist eine einschiffige Saalkirche im Stil der Neoromanik und wird heute von der Philipp-Melanchton-Gemeinde genutzt.

Garnisonskirche in Celle

Vom preußischen Staat in Auftrag gegeben: die Garnisonskirche

Einem Stadtpalais ähnelt die Offizier-Speiseanstalt des 2. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77, die im ausgehenden 19. Jahrhundert erbaut wurde. Der Wintergarten ist eine moderne Ergänzung der 1990er Jahre. Gespeist wird hier auch heute: im Restaurant „Couleur“ und im angrenzenden Biergarten. Wie wäre es denn mit Loup de mer mit Blattspinat oder Lammkoteletts mit Speckbohnen und Rosmarinkartoffeln?

Verweilen wir anschließend ein wenig im Französischen Garten, werfen einen Blick auf die duftenden Rosen des Rosengartens und lassen unseren Blick durch die vierreihige Lindenreihe in die Ferne schweifen. Entlang der Maulbeerallee gedeihen seit ein paar Jahren wieder Maulbeerbäume. „Exoten“ wie Mähnenfichte und Trompetenbaum findet man in der Gartenanlage und auch Kunst im öffentlichen Raum, so Klaus Duschats Arbeiten „Crossing“ und „Ost-West-Stück“.

Wer ein wenig Zeit hat, sollte sich den Bienengarten am Rande der Parkanlage nicht entgehen lassen. Hier erfährt man alles über die fleißigen Immen.

Unweit vom Bienengarten erreichen wir die Wehlstraße, von der die Straße Italienischer Garten abzweigt. Der Straßenname bezieht sich auf die einst hier existierende Gartenanlage, die der italienische Gartenbaumeister Gasparo Ferri konzipierte.

Siedlung Italienischer Garten in Celle

1924-25 erbaut: die kunterbunte Siedlung Italienischer Gärten

Anstelle des Parks wurden in den Jahren 1924 und 1925 im Auftrag der Volkshilfegesellschaft und nach einem Entwurf Otto Haesler zehn Wohnhäuser mit 44 Wohnungen realisiert. Das Besondere an dieser Bebauung ist die Farbgebung der Kuben, die in den „Tuschkasten“ gefallen zu sein scheinen. Einige Kuben sind in Tintenblau getaucht, andere in Rostrot. Einige Fensterrahmen und Laibungen erstrahlen in Weiß, aber auch in Feuerrot.

Neues Rathaus und Sankt-Georg-Garten

Gleich um die Ecke in der Straße Sankt Georg-Garten finden sich weitere Wohnbauten nach einem Entwurf von Haesler. Ehe wir zu diesen gelangen, werfen wir noch einen Blick auf das Neue Rathaus, vor dem sich die Dreiecksfläche des Stadtparks ausdehnt. Der lang gestreckte, viergeschossige Bau mit paarig gruppierten Rundbogenfenstern weist im Mittelteil zwei markante, vorspringende Türme auf. Erbaut wurde dieses auch heute noch imposant wirkende Gebäude als Infanteriekaserne im Auftrag der Königlich Hannoverschen Militärverwaltung zwischen 1869 und 1872. Genutzt wurde das Bauwerk auch nach dem Krieg als Kaserne, als hier verschiedene britische Einheiten zuhause waren. Anschließend wurde die Kaserne aufwändig umgestaltet, um seit 1999 als neues Rathaus fungieren zu können.

Siedlung Sankt-Georgsgarten, ein Werk Haeslers in Celle

Siedlung Sankt-Georgsgarten, auch ein Werk Haeslers

Betrachtet man die Wohnbauten an der Straße Sankt-Georg-Garten – dort stehen sechs Wohnzeilen -, so fallen besonders in einem Teil der Zeilenbauten die kleinen, wie geöffnete Schubladen wirkende Balkone auf, die an die Architektur des Bauhauses in Dessau erinnern. Zudem sieht man die für das Neue Bauen so typischen Gebäudeeckfenster. Die Farbgebung der Wohnanlage ist insgesamt viel dezenter als bei der Anlage „Italienischer Garten“: Sandfarben und Lachsrosa dominieren. In einigen Gebäudezeilen sind die Rahmen der kleinfächerigen Treppenhausfenster in Schwarz getaucht. In der Nähe des Braunschweiger Heerwegs wurde ein lang gezogener Riegel vor die Zeilenbauten gesetzt.

Beschließen wollen wir unsere Tour auf den Spuren Otto Haeslers in der Siedlung Blumläger Feld. Hier befindet sich auch das Otto-Haesler-Museum, zu dem auch mehrere Wohnungen gehören, die ein eindrucksvolles Bild der Lebensbedingungen von Arbeiterfamilien vermitteln.

1930 bis 1931 wurde die Siedlung im Auftrag der Städtischen Wohnungsfürsorgegesellschaft errichtet. Ursprünglich existierten zwei 220 Meter lange Zeilen mit zwei Etagen. Von dieser Ursprungsbebauung ist lediglich eine Zeile noch erhalten, wenn auch im Zuge einer behutsamer Stadtsanierung entsprechend den heutigen Standards umgestaltet. Von Kleinstwohnungen, wie Haesler sie geplant hatte, kann man also heute nicht mehr reden.

Gebaut wurde, wie damals üblich, in sogenannter Skelettbauweise und diese Bauform hat man bei der Sanierung auch „sichtbar“ gemacht. Zudem konzipierte Haesler einen Quertrakt mit sieben zweigeschossigen Einfamilienhäusern, die einst Lungenkranken vorbehalten waren. Lassen wir aber Haesler selbst über sein Projekt sprechen: „... Selbstverständlich war es, die Anstrengungen nach Verbilligung der Wohnungen und Senkung der der Mieten zu erhöhen ... Die monatliche Miete der kleinsten Wohnung betrug 12 Reichsmark ... Die zentrale Wäscherei und die zentrale Badeanlage waren dem zentralen Heizungsgebäude angegliedert ... Zwei Längszeilen mit Ost-West-Ausrichtung erhielten die jeder Wohnung zugeteilten Gartenstücke zwischen diesen Zeilen ... Ein Teil der Wohnungen wurde möbliert, die Küchen ausnahmslos.“

Wäscherei und Badeanstalt sowie ein Block der Wohnsiedlung sind heute Bestandteil des Otto-Haesler-Museums, das Arbeiterwohnkultur bewahrt, die an anderen Orten längst verschwunden ist. Zugleich verrät der Blick in die vier Wände der museumseigenen, zugänglichen „Musterwohnungen“, wie beengt der Wohnraum war. Es gab Vier-, Drei- wie auch Zwei-Betten-Wohnungen, in denen jeder Quadratzentimeter genau verplant und verbaut war. Zur Zeit der Entstehung der Siedlung war ein Heizwerk vor Ort und „Fernwärme“ eine besondere Errungenschaft. Beheizt werden konnte nur der Wohnraum. Küche und WC – dieses war integraler Bestandteil der Wohnung und nicht etwa auf dem Treppenabsatz – hatten keine Verbindung zum Heizwerk der Siedlung. Für die Körperpflege stand in den Wohnungen nur ein Waschbecken zur Verfügung. Wer also eine Dusche oder ein Vollbad nehmen wollte, ging ins zentrale Badehaus mit seinen vier Brausen und drei Wannen. Diese standen Mietern aus 88 Wohnungen zur Verfügung.

Wohnanlage Blumläger Feld in Celle

Farbig gestaltetes Treppenhaus in der Wohnanlage Blumläger Feld

Der „Museumstrakt“ erstrahlt ganz in Weiß, sieht man einmal von dunkelroten Fensterrahmen ab. Die Treppenhäuser sind gleich in drei Farben gehalten: Rot für die Stufen, Blau mit einem roten Absatzstrich für den Wandsockelbereich des Treppenbereichs und ansonsten Lachsfarben. Man sieht also, Haesler hatte durchaus Mut zur Farbe.


Weitere Informationen

Otto Haesler Stiftung Celle
www.haeslerstiftung.de

Otto-Haesler-Museum
Rauterbergweg 1
29221 Celle
info@haeslerstiftung.de
Öffnungszeiten: jeden 1. So im Monat 15:00 – 18:00 Uhr und n. V.

Galerie im Haesler Haus
Magnusstr. 5
29221 Celle
www.galerie-jochim.de

Zum Weiterlesen

Otto-Haesler-Stiftung Celle (Hrsg.): 80 Jahre – Neue Volksschule Celle Otto Haesler, Celle o. J., ISBN 978-3-925902-68-0 Die Veröffentlichung enthält nicht nur einen Beitrag Haeslers über die Altstädter Schule, sondern auch von Kurt Schwitters über den Architekten Otto Haesler, der nicht nur in Celle, sondern auch in Eutin und Rathenow.



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