Österreich
Radwandern im Burgenland

Text:
Winfried Dulisch
Fotos zur Verfügung gestellt vom Landesverband Burgenland Tourismus
Burgenland. Sogar viele Österreicher denken bei dieser Region nur an den Neusiedler See - jenen zwei Meter tiefen Steppensee, den die Surfer im Sommer mit ihren Brettern oberflächenversiegeln. Außerdem gibt es da noch Zigeunermusik. Und natürlich den Burgenländer Wein.
Das Burgenland kam 1921 als letztes Bundesland zur Alpenrepublik und verdankt seine Existenz diplomatischen Winkelzügen, mit denen österreichische Gebietsverluste nach dem Ersten Weltkriegs kompensiert wurden. An seiner engsten Stelle ist dieser kartographisch lieblos zerstückelte Zankapfel aus der k.u.k. Konkursmasse fünf Kilometer breit und schlängelt sich von der Slowakei aus ungefähr 350 Kilometer an Ungarn vorbei zur slowenischen Grenze.
Metereologen attestieren dem Nordteil des Landes phantastische Werte: Hier im sonnigsten Teil Mitteleuropas herrschen die höchsten Temperaturen von Österreich. Unten im hügeligen Südburgenland sind die Sommer weniger heiß, der Winter ist mild, Frühling (Obstblüte) und Herbst (Weinlese) sorgen bei angenehmen Temperaturen für ideale Radwander-Bedingungen.

Wäre da nicht diese Berg-Etappe (700 Meter Höhenunterschied) im mittleren Burgenland - die Nord-Süd-Passage von der Leitha bis zur Raab würde sich als Sieben-Tage-Rad-Wanderung empfehlen für jene, die nach den sprichwörtlichen Blümchen am Wegesrande suchen. Aber so ist es eher ein Drei-/Vier-Tage-Trip für Mountain-Biker. Weniger durchtrainierte Burgenland-Entdecker sollten die halbe Stunde von Deutschkreutz nach Mattersburg mit dem Regionalzug fahren.
Die am deutschen Bahnhof erteilte Auskunft "Fahrradmitnahme begrenzt" kann überhört werden. ÖBB-Schaffner haben ein Herz für Radler. Aber nicht vergessen: ICEs nehmen keine Räder mit!
Alle Fernbahnverbindungen in das Burgenland führen von Deutschland aus über Wien. Eine halbe Stunde benötigt der EC von Wien-Westbahnhof nach Bruck an der Leitha, dem touristisch unattraktiven Verkehrsknotenpunkt im Nord-Burgenland. Dort am besten sofort aufs Rad, gemütlich die paar Kilometer nach Neusiedl am See rollen.

Am Neusiedler See
in den Weinbergen
Dort war lange Jahre „der Koarl“ die beste Informationsquelle für Neuankömmlinge. Eigentlich hieß der alte Herr mit dem langen weißen Bart Karl Eidler. Aber auch die Neusiedler kannten nur den Vornamen des Hobby-Museumsdirektors und Oral-Historikers. Allen, die ohne Eile das Burgenland erfahren wollen, gab er gerne Reisetipps: "Interessiert dich der Winzer, der den McLaren-Formel-Eins-Rennstall beliefert? Dann musst du links um den See rum zu Willi Opitz nach Illmitz fahren. Dieser Radweg durch einen Canyon aus meterhohem Schilfgras liegt in einem weltweit einmaligen Vogelschutzgebiet." Wer statt ökologischer Reservate lieber architektonische Liebenswürdigkeiten suchte, dem empfahl der Koarl das Städtchen Rust, wo auf pastellfarbenen Schornsteinen die Störche brüten. "Nach Rust radelst du den etwas hügeligeren Weg am Westufer des Neusiedler Sees entlang."
Seit der Koarl sein Pannonisches Museum geschlossen hat und in Pension gegangen ist, schwämt niemand mehr so schön mit burgenländischem Nationalstolz zum Beispiel vom Uhudler – diesem schweren Wein aus dem Südburgenland, der bis vor ein paar Jahren noch offiziell als ungenießbar galt und heute als Kultgetränk dem steirischen Schilcher den Rang abläuft. Und wenn der Koarl redete über die Müller im Süden, die aus den Kernen der dort wachsenden Kürbisse ein rauchig würziges Öl pressen, dann betonte er immer dieses "Kalt gepresst. Aber leider dürfen sie es nicht Steirisches Kernöl nennen, weil ihre Kollegen in der Steiermark sich dieses Recht haben reservieren lassen." Seit er im Altersheim lebt, überlässt Karl Eidler es den Profis, die jüngere Geschichte Pannoniens zu erforschen und den Besuchern nahe zu bringen.
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