Feine Sandbuchten an der Smaragdküste

Am
Mont St. Michel
Eine Stippvisite am berühmten Mont St. Michel, der gerade noch zur Normandie gehört, wollen wir uns trotz der Touristenströme nicht entgehen lassen. Mit unserem rollenden Heim übernachten wir in erster Reihe vor dem Klosterberg. Mehrere hundert Wohnmobile sollen es im Sommer sein, erzählt der Parkwächter bei der Einfahrt. Ein Glück, daß wir das Frühjahr für unsere Reise gewählt haben, wo in Frankreich noch keine Schulferien sind. Die 36 FF sind gut angelegt, denn so können wir die Silhouette im Schein des Dämmerlichts betrachten und das Kloster während einer Führung zur Abendstunde erleben.
Mit der Straßenkarte "Michelin 230" auf dem Schoß finden wir schnell unsere Nebenstraße, die uns nach Dol-de-Bretagne führt. Die etwas verträumte Provinzstadt kurz vor der Küste war im Mittelalter Außenposten der erwähnten Grenzbefestigung. Aus alter Erfahrung finden wir direkt am Kirchplatz eine Stellmöglichkeit für unser Gefährt, dazu noch mit einem idealen Blick auf den Dom. Im überschaubaren Zentrum haben zwei uralte Fachwerkhäuser aus dem Mittelalter die Zeiten überdauert.

Austern - garantiert frisch!
Die Straße D 155 führt uns weiter nach Cancale, direkt neben dem Deich an der Austernbucht entlang. Überall werden die berühmten Huitres de Cancale angeboten. Kilometerlange Muschelzäune staken bei Ebbe aus der extrem flachen Baie de Mont St. Michel, die Kutter liegen im Schlick. Wohnmobilfahrer haben es schwer ihr Fahrzeug am Kai abzustellen. Die Einfahrten zu den Parkplätzen in der ersten Reihe wurden meist durch Querbalken auf PKW-Höhe begrenzt. Wer noch nicht zu den Feinschmeckern gehört, kann sich bei einer Dégustation, zu der frisch geöffnete Austern mit Zitrone gereicht werden, von der lebenden Kostbarkeit überzeugen lassen.
Direkt bei Cancale beginnt die bizarre Smaragdküste, die sich über 120 km bis zum Cap Fréhel erstreckt. Wie auf einer Perlenkette reihen sich große und kleine Badeorte aneinander; hübsche, von Felsen eingerahmte Sandstrände wechseln mit steilen Aussichtskaps.
St. Malo "par la côte" heißt für uns die Devise. Die Küstenstraße windet sich von einer Bucht zur anderen, kleine Badestrände, schroffe Felspartien - nur im Schneckentempo geht es voran. Hier schauen, dort fotografieren - überall leuchtet Stechginster in knalligem Gelb. Die Abendsonne zaubert zusätzlich ein warmes Licht über die Küstenlandschaft. Eigentlich müßte man sich die ganze Strecke zu Fuß auf dem Küstenwanderweg erschließen, aber...
Intra Muros - nennt sich die sehenswerte Innenstadt von St. Malo. Nach dem letzten Weltkrieg im alten Stil wieder aufgebaut, wird sie von einem komplett begehbaren Stadtmauerring umschlossen. Abends gehört der Bereich weitgehend den Fußgängern, wo zur Saison Gaukler, Porträtisten und bretonische Musikgruppen ihr Publikum unterhalten. "An lauen Sommerabenden verwandelt sich die Altstadt in ein riesiges Open-Air-Restaurant" erzählt uns der Kellner zwischen dem ersten und zweiten Gang unseres vorzüglichen Dinners. Jetzt, zur Vorsaison, bleibt für ihn noch Zeit für einen kurzen Plausch.

St. Malo
Einige Campingplätze nahe dem Meer und vielseitige Ausflugsmöglichkeiten machen die ehemalige Korsarenstadt zu einem der attraktivsten Stopps unserer Bretagnetour. Wie viele Urlauber nutzen auch wir St. Malo als Sprungbrett, um mit einem der Schnellboote in gut einer Stunde nach Jersey, der größten der britischen Kanalinseln, zu kommen. Für Wohnmobile sind die Straßen auf den kleinen Inseln viel zu schmal, doch mit dem Fahrrad lassen sich die vielen teilweise kuriosen Sehenswürdigkeiten sehr bequem erreichen.
Im Hinterland hat Dinan sein mittelalterliches Ortsbild weitgehend bewahrt. Die ehemalige Stadt der Tuchmacher liegt malerisch oberhalb der Rance und ist bei Flut auch im Ausflugsboot von St. Malo aus zu erreichen. Auf dem 70 m hohen Sporn ist sie komplett von Stadtmauern umgeben; in den einstigen Zunfthäusern wird ausgefallenes Kunsthandwerk angeboten und in der Burg erfahren wir einiges über die Trachten, die früher in der Region getragen wurden. Dank eines Tips, den wir gestern bekommen haben, probieren wir nun »Bakalao«, ein aus Stockfisch zubereitetes Püree. "Diese Rezept haben einst die Fischer von ihren Fahrten nach Neufundland mitgebracht" klärt uns Mme Pauwel auf, die das Fischrestaurant »Auberge des Terres Neuves« führt. Auch die Zubereitung der Jakobsmuscheln und Kabeljaukrapfen, die sie uns als Vorspeise empfohlen hat, stammt aus alten Rezepten.
Mit einem Gezeitenunterschied von 13 m hält die Nordbretagne den absoluten Europarekord. Immer wieder begeistert uns das Schauspiel des Meeres aufs Neue; wenn bei Ebbe die kleinen Fischerhäfen leerlaufen und die Boote allmählich in den Schlick sinken, wenn zur »basse marée« lange Sandstrände freigelegt werden und die Muschelsammler anrücken. Nach gut 6 Std. rollen dann die Wassermassen wieder auf die Küste zu, Landnasen werden zu Inseln, ewig weite Sandstrände schrumpfen auf Handtuchbreite zusammen. Bei Sturm spritzen dann haushohe Brecher wie Fontänen über die Kaimauern.
Zur Stromerzeugung wird der unermüdliche Wechsel im Gezeitenkraftwerk an der breiten Rancemündung zwischen den Seebädern Dinard und St. Malo genutzt. Bei Spitzenzeiten speisen die 24 Turbinen soviel Strom ins Netz, wie ein kleines Kernkraftwerk liefern würde.
Am Cap Fréhel zeigt die Landschaft der Nordküste noch einmal ihre rauhe Schönheit: Gut 100 m fallen die rotbraun schimmernden Felsen gleich neben unserem Wohnmobil senkrecht ins Meer ab. Auf den vorspringenden Felsnadeln brüten große Kormorankolonien und mehrere Tausend Möwen verschiedenster Art. Bei einem Spaziergang auf dem Küstenwanderweg pfeift uns der rauhe Seewind um die Ohren und übertönt manchmal sogar das Geschrei der Vögel. Der anstrengende Aufstieg zum Leuchtturm wird mit einem noch weiteren Panorama belohnt. So verzaubernd die Landspitze auch sein kann, über Nacht werden Wohnmobile nicht toleriert. Dafür gibt es im 5 km entfernten Pléhérel - Plage einen wunderschön Campingplatz in den Dünen mit Blick zum Cap und feinen Bademöglichkeiten.
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