DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Aufbruch im Sertão – Brasiliens Hinterstube 

Text und Fotos: Ralf Falbe 

Der Linienbus aus Salvador da Bahia (1) schiebt sich langsam durch die nächtliche Trockensavanne. Leere Landstraßen und leere Kleinstädte im Dunkeln. Im Bus arbeitet unbeirrt die Klimaanlage und kühlt die schlafenden Körper der Reisenden, die sich in eigene Decken gehüllt haben. Hin und wieder klingelt ein Mobiltelefon, um die Ankunftszeit der Lieben zu erfragen. Später steht dann an irgendeiner gottverlassenen Tankstelle ein staubbedeckter Pick-up und eine müde Familie schließt sich erschöpft in die Arme. Am Ortsausgang ein Checkpoint der Militärpolizei, die Männer vor ihrem Jeep in schusssicheren Westen und mit Sturmhauben maskiert. Der Busfahrer wird lässig gegrüßt und schon rumpelt der Linienbus weiter von der staubigen Dorfpiste auf die leere Landstraße. Zumindest heute haben Banditen und Traficantes, die gut organisierten Drogenschmuggler, schlechte Karten.

Brasilien - Busbahnhof von Paulo Afonso im Sertáo
Busbahnhof von Paulo Afonso im Sertáo

Als es dämmert, erreichen wir Paulo Afonso (2) am Rio São Francisco, dem zweitgrößten Fluss Brasiliens nach dem Amazonas. Geschnürte Pappkartons und karierte Koffer werden entladen, während Neugierige die müden Reisenden unverhohlen mustern. In der Wartehalle dämmert ein gutes Dutzend Menschen auf Holzbänken im Neonlicht vor einem viel zu kleinen Fernseher. Die Taxifahrer spähen nach Beute und kurz darauf die erste Ruhepause in einem kleinen Hotel, das nach stundenlanger Fahrt zu einem gefühlten Viersternehaus mutiert. Ein weiches, sauberes Bett versöhnt mit der Welt und draußen erklingt der Forrò, die allgegenwärtige Folklore- und Country-Musik des Nordostens.

Rio Sáo Francisco - zweitgrößter Fluss Brasiliens nach dem Amazonas. Menschen baden im Strom und reinigen ihre Wäsche
Rio Sáo Francisco - zweitgrößter Fluss Brasiliens nach dem Amazonas.
Menschen baden im Strom und reinigen ihre Wäsche

Paulo Afonso wurde im frühen 18. Jahrhundert von den portugiesischen Eroberern um Garcia d`Avila entdeckt, als diese den Rio São Francisco aufwärts fuhren. Die Schönheit der Region und sein Wasserreichtum gaben rasch den Ausschlag dafür, auf der großflächigen Flussinsel zu siedeln. Im Jahre 1958 wurde hier die heutige Stadt Paulo Afonso gegründet, die mittlerweile über 100.000 Einwohner zählt. Im Vierländereck von Bahia, Sergipe, Alagoas und Pernambuco wurde später der gleichnamige Nationalpark eingerichtet, der unter Brasilianern als beliebtes Outdoor-Eldorado gilt: die außergewöhnlich schöne Landschaft wird bestimmt durch das Naturreservat „Raso do Catarina“, welches von kakteengesäumten Canyons und wilden Schluchten dominiert wird. Beliebt sind die Fahrten mit einem Katamaran unter die 110 Meter hohe Bogenbrücke, die südöstlich der Kleinstadt Paulo Afonso den reißenden Rio São Francisco überspannt. Kanufahrer und Mountainbiker genießen hier die einsame Wildnis, während die gemütlichere Fraktion an den Prainhas, den Flussstränden im Zentrum, verweilt.

Sertao

Eine weitere Touristenattraktion ist der Paulo-Afonso-Wasserkraftkomplex. Er besteht aus fünf Kraftwerken und mehreren Talsperren, wurde in den 1980er Jahren als erstes großes Kraftwerk Brasiliens in Betrieb genommen und versorgt noch heute große Teile des Nordostens mit Elektrizität. Die berühmten Paulo-Afonso-Wasserfälle sind hier bis zu 80 Meter hoch und weit über die Region hinaus bekannt.

Das Klima ist geprägt von der trockenen Hitze des „Sertão“, der Halbwüste, die oft genug für Dürreperioden und geringe Niederschlagsmengen verantwortlich ist. Rinderwirtschaft und Großgrundbesitz mit teilweise mittelalterlichen Strukturen prägen noch heute das Interior, wie die Steppenlandschaft des brasilianischen Nordostens genannt wird. Die Menschen sind Fremden gegenüber herzlich und aufgeschlossen, geprägt von den harten Lebensbedingungen. Die ärmsten Bevölkerungsschichten werden weiter in die Küstenstädte oder in den Süden abwandern, aber der wachsende Ökotourismus und ein wirtschaftlicher Aufschwung lässt einen bescheidenen Wohlstand nicht übersehen. Der Taxifahrer jedenfalls gibt sich aufgeräumt:“Mir gefällt mein Job und jeden nehme ich nicht mit!“ Einziges Problem: die vielen Volksfeste – dann steigen oft Betrunkene mit Pinkelflecken in der Hose in sein schönes Taxi und ruinieren die makellosen Stoffsitze.

Weitere Brasilienbeiträge des Autors:
Auf Fitzcarraldos Spuren. Amazoniens wilde Inselwelten
Alltag in der Favela. Parallelwelten in Salvador da Bahia
10 Insidertipps zu Bahia
Der schönste Strand Brasiliens. Jericoacoara
Lençóis Marenhenses. Brasiliens unbekannte Sahara
Outdoor-Eldorado für den Aktivurlaub. Das Parnaiba-Delta in Brasilien
Last Frontier. Amazoniens unbekannte Surfspots



Reiseinformationen zu diesem Reiseziel

Reiseveranstalter Brasilien





Kalender Surfing Spots Bahia Brasilien

Surfspot Itacaré / Bahia
Kalender des Autoren für 2014

Twitter
RSS