Klar sind wir gut, wahnsinnig gut sogar nach dem Urteil der Jury - und deshalb bei der Sieger-Parade am Sonnabend nach Aschermittwoch wieder dabei. Noch gelöster, lockerer, denn es geht nicht mehr um Sieg und Platz, wir überziehen die vorgeschriebenen achtzig, neunzig Minuten nach Herzenslust, egal.

Die Fotos in den Zeitschriften, die Fernsehbilder rund um den Erdball übertreiben wahrlich nicht - Karneval in Rio ist die größte Show der Welt. Neben dem Sambodrome, im Terreirao, einem riesigen Festplatz, strömen alle zusammen. Großfamilien als Ganzes, sogar die Hochschwangeren bleiben bis zum Morgengrauen. Mädchen, Jungen, keine sechs Jahre alt, singen, tanzen aufreizend wie die Alten. Erotik und Sinnlichkeit, sagt man, wird von den Brasilianern als wichtiger Teil ihrer kulturellen Identität gesehen - da kann man Körperbewusstsein offenbar nicht früh genug trainieren.

Ist es erlaubt die Love-Parade in Berlin mit dem Spektakel in Rio zu verwechseln? Nein. Punktum. "Unser Karneval ist ein feminines Fest, eine sexuelle Utopie", schwelgt Tags darauf ein Starkolumnist in seiner Gazette, "Die Sexualität der Frauen wird Brasilien retten, vögeln ist bei uns Brasilianern soooo herrlich mit Musik, dem Essen, mit Spaß und Spielerei verknüpft!"

Krönender Abschluss und irrwitziger Höhepunkt des Rio-Karnevals ist wie immer das hemmungslose Treiben am Faschingsdienstag. Man hat sich in Rage getanzt, trägt nicht mehr viel am Leib, kann die Grenzen von Ethik und Moral vielleicht nicht mehr erkennen. So auch bei der Grande Gala Gay in der Scala, Rio de Janeiros mondänstem, größtem Showpalast, auf mehreren Etagen.
Solcherart Szenarien sind undenkbar in Europa, den USA, den anderen lateinamerikanischen Ländern, selbst in anderen brasilianischen Millionenstädten. Ein Grund mehr für manchen europäischen Schwulen, für immer an den Zuckerhut zu ziehen. Auch sind die Schwulen-Partys sicher, während zahlreiche Hetero-Karnevalsbälle in der Scala schon von Schüsse unterbrochen wurden. Es gab Tumulte, Schlägereien, Panik - bei den Schwulen nie. Brasiliens Schwulenszene ist absolut unvergleichlich - ich fühle mich wie im Himmel, obwohl ich mich "zum anderen Ufer" als die meisten der hier Anwesenden zähle.

Auf der Bühne heizt ohne Pause die Samba-Kapelle ein. Unten, in den beiden immer überfüllten Sälen tobt das tosende, frenetische Leben. Jetzt oder nie! Noch einmal drehen alle auf, von abends zehn bis morgens fünf. Es paradieren Strich- oder Show-Transvestiten mit enormen Silikonbrüsten und -hintern; Frauen, nicht Wenige halbnackt. Sie alle tanzen auf Tischchen und Stühlen - ein Jeder hat Jeden gern. Ob Homo- oder Heterosexuell. Und jeder ist zur Grande Gay Gala gern gesehen.

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