DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Den Text könnte ich im Schlaf singen, hundert Mal und häufiger bei den Proben gesungen. Was sage ich: Proben? Es sind in Wahrheit ausgelassene Tanzfeste, Vorgeschmack zum richtigen Karneval. Jetzt schmettere ich den Song lauter denn je, winke den zigtausenden auf den Rängen, in den Logen zu. Diese Leute sind wie wir völlig aus dem Häuschen. Eigentlich soll unsere Ala einer Choreographie folgen - doch daraus wird ein herrliches Chaos, alles geht wild durcheinander, Spieltrieb regiert, alle springen nach vorn, nach links, nach rechts, albern tanzend mit den anderen herum. Dreher, Schlenker, Pirouetten, man kommt auf Schrittkombinationen, die einem vorher nie einfielen! Es funktioniert phantastisch, steckt an - der Trommelrhythmus wirkt anregend, wie Champagner und zehn starke Expresso zusammen, versetzt in eine Art Trance, in Ekstase und Euphorie. In dem Stil geht es die ganze Strecke entlang, wird immer besser, wilder, toller - ich ertrinke in diesem Farbenspiel, diesem Farbenbad. Meine Empfindungen sind nahezu unbeschreiblich, ein Rausch, den ich als anderer Mensch verlasse. Sogar Augenflirts funktionieren, viele, nur Sekunden lange, doch ganz heiße mit den Frauen, die sich so nahe wie möglich an die Piste drängen.
Theoretisch ist das Ganze unheimlich Kräfte zehrend - doch am Pistenende fühle ich mich noch Energie geladener als vorher, will umkehren, um noch einmal von vorne anzufangen.

Diese Erfahrung ist mir aus der Parade im Vorjahr bekannt, weshalb ich dieses Mal vorgebaut habe, in dem ich, wie viele andere Karnevalssüchtige bei zwei Sambaschulen mitwirke. Das heisst: zurück rennen zum Start, die eher simple Feuerblitz-Fantasia von Estacio vom Körper gerissen - rein in lila Hosen und Luxus-Glitzerstiefel, Uniform der weit berühmteren Sambaschule Mangueira. Auf dem Kopf balanciere ich jetzt etwa einen Meter Mangofrüchte (aus superleichter Plaste natürlich).

Und schon geht´s wieder los: die Kommandos, die Pfiffe, das irre Feuerwerk, die Böller, die Trommeln und der andere Samba Text von Mangueira (heißt Mangobaum in der Übersetzung). Wir tanzen die Geschichte dieser Escola de Samba und dieser Frucht. Natürlich fehlen frivole Anspielungen nicht. Jetzt bin ich - wie die anderen - erst recht in Fahrt, habe erst recht das Gefühl, ich könnte Tage lang so weitertanzen. Dieser herrliche, süchtig machende Rausch darf nie aufhören!

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