DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

BRASILIEN

Karneval in Rio

Text und Fotos: Klaus Hart

Zur alljährlichen Karnevalszeit verwandelt sich der ansonsten schon nicht prüde Life Style Rio de Janeiros um viele Quanten mehr zum Frivolen, zum Ausgelassenen, zum Hemmungslosen. Das ist die Zeit des Jahres, wenn auch Klaus Hart, der in der Vergangenheit mehrere Jahre in Brasilien lebte, außer Rand und Band gerät und - hinterher, beim Nachhausekommen nach Berlin nicht mehr weiß, was er eigentlich in dieser pragmatisch-orientierten Umwelt verloren hat.

Gewimmel, Getümmel abends um acht, fern der Copacabana auf der Avenida Presidente Vargas im Zentrum Rios: Zehntausende sind unterwegs, um die Stelle zu finden, an der sich ihre Escola de Samba für die Parade aufstellt. Und ich mittendrin, kostümiert als Feuerblitz.
Estacio heißt die Sambaschule, der ich angehöre. Sie ist eine der ältesten Rios, und in einer Stunde zeigen wir den hundertfünfzigtausend Zuschauern vor uns im Riesen-Sambodrome und den Millionen vor den Fernsehern, wie sich die Indianer die Erschaffung der Welt vorstellten. Fünftausend ihrer Nachkommen machen mit, verkleidet als gute und böse Geister, Hexen und Teufel. Auf den gigantischen Allegorienwagen, um die zehn Meter hoch, werden rauschende Szenen zelebriert, spielen sich wahre Opern ab.
Meinen Paradeblock, die Ala, erkenne ich von Weitem an den Farben. Meine Freunde, um die zweihundert und aufgedreht wie ich, tragen das gleiche Kostüm, Fantasia genannt - zusammengebastelt von einer Großfamilie in einer winzigen Wohnung der ärmlichen Slum-Nordzone Rios, Preis umgerechnet etwa zweihundert Mark.

Dann sind die fünfzehn Allegorienwagen aufgereiht, auf ihnen tummeln sich Karnevals-Stars in wahren Superkostümen. Manche der Kreationen kosten bis zu dreihunderttausend Mark. Baukräne hieven spärlich bekleidete Mulatas zu ihren winzigen Tanzplattformen nach oben, mit Leitern käme man gar nicht so weit hinauf. Wenn´s los geht, setzt eine Kreiselpumpe einen künstlichen Wasserfall in Gang - unter dem nackte Frauen baden. Und weil der Beginn der Show nicht mehr fern ist, sind die Evas schon in Position. In keiner anderen Sambaschule, wie in unserer Estacio machen so viele Schwule mit. Klar, dass ihr Beitrag zur sinnlichen Exotik unserer Darbietung unübersehbar Pfeffer in´s bunte Ambiente bringt.

Im Umfeld der Wagen werden die künstlerischen Leiter immer nervöser, flitzen umher. Auch meine Ala hat ein paar, die aufpassen, dass alles richtig läuft - denn gleich, gleich geht´s los. Die Sambaschule vor uns hat die Sambodrome-Piste erreicht. Jetzt sind wir an der Reihe! Ein tolles Gefühl, wenn mit Trillerpfeifen die letzten Kommandos gegeben werden, unsere Bateria, natürlich die Beste, wie wild los trommelt, Böller krachen, ein irres Feuerwerk in den nächtlichen Tropenhimmel schießt und ganz Rio verkündet, dass jetzt Estacio die Massen von den Sitzen reißt. Ein Begeisterungsschrei aus fünftausend Kehlen begrüßt uns! Wir springen hoch und hinein in den Rhythmus unseres Estacio-Sambas! Wir wollen gewinnen!

Seite 1 / 2 / 3 / 4 / zur Startseite




Reiseveranstalter Brasilien




Twitter
RSS