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Auf Fitzcarraldos Spuren

Amazoniens wilde Inselwelten

Text und Fotos: Ralf Falbe 

Das Flussboot dümpelt in der Dünung, im fest verschraubten Bordfernseher läuft eine neue Zeichentrickfolge von Pica-Pau, dem in ganz Brasilienbeliebten TV-Buntspecht. Die Seeleute verfolgen gespannt das Spektakel auf der Mattscheibe, während allmählich weitere Fahrgäste über die wankende Mole einlaufen. Man verteilt Kartons und Plastiksäcke unter den Holzbänken, sichert sich die besten Plätze für die Überfahrt. Vom Ver-o-Peso Markt dringt laute Musik herüber, nebenan sorgt das Boot aus Barcarena für steile Bugwellen.

Flussboot

Endlich werden die Leinen gelöst und der hustende Dieselmotor lässt die morschen Schiffsplanken erzittern. Kinder greifen nervös zu Spucktüten und alte Männer ziehen bedächtig an ihren ausgekauten Zigarillos. Die Skyline von Belém wird kleiner am Horizont, das Boot entfernt sich rasch in Richtung Rio Guajará, einem entfernten Nebenfluss des legendären Amazonas. Ein Schubverband mit drei Lastkähnen zieht am Horizont vorbei, während am Himmel dunkle Wolken aufziehen. Wir nähern uns bereits der Ilha Nova in der Baia do Guajará, als der Tropenregen über das kleine Boot hereinbricht. Hastig löst die Crew die hochgebundenen Plastikplanen über der Reling, innerhalb weniger Minuten ist das Boot wetterfest verpackt. Das beeindruckende immergrüne Tropenpanorama schrumpft auf wenige Gucklöcher in den Planen.

Waran

Schlingernd erreicht das marode Holzboot die Insel Cotijuba (1) im Amazonas-Delta. Vor Ruinen im Regenwald warten bereits Pferdekutschen, Moped-Taxis und die Bondinho – ein Traktor mit mehreren Anhängern im Schlepptau – auf die Reisenden. Cotijubas Flussstrände gelten als legendär, allen voran die beiden Buchten Praia do Vai-quem-quer und Praia do Farol, welche gerade am Wochenende viele Besucher aus dem nahen Belém anlocken. Und so trifft man hier weniger auf eine globale Traveller-Gemeinde, als vielmehr auf brasilianische Touristen aus der wohlhabenden Mittelschicht. Man gibt sich lässig, spielt Fußball am Strand, badet in Südamerikas größtem Strom oder verbringt den Tag im Schatten der vielen Strand-Barracas.

Am Strand

Im Dorf dagegen säumen einfache Holzhütten und schmucklose Zweckbauten aus Stein die unasphaltierte Hauptstraße. Auf dem kleinen Markt werden geschlachtete Rinder und fangfrischer Amazonasfisch feilgeboten, während Wasserbüffel schwere Karren durch den Morast ziehen. In der Regenzeit verwandelt sich die staubige Piste in einen schlammigen Acker, in dem selbst Schuhe stecken bleiben. Daneben im Schatten serviert ein junges Mädchen Kaffee und Teigtaschen für kleines Geld, der mobile Stand ist mit wenigen Brettern und Holzhockern schnell errichtet.

Rinderbeine

Am Dorfeingang dann ein Gespräch mit Lion, der gerade sein Haus verlassen will. Er schwärmt von seiner Insel, von der wilden Natur und der ursprünglichen Schönheit des großen Stroms vor seiner Haustür. Kriminalität? Kein Problem auf Cotijuba, hier würde die Langfingerrate bei gefühlten 1 Prozent liegen. Man kennt sich, ist in der Wildnis bei Schwierigkeiten aufeinander angewiesen. Und der gefürchtete Jaguar? „Nicht auf Cotijuba“, betont Lion, hier gäbe es keine gefährlichen Großkatzen, lediglich Anakondas und Wasserbüffel. Erleichterung macht sich breit.

Wasserpflanzen

Später am Praia do Farol dann ein Bad im Nebenfluss des legendären Amazonas, während ein sportliches Pärchen aus Belém im einsetzenden Abendregen am Ufer joggen geht. Aus der Ferne hört man das dumpfe Bollern eines schweren Dieselmotors und dann zeigt sich am Horizont ein kleiner Dampfer, der sich zwischen vielen grünen Inseln hervorschiebt. Das Boot kommt im regenverhangenen Dunst näher und man erkennt drei halbnackte Männer an Bord, die das Ankermanöver vor Cotijuba vorbereiten. Die Kette rasselt in den Fluss. Die Fischer breiten ihre Hängematten an Deck aus und ihre Silhouetten verschwinden rasch in der einsetzenden Tropendämmerung. Der große Strom Südamerikas – hier vereint er alle auf eine besondere Weise, lässt uns teilhaben an Freiheit und Weite.

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