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Die Fischer von Suriqui

Unterwegs am Titicacasee

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Bolivien - Titicacasee

Bevor er zum Eigentlichen kommt, verrät der Schamane von Huatajata noch kurz das Wesentliche: 2:1 führt Brasilien im Länderspiel gegen Bolivien, und man ahnt, dass der Mann namens Benjamin jetzt lieber vor dem Fernsehschirm in der Hotellobby mitfiebern würde, als seine Künste vorzuführen. Doch pflichtbewusst beschwört der Heiler die Götter, kippt ein Gläschen Schnaps ins Feuer und wäre jetzt bereit, die Coca-Blätter zu werfen, um daraus den Besuchern Antworten auf ihre persönlichsten Fragen zu lesen.

Das Feuer lodert im Halbdunkel des Museums des Inca Utama Hotels, hinter dem Mann in Poncho und bunter Ohrklappmütze stapeln sich pittoresk Kräuterbündel, Fläschchen und kleine getrocknete Reptilien. Benjamin ist der Heiler des Dorfes und kommt auf Anforderung ins Hotel. Er sieht, sagt er, seine Fähigkeiten eher als homöopathische Variante der Medizin, und versichert, Erkrankte, bei denen er nicht weiterkäme, stets an ausgebildete Ärzte zu verweisen.

Traditionelle Heiler

Die Heilkunst hat eine lange Tradition in Bolivien, und die, die sie ausüben, die Kallawayas, haben immer noch einen großen Einfluss. Davon erzählt ein Film, den jeder Besucher des Museums zur Einstimmung sieht, und der Rundgang illustriert ihre Tätigkeit mit einer Sammlung all der Vögel, Reptilien und Pflanzen, die gegen Zipperlein taugen, mit Amuletten für die Reise, baldigen Reichtum oder eine glückliche Ehe und mit getrockneten Lama-Föten, die als Opfer vergraben werden.

Benjamin habe mit seinen Diagnosen auch bei Touristen oft erstaunlich richtig gelegen, meint Reiseführer Rodrigo später. Trotzdem sieht er die Tätigkeit der Heiler kritisch: Erst vor wenigen Wochen sei ein junger Mann in der Gegend erkrankt und innerhalb von drei Wochen gestorben. Der Kari-Kari, ein böser Geist, sauge sein Fett aus, habe der dortige Kallawaya behauptet, und im Krankenhaus sterbe er erst recht. Hinterher gab es keine Obduktion und die Frau des Toten wurde aus dem Dorf gejagt. "`Armes Bolivien` steht auch für `dummes Bolivien`", sagt der 40-jährige, der in Deutschland aufgewachsen ist, bitter. Und so klar wie nur an wenigen Orten spürt der Besucher, dass das Fremde fremd bleibt und wie sehr jedes Gefühl der Annäherung Illusion ist.

Bolivien - Blick auf den Titicacasee mit der Königskordillere
Blick auf den Titicacasee mit der Königskordillere

Der Titicacasee in 3800 m Höhe ist 13 mal so groß wie der Bodensee und hat die Form eines Pumas, der ein Kaninchen jagt. Das "Andenmeer", das sich Peru und Bolivien teilen, gilt als Keimzelle des Inkareichs, Götterglaube, Rituale und Mythen sind hier immer noch zuhause. Und wer nach einer eiskalten Nacht morgens am nebligen Ufer fröstelnd darauf wartet, dass die Sonne aus dem Grau bricht, versteht, warum ausgerechnet der Sonnengott als Lebensspender und oberster aller Götter verehrt wurde und wird.

Bevor das Tragflügelboot zu den Heiligen Inseln im See ablegt, lädt Demetrio Limachi zu einem Besuch in sein "Ra II-Haus" ein. Demetrio, heute 62, und seine beiden Brüder haben einst die berühmten Schilfboote gebaut, mit denen der norwegische Forscher Thor Heyerdahl Meere überquerte.

Bolivien - Demetrio Limachi auf dem Nachbau der Ra II
Demetrio Limachi auf dem Nachbau der Ra II

Demetrio erzählt anhand von Landkarten, Fotos und Modellen der verschiedenen Boote routiniert von den sechs internationalen Expeditionen, an denen er mitgearbeitet hat. Außerdem, sagt der Vielgereiste höchst abgeklärt, fühle er sich durchaus wohl als quasi lebendes Ausstellungsstück des "Pueblo Andino", zwischen Lehmhütten, Alpacas und der Hutmacherwerkstatt. Und schwingt sich zum Abschied noch schnell gekonnt auf den Nachbau der Ra II, für das ganz besondere Foto.

Besuch einer Uru-Insel

Bolivien - Lorenzo Mendoza begrüßt die Gäste
Lorenzo Mendoza begrüßt die Gäste

Crillon-Tours, die Firma, die Hotel und Museen betreibt, hat gewissermaßen das ganze folkloristische Inventar des Altiplano, der Hochebene, die der See einst bedeckte, versammelt und zu einer bunten, leicht konsumierbaren Version des Landes und seiner Leute zugerichtet. Mehr noch: Ein paar Kilometer weiter auf dem See hat die Agentur vor drei Jahren ein nagelneues Uru-Dorf erbauen lassen. Die Uru-Völker wohnten einst auf Schilfinseln im See, weil sie dort vor Verfolgungen sicher waren. Ihre Nachfolger, um die 2000 Menschen, hausen heute auf 30 bis 40 Inseln in der Bucht von Puno auf der peruanischen Seite - und eben auch vor Huatajata. Lorenzo Mendoza, der Chef, begrüßt die Gäste auf Uru und Spanisch. Sechs Familien leben derzeit auf der etwa eineinhalb Meter dicken Schilfunterlage, die an Pflöcken im See vertäut ist. Zwei bis drei Wochen lang flechten sie Mini-Boote und Lamas als Souvenirs, bessern schadhafte Stellen im Boden aus und führen Touristen auf dem 20 mal 30 Meter großen Eiland herum: Dort ein neues Gewächshaus, in dem Tomaten und Rote Bete wachsen, im Topf ein paar Fische, die es im See gibt, und so funktioniert das Ligwi, ein Wurfschlinge, mit der man Enten fängt - sehr abgeklärt geben die Urus die Urus. Das alles ist so echt wie Disneyland, aber die Bewohner auf Zeit sind hochzufrieden: Bald kommt die Ablösung, dann geht es wieder zurück ins Heimatdorf am Desaguadero-Fluss, wo sie sich um die Felder kümmern. Arthritis, an der alle ihre Vorfahren ob der Feuchtigkeit litten, bleibt ihnen erspart. Und mittlerweile denken sie schon über den Bau einer zweiten Uru-Insel nach - ganz original.

Bolivien - Auf der schwimmenden Insel der Urus
Auf der schwimmenden Insel der Urus

Das ist die eine, die touristische Wirklichkeit. Und dann, draußen auf dem See, ist da plötzlich die andere: 20 bis 25 Boote liegen in Reihe, die Segel gerefft, Mast an Mast, und ganz langsam gleiten sie in einen Kreis, der das Netz im Wasser umschließt. Die Fischer von Suriqui, Männer wie Frauen, arbeiten, wie sie es seit Jahrhunderten gewohnt sind. Im klaren blauen Wasser spiegeln sich die Boote, der See ist gesäumt von einer erdbraunen Kruste und dahinter erheben sich die schneebedeckten Gipfel der Königskordillere - in diesem kostbaren Augenblick ist Bolivien wunderschön und ganz bei sich selbst.

Bolivien - Die Fischer von Suriki
Die Fischer von Suriki

Auf den Spuren der Inkas

Ein kurzer Abstecher führt auf die Mondinsel. Hierher, wo nur noch nachgebaute Mauern des einstigen Palastes stehen, brachten die Inkas junge Frauen. Ihre Aufgabe war es, die Sonne anzubeten, Stoffe zu weben und sich auf ihr kommendes Schicksal vorzubereiten - als eine von vielen Nebenfrauen eines Adligen, oder als Opfer an den Sonnengott Huicacocha. Einige stürzten sich vorher zu Tode, und sie soll das oberste Wesen verständnisvoll in sanftäugige, langbeinige Lamas verwandelt haben. Esoteriker aus alle Welt lieben solche Geschichten - erst vor ein paar Wochen, erinnert sich eine alte Frau, habe sich eine Gruppe verrückter Europäerinnen einquartiert und sei in den Nächten nackt über die Kraftlinien des Sonnenplatzes getanzt: "Chicas locas", schüttelt sie immer noch etwas fassungslos den Kopf.

Bolivien - Auf der Sonneninsel
Auf der Sonneninsel

Der mystische Ursprung des Inkareiches aber liegt auf der Isla del Sol, der 10 km langen und bis zu vier km breiten Sonneninsel mit ihren vielen Buchten. Wenn die Fähren in Yumani anlegen, wandert eine Prozession von Rucksacktouristen den steilen Weg ins Dorf hinauf, wo es Schlafplätze schon für umgerechnet zwei, drei Euro gibt. Die Inselbewohner vom Volk der Aymara-Indianer sehen den Zug mit Wohlwollen, zählen ihre Bolivares und denken über den nächsten Ausbau nach. Denn es herrschen Gründerjahre auf der Sonneninsel: Hier entsteht ein neues Restaurant mit gläserner Veranda, dort hat sich ein kleiner Laden innerhalb von zwei Jahren in eine respektable Lodge verwandelt. Das erste Internet-Cafe hat eröffnet, und die Schule verfügt jetzt über einen Computerraum, gestiftet von dem US-Schauspieler Jim Carey, als er letztes Jahr hier Urlaub machte.

Bolivien - Auf der Sonneninsel

So weit, so neu. Dazwischen aber transportieren Esel Getreidesäcke und Behälter mit lebenden Forellen - Autos gibt es auf der Sonneninsel sowenig wie Straßen, Polizisten oder Priester. Kinder hüten Ziegen und fragen schon mal nach Bonbons. Alte Frauen mit Zopf, Bowlerhut und gestrickten Leggins quetschen mit bloßen Füßen Kartoffeln aus, die im Wasser gelegen haben und anschließend getrocknet werden - bis zu zehn Jahren halten die so behandelten "Chunos".

Bolivien - Sonneninsel - In der Labyrinthstadt Chincana
In der Labyrinthstadt Chincana

Im Norden der Insel liegen die Heiligtümer: In den Ruinen der Labyrinthstadt Chincana nächtigten die Pilger. Vor dem Fels Titicala, in dem - mit etwas gutem Willen - ein Puma zu erkennen ist, stieg die Sonne in den Himmel, nachdem sie jahrelang auf der Erde versteckt war. Und auf der Steinplatte, die auf drei Felspfosten ruht, wurden ihr Jungfrauen geopfert - vielleicht an friedlichen Morgen wie diesem.

Der Weg zurück führt nach Challapampa. Am Hafen haben sich Dutzende von Männern und Frauen versammelt, rühren Mörtel, setzen Steine für ein Pflaster und zimmern einen Pavillon. Arbeit für die Gemeinschaft erledigen nach wie vor alle zusammen - wie es bei den Aymara Jahrhunderte lang üblich war.

Bolivien - Challapampa
Blick auf Challapampa

Trotz Handys und Außenbordmotoren - es ist eine archaische Welt am Titicacasee, in die die Menschen vieles aus der Vergangenheit herübergerettet haben. Beneidenswertes wie Fragwürdiges.

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