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Für die nächsten Tage gönne ich mir Ruhe, um mich zu akklimatisieren. Das heißt: viel schlafen und Wasser trinken, Zigaretten und das Glas Bier für später aufheben. Gut tut auch der bewährte mate de coca; heißes Wasser, mit ein paar Kokablättern, die man hier überall bekommt, und einem Schuss Honig. Ansonsten sei gesagt, dass jeder auf die Höhe anders reagiert.

Bolivien
Schmeckt ausgezeichnet: ein frischer Mate de Coca

Die einen laufen bereits nach zwei Tagen voller Tatendrang durch die steilen Straßenschluchten der Stadt, während die anderen sich nach einer Woche noch nächtens in ihren Betten wälzen und sich an ihren schlimmsten Kater erinnert fühlen. Angeblich hat ein neuseeländisches Wissenschaftler-Team heraus gefunden, wie man schon zu Hause feststellen kann, ob man höhentauglich ist oder nicht. Finger in den Hals stecken und am Rachenzäpfchen kitzeln! Wen starke Würgegefühle überkommen, der hat angeblich ein größeres Problem mit der Höhe als Nichtwürger. Wer´s glaubt? Mir jedenfalls geht es schlecht, ich sehe Sternchen und appelliere an meine roten Blutkörperchen sich schleunigst zu vermehren, um mich von der soroche, dem Höhenflash, zu befreien.

Ein Bett des im Kolonialstil erbauten Hostal República wird mir dabei behilflich sein. Das recht einfache Hotel liegt im Herzen von La Paz, hat aber zwei wunderschöne, ruhige Innenhöfe, die zum Verweilen einladen. Draußen auf der Straße wildes Gehupe, gemischt mit dem Geschrei aus Dutzenden von Sammeltaxi-Beifahrerkehlen mit der Ankündigung des nächsten Ziels. Ich schlendere durch das Auf und Ab der Straßen.

Getrocknete Lamaföten und andere Kuriositäten

La Paz ist keine Schönheit und so sind es wieder einmal die inneren Werte, die mein Herz höher schlagen lassen. Urige Lokale, kleine Gässchen und die vorwiegend indigene Bevölkerung ziehen mich in ihren Bann. An jeder Ecke sitzen cholas, Frauen der Aymara-Indianer, mit ihren typischen Bowler-Hüten und verkaufen ihre Waren. Pyramidenförmig gestapelte Apfelsinen in der Früchtestraße, Kochtöpfe, der Größe sortiert, in der Blechstraße, Glühbirnen in der Elektrostraße - alles in der Nähe der Calle Sagárnaga. Und wer der wichtigsten Gottheit der Hochlandindianer, der Pachamama, etwas Gutes tun will, der besorgt sich Opfermaterialien auf dem Hexenmarkt. Getrocknete Lamaföten, Lamafett, mystische Gewürze, Koka-Blätter und Fläschchen mit Heiligenbildern in geweihtem Öl. Ein Sammelsurium mystischer Kuriositäten.

Bolivien
Lamaföten und anderes Getier
auf dem Hexenmarkt von La Paz

Beim Überqueren einer Strasse fällt einem Mann eine unscheinbare Plastiktüte auf den Boden - direkt vor meine Füße. Ich rufe und pfeife hinterher, während sich jemand neben mir im dunkelblauen Anzug und kanariengelber Krawatte danach bückt. Was jetzt folgt, nennt sich die "Geschichte des Onkels" und es gibt verschiedene Varianten in den Städten Süd-Amerikas. Diese hier geht so: der seriöse Herr, um die 50, erblickt den Inhalt der Tüte und es bleibt ihm die Spucke weg. Weil er ein feiner Kerl ist, darf auch ich einen Blick in die Tüte werfen. Unglaublich! Bündelweise Bolivianos und Dollars. Und er macht mir das Angebot, alles zu teilen. Wie großherzig! Spätestens jetzt sollten alle Alarmglocken klingeln und schleuniges Abhauen ist angesagt. Falls man doch darauf eingeht, wird der Señor kurz darauf mit dir in einen entlegenen Hauseingang gehen, die Türen hinter euch schließen und dich bitten neben ihm auf der Treppe Platz zu nehmen, um in Ruhe das Geld zu zählen. Wenn man das macht, hat man verloren. Nur etwas später hält der "Onkel" dich im Schwitzkasten, zwei weitere Männer kommen durch die Haustüre hereingestürmt und es ist zumindest mit dem Verlust des Portemonnaies zu rechnen. Mein Glück war, dass die Vorsicht doch vor dem vermeintlichen Geldsegen siegte und ich mich nicht zu ihm setzte. So konnte ich, als seine Gehilfen die Szenerie betraten, schleunigst Reißaus nehmen und durch den Hinterhof entkommen. Schwein gehabt!

Am späten Abend, es ist schon dunkel, stehe ich auf einem kleinen Platz tief unten in der Stadt und schaue nach oben. Funkelndes und flackerndes Firmament, scheint es. Doch es sind die Lichter der tausenden und abertausenden von kleinen Häusern, die sich die kahlen Hänge hochziehen. Für mich sind es die Sterne von La Paz. Ein talwärts fahrendes Auto am Horizont fungiert als Sternschnuppe und ich wünsche mir Glück!

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