DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Louvain-la-Neuve

Es gibt ansprechendere Orte, nicht nur in Belgien. Beton, der von gelben und roten Riemchen notdürftig verhüllt ist, ist Allgegenwart im Stadtbild von Louvain-la-Neuve, einer Stadt, in der neben dem Museum der Universität wohl vor allem das Hergé und seinem Comichelden Tim gewidmete Museum für Besucherzuspruch sorgt. Es wäre verfehlt, würde man die Universitätsstadt als Musterbeispiel für die Unwirtlichkeit der Städte ansehen, wenn es auch an Wochenenden so scheint, als sei Louvain-la-Neuve entvölkert. Das liegt wie in anderen Universitätsstädten daran, dass die Studierenden heimfahren. Dass der Ort überhaupt auf der grünen Wiese entstand, ist dem Sprachenstreit zu verdanken, der auch die Katholische Universität Leuven erfasste. Französischsprachige Studenten fühlten sich an der flämischen Uni Leuven benachteiligt, ebenso ein Teil des Lehrkörpers. So wurde 1968 ein neuer Campus in Louvain-la-Neuve geschaffen, auf dem Französisch die Unterrichtssprache ist. Zugleich mit diesem entstand auch das „neue Löwen“.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Uini und Bahnhof
Unihauptgebäude und Bahnhof © fdp

Verbunden mit der Schaffung einer neuen Stadt war am Ende der 1960er Jahre die fundamentale Frage nach dem Charakter einer solchen Stadt. Diese Frage beschäftigten auch die am Projekt beteiligten Architekten wie Raymond Lemaire, der zuvor am Umbau des Großen Beginenhofs in Leuven zu einem studentischen und universitären Quartier beteiligt war. Was die neue Stadt nicht sein kann, ist eine gewachsene Stadt. Beim Besuch gewinnt man den Eindruck, hier werde ein Stadtbild vorgegaukelt, das eigentlich nicht existiert. Warum, so fragt man sich, hat man auf das Glockenspiel am Rathaus nicht verzichtet, wenn man schon keinen Glockenturm – typisches Merkmal mittelalterlicher Städte – erbaut hat? Auffallend ist, dass die Innenstadt autofrei geblieben ist.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Platz
Plätze wie in anderen Städten auch – oder doch anders? © fdp

Zu den wuchtig wirkenden Bauten gehört die Bibliothek der Wissenschaften, die zwischen 1972 und 1975 erbaut wurde. Die Betonstruktur des Bauwerks, das ein stark geneigtes Dach besitzt, wurde nicht wie in anderen Fällen mit Backsteinriemchen verkleidet, sondern roh belassen. Yves Lepère und Joseph Polet zeichnen für den Entwurf des Bahnhofs und des Universitätsempfangsgebäudes verantwortlich, das sich über die Gleise der Bahn schiebt. Vor die gewaltige Front des Kubus wurde ein bogenförmiges „Portal“ gesetzt wie man es in anderer Stilprägung von klassizistischen Bauwerken her kennt. Den Bauschmuck, ein Fresko am Giebel, entwarf der bekannte belgische Künstler Roger Somville, der sich vor allem um die Kunst im öffentlichen Raum Verdienste erworben hat. 1984 wurde die Kirche des hl. Franz von Assisi fertiggestellt. Dieser von Jean Cosse erdachter Sakralbau besitzt einen separat gesetzten Glockenturm, der wie ein künstlicher Felskamin aus Beton ausschaut.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Kirche des hl Franz von Assissi
Die Kirche des hl. Franz von Assisi © fdp

Was sonst in belgischen Städten eher selten ist, ist in Louvain-la-Neuve vorhanden: Straßenbegleitgrün hier und da. Obendrein findet sich Kunst im öffentlichen Raum, so unter anderem von Félix Roulin, der nicht nur auf dem Brüsseler Flughafen, sondern auch in der Brüsseler Metrostation Thieffry seine Kunst zeigt.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Plastik
Vor dem Museumseingang - eine Plastik von Félix Roulin © fdp

Wenn man dann endlich im urbanen Gewirr das Museum der Universität gefunden hat, dann öffnet sich ein Schatzkästlein: Schenkungen und Vermächtnisse haben zur Sammlung der noch jungen Universität entscheidend beigetragen. Was alles im Sammlungsbestand ist, kann hier nur gestreift werden und ist aufgrund von Sonderausstellungen und Neuhängungen auch nicht jederzeit zu sehen.

Kunst ist konkret

Entlang einer blauen vertikalen Linie spiegeln sich ein brauner und ein grauer Balken, eine abstrakt-konkrete Arbeit von Luc Peire. Unbetitelt ist das schmale Hochformat von Jan Burssens, das vornehmlich in Weiß und Grau gehalten ist. Blickt man als Betrachter vielleicht in eine schmale, verschneite Felsenklamm, in der einige verkrüppelte Bäume ihren Lebensraum haben? Paul Klee mit seinen „geometrischen Bildfeldern“ scheint bei Anne Bonnets unbetiteltem Werk Pate gestanden zu haben. Beim Betrachten meint man, rote Dächer auf in Ocker, Schwarz und Blau getauchten Fassaden zu erkennen. In das quadratische Bildformat, das Guy Vandenbranden wählte, schiebt sich von oben ein schwarzer Kreis, der die weiße Grundfläche überlagert. Zur Kunst der 1950er und 1960er Jahre zählt ohne Zweifel eine Arbeit von Marc Mendelson – ihm verdanken wir die künstlerische Gestaltung der Metrostation Parc in Brüssel. Seine kleinen Knubbelmännchen, die der Comic- und Science-Fiction-Welt entsprungen sind, sind typische Kompositionselemente.
Mit wenigen groben Linien schuf Pierre Lahaut die Ansicht eines Zimmers, in dem eine Person im Bett liegt: Chambre Nuptiale no 1 ist der Titel dieses Gemäldes. Ganz und gar im Stile eines Jackson Pollock gestaltete Thomas Van Gindertael seine Meereslandschaft: Kleckse und getröpfelte Linien in Blau verbinden sich mit Schlingen in Weiß zu einer bewegten Ansicht von Strand und Meer. In einer verglasten Raumnische kann der Besucher die Statue einer Karyatide und eines Mannes mit langem weißen Bart und Stock entdecken, ohne dass allerdings die Herkunft der Arbeiten textlich erläutert wird.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Plastik
Jacques Moeschal (1913-2004), La fleur de la liberté,
1989 (Place du Cardinal Mercier) © fdp

Zurück zur Kunst des 20. Jahrhunderts

Pierre Louis Flouquet reduzierte in seiner Composition no 34 (1923) die Figuren zu schematisierten Schattenwesen, deren Körper gleichsam zu Kegeln abgeschliffen sind. Völlig gegenständlich und fern der für ihn so typischen Traumwelten mit griechischen Schönheiten und fahrenden Zügen aquarellierte Paul Delvaux 1934 seinen Blick auf Huy, der allerdings die über der Stadt thronende Zitadelle ausgespart hat.

Neben James Ensor und den Mitgliedern der Künstlergruppe von Sint-Martens-Latem gehört auch Leon Spilliaert in die erste Riege der belgischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine symbolistische Malerei ist weitgehend befremdlich, nicht jedoch die im Museum präsente Darstellung einer drallen, schlafenden Frauenfigur von 1926. Dem Landleben hat sich Jan Brusselmans in einer expressiven Darstellung der Ernte gewidmet, ohne in die Tonigkeit eines Permeke zu verfallen, der wie kein anderer das bäuerliche Leben zu einem der wichtigen Motive der belgischen Malerei gemacht hat.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Kunst an der Hauswand
Claude Rahir (1937), C’est la vie…,
1977 (mur de l’Agora) © fdp

Dem Informel mit seiner gestischen Malweise ist nicht nur Louis Van Lint (Les bords du Thion, 1972), sondern auch Serge Vandercam (La mer et les racines, 1960) zuzurechnen. Schließlich sei auch auf einige Werke der Mitglieder der Vereinigung Cobra hingewiesen, darunter die „Bekannten Primärfarben“ von Pierre Alechinsky. Auch Octave Landuyt, dem Gent 2007 mehrere Ausstellungen gewidmet hat, ist mit Atlantis-Löwe II (1959), einem skelettierten Meeresbewohner mit langen Tarantelbeinen, zu sehen.

Europa trifft auf Übersee

Eine riesige verwitterte Statue aus Vanuatu begrüßt den Besucher am Eingang zu den Sälen, die mit dem Konzept Dialog und Kontrast europäische Kunst und außereuropäische Kunst zeigt: Eine barocke Skulpturengruppe, die aus dem sakralen Raum ins Museum überführt wurde, stößt auf Camille de Taeyes Bergwelten, die der Künstler mit Kreide auf Papier gebannt hat. Eine Madonna mit Kind aus Lindenholz findet sich neben zwei Arbeiten von Francis de Bolle, die als Frottage gestaltet sind. Die stehende, aus Schiefer gearbeitete Buddhafigur erblickt man neben dem auf Papier flüchtig hingeworfenen weiblichen Torso von Eugène Dodeigne sowie Jules Lismondes PM II, ein sich verdichtendes Linienwerk auf Reispapier, das einer übermalten Isometrie gleicht.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - eine Maske der Dogon
Eine Maske der Dogon (Mali)
© Musée de Louvain-la-Neuve

Eine chinesische Gebirgslandschaft des 17. Jahrhunderts präsentiert man neben einer weiblichen Figur der Dogon (Mali). Zerfließende Farbflächen stellen für Louis Van Lint den Herbst dar und diese Farbflächenmalerei wird mit chinesischer Landschaftsmalerei konfrontiert. Maskenhaft erscheint der Frauenkopf von Emile Gilioli. Unmittelbar daneben steht ein Tambour aus Vanuatu. Die Unbekannten von Paul Delvaux entpuppen sich als eine Nackte im Bildrahmen und eine puppenhaft erscheinende Aktfigur auf einem Sockel. Im Vordergrund stehen zwei vornehm gekleidete Damen, die in die Kulisse eines formalen Gartens platziert wurden. Das Mosaik eines mit Akanthusblättern geschmückten Kopfes (Syrien, Antiochien) geht die „Ehe“ mit Picassos Zeichnung von Degas ein, der lüstern auf sieben nackte Badende schaut. Zu sehen sind außerdem eine Maske aus dem Sepikgebiet (Neu-Guinea) sowie „Drei Formen auf Elfenbein“ (Jean Rets) im Goldrahmen. Sicherlich ein Highlight der Schau ist der Frauenakt von Magritte. Dabei geht der Körper der in einer theatralischen Inszenierung präsentierten Frau in den blauen Himmel über. Betrachtet man die Exponate in den Vitrinen, so entdeckt man Artefakte der Bambara ebenso wie der Maori.

Abschließend sei noch kurz auf die Wunderkammer eingegangen, die unter anderem eine Schlangenhaut, verschiedene Korallen, Moulagen, optische Geräte und Objekte des Volksglaubens wie afrikanische Fetisch-Idole enthält. Ein Elfenbeinzahn sowie das Horn des Narwals, aber auch ein Mammutzahn und ein versteinerter Ammonit sind zu sehen.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Kunst an einer Hauswand
Quand la lune se couche, 1992
(Mur du Théâtre Jean Vilar, rue Rabelais) © fdp

Ein Museum für Tim und Struppi

Acht Jahrzehnte nach dem ersten veröffentlichten Comic mit Tim und Struppi öffnen sich 2009 die Türen des Hergé-Museums: Kein Geringerer als der Pritzker-Preisträger von 1994, der französische Architekt Christian de Portzamparc, entwarf den polygonalen, aufgestelzten Neubau, der sich an eine Anhöhe andockt und über einen ausladenden Steg zu erreichen ist. In dieses Museum zieht die Sammlung der Hergé-Stiftung ein, sodass die Siamkatze Costa, Tim, Professsor Bienlein, der Butler Nestor, die „Mailänder Nachtigall“ Binca Castafiore und Tschang endlich ein dauerhaftes Zuhause haben.

Belgien - Wallonien - Louvain-la-Neuve - Brunnen
Geneviève Warny, Léon et Valérie, 1984 (Place de l’Université) © fdp

Weitere Informationen

Touristische Infos:
Forum des Halles
Galerie des Halles
1348 Louvain-la-Neuve
Tel.: 010 47 47 47
http://www.ucl.ac.be/inforville

Musée de Louvain-la-Neuve
1 Place Blaise Pascal
1348 Louvain-la-Neuve
Tel. 010 47 48 41
http://www.muse.ucl.ac.be/home/index.php



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