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Charleroi – zwischen Comics und Industrieerbe

Schwerindustrie und Kohlebergbau haben die Stadt geprägt, deren Name auf den spanischen König Karl II. zurückgeht. Dieser Monarch veranlasste die strategische Befestigung der Stadt im Jahre 1666. Nach der Eroberung durch die Truppen Louis XIV. ging dessen Festungsbaumeister Vauban ans Werk und konzipierte den weiteren Ausbau des Festungsgürtels. Mit der Entfestung der Stadt im Jahr 1871 verschwanden diese Verteidigungswerke vollständig. Bis 1984 prägte Cockerill Sambre, ein europäischer Stahlgigant, mit seinen Unternehmungen zwischen dem Canal du Charleroi (gebaut 1856) und der Sambre das Stadtbild. Die Bedingungen für die Stahlerzeugung waren günstig, lag doch die Stadt unweit der drei größten Erzlagerstätten der Wallonie. Nicht zu übersehen sind bis heute in der Umgebung der Stadt die spärlich begrünten Abraumhalden. Im Gegensatz zu den überschuldeten Städten im Ruhrgebiet, die den Strukturwandel durch Umstrukturierung zu Dienstleistungsstandorten weitgehend abgeschlossen haben, ist dies bei Charleroi kaum festzustellen. Unter den belgischen Städten ist Charleroi ein hässliches Entlein, aus dem wohl nie ein schöner Schwan werden wird.

Belgien - Wallonien - Charleroi
Moderne Glaskunst in der Halle des Bahnhofs © fdp

Direkt an der Sambre stoßen wir auf zwei Skulpturen des für seinen sozialen Realismus bekannten Malers und Bildhauers Constantin Meunier, dem in Brüssel ein eigenes Museum gewidmet ist. Der Metall- und der Minenarbeiter stehen für die Industriegeschichte von Charleroi, auch wenn diese weitgehend museal bewahrt wird, nachdem die Stahlindustrie im Niedergang begriffen ist.

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Erinnerung an die Blütezeit der Stahlkocher und Hüttenarbeiter © fdp

Dass die Stadt durchaus einmal Charme besaß, zeigt sich an der 1893 erbauten Passage du Bourse, einer verkleinerten Kopie der Brüsseler Galeries St-Hubert. Um die Ecke der überdachten Einkaufsmeile, die allerdings mehr durch Leerstand als durch schicke Ladenzeilen geprägt ist, steht die Kirche des hl. Antonius von Padua, ein Sakralbau im neoklassizistischen Stil. Zur erwähnenswerten Kirchenausstattung gehört das Gemälde „Notre Dame de Affligés“ von François-Joseph Navez.

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Kein pulsierendes Leben in der
Passage du Bourse mehr © fdp

Lenken wir unsere Schritte über die ansteigende Rue de la Montagne, so entdecken wir mit dem Haus in Nr. 38 einen Entwurf des Jugendstilarchitekten Paul Cauchie, dessen öffentlich zugängliches Wohnhaus sich in Brüssel am Rande des Jubelparks befindet. Typisch für Cauchie ist die Fassadengestaltung mit Sgraffito (Kratzbildern) mit zumeist floralen Motiven und anmutigen Damen.

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Paul Cauchie ist dieses Sgraffito zu verdanken © fdp

Am Place Charles II. steht das Hôtel de Ville, das 1936 erbaute Rathaus. An dieses im Stil von Klassizismus und Art déco gehaltene Rathaus ist ein 70 Meter hoher Glockenturm mit einem Glockenspiel mit 47 Glocken angefügt, der mit anderen belgischen und französischen Glockentürmen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Die einst im Rathaus untergebrachte Sammlung des Musée des Beaux-Arts ist derzeit im Palais der Schönen Künste ( Place de Manège) zu sehen. Zu den Sammlungshighlights gehören Werke der belgischen Surrealisten René Magritte und Paul Delvaux sowie der sozialen Realisten Pierre Paulus und Constantin Meunier.

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Das Rathaus mit dem Glockenturm, der zum
UNESCO-Welterbe zählt © fdp

Auf der östlichen Seite des Place Charles II. befindet sich La Basilique Saint-Christophe (1801) mit bemerkenswerten Mosaikarbeiten im Chor. Die gewaltige Kuppel der neobyzantinisch und neobarock gestalteten Kirche springt dem Besucher neben dem Rathaus sofort ins Auge.

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Ein gewaltiger Kuppelbau: La Basilique Saint-Christophe (c)fdp

Schlendern wir über den Boulevard A. Fontaine, so können wir erahnen, wie ansehnlich die Stadt im Fin de Siècle einmal ausgeschaut hat. In der Nähe des Stade de Pays de Charleroi, eines funktionalen Fremdkörpers in der Stadtlandschaft, schmücken die Comicfiguren Boule und Bill den Kreisverkehrs. Es sind nicht die einzigen überlebensgroßen Comic-Figuren. Mit ihnen wird auch daran erinnert, dass die Edition Dupuis als einer der wichtigen Herausgeber von Comics wie „Tim und Struppi“ in Charleroi ansässig ist.

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Boule und Bill inmitten von Blütenpracht © fdp

Doch ein Comicmuseum wie in Brüssel gibt es in der Sambrestadt nicht. Setzen wir den Rundgang über die Boulevards Drion und Mayence fort, so kommen wir an einen weiteren Kreisverkehr, auf dem der Hotelpage Fantasio seinen treuen Begleiter, das Eichhörnchen Spirou, fotografiert. Nur wenige Meter entfernt erstreckt sich die Trésignies-Kaserne, die am Ende des 19.Jahrhunderts im Neorenaissancestil erbaut wurde. Eine der grünen Lungen der Stadt ist der Parc Reine Astrid. Und auch hier hat man eine belgische Comicfigur platziert: Lucky Luke. Durchquert man den Park steht man wieder im Boulevard A. de Fontaine. An diese Stelle befindet sich die Maison Dorée, heute das Haus der Presse. Entworfen hat diesen Jugenstilbau der Architekt Alfred Frère.

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Jugenstiljuwel in einer Industriestadt © fdp

Zwei sehenswerte Museen

Bereits im 16.Jh. wurde die erste Glashütte in Charleroi errichtet. Das Musée du Verre informiert über die Tradition der Glasherstellung in der Region. Eine Sammlung böhmischen Kristallglases und Glasarbeiten aus Venedig veranschaulichen die unterschiedliche Verarbeitung von Glas. Im ehemaligen Karmelitenkloster von Mont-sur-Marchienne, einem im 19.Jh. in Neogotik errichteten Komplex, ist das Musée de la Photographie untergebracht. Es besitzt neben dem in Antwerpen ansässigen Provinzial-Museum für Fotografie eine sehr umfangreiche Bilddokumentation. Aus den im Museum archivierten 50000 Fotos wird jeweils eine Auswahl dem Publikum zugänglich gemacht. Dabei sind experimentelle Arbeiten des Bauhausvertreters Kurt Kranz ebenso zu sehen wie dokumentarisches Bildmaterial. Für die Dokumentarfotografie stehen Namen wie Willy Kessels (1898-1974) und Emile Chavepeyer (1893-1959), die den Alltag der Menschen der Borinage zwischen Mons und Charleroi mit der Kamera eingefangen haben. (fdp)

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Spirou und Fantasio:eine weitere Comic-Installation in Charleroi © fdp

Weitere Informationen

Maison du Tourisme du Pays de Charleroi
Place Charles II 20 und Informationspavillon Gare du Sud Charleroi
6000 Charleroi
http://www.charleroi.be

Museum für Schöne Künste
Place de Manège
6000 Charleroi
http://charleroi-museum.be/tag/musee-des-beaux-arts/

Glasmuseum
Rue du Cazier, 80
6001 Marcinelle
http://www.charleroi-museum.org/mdv/hp/hp.asp

Museum für Fotografie
Avenue Paul Pastur, 11
6032 Mont-sur-Marchienne
http://www.museephoto.be



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