"An der Belle Époque nagt der Rost, Monsieur"
Text und Fotos: Ulla Ackermann
Hier,
so weit im Westen Europas, dauert es immer ein bisschen länger
- manchmal bis Ende Mai - bis endlich wieder Frühling ist.
Noch sind einige Pfützen auf den Waldwegen der belgischen Ardennen
an den Rändern vereist und in den versteckten Winkeln der schmalen
Gassen in Spa hat der Winter hier noch einen Flecken verdreckten
Schnees vergessen und dort den Rest von einem Eiszapfen. Unsere
Autorin Ulla Ackermann ließ sich trotzdem nicht abhalten,
ihrer Lieblingsstadt in Belgien den obligatorischen Frühlingsbesuch
abzustatten.
Der Student, der den ganzen Winter lang die Becherausgabe für eine Ration Gesundheitswasser im Souvenirkiosk des Pouhon Pierre La Grande innehatte, balanciert auf einer Leiter vor den riesenhohen Fenstern des historischen Brunnenhauses und poliert begeistert das bemalte wellige Glas so weit der Arm nach oben reicht - es ist Frühling in Spa.
Noch hat man Zeit in Spa...
Madame erscheint im Rahmen ihrer weit geöffneten Haustür, ein buntes Tuch um die Lockenwickler auf dem Kopf geschlungen, den Mantel lässig über die Schultern gehängt und trägt, statt der pelzgefütterten Winterstiefel, endlich wieder hochhackige Pumps an den Füßen. Ihr Lippenstift hat die Farbe von Erdbeeren und auch das Make up um die Augen ist recht kühn. Im Stakkato ihrer Absätze auf dem Kopfsteinpflaster stöckelt sie den kleinen Hügel zur Kirche hinauf und dort, auf dem Kirchplatz, trifft sie den mobilen Händler mit seinem fahrbaren Gemüsekarren. Und weil die Sonne so schön und auch schon warm scheint, kann man getrost ein längeres Schwätzchen halten. Über die, die im vergangenen Winter gestorben sind; über die idiotische Entscheidung des Bürgermeisters zum Bau des neuen Wellness Zentrums auf dem Hügel - von wo alle Thermalbadenden nach den Anwendungen im Bademantel ins Hotel im Ort herunterfahren müssen -; über die Preiserhöhungen, die alljährlich das Kommen der Touristen signalisieren; über die Einstellungen von Arbeitern bei Spa Monopole, weil das Mineralwasser aus den Ardennen plötzlich wieder im Trend liegt; über das Königshaus in Brüssel und über den alten Jean, der so krank gewesen war, aber eben auf dem Weg ins Café Chandellier d´Or gesehen wurde. Dorthin ist Madame schließlich auch unterwegs und auch der Händler könnte eine Pause bei einem Roten vertragen.

Madame ersteht noch schnell ein Bündel Lauch und der Händler trägt ihn ihr ins Café nach, wo bereits der alte Jean sitzt. Die Luft ist schon mächtig verqualmt, ein Chanson dudelt ungehört im Hintergrund und an den Billardtischen herrscht Hochbetrieb. Dabei ist es erst zehn Uhr am Morgen, doch sind die Touristen ja noch nicht da. Was heißt, dass man noch Zeit hat in Spa.
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