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Vom Mittelalter zur Industriekultur

Weltkulturerbe im belgischen Hennegau

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

Es gibt Regionen und Städte, die trotz aller Reize nur wenig bekannt sind. Zu diesen weitgehend unbeachteten Stücken Europas zählt der Hennegau. Die französischsprachige Provinz im Südwesten Belgiens fristet ein Mauerblümchendasein, obwohl dieser Teil der Wallonie fraglos anderes verdient hätte. Die einstige Montanregion hat vergleichbar dem Ruhrgebiet einen gewaltigen Strukturwandel durchlebt. Längst bestimmen weder Zechen noch qualmende Schornsteine das Landschaftsbild. Stattdessen kann Hainut, so der französische Name für den Hennegau, mit ganz besonderen Pfunden wuchern.

Belgien Hennegau Schloss Beloeil

Von den dreizehn Bauwerken, Einrichtungen und Landstrichen Belgiens, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben wurden, befinden sich nicht weniger als neun in der Region rund um die charmanten Städte Mons und Tournai. Dazu zählen die Belfriede von Mons, Thuin und Tournai, das Feuerstein-Bergwerk in Spiennes, die Kathedrale von Tournai (Foto rechts) sowie die vier hydraulischen Schiffshebewerke am Canal du Centre. Letzterer dient seit mehr als zweihundert Jahren als Wasserweg als Lebensader des Hennegau.

Belgien Hennegau Kathedrale Tournai

In Strépy-Thieu ragt direkt am Canal du Centre ein gigantischer Betonklotz gen Himmel. Wie ein gestrandetes Raumschiff wirkt das Schiffshebewerk unweit der Provinzhauptstadt Mons – und doch ist das monumentale Bauwerk der Stolz einer ganzen Region. Nach rund zwanzigjähriger Bauzeit wurde das Millionenprojekt fertiggestellt. Eine technische Meisterleistung, mit deren Hilfe Binnenschiffe auf der Fahrt durch die Wallonie nicht nur mehr als vier Stunden Zeit sparen, sondern auch binnen von knapp sieben Minuten einen Höhenunterschied von sage und schreibe 73 Metern überwinden können. Die beiden Tröge an den Seiten des so genannten Senkrecht-Doppel-Hebewerkes wiegen jeweils 8.000 Tonnen, sind 112 Meter lang, 12 Meter breit und acht Meter tief. Jeder Trog hängt an 144 Stahlseilen und kann Schiffe mit einem Volumen von bis zu 1.350 Tonnen heben.

Riesenschiffe in der Badewanne

Nur wenige Kilometer von dem größten Schiffshebewerk der Welt wartet der historische Seitenarm des Canal du Centre mit einem faszinierenden Kontrast auf. Von der „Cantine des Italiens“, den ehemaligen Wohneinheiten italienischer Gastarbeiter in Houdeng-Goegnies, starten Bootstouren, in deren Verlauf zwei der historischen Schiffshebewerke passiert werden.

Belgien Hennegau Schiffshebewerk

Das Schiffshebewerk

Die Hydraulikvorrichtung der beiden hoch aufragenden Eisenkonstruktionen ermöglicht den Schiffen jeweils einen Höhenunterschied von 17 Metern zu bewältigen. Dazu fahren die Ausflugsboote in Badewannen ähnliche Tröge ein. Mit Hilfe des Gegengewichts, das allein durch den Zu- beziehungsweise Abfluss des Kanalwassers gesteuert wird, senken sich die Schiffe ganz langsam in die tief liegende Ebene, wo am Hebewerk 3 noch ein Blick in Maschinenraum gewährt wird.

Belgien Hennegau Binnenschiff

Binnenschiff vor der Einfahrt zum Hebewerk

Längst wird das Weltkulturerbe ausschließlich für touristische Zwecke in Anspruch genommen. Dies liegt auch darin begründet, dass die Traglast der historischen Schiffshebewerke mit maximal 300 Tonnen pro Trog um mehr als das vierfache geringer ist als im nahegelegenen Strépy-Thieu.

Nur einen Steinwurf vom Canal du Centre historique entfernt wartet die beschauliche Provinzhauptstadt Mons mit einem weiteren Teil des Weltkulturerbes auf. Der dortige Belfried wurde 1999 von der Unesco in diesen Status erhoben. Mit seinen 87 Metern Höhe ist der 1669 fertiggestellte Turm weithin sichtbar. Neben seinen 49 Glocken kennzeichnet das Bauwerk die eher außergewöhnliche Form, die der Schriftsteller Victor Hugo mit einer „enormen Kaffeekanne, die unterhalb des Bauches von vier kleineren Teekannen flankiert ist“ verglich.

Der Affe mit der magischen Kraft

Aber auch sonst lädt Mons, das seit 1967 Sitz des europäischen Hauptquartiers der NATO ist, mit einigen beeindruckenden Bauwerken zu einer kurzweiligen Entdeckungsreise ein. So befindet sich an der Fassade des prächtigen gotischen Rathaus ein kleiner, auf den ersten Blick eher unscheinbarer Affe. Das schmiedeeiserne Tier stammt aus dem Mittelalter und könnte als Kinderpranger gedient haben. Noch heute wird dem Affen magische Kraft nachgesagt. Wer seinen Kopf mit der linken Hand streichelt, dem ist, so der populäre Glaube, Glücksgöttin Fortuna gut gesonnen.

Belgien Hennegau Rathaus Mons

Das Rathaus in Mons

Noch größer ist die Verehrung für die Heilige Waltrudis. Die Schutzpatronin gründete im siebten Jahrhundert auf dem Hügel, der später Mons wurde, eine kleine Glaubensgemeinschaft. Diese Gemeinde war es auch, die 1449 entschied, der „Stifterin“ ein prächtiges Gotteshaus zu widmen. Noch im gleichen Jahr begannen die Bauarbeiten für die heutige Stiftskirche Sainte-Waudru, die sich insgesamt über 236 (!) Jahre hinzogen. Im Inneren des Wahrzeichens von Mons ist neben dem vergoldeten Reliquienschrein der Heiligen und herrlichen Arbeiten des Bildhauers Jacques du Broeucq (1505-1584) eine weitere Besonderheit zu finden: der Goldene Wagen.

Belgien Hennegau Schloss Seneffe

Schloss Seneffe

Die reichhaltig verzierte Kutsche aus dem Jahre 1781 kommt noch immer einmal pro Jahr zum Einsatz, wenn zu Ehren der Schutzheiligen am Dreifaltigkeitssonntag der Reliquienschrein der Waltrudis in einer feierlichen Prozession auf dem vier Tonnen schweren „Cart d´or“ durch die Stadt gefahren wird. Der Legende nach muss die von sechs Pferden gezogene Kutsche am Ende des Festzuges die steile Auffahrt an der Stiftskirche in einem Schwung bewältigen, sonst widerfährt der Stadt ein Unglück. Tatkräftig sorgen die Bürger von Mons daher seit Urzeiten dafür, dass die Räder nicht ins Stocken geraten und schieben sicherheitshalber mit vereinten Kräften.

Das Wunder von Belgien

Nur wenige Kilometer außerhalb von Mons zieht mit Grand Hornu eine ehemaliger Kohleindustriekomplex aus der Zeit der Industriellen Revolution die Besucher in seinen Bann. Das zwischen 1810 und 1830 von Industriemagnat Henri Degorge errichtet Ensemble im neoklassischen Stil umfasst 450 Häuser, die sich um die 1945 stillgelegt Zeche gruppieren.

Belgien Hennegau Grand Hornu Stimmungsbild

Grand Hornu - die ehemalige Arbeitersiedlung

Allerdings ist die Geschichte der Anlage auf den ersten Blick kaum zu erahnen. Denn das Betriebsgelände mit seinem ovalen Hauptgebäuden erinnert eher an eine gigantische Sportarena oder ein Freilufttheater als an einen der wichtigsten Kohleförderplätze Belgiens. Hier wurde 1830 auch die erste private Eisenbahn des Landes in Betrieb genommen. Sie verband die Kohlengruben mit dem Canal du Centre.

In Tournai (flämisch: Doornik), Belgiens ältester Stadt, bilden die fünftürmige Kathedrale Notre-Dame und Belgiens ältester Belfried (12. Jahrhundert) zusammen mit den flämischen Häuserzeilen am Grand Place eine wahre Bilderbuchkulisse. Das mächtige Gotteshaus mit seinen romanischen und gotischen Elementen wurde 1999 bei einem Sturm stark beschädigt und wird nun seit Jahren peu á peu repariert.

Belgien Hennegau Tournai

Streng und mächtig: die Kathedrale von Tournai

Gleichwohl beeindruckt die Kirche nicht nur wegen ihrer gigantischen Ausmaße mit einer Länge von 134 Metern, einer Breite von 67 Metern und einer Höhe von 83 Metern. In der kleinen, aber feinen Domschatzkammer ist unter anderem das berühmte Rubens-Gemälde „Das Fegefeuer“ aus dem Jahre 1635 und der als „Wunder von Belgien“ titulierte Reliquienschrein von Notre-Dame (1205) zu sehen.

Belgien Hennegau Scheldebrücke

Drei Löcher: die Schelde-Brücke "Ponts des Trous" in Tournai

Aber auch sonst hat die einstige Hauptstadt der Franken, die mittlerweile auf eine mehr als 2000jährige Geschichte blicken kann, einiges zu bieten. Sei es die mittelalterliche Brücke Pont des Trous, die sich als Teil der ehemaligen Stadtmauer über die Schelde spannt, sei es der neoklassische Palast des heutigen Rathauses, der 1763 vom Abt Delzenne erbaut wurde. Flankiert wird das Hotel de Ville vom Museum für Naturwissenschaften und dem Museum der schönen Künste, während das nahegelegene Musée des Beaux-Arts Werke von Monet über van Gogh bis hin zu Toulouse-Lautrec präsentiert. Derweil illustriert das Folkloremuseum mit lebensgroßen Puppen und einer Sammlung von Utensilien verschiedene Berufszweige, lädt aber auch zu einem Streifzug durch die Geschichte der Stadt ein. Das Museum für Wandteppiche und Webkunst zeigt Stücke aus dem 15. und 16. Jahrhundert, darunter die ersten Schöpfungen der Gruppe „Forces Murales“ um Deltour, Somville und Dubrunfaut.

Belgien Hennegau Wasserschloss

Beloeil: prunkvolles Wasserschloss - von außen ...

Kein Besuch des Hennegaus wäre allerdings komplett ohne einen Blick in die Welt der Schönen, Reichen und Adeligen, wie ihn das Prunk-Schloss Beloeil bietet. Das prächtige Wasserschloss, das seit 1394 im Besitz der Fürsten von Ligne, verdankt seinen Beinamen „Versailles des Nordens“ seiner monumentalen Gartenanlage.

Belgien Hennegau Zimmer im Schloss

... von innen

Daneben nennt Beloeil eine wertvolle Sammlung an Möbeln und Kunstgegenständen, darunter Geschenke und Erinnerungen an Peter den Großen, Marie Antoinette und Katharina die Große ihr Eigen. Prunkstück ist jedoch die große Bibliothek mit ihren 20.000 (zumeist) Erstausgaben in kunstvollen Ledereinbänden.

Belgien Hennegau Seneffe im Spiegel

Schloss Seneffe im Spiegel seines Springbrunnens

Lohnenswert ist auch ein Abstecher in das Schloss von Seneffe, das seit 1978 Heimat des Museums für Goldschmiedekunst ist. Der Gang durch das schmiedeiserne Tor und das große Portal ebnet hier den Weg in eine andere Welt. Die Zeitreise ins 18. Jahrhundert erzählt von der Entdeckung neuer, damals noch weitgehend unbekannter Düfte und Köstlichkeiten wie Gewürze, Tee Schokolade und Kaffee, die aus fernen Ländern importiert wurden.

 

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