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Ename, eine Abtei der Benediktiner und ein ottonisches Kirchlein

Nicht weit entfernt von Oudenaarde gelegen und mit dem Rad längs der Schelde bequem zu erreichen ist das Örtchen Ename. Noch nie von Ename gehört? Das verwundert ein wenig, denn um 974 war der Ort von besonderer Wichtigkeit, lag doch hier die Außengrenze des Deutschen Kaiserreichs. Auf dem anderen Scheldeufer erstreckte sich die Grafschaft Flandern, die in Abhängigkeit zu Frankreich stand. Was lag also näher, als am Ufer der Schelde ein Festungswerk zu errichten, in dessen Umkreis sich eine Handelsniederlassung entwickelte. Um eine Burg zu erbauen, wählte man eine Landzunge in einer der Schleifen der Schelde. Eine mit Zinnen bekrönte Mauer und ein Wassergraben zur Landseite hin dienten der Verteidigung der Burganlage. Zur Schleife der Schelde hin hatte man einen Wall aufgeschüttet, um auch von dort geführte Angriffe abwehren zu können. Die Burg bestand aus einem Burgfried und einem Palas mit integrierter Kapelle, die Unserer Lieben Frau geweiht wurde.

Die Abtei von Ename als Stich

Die Abtei von Ename als Stich

Die Geschichte von Ename erfuhr eine jähe Veränderung, als es den Truppen des damaligen Grafen von Flandern gelang, Ename einzunehmen und die Festung dem Erdboden fast gleich zu machen. So begann der Teil der Geschichte, den wir vor Ort noch erleben können. 1063 ist eine weitere wichtige Jahreszahl, die wir uns zur Entwicklung von Ename merken müssen. In diesem Jahr wurde auf den Resten der Festung eine Benediktinerabtei erbaut. Mehr als 750 Jahre arbeiteten und beteten die Mönche hinter den Mauern der Abtei. Die Französische Revolution bedeutete jedoch eine Zäsur in der Abteigeschichte: Die Klöster im ganzen Land wurden aufgelöst, deren Besitz meistbietend versteigert oder verkauft und die Klostergebäude zum Abbruch freigegeben. Diesem Schicksal entging auch die Abtei von Ename nicht.

Die archäologische Ausgrabungsstätte der Abtei von Ename

Besucht man die Ausgrabungsstätte (1) der Abtei von Ename, so erfährt man medial dank einer per Computer rekonstruierten Ansicht, dass in der Festungsanlage des 10. Jahrhunderts einst zwei Steinkirchen existiert haben, die einschiffige Sankt-Salvatorkirche, die spätere Abteikirche, und die dreischiffige Sankt-Laurentius-Kirche, die heutige Ortspfarrkirche. Die Abteikirche bestand aus einem einschiffigen Saal mit einem halbrunden Chor. Über die Handelsniederlassung wissen wir aufgrund der archäologischen Befunde, dass es eine Grundstücksparzellierung gegeben hat und die Parzellen durch Grachten voneinander getrennt waren. Dass man sich in Ename auf das Handwerk des Webens spezialisiert hatte, belegen Funde von Webstuhlgewichten und Knochennadeln. Andere Funden weisen auf die Tradition des Bronzegusses und auf die Anwesenheit von Goldschmieden hin.

Was auch für die übrige Abtei zutrifft, betrifft auch die Abteiküche und den Speisesaal: Nur noch die Grundmauern haben den Wandel der Geschichte überdauert. So müssen wir unsere Fantasie bemühen, wenn wir an diesem Teil der Abtei stehen und uns ein riesiges Herdfeuer vorstellen, über dem in eisernen Töpfen gekocht wurde. Was auf dem Speiseplan der Mönche stand, das konnten die Archäologen ans Tageslicht bringen: vor allem Fisch. Der Speisesaal schloss sich an den Nordflügel der Abtei an. Gegessen wurde schweigend, da die Mönche den vorgetragenen Bibeltexten eines ihrer Mitbrüder zu lauschen hatten. Auf ein Zeichen des Abtes hin wurde das gemeinsame Essen beendet, und die Mönche verließen den Speisesaal und begaben sich zu ihren Zellen.

Im PAM Ename hat man sehr anschaulich eine Klosterküche inszeniert: Der Kochtopf hängt am Haken über dem Feuer, die Gans wartet noch darauf gerupft zu werden und dem Hasen muss auch noch das Fell über die Ohren gezogen werden. Vielleicht gibt es aber auch heute Hecht, da dieser schon bereitliegt, um im Kochtopf zu landen. Weiße und blaue Trauben, aber auch Äpfel und Kirschen liegen in Körben und Tonschalen, um bald aufgetischt zu werden. Ein Mönch rührt gerade in einem Tontopf. Doch was bereitet er wohl vor?

Ausgegraben wurden außerdem Reste einer Brauerei, einer Mühle, einer Bäckerei, einer Tischlerei und eines Bauernhofes, die sich alle nördlich des zentralen Abteikomplexes befanden. Dank der vorhandenen Infotafeln – nur in Niederländisch – sowie entsprechender Illustration kann man sich durchaus ein Bild von der Abtei von Ename machen. Außerdem gibt es einen Pavillon auf dem Gelände, in dem man dank moderner Medien die Abteigeschichte Revue passieren lassen kann.

Architekturjuwel: eine frühromanische Kirche

Irritiert ist man ein wenig über den modernen Bau am Rande der Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um das sogenannte Erfgoedcentrum Ename, ein Ort für Sonderausstellungen. Nicht weit davon entfernt liegt der Ortskern von Ename. Neben dem Provinciaal Archeologisch Museum, kurz PAM Ename (2), untergebracht im Haus Beernaert, steht ein architektonisches Juwel: die frühromanische Kirche des Ortes. Sie ist dem heiligen Laurentius geweiht und ein Zeugnis jener Zeit, als der Ort Grenzfeste war. Im Inneren finden sich Freskenreste im byzantinischen Stil des 11. Jahrhunderts – auch das eine Seltenheit.


Pam Ename – ein Gang durch 1000 Jahre Geschichte

Nicht versäumen sollte man den Besuch des PAM Ename, das uns zu einer Zeitreise einlädt. Dabei nutzt man moderne audiovisuelle Medien, um dem Besucher einen attraktiven Museumsbesuch bieten zu können. 1000 Jahre Geschichte erwarten uns, wenn wir die einstige Textilwerkstatt der Familie Beernaert betreten. Zunächst zeigen uns die Ausstellungsmacher Erinnerungsstücke aus der jüngeren Geschichte, gleichsam um uns auf den kommenden Besuch vorzubereiten. Es sind Schenkungen von Bürgern Enames wie die Porzellanteller aus dem Hause Boch oder ein Stück Seife von Sunlight oder eine Flasche Eau-De-Vie D'Oud Abbye sowie aus der Brauerei Verlinden-Herselt eine Flasche Mineralwasser Abdij van Ename – persönliche Geschichte und persönliche Geschichten, die mit diesen Objekten verbunden sind..


Anschließend stehen wir archäologischen Funden gegenüber, die auch die Zeit vor 974 betreffen, darunter ein bikonischer Topf aus dem 5.-4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung sowie zwei römische Münzen mit dem Porträt von Antonius Pius und Konstantin dem Großen (307-337), Hinweise darauf, dass Ename nicht erst 974 wie Phönix aus der Asche entstand, sondern auch zuvor das Gebiet an der Schelde besiedelt war. Zu sehen sind außerdem bronzene Mantelfibeln, darunter eine die mit einem Emaillekreuz verziert ist. Dass mit dem Rheinland Handel getrieben wurde, belegt ein rot bemalter Tonkrug, der wohl aus Pingstdorf stammt und bis ins 12. Jahrhundert eine sehr übliche Gebrauchskeramik war. Ein Bronzekandelaber datiert aus dem 13. Jahrhundert und dient wie andere Objekte als „Leitexponat“ durch den Lauf der Geschichte. Immer wieder wird auf diese in Texttafeln – nur in Niederländisch – eingegangen, so auch wenn die Geschichte der Abtei behandelt wird. Insbesondere der Genter Aufstand zwischen 1380 und 1453 setzte der Abtei schwer zu, da sich dieser Aufstand gegen die Grafen von Flandern richtete. Diese waren bekanntlich die Stifter der Abtei und hielten jahrhundertelang ihre Hand schützend über die Abtei. An die spanische Herrschaft über die Südlichen Niederlande erinnert ein Münzschatz des 16. Jahrhunderts, der aus einem Krug aus Steingut „fließt“. Die Blütezeit der Abtei, so erfahren wir beim Besuch des Museums, ist eng mit dem Abt Antonius de Loose verbunden, der uns dank seiner Tagebuchaufzeichnungen einen sehr intimen Blick auf das Klosterleben erlaubt. Zudem wurde die Abtei zwischen 1658 und 1663 baulich verändert. So erhielt sie auch einen Glockenturm mit Glockenspiel. 1795 wurde die Abtei aufgegeben und verkauft. Die Gebäude wurden weitgehend abgetragen und das Material recycelt, um Baumaterial zu gewinnen.


Für den einen oder anderen Besucher zu viel der Inszenierung ist das „Fest der 1000 Jahre“. Wer einzelne Objekte unter der „Käseglocke“ anwählt, der lässt sich dazu von den an der Festtafel versammelten Damen und Herren audiovisuell ein wenig aus ihrer Lebensgeschichte erzählen, vom Fährmann oder der Zigeunerin, von Gottfried von Verdun, dem Herren von Ename, oder dem Steinmetz Yverwin, der im frühen 11. Jahrhundert seinem Beruf nachging. Die Gräfin Adela legt uns ihre Sicht der Geschichte ans Herz und der Freskomaler Lorenzo schwärmt von dem Auftrag, mit dem ihn der Abt betraut hatte. Dem bereits erwähnten Abt Antonius de Loose treten wir ebenso gegenüber wie dem Pastor Johannes Schuermans. Hüstelnd und sichtlich von einer Krankheit geschwächt verrät uns Bruder Pieter zwar nicht seine Rezeptur des Ename-Biers, aber wohl, dass er diese noch im Schlaf wiederholen könne, während er manch Psalm und frommen Spruch vergessen habe. „Bei Gott – er sei gepriesen – ich kann Bier brauen. Ehrlich, ich habe sogar über einige neue Rezepturen nachgedacht. Als Brauer war ich stets glücklich. So, nun könnt ihr verstehen, warum meine Mitbrüder angesichts meiner Erkrankung sehr besorgt sind.“ Mit diesen Worten sind wir am Ende unserer Geschichtsreise und wieder in der Gegenwart angekommen.


Informationen

pam Ename
Lijnwaadmarkt 20
9700 Oudenaarde-Ename
museum@ename974.org
http://www.pam-ov.be/

Provinciaal Erfgoedcentrum Ename
Lotharingenstraat 1
9700 Oudenaarde-Ename
http://www.oost-vlaanderen.be/public/cultuur_vrijetijd/cultuur/erfgoedcentrum/index.cfm#subtitleN100A1

 

 



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